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Preis für Sozialistische Selbsthilfe Mülheim

ssmlogoDie Sozialistische Selbsthilfe Mülheim in Köln (SSM Köln) ist eines von zehn Preisträger-Projekten des Wettbewerbes »Soziale Stadt 2012« des Deutschen Städtetages. Geld gibt’s zwar keins aber Anerkennung und öffentliche Aufmerksamkeit. Zum Beispiel durch diesen Artikel, der schon lange mal fällig war.

Die SSM Köln ist ein beinahe uraltes Commons-Projekt, gegründet wurde es 1979. Der Name zegt vom historischen Optimismus einer »sozialistischen« Zukunft, die dann aber nicht kam. Doch das Projekt hat nie aufgegeben und sich beharrlich im Stadtteil engagiert, vor allem für jene Menschen, die im alltäglichen Kapitalismus besonders schlechte Karten haben wie Obdachtlose, Arbeitslose, Suchtkranke und andere Marginalisierte.

Auch die Commons-Maxime eines Engagements möglichst jenseits von Markt und Staat spielte für das Projekt eine wichtige Rolle. So erhält das Projekt nach wie vor keine staatlichen Zuschüsse oder permanente Transferleistungen. Das notwendige Geld kommt rein über Umzüge und Second-Hand-Verkäufe. Eigenarbeit und Selbstversorgung sind wichtig, um den monetären Bedarf möglichst klein zu halten. Inzwischen weiß auch die Stadt Köln das Engagement zu schätzen. Das wechseitige Verhältnis zwischen Projekt und Stadt wird in der Broschüre »30 Jahre SSM« (PDF) so auf den Punkt gebracht:

Bei der SSM ist es so, dass die Stadt Köln ihr ein ehemaliges Fabrikgelände mit vier Gebäuden sehr günstig vermietet hat, sowohl zum Wohnen als auch für die gewerbliche Nutzung. Andererseits hat die öffentliche Hand auch viel davon, weil wir nicht wenige aus der Sozialhilfe und der Arbeitslosigkeit rausgeholt haben. Wer hätte das gedacht? Menschenwürdiges Arbeiten »rechnet« sich für die Gesellschaft.

Wie war das mit den Commons-Prinzipien? Die externen Autoritäten müssen akzeptieren, dass die Commons-Projekte ihre Regeln selber machen (Prinzip 4). Im Fall der SSM ist das wohl gelungen. Dass das nicht immer einfach ist und konfliktfrei geht, liegt auf der Hand. In der Laudatio der Jury zum Wettbewerb »Soziale Stadt« heißt es:

Seit über 30 Jahren, lange bevor der Begriff „Soziale Stadt“ zu einem Synonym für Stadtteile (und Stadtteilarbeit) „mit besonderem Entwicklungsbedarf“ wurde, haben sich Engagierte aufgemacht, um aus eigener Kraft ihre Lebensverhältnisse und die anderer, die in einer erfolgsorientierten Gesellschaft manchmal vergessen werden, dauerhaft zu verbessern. Die Jury zeigte sich beeindruckt von dem Engagement und der beharrlichen Ausdauer, mit der die „Sozialistische Selbsthilfe Mülheim“ basisdemokratisch die lokale Ökonomie vor Ort gestärkt und weiterentwickelt, Projekte zur Hilfe und Selbsthilfe aufgebaut und ihr Quartier damit stabilisiert hat.

Doch es geht nicht nur um Krisenverwaltung wie es bei der »Stabilisierung des Quartiers« durchklingt. Das Besondere an der SSM ist, dass sie trotz des alltäglichen Ringens mit den Widrigkeiten der verwertungsorientierten Logik rund um das Projekt herum stets eine längerfristige Perspektive nicht aus dem Auge verlieren, die sie so beschreiben (Broschüre):

…eine wilde, bunte Wiese vielfältigster Alltags-Projekte und Entkoppelungs-Initiativen, eingebunden in eine gesellschaftliche Debatte zur Aufhebung von Wert, Ware, Markt und Geld insgesamt. Dies wäre durchaus ein wichtiger Schritt (neben anderen) auf dem langem Weg zur globalen Nachhaltigkeit.

Tipp: Workshop mit Film beim Kongress Solidarische Ökonomie in Wien: Inklusion statt Ausgrenzung – Solidarische Ökonomie beim SSM [via]

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Soziale Netzwerke

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7. Februar 2013, 06:34 Uhr   0 Kommentare

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