Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Parecon versus Peer-Produktion Teil 3

Contraste-Logo[Aus der Juli/August-2013-Ausgabe der Contraste; Übersetzung: Brigitte Kratzwald.]

Gekürzte deutsche Übersetzung einer Diskussion zwischen Michael Albert und Christian Siefkes. Nachdem in Teil 1 und 2 (CONTRASTE Nr. 342 und 344) über Alberts Konzept PARECON diskutiert wurde, stellt Christian Siefkes im dritten Teil „Peercommony“ vor. Die Antwort von Michael Albert und die Replik von Siefkes folgen im vierten und letzten Teil.

Peercommony – Eine Welt ohne Geld und Zwang

Manche glauben, eine Welt, in der die Produktion von Menschen organisiert wird, die freiwillig und auf gleicher Augenhöhe zum Nutzen aller miteinander kooperieren, sei reine Utopie, weil eine solche Gesellschaft noch nie existiert hat oder weil sie gegen die menschliche Natur sei. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht in Zukunft geben könnte und was die „menschliche Natur“ betrifft, so werden Menschen von der Gesellschaft ebenso geformt wie die Gesellschaft von ihnen.

Trotzdem bleibt eine solche Gesellschaft eine abstrakte Idee, wenn sie sich nicht aus dem bestehenden sozialen System, dem Kapitalismus, heraus entwickeln kann. Neue Produktionsweisen können nur entstehen, wenn ihre „materiellen Existenzbedingungen im Schoß der alten Gesellschaft“ herangereift sind, wie es Karl Marx ausgedrückt hat. Es sind zwei Bedingungen, die ich für die Entwicklung einer solchen Gesellschaft für relevant halte. Erstens: menschliche Arbeit verschwindet aus dem Reproduktionsprozess und wird durch Automatisierung einerseits und Selbstentfaltung andererseits ersetzt. Zweitens: alle haben Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln.

Entwicklungen innerhalb des Kapitalismus begünstigen das Auftauchen dieser Bedingungen, obwohl ihre volle Verwirklichung das Ende des Kapitalismus bedeuten würde. Bei der Produktion von Software und Wissen gestaltet sich der Produktionsprozess bereits um, doch dabei wird es kaum bleiben. Die radikalen Veränderungen der Produktionsweise haben schon so manches Marktsegment geschrumpft oder gar zum Verschwinden gebracht – etwa Internet Software, Programmierwerkzeuge oder Enzyklopedien. Diese Bereiche werden bereits von freien Angeboten dominiert. Diese Produktionsweise ist unter dem von Yochai Benkler geprägten Begriff „commons-based peer production“ bekannt. Ich greife einen aktuellen Vorschlag von Stefan Meretz auf und verwende den Begriff „Peercommony“ um eine Gesellschaft zu beschreiben, die darauf aufbaut.

Um zu verstehen was da geschieht, ist es notwendig, sich das paradoxe Verhältnis des Kapitalismus zur menschlichen Arbeit ins Gedächtnis zu rufen. Arbeit schafft Mehrwert und damit Profit, daher ist sie die Basis des Kapitalismus. Sie ist aber auch ein Kostenfaktor, den jedes Unternehmen so weit wie möglich zu reduzieren sucht, z.B. durch Automatisierung, Auslagerung in Niedriglohnländer oder an die Kunden. Damit kann es – zumindest vorübergehend – einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Konkurrenten erzielen.

Die Auslagerung von Tätigkeiten an Kunden nimmt durch den Selbstbedienungssektor zu, etwa beim Online-Banking oder bei IKEA, wo Menschen ihre Möbel selbst zusammen bauen. Das verändert auch das Verhältnis zwischen Menschen und ihren Aktivitäten. Als Angestellte arbeite ich, um Geld zu verdienen. Wenn ich aber meine Möbel zusammen baue oder im Internet nach Produkten suche, die ich gerne hätte, bin ich am Ergebnis meines Tuns interessiert. Das steigende Ausmaß an Automatisierung bedeutet zudem, dass mehr und mehr Routinetätigkeiten ohne menschliche Arbeit erledigt werden können. Übrig bleiben Aktivitäten, die Kreativität, Intuition oder Empathie erfordern. Für all diese Aufgaben ist Bezahlung ein angenehmer Zusatznutzen (wenn man in einer Gesellschaft lebt, die auf Geld basiert), aber keine notwendige Bedingung, wie die vielen Projekte zeigen, die an allen Ecken und Enden des Internets auftauchen. Das ist möglich, weil die Beteiligten selbst über alle notwendigen Produktionsmittel (wie Computer und Internetanschluss) verfügen. Ist das aber auch übertragbar auf Dinge, die eine große Fabrik erfordern?

Auch hier kommt uns ausgerechnet die kapitalistische Entwicklung der Produktionskräfte zu Hilfe. Die heutigen PCs und Laptops sind die Nachfolger raumfüllender Rechenmaschinen. In ähnlicher Weise werden andere Maschinen tendenziell kleiner und für Einzelpersonen oder kleine Gruppen erschwinglicher. Billige und doch flexible CNC-Maschinen (CNC = computergesteuert) ersetzen zunehmend gigantische industrielle Massenproduktionsanlagen. Rund um diese Maschinen entsteht eine Bewegung der „Maker“, die sie auf kreative Weise nutzen und verbessern. Und zwar oft nicht, um Geld zu verdienen (obwohl es das auch gibt), sondern um nützliche Dinge herzustellen, zu experimentieren und Spaß zu haben.

Bedürfnisorientiert produzieren

Viele Projekte Freier Software werden von Menschen vorangetrieben, die freiwillig und ohne Bezahlung mitwirken. Sie tun das, weil sie die von ihnen mitentwickelte Software selbst benutzen wollen, oder einfach aus Spaß. Andere machen mit, weil sie dabei etwas lernen, ihre Fähigkeiten zeigen oder der Gemeinschaft etwas zurück geben wollen.

Die herkömmliche neoklassische Theorie kennt keine Interaktionen jenseits von Markt und Unternehmen, Beziehungen bleiben unpersönlich und funktional. Die auf Basis freiwilliger Kooperation produzierenden Gemeinschaften beweisen das Gegenteil. Weil alle freiwillig mitmachen, kann niemand dem Anderen etwas befehlen. Alle arbeiten als Gleichrangige miteinander, als Peers. Und anders als auf dem Markt sind die Anderen nicht bloß Handelspartner, sondern Menschen mit denen man ein gemeinsames Ziel erreichen möchte. Peer Produktion baut auf Beiträgen auf, nicht auf Tausch. Und während Tauschen ein Nullsummenspiel ist, gilt das nicht fürs Beitragen. Wenn ich einen „guten Deal“ gemacht habe, bedeutet das für meinen Handelspartner oft ein schlechtes Geschäft. Aber wenn jemand etwas Nützliches beiträgt, gewinnen alle.

Eine Welt, wo Produzentinnen verkaufen müssen, was sie produzieren und Nutzer kaufen müssen, was sie nutzen wollen, bringt unvermeidlich Antagonismen hervor. Die Einkommen der Einen sind die Kosten der Anderen. Ein steigender Marktanteil für einen Produzenten bedeutet, dass andere weniger verdienen werden, weil die Produzenten zueinander in Konkurrenz stehen. Der gleiche Interessenskonflikt besteht zwischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitgebern: Erstere wollen ihre Arbeitskraft so teuer wie möglich verkaufen, währen die Letzeren möglichst viel Arbeit zu möglichst geringen Kosten wollen. Eine am Gebrauchsnutzen orientierte Produktion kennt solche Antagonismen nicht, weil die Erfülllung meiner Bedürfnisse nicht auf Kosten der Erfüllung der Bedürfnisse Anderer gehen muss. Peer Produktion funktioniert im Gegenteil gerade deshalb so gut, weil die Beteiligten einander helfen, ihre Ziele zu erreichen und ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

Freiwillige Produktion für Andere

Bedürfnisorientierte Produktion bedeutet nicht, dass jeder nur für sich selbst produziert. Peer Produzentinnen beginnen zwar oft mit etwas, das sie selbst brauchen, aber gleichzeitig ist das, was sie tun, auch für andere nützlich. Es ist also keineswegs so, dass Menschen ohne Markt in einen „Robinson-Modus“ zurück fallen würden und es keine großflächige Kooperation mehr gäbe. Es ist klar, dass wir mit einer solchen Produktionsweise nicht weit kommen würden. Peer Produktion hingehen ist Produktion für Andere, die aber weder erzwungen wird, noch um des Geldes willen stattfindet. Peers produzieren für andere, weil sie es können und weil es für sie eine Möglichkeit ist, weitere Beitragende zu finden.

Um Aufgaben zu verteilen nutzen Peer Produzenten einen offenen Prozess, der „Stigmergie“ genannt wird. Die Teilnehmer hinterlassen Hinweise über begonnene oder gewünschte Aktivitäten und ermutigen dadurch andere, diesen Hinweisen zu folgen und die gewünschten Aufgaben zu übernehmen. Solche Hinweise, z.B. Todo-Listen oder Fehlermeldungen in Softwareprojekten und „rote Links“, die auf fehlende Artikel in der Wikipedia zeigen, machen einen wichtigen Teil der Kommunikation aus. Alle Teilnehmer folgen den Hinweisen, die sie am meisten interessieren. Das stellt auch sicher, dass die Talente und Fähigkeiten der Beitragenden optimal eingesetzt werden, weil Menschen normalerweise Aufgaben wählen, die ihnen liegen.

Und was ist mit Arbeiten, die keiner mag?

Das Geldsystem zwingt die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft, diese Aufgaben zu übernehmen, weil sie keine andere Möglichkeit zum Geldverdienen haben. Nur Zyniker würden sagen, dass das eine gute Lösung ist – aber was ist die Alternative? Auf manche dieser Tätigkeiten könnte man vielleicht verzichten. Andere lassen sich automatisieren. Ist auch das keine Option, bleiben Umorganisation und faires Teilen als Lösungen. Tätigkeiten könnten so organisiert werden, dass sie angenehmer und interessanter werden. Wenn die Menschen freiwillig als Peers zusammenarbeiten, werden sie entsprechende Lösungen finden. Automatisierung und Umorganisation können auch kombiniert werden. Tätigkeiten, die nicht automatisiert oder reorganisiert werden können, könnten in einen „Pool“ von ungeliebten Tätigkeiten kommen, von dem alle hin und wieder eine erledigen. Wenn jeder einen kleinen Teil dieser Tätigkeiten übernimmt, fallen sie niemandem groß zur Last.

Commons und Eigentum

In jeder Gesellschaft gestalten die Menschen ihre Beziehung zur Natur und zu den Produkten ihres Tuns auf eine Weise, die dieser Gesellschaft entspricht. Im Kapitalismus werden Ideen, Produkte und natürliche Ressourcen zumeist als Privateigentum behandelt. Eigentum bedeutet das vom Gesetz garantierte und per Verkauf übertragbare Recht, andere nach Belieben von der Nutzung eines Gutes ein- oder auszuschließen.

Peer Produktion baut in erster Linie auf Commons auf, auf Güter, die von einer Community gemeinsam entwickelt und gepflegt werden, nach Regeln, die sich diese Community selbst gibt. Wasser, Luft, Wälder und Land wurden in vielen Gesellschaften als Commons organisiert. Freie Software und offene Inhalte sind moderne Commons, die alle nutzen, verbessern und teilen können. Aber Peer Produktion baut nicht nur auf Commons auf, sie schafft auch neue Commons und erhält bestehende. Das zeigen die Beispiele von Freier Software, offenem Wissen und offener Hardware. All diese Projekte tragen zu einem Wissenscommons bei, das alle nutzen, teilen und verbessern können.

Peer Produktion kann nicht nur Wissen hervorbringen, sie kann auch Infrastruktur und physische Produkte herstellen. So sind etwa in vielen Städten von der Community betriebene WLAN-Netze entstanden, die Allen in der Nachbarschaft freien Internetzugang ermöglichen. Viele dieser Projekte sind als Mesh-Netzwerke organisiert: alle beteiligten Computer sind an der Datenübertragung beteiligt, so dass es keinen Bedarf für einen zentralen Server gibt. Solche selbstorganisierten, dezentalen Netzwerke können eine gemeinsame Infrastruktur für Internet und Telefon schaffen. Andere Netzwerke könnten Menschen mit Energie und Wasser versorgen – auch dafür gibt es bereits einige Beispiele.

Offene Werkstätten ermöglichen die Produktion stofflicher Güter. Sie verfügen häufig über computergesteuerte Maschinen, die eine weitgehend automatisierte Produktion von Einzelstücken oder kleinen Serien ermöglichen. Ein weiteres Ziel ist es, Maschinen zu bauen, die die Ausstattung für weitere offene Werkstätten herstellen können. so beginnt die commonsbasierte Peer Produktion, die Werkzeuge dafür zu schaffen, dass sie sich immer weiter ausbreiten kann und dabei die Menschen mit den Dingen versorgt, die sie zum Leben brauchen.

Wie in jeder Gesellschaft muss auch in der Peercommony entschieden werden, wie die vorhandenen Ressourcen genutzt werden sollen. Produziert man lieber Lebensmittel für alle oder Biosprit, damit einige nach Erschöpfung der Ölvorräte weiter Auto fahren können? Soll die Energieversorgung dezentral mit erneuerbaren Energien geschehen oder in Atomkraftwerken, deren Müll jahrhundertlang gefährlich bleibt? Wie lassen sich die Interessen der Nutzerinnen eines Guts, die sich eine neue Fertigungsstätte wünschen, mit denen der Nachbarn, die sich dadurch gestört fühlen, in Einklang bringen? Wer versteht, wie und warum Peer Produktion funktioniert, wird sich mögliche Antworten auf diese Fragen ausmalen können. Das Wichtigste aber ist, dass sie von den Betroffenen gestellt und beantwortet werden können und nicht nur von einigen Reichen oder Mächtigen.

Die Diskussion in voller Länge auf Englisch ist hier nachzulesen:
http://www.zcommunications.org/znet/zdebatealbsiefkes.htm

[Teil 4]

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Theorie

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20. August 2013, 08:35 Uhr   6 Kommentare

1 Parecon versus Peer-Produktion Teil 2: „Einkommensgerechtigkeit“ meets „Wertkritik“ — keimform.de (20.08.2013, 09:25 Uhr)

[…] [Teil 3] […]

2 Andreaz (10.09.2013, 17:57 Uhr)

Die derzeitige Wirtschaftsform beruht auf einer Prämisse, die eigentlich schon längst überwunden ist, das elende „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Ähnlich wie Nietzsche damals das Christentum als hohles Fundament der Gesellschaft entlarvte, hat das Geld nun Gottes Platz auf dem Podest einer Säkularisierten Welt eingenommen. Anders gesagt: Der Mensch braucht nicht die Arbeit, der Mensch braucht nur das Geld.
Was bedeutet es, wenn ich heute die Sinnlosesten, jedoch komplexen Aufgaben wie Mahnungen schreiben von einem Computer erledigen lassen kann? Der Mensch kann sich mit Anderem befassen, was seinem Naturell entspricht. Die Konsequenz aus diesen Überlegungen würde allerdings die Gesellschaft in einer Weise Umwälzen, die den Menschen Angst macht.

3 MissBauernschlau (12.09.2013, 11:25 Uhr)

Entschuldigung, wenn ich da völlig danebenliege, aber ist die ganze Commons-Geschichte nicht vielmehr ein weiterer Schritt zur Selbstausbeutung als soziale Utopie? Dann müssen die Menschen sich ihre Brötchen nebenbei in einem Job bei der Tanke verdienen, oder wie ist das gemeint?

4 Christian Siefkes (12.09.2013, 18:10 Uhr)

@MissBauernschlau:

Nein, die Idee ist ja vielmehr, dass niemand mehr etwas „verdienen“ muss, weil die Brötchen und alles andere in gemeinsamer Peer-Produktion hergestellt werden und alle tun, was sie möchten. OK, etwas Verantwortungsbewusstsein und soziale Aushandlungsprozesse gehören natürlich auch noch dazu, aber das sollte hinzukriegen sein.

Zu einer konkreten (und damit zwangsläufig spekulativen) Utopie, wie das funktioniere könnte, siehe Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde.

5 Peercommony ist kein Gratis-Supermarkt — keimform.de (10.10.2013, 16:47 Uhr)

[…] Christian Siefkes diskutieren ihre Konzepte für eine Welt nach dem Kapitalismus. Die Teile I – III erschienen in den CONTRASTEN Nr. 342, 344 und 346/347. Gekürzte Übersetzung Brigitte Kratzwald, […]

6 Ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück — keimform.de (22.12.2015, 22:35 Uhr)

[…] Peercommony – Eine Welt ohne Geld und Zwang Keimform und gesellschaftliche Transformation Nicht-Kommerziell oder Abgespalten? Wert-Abspaltung, Nicht-Kommerzialität und die Gefahren vereinseitigender Kritik und Praxis Unsere NK-Projekte sind die Keimform einer utopischen Gesellschaft – sind sie das? Häufig gestellte Fragen – Teil 2 […]

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