Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Open Source against the Singularity

sfIch mag Podcasts. Letzte Woche habe ich die Chaosradio Folge 187 vom 28.02.2013 angehört. Unterhalten haben sich Joscha Bach, erdgeist und Holger Klein. Thema waren „Elektronengehirne“.

Natürlich ging es in der Sendung irgendwann auch um die Idee der technologischen Singularität (So ab Minute 53). Das ist z.B., wenn wir Computer bauen, „die so intelligent sind, dass sie selber intelligente Computer bauen können.“ Dann können wir diese Intelligenzen nicht mehr vorhersagen und sie übernehmen den Planeten. „Die Menschheit verhält sich zu denen wie Ameisen sich heute zum Menschen verhalten. Und irgendwann sind sie dann halt im Weg (die Menschen), wenn eine neue Straße gebaut werden muss.“ Joscha Bach sagt, dass wir zu dieser Frage heute überhaupt keine seriösen Aussagen treffen können, weil wir zu wenige Daten haben. Wir wissen aber auch nicht und können uns gar nicht sicher sein, ob es nicht vielleicht schon passiert ist! Und da wurde die Sendung sehr spannend.

Singularität der Unternehmen

Diese Intelligenzen, bei denen man von einer Singularität spricht, müssen ja nicht unbedingt Computer sein, sondern nur „nicht-menschliche Agenten, die handeln, ein Gedächtnis haben, eigene Ziele und Absichten vertreten (…) und die außerdem mächtiger sind als Menschen.“ So etwas lässt sich heute finden in Form von Organisation wie z.B. Firmen. Firmen kann man durchaus als solche eigenmächtigen Intelligenzen sehen. Sie leihen sich menschliche Intelligenz aus, stellen diese aber ausschließlich in den Dienst ihrer eigenen Absichten. „Der neue Chef der deutschen Bank ist wieder nicht der Ströbele geworden. Das liegt aber nicht daran, dass der Ströbele nicht zur Verfügung gestanden hätte, sondern dass der die Rolle nicht hätte ausfüllen können, die die deutsche Bank vorgesehen hat für den, von dem sie sich Intelligenz borgt.“ Menschen werden entsprechend ausgesucht und aussortiert. „Wenn sich Politiker auf Klimakonferenzen treffen und jeder möchte gerne ein Ziel erreichen, aber sie können es alle nicht, weil ihre jeweiligen Organisationen das verhindern.“

Und im Studio schien man sich einig: Diese Intelligenzen verhalten sich asozial gegenüber Menschen. Sie agieren wie Soziopathen. Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit, Lebensfähigkeit des Planeten usw. bewegen sie nicht.

Mir gefällt diese Idee bzw. das Bild: Wir sind umzingelt von lauter übermächtigen Firmenindividuen, von denen wir abhängig sind und die aber ein gegen uns gerichtetes Programm fahren. Die Singularität ist da. Und wir müssen ständig Umgehungsstraßen weichen. In Matrix sind es die Menschen, die den Himmel verdunkeln. In unserer Wirklichkeit sind es die Unternehmen, die eine CO2 Glocke darüber legen. Die Unternehmen brauchen auch immer weniger Menschen…

mars

Open Source Laser Guns

Sieht man das so, stellt sich natürlich ganz weiter in Hollywoodmanier die Frage, wie wir diese Intelligenzen, diese gruseligen Monster stoppen? Wie gewinnen wir wieder die Oberhand? Gibt es eine Möglichkeit, diese Intelligenzen zu hacken, ihren Programmcode zu korrigieren, Bugs zu fixen? Kann man vielleicht kleine Programme oder „Viren“ einfügen oder freilassen, die das Verhalten der Ungetüme modifizieren bzw. die Ungetüme langsam und kontrolliert auflösen, ohne dass dabei gleich unsere ganze Wirtschaft und Politik in die Luft geht.

Ich hab auch eine Idee, was das sein könnte. Open Source! Open Source könnte der kleine Virus sein, der einmal eingefügt den „bösen Willen“ der Unternehmen bricht. Lasst uns Patente abschaffen! Mit Open Source Lasern gegen nicht menschliche Eroberer!

Schaut man hin, erkannt man, dass viele der asozialen Verhaltensweisen der Unternehmen im wesentlichen motiviert und getragen werden von Closed Source bzw. Patenten und damit verbundener Intransparenz. Die Monopolismus-Strategien von Monsanto etwa sind perfekte Illustrationen für asoziales nicht zukunftsgerichtetes und gegen das Wohl der Menschen gerichtetes Verhalten. Sie hören sofort auf, sinnvoll zu sein, wenn es keine Patente mehr gibt. Open Source it und -Plong!- sie zerplatzen.

Open Source korrigiert die Zielstellungen von Unternehmen auf Kooperation und Vielfältigkeit. Herrschaftswissen soll abgeschafft werden, aktuelle Herrschaft wird damit gebrochen.

Das mag ich an diesen kleinen einfachen Bild. Open Source heißt die smarte Superwaffe/Strategie mit der wir die Kontrolle über Skynet zurückgewinnen. 🙂 Patente abzuschaffen wäre der politische Notschalter gegen die großen und mächtigen Firmen.

Natürlich weiß niemand, was auf der nächsten Ebene wieder für neue Probleme auftauchen. Aber wir sind Menschen. Unsere Souveränität drückt sich darin aus, dass wir unsere Probleme lösen. Aber unterm Strich sind die Ungetüme heute bestimmt viel zu mächtig, als dass sie wirklich die Abschaffung von Patenten zulassen würden.

Bleibt nur eine Möglichkeit: An Open Source weiterzubasteln und die Entwicklung und Erfindung voranzubringen. Unterm Radar. Langsam aufrüsten. Und warten. Join the rebel armys!

Kategorien: Commons, Feindbeobachtung, Freie Hardware, Freie Software, Theorie

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27. Juni 2013, 06:32 Uhr   10 Kommentare

1 Open Source against the Singularity | MyWebWall... (28.06.2013, 11:20 Uhr)

[…] Ich mag Podcasts. Letzte Woche habe ich die Chaosradio Folge 187 vom 28.02.2013 angehört. Unterhalten haben sich Joscha Bach, erdgeist und Holger Klein. Thema waren „Elektronengehirne“.  […]

2 Benni (28.06.2013, 13:15 Uhr)

Es gibt ja nicht nur die Singularität als Horrorvorstellung sondern auch die Vorstellung, dass dann alles auf einen Schlag besser wird. Wozu noch Geld wenn es keinen Mangel mehr gibt, weil alles benötigte von autonomen Nanobots quasi magisch hergestellt wird?

Die Revolution ist auch nichts anderes als eine Singularität.

Klar ist der Technikdeterminismus der Singulariatiraner kritisierenswert, aber man kann genauso ein mit Open Source für die Singularität propagieren: Tatsächlich ist Open Source ja ein Fortschrittsbeschleuniger, also arbeitet er objektiv für die Singularität als gegen sie.

3 Lars Zimmermann (01.07.2013, 12:01 Uhr)

@Benni Mmh, hast Recht, besserer Titel wäre wohl gewesen „Open Source against one Singularity“

4 Christian Siefkes (01.07.2013, 20:48 Uhr)

Ich finde es fragwürdig, die Logik der Unternehmen bzw. des Kapitalismus zu einer „nicht-menschlichen“, von den Menschen völlig losgelösten zu erklären. Auch wenn richtig ist, dass diese Logik eine immense Eigendynamik hat, sind es doch immer Menschen, die die Ziele sowohl vorgeben als auch umsetzen. Wie Joshua Farley auf der Commons-Konferenz sagte:

The moment somebody holds shares, they are only interested in the value of those shares and how it increases.

Das ist zwar eine Logik, der sich der/die Einzelne heute kaum entziehen kann (wer sich nicht selbst um sein Geld kümmern will, bringt es eben zur Bank o.ä., erwartet von der aber auch, dass sie es vermehrt). Aber es ist sehr wohl eine menschliche Logik. Unternehmen verhalten sich zwar „asozial“, das aber im Auftrag der Menschen, nicht autonom.

5 Lars Zimmermann (01.07.2013, 21:10 Uhr)

@Christian Ja, das ist natürlich vollkommen zurecht fragwürdig. Würde man das bis zu Ende zulassen, würde das ja bedeuten, man könnte sagen: „Oh, die armen Bänker. Die können nichts dafür. Die Institution hat sie gezwungen, gierig zu sein und gegen jede menschliche Logik oder Moral zu handeln. Der Bänker soll straffrei ausgehen.“

Nein, die Frauen und Männer stehen in der Verantwortung. Und das wird auch so bleiben. (Muss sonst noch wer an die Mauerschützen denken gerade?)

Die Idee der Singularität war aber, dass die Organisationen sich eben solche Menschen aussuchen, die auch bereit sind, „fragwürdig“ zu handeln. „Chef der Deutschen Bank ist komischerweise wieder nicht der Ströbele geworden…“ Sie wählen extra Soziopathen aus und motivieren sie. Darin besteht ihre Intelligenz.

Ich glaube neulich erst gab es doch wieder so eine Untersuchung, dass unter Bänkern asoziales und soziopathisches Verhalten weit verbreitet ist.

6 Stefan Meretz (02.07.2013, 10:31 Uhr)
7 Christian Siefkes (02.07.2013, 22:43 Uhr)

@Lars:

Mit geht’s nicht um persönliche Verantwortung, sondern um gesellschaftliche Strukturen. Diese Strukturen sind aber von Menschen gemacht worden, werden von Menschen Tag für Tag reproduziert (nicht nur von „denen da oben“ und in den Chefetagen, sondern von uns allen, die wir Geld verdienen und ausgeben), und können auch nur von Menschen verändert werden.

Die Idee der Singularität war aber, dass die Organisationen sich eben solche Menschen aussuchen, die auch bereit sind, „fragwürdig“ zu handeln… Darin besteht ihre Intelligenz.

Nein, Firmen haben keine Intelligenz (genauso wenig wie Computer) und wählen auch niemand aus.

8 Lars Zimmermann (03.07.2013, 12:55 Uhr)

@Christian
Ja, das ist die Frage, ob Institutionen oder Dinge eigene Intentionen haben und verfolgen oder nicht… das ist vielleicht eine Geschmacksfrage. Ich mag die ANT (Actor Network Theory http://en.wikipedia.org/wiki/Actor%E2%80%93network_theory), die das z.B. so sieht. Das Soziale wird nicht nur zwischen Menschen sondern zwischen Akteuren (und das sind Menschen und Dinge gleichermaßen) ausgehandelt. Es entsteht in den Netzwerken, die diese Akteure miteinander bilden.

Diese Sichtweise sagt aber nicht, dass wir dem ausgeliefert sind. Sie macht nur andere Handlungs- bzw. Gestaltungsvorschläge, fragt nach anderen Strategien als nur „man muss nur mit den Menschen reden und sie überzeugen.“

Strategien sind z.B. das Einfügen neuer Akteure in bestehende Netzwerke. Oder auch das Herausnehmen von Akteuren wie z.B. in der Geschichte oben das Patentrecht – Patenttexte, Anwälte, Gerichtssäle, mit Hammer, Richterbank usw.

Aber wenn man das nicht so sieht und z.B. findet, dass die ANT irrt, dann funktioniert die Geschichte oben natürlich nicht.

9 Christian Siefkes (07.07.2013, 17:19 Uhr)

@Lars:

Ja, das ist die Frage, ob Institutionen oder Dinge eigene Intentionen haben und verfolgen oder nicht… das ist vielleicht eine Geschmacksfrage.

Keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage die wissenschaftlich untersucht und beantwortet werden kann. Genau wie die Frage, ob die Sonne sich um die Erde dreht oder andersum, auch keine bloße Geschmacksfrage ist. Die postmoderne Einstellung „es gibt ja sowieso keine Wahrheit, also können wir uns jede hanebüchene Theorie aus den Fingern saugen, ohne sie auch nur verteidigen zu müssen“ (Theoriebildung als Geschmacksfrage) geht mir gewaltig auf die Nerven.

Diese Sichtweise … macht nur andere Handlungs- bzw. Gestaltungsvorschläge, fragt nach anderen Strategien als nur „man muss nur mit den Menschen reden und sie überzeugen.“

Eine derartig blödsinnige Strategien würde ich sowieso nie propagieren, wie kommst du darauf? Dass wir strategisch so weit auseinanderliegen, glaube ich eh nicht.

Open Source könnte der kleine Virus sein, der einmal eingefügt den „bösen Willen“ der Unternehmen bricht. Lasst uns Patente abschaffen!

Von der Open-Source-Strategie halte ich auch sehr viel, sonst würde ich hier nicht schreiben 🙂 Allerdings darf man nicht übersehen, dass nicht jedes fragwürdige Verhalten von Konzernen auf „Herrschaftswissen“/Patente etc. angewiesen ist:

Schaut man hin, erkannt man, dass viele der asozialen Verhaltensweisen der Unternehmen im wesentlichen motiviert und getragen werden von Closed Source bzw. Patenten und damit verbundener Intransparenz… Sie hören sofort auf, sinnvoll zu sein, wenn es keine Patente mehr gibt.

Schaut man sich aber z.B. die Fortune-500-Firmen an, dann kommen die größten etwa aus dem Bereich Energie (Shell, ExxonMobil, BP etc.), für den Patente/proprietäres Wissen wenig relevant sein dürften. Sicher geht’s auch in diesem wie in allen anderen Bereichen darum, dezentrale, frei zugängliche, selbstorganisierte, auf Bedürfnisbefriedigung statt Profit ausgerichtete Alternativen aufzubauen. Aber da geht’s eben nicht nur um Wissen.

10 Open Source against Singularity | Lars Zimmermann, blog (16.10.2014, 19:30 Uhr)

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