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Elevate: Open Source Economy

Wie ankündigt hier nun mein Elevate-Vortrag »Open Source Economy — 10 Thesen in 50 Sätzen« als Sildecast (Folien [PDF|ODP) plus Audio [OGG|MP3]). Die sich anschließende Diskussion gibt’s als Audio-Mitschnitt (OGG|MP3).

Kategorien: Commons, Theorie

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5. November 2013, 06:41 Uhr   14 Kommentare

1 Franz Nahrada (05.11.2013, 09:57 Uhr)

Stefan, in welchem Maß wird „Wissensanteil“ im Verhältnis zu „stofflichem Anteil“ gemessen?

2 Hans-Hermann Hirschelmann (05.11.2013, 19:32 Uhr)

Zur Begründung der These Eins. Open Source ist sicher ein Ergebnis der Produktivkraftentwicklung. Aber ich würde stärker unterscheiden zwischen

a) Produktivkraft (das zur Herstellung eines Nutzens bzw. Nutzpotenzials historisch verfügbare Leistungsvermögen),

b) Produktionsmittel (Mittel, mit denen die besagte Leistug erreicht werden kann wie Werkzeuge und Maschinen, Institutionen der Bildung und Wissenschaft, deren Methoden usw.) und 

c) Produktionsweisen bzw. Produktionsverhältnissen (wie, von wem, für wen, was, gegebenenfalls auf wessen Kosten das Leistungsvermögen voran getrieben, aktuell genutzt und weiterentwickelt wird – werden kann).

Und ist es nicht auch so:  Open Source ist eine Konsequenz der imensen Produktivkraftentwcklung, wie sie kapitalistische Produktionsverhältnisse im Allgemeinen kennzeichnet. 

OS ist in so fern eine Ausgeburt des Kapitalismus.  

3 Stefan Meretz (05.11.2013, 19:56 Uhr)

@Franz: Vermutlich ganz klassisch in Kosten.

@HHH: Kann nur zustimmen, wahrscheinlich mit einer etwas anderen Akzentsetzung: PK => menschliches Vermögen zum Stoffwechsel mit der Natur unter Nutzung von PM; PV = soziale Form eben dessen; schließlich PW = PK + PV. Ja, OS ist eine Ausgeburt des Kapitalismus, von wem sonst.

4 Hans-Hermann Hirschelmann (05.11.2013, 20:13 Uhr)

Frage mich, was genau mit der Behauptung ausgesagt ist, dass der „Wissensanteil im Produkt den stofflichen überwiegt“  

Heißt das: „Die menschliche Arbeitszeit, die für das Know How der Produktion bzw. Produktgestaltung zu verausgaben ist, ist inzwischen (in der Regel) wesentlich größer, als die, die für die schließlichen Produktionsabläufe und die Distribution (Entsorgung usw.) notwendig sind“?

Oder ist gemeint: „Um ein begehrtes Nutzpotenzial reproduzieren zu können, ist in zunehmenden Maße die Verfügung über das dazu nötge Wissen von Bedeutung“? (Und Wissen,ist es erst einmal geschaffen, lässt sich anders als ein Maschinenpark ohne großen zusätzlichen Aufwand reproduzieren?)

Jedenfalls: Wollen sich die Globalisierten dieser Erde als Weltgemeinschaft formieren, um ihre Produktivkräfte nach Regeln sozialer bzw. ökologischer Vernunft beherrschen zu lernen, so müssen sie demnach vor allem über den Einsatz und Weiterentwicklung des menschlichen Wissens (welt-)gemeinschaftlich entscheiden können.

5 Stefan Meretz (05.11.2013, 21:48 Uhr)

Marx schrieb vorausahnend dazu: (Grundrisse) Der Arbeiter »tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwick­lung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neu entwickelte, durch die große Industrie selbst ge­schaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produk­tionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegen­sätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individuali­täten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der In­dividuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht. Das Kapital ist selbst der prozessierende Wider­spruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört, während es andrerseits die Arbeitszeit als ein­ziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.«

6 Hans-Hermann Hirschelmann (05.11.2013, 22:20 Uhr)

Zu These 8: Das zu überwindende Problem „Kapitalismus“ ist in meinen Augen allerdings nicht davon gekennzeichnet, dass die privateigentümliche Art des Zusammenwirkens von Produktion, Konsum und kultureller Entwicklung einerseits die Entwicklung der menschlichen Potenziale voranpeitscht, sie andererseits aber zugleich begrenzt. 

Zu überwinden ist die strukturelle Unmöglichkeit, über Ziele, zu erreichende Standards und Grenzen der Existezsicherung und Bereicherung (welt-) gemeinschaftlich entscheiden zu können. (Sowie auf Grundlage hinreichend  ökologischer Kompetenz).

In meinem Verständnis von Kommunismus (ich bevorzuge die alte Schreibweise) steckt bzw. keimt der nicht in „Selbstentfaltung“an und für sich sondern in deren Eingang in Vergemeinschaftungsprozessen bzw.der Entwicklung von Vergemeinschaftungspotenialen. Das heißt der Entwicklung von Notwendigkeiten und Möglichkeiten, in Sachen gesellschaftlicher Stoffwechsel (auch mitder Naturumwelt) zu gemeinschaftlichen Lösungen, Regeln, Zielbestimmungen usw.zu kommen. Das heißt auch zu gemeinschaftlich bestimmten Grenzen – auch von Inklusions-und Exklusionsgrenzen.

Das ist in viellerlei Dingen angelegt, wie in Gedanken an eine Nachhaltige Entwicklung, Green Economy oder der Suche nach einem ökoszozialem Wohlstandsindex

Ein hervorragender Wegweiser in diese Richtung bietet Kate Raworth Doughnut Economics.Kapitalismus schafft zwar letztlich die Möglichkeiten (aber auch die Notwendigkeit) eines Übergangs zu (welt-) kommunistischen Weisen der Existezsicherung und Bereicherung, aber ich halte es für eher irreführend, Kapitalismus eine Realitätsform des Commonismus zu nennen.   Eher eine Ermöglichungsform.

7 Hans-Hermann Hirschelmann (05.11.2013, 23:19 Uhr)

Das Kapital ist selbst der prozessierende Wider­spruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört, während es
andrerseits die Arbeitszeit als ein­ziges Maß und Quelle des Reichtums setzt

Der Widerspruchsverlauf zeigt sich derzeit unter anderem im so genannten „Wachstumswahn“, der derzeit allerdings auch den Widerspruchsgeist gegen ein „Weiter so Kapitalismus“ auf Trap hält – wenn auch meist – wenig überraschend – in der fetischisierend-verrückten Form des Psychologisierens. 

Wissen ist vielleicht zur bedeutensten Produktivkraft geworden, kann aber immer noch keine Computer,  Kleidung,  U-Bahnen oder Discountermöbel oder Medikamente herstellen. Es wurde noch nie so viel Arbeitsstunden für Lohn-und Gehalt gearbeitet – auch in Deutschland.

Wissen als Produktivkraft stößt vielleicht deshalb an (mögliche) Systemgrenzen, weil deren In-Dienst-Stellung für die Gewinnung von Konkurrenzvorteilen  (ebenso wie die Reduzierung notwendiger Arbeitszeit)  die menschlichen Möglichkeiten zur zukunftsfähigen (ökologisch und sozial verantwortbaren) Existenzsicherung und Bereicherung in eklatanter Weise bedrohen. 

Ebenso wie das Ziel, die gesellschaftliche Arbeit auf ein Minimum zu reduzieren wird der Einsatz von Wissen oderArbeit leider noch längst nicht in einer(welt-) kommunistischen Weise gestellt sondern immer noch in der verrückten Form des Konkurrezkampfes privateigentümlicher Plusmachereien. Auch wenn zum Beispiel im Gesundheitswesen die Kontraproduktivität dessen auf der Hand liegt.

Arbeitszeitreduktion kommunistisch zu stellen hieße, die Reduktion überflüssiger Plakerei aber auch deren soziale bzw. ökologische Implikationen direkt als ein Element bewusster Abwägungs- und Entscheidungsprozesse im Rahmen eines weltweiten Zusammenspiels von Wissenschaft, Produktion, Konsum, Entsorgung, Naturs- und Umweltchutz, kultureller Entwicklung zu sehen. Im Rahmen eines – am Ende weltgemeinschaftlichen – Ressourcen- bzw. Nachhaltigkeitsmanagements.    

8 Christian Siefkes (06.11.2013, 08:04 Uhr)

Mich hat der Satz „Dass etwas heute nicht geht, heißt nicht, dass es prinzipiell nicht geht – und umgekehrt“ ins Grübeln gebracht. Wie genau darf man sich denn da die Umkehrung vorstellen?

9 Stefan Meretz (06.11.2013, 19:28 Uhr)

Die Umkehrung ist: »Dass etwas prinzipiell geht, heißt nicht, dass es heute geht«. Frech von dir, daraus ein Chat-Channel-Motto zu machen 😉

10 Hans-Hermann Hirschelmann (07.11.2013, 09:33 Uhr)

Nicht einfach aber wichtig ist immer wieder die Unterscheidung der zur Existenzsicherung und Bereicherung notwendigen Arbeitsergebnisse in ihrer stofflichen oder in ihrer Wissensgestalt als Nutzpotenzial einerseits und andererseits hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Tauschwerts (zugleich infolge der als auch bestimmend für die Preisbewegung).

Wissen ist vorallem auch ein Mittel zur Einsparung von Arbeit pro  Nutzpotenzial was den Stoffaustausch mit der Naturumwelt erhöht und auch trotz Effizienssteigerung am Ende anheizt (Reboundeffekte). 

Auf den Anteil des vom Kapital akkumulierten gesellschaftlichen Tauschwertes (Aneignungsvermögen) also auf die Mehrwertrate hat das z.B. Einfluss  insoweit das die Produktivkraftentwicklung fürs Leben als notwendig erachteten Konsumtionsmittel verbilligt und den „Naturberbrauch“ anheizt.

Auch wenn sich das für die einzelnen Unternehmen, die aus Wissen Konkurrenzvorteileund deshalb Extraprofite erwirschaften anders darstellt.Als moralisch anklangende Kategorie,  da sind sich wohl alle hier einig, taugt die Mehrwertrate aber auch nicht wirklich. 

Die Probleme kapitalistischen Produktion ist nicht so sehr der Grad der Klassenspaltung bzw. -Vor- und Nachteile als solche sondern dass es keine mitmenschlich reflektierende Verbindung zwischen Produktion und Kosum und was das jeweils für Mensch und Naturumwelt bedeutet gibt. 

Und die für mich spannande Frage ist, unter welchen Umständen und aufwelche Weise Open Source  dazu beitragen kann, diese Trennung  aufzuheben.  

11 Christian Siefkes (12.11.2013, 11:00 Uhr)

Stefan: Das ist eigentlich keine Umkehrung, sondern (logisch gesehen) dieselbe Aussage. Aber egal 🙂

12 Thomas Kalka (12.11.2013, 18:36 Uhr)

Stefan, in der Diskussion verweist du auf einen Workshop, wo es um die Möglichkeiten allgemeiner Vermittlung gehen sollte.

Gibt es eine Doku dazu ?
13 Stefan Meretz (12.11.2013, 21:51 Uhr)

@Thomas: Da gibt es einen Audio-Mitschnitt, den ich aber noch nicht habe. Ich hoffe ihn noch zu bekommen und wollte ihn dann mit den Folien zusammen veröffentlichen. Vortrag und Diskussion mischen sich da sehr stark. Mal sehn, ob die Qualität das hergibt.

14 Zwischen Maschinen, Laien & Experten: Open Design & Open Source Hardware als Interdisziplinaritäts- / Transdisziplinaritätsproblem VORTRAG | Lars Zimmermann, blog (16.10.2014, 20:03 Uhr)

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