Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Die Commons-Brille aufsetzen

oya-20-2013[Artikel aus Oya 20/2013, Lizenz CC by-sa]

von Birte Friebel

Wie lässt sich Commoning erklären? Die meisten hatten sich vor sieben Tagen erst kennengelernt. Trotzdem steckte vielen beim Abschied von der Commons-Sommerschule ein Kloß im Hals. Eine Woche gemeinsamen Lernens, Wanderns, Singens, Pläneschmiedens hatte eine Gemeinschaft enstehen lassen.

Als Jugendliche habe ich mich nie in einem politischen Umfeld bewegt. Auf eigenen Wunsch bin ich auf eine Privatschule gegangen. Was ich dort vor allem gelernt habe, waren Leistungs­bereitschaft und Marktkonformität. Erst während meines anschließenden Modedesign-Studiums entstanden zwischen Seminaren zum Urheberrechtsschutz und zu grünem Marketing Zweifel. Nach einem Praktikum in Indien war mir klar, dass ich so nicht weitermachen wollte. Ich nahm an einem Projekt teil, das zwar die Lebensbedingungen von Kunsthandwerkerinnen verbessern sollte, aber letztlich doch nur auf den Profit der Firma, für die sie arbeiteten, zielte. Kann man Kleidung nicht auch so herstellen wie freie Software – obwohl es dabei um konkrete Dinge und nicht um eine virtuelle Umgebung geht? Könnten nicht alle das beitragen, was sie gerne tun und gut können? Und alle könnten die Ergebnisse nutzen? Was wäre, wenn wir nur das herstellten, was wirklich gebraucht wird, und niemandem den Planeten »wegkonsumieren«? Diese Fragen trieben mich um. Das müsste doch möglich sein!

Meine ersten Kleider zu nähen, habe ich nicht in einem Kurs oder in der Schule gelernt, sondern mit Hilfe einer Gemeinschaft im Internet. Ich nähte Klamotten, die genau so waren, wie ich sie wollte, und die ich nirgends hätte kaufen können. Bei »Natron und Soda« teilen die beiden Macherinnen und ein umtriebiger Kreis Nähbegeisterter Anleitungen für alternative Kleidungsstücke. Schon seit über zehn Jahren helfen sie sich in einem Forum bei Fragen und Problemen. Drei Viertel der Serverkosten werden freiwillig von den Nutzerinnen und Nutzern getragen. Viele unter den 1700 aktiv Beitragenden kennen sich persönlich. 40 Prozent besuchen das Forum seit über fünf Jahren regelmäßig, ein knappes Viertel von ihnen sind seit dem ersten Jahr des Forums ­aktiv dabei. Die Plattform ist ein wunderbares Beispiel für die »neuen« Commons: Alle tragen so viel bei, wie sie können und wollen, niemand muss. Die Anleitungen können beliebig modifiziert und weiterverteilt werden, ausgeschlossen ist nur die kommerzielle Nutzung. Es gibt selbstorganisierte Geschenktauschrunden, in denen sich die Teilnehmerinnen gegenseitig zu einem selbstgewählten Thema etwas nähen. Verschickt mal eine Teilnehmerin nichts, gibt es ein gemeinschaftlich entwickeltes Sanktions- und Rehabilitationssystem, das gewährleistet, dass wirklich alle beschenkt werden.

Commoning in den Alltag integrieren

Der Unterschied zwischen gelungenem Commoning und Alltagsstrukturen kann mitunter gewaltig sein. Vor allem nach der ersten Commons-Sommerschule 2012 fühlte ich mich wie transplantiert. Aber immer mehr setze ich die »Commonsbrille« auf: Sie ist Werkzeug und Spielzeug zugleich. Mit ihr entdecke ich Commons an Orten, an denen ich keine vermutet hätte, oder kann sie mir auch dort vorstellen, wo keine sind. Wenn ich den Raum habe, auf meine Bedürfnisse zu hören und diese zu erfüllen, ohne andere einzuschränken, erlebe ich Commoning. Wird ein Mensch beim gemeinsamen Singen so laut, dass ich weder mich noch die anderen höre, dann begreife ich, wie aus dem Miteinander schnell ein Aneinander-Vorbei wird. Und wenn die Leisen die Lauten in Diskussionen um eine Ruhepause bitten können, erfahre ich, wie befreiend es ist, auch als leiser Mensch an Gesprächen teilzuhaben.

Vergangenen Sommer habe ich zwei Monate damit verbracht, in Gemeinschaftsprojekten mitzuhelfen, unter anderen bei einer Solidarischen Landwirtschaft, einem selbstorganisierten Festival sowie bei Kultur- und Wohnprojekten, um Fragen zu gemeinschaftlicher Praxis nachzugehen. Die Erfahrungen fließen bei meiner Arbeit an der Entwicklung von »Commonopolis.de« ein. Hier schafft ein kleines Team einen Raum, in dem künftig Commons-Projekte vorgestellt, Fragen beantwortet, Medien gesammelt, Diskussionen geführt und Netzwerke geknüpft werden. Wahrscheinlich sind viele Menschen irgendwo Teil eines Commons, ohne es zu wissen. Ich wünsche mir, dass mehr Bewusstsein dafür entsteht.

Kategorien: Commons

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21. Mai 2013, 06:31 Uhr   2 Kommentare

1 Dr. Martin Bartonitz (21.05.2013, 12:41 Uhr)

Ja, Commoning zu denken ist mit einem Gehirn, das mit Weltbildern der Konkurrenzgesellschaft gefüttert ist schwer. Es braucht Zeit, dorthin zu kommen. Danke für den Artikel. Ich hätte mir gerne Commonopolis angeschaut, aber [da kam nur eine Fehlermeldung — edit.]

2 Dr. Martin Bartonitz (21.05.2013, 13:48 Uhr)

Hier ist übrigens noch ein interessantes Auflistungsprojekt: Mapping for a Green & Fair World

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