Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Eigennutz, Fairness und Vertrauen

Linus Torvalds ist der Begründer des freien Betriebssystem-Kerns Linux. Manche nehmen an, Torvalds müsse ein »uneigennütziger Mensch« sein, denn er hat der Welt ein freies Betriebssystem geschenkt. Doch das sieht Torvalds ganz anders:

Die eigentliche Idee von Open Source ist, dass sie jedem erlaubt »eigennützig« zu sein, und nicht, dass sie versucht alle dazu zu bekommen, zu einer guten Sache beizutragen.

Das ist überraschend, denn in der Regel wird Eigennützigkeit mit »gegen andere handeln« verbunden und in Gegensatz zur Gemeinnützigkeit von Open Source gebracht. Offensichtlich gibt es Form der Eigennützigkeit, die sich nicht gegen andere richten muss. Mehr noch:

Open Source funktioniert nur dann, wenn jeder aus seinen eigennützigen Gründen etwas beiträgt. Dabei brauchen solche eigennützigen Gründe keineswegs eine »finanzielle Belohnung«.

Wichtig ist, dass es Regeln gibt, die das Entfalten der eigennützigen Gründe ermöglichen — wie in erfolgreichen Commons üblich. Bei Linux ist dies die Lizenz GPL. In ihr sieht Torvalds ein einfaches Prinzip des »wie du mir, so ich dir« implementiert:

Ich gebe dir meine Verbesserungen, wenn du versprichst, deine Verbesserungen zurückzugeben.

Dies wird als Copyleft-Prinzip bezeichnet. Das Teilen erfolgt zu gleichen Bedingungen. So meint Torvalds:

Es handelt sich um eine grundsätzlich faire Lizenz, und man muss sich nicht sorgen, dass jemand daher kommt und einen Vorteil aus deinem Werk zieht. Und was die Leute zu überraschen scheint, ist, dass das Konzept »Fairness« wirklich sehr gut skaliert.

Fairness gilt allgemein als etwas »weiches«, dass stark davon abhängt, ob sich die Leute tatsächlich individuell »fair« verhalten. Fairness lässt sich nicht formalisieren. Das ist anders als bei der Forderung nach Gerechtigkeit: Ob eine Verteilung gerecht ist, lässt sich abzählen, ob ein Tausch gerecht ist, lässt sich am Geldbetrag beurteilen. Doch Fairness ist nicht nur eine individuelle Verhaltensweise, sondern Ergebnis einer Vereinbarung (wie der GPL), die faires Verhalten begünstigt, weil es allen oder wenigstens den meisten nutzt. Es ist eine Form von inklusivem Eigennutz.

Das Eigennutz-Fairness-Modell funktioniert auch mit Firmen und zwischen Firmen, so Torvalds:

Wenn deine Konkurrenz [-Firmen] nicht den gleichen Aufwand einbringen wie du, dann können sie auch nicht den gleichen Ertrag ernten wie du: Wenn sie nichts beitragen, dann bekommen sie keinen Einfluss auf die Richtung des Projekts und nicht die gleiche Art von Wissen und Verständnis über das Projekt wie du.

Neben Eigennutz und Fairness tritt noch ein dritter Faktor hinzu: Vertrauen.

Vertrauen ist das wichtigste. Und es ist eine beidseitige Sache. Es geht nicht nur darum, dass ich einigen Sub-Leutnants vertraue das Richtige zu tun, sondern umgekehrt vertrauen sie mir unparteiisch zu sein und das Richtige zu tun.

Vertrauen und Unparteilichkeit ist im Fall von Torvalds selbst sehr wichtig, da er mit vielen Firmen zu tun hat:

Wegen der Vertrauenssache würde ich zum Beispiel niemals für eine kommerzielle Linux-Firma arbeiten wollen. Ich möchte nicht, dass die Leute auch nur einen Anschein vor Voreingenommenheit mir gegenüber empfinden — ich möchte, dass die Leute in der Lage sind, mir zu vertrauen, weil ich unparteiisch bin…

Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich kann fairer, vertrauensgegründeter Eigennutz auch dazu genutzt werden, um die Verhältnisse auf der Welt zum Besseren zu verändern. Dieses Ziel ist jedoch nur eines von vielen möglichen Zielen. Commons schreiben nichts vor, Commons sind eine soziale Ermöglichungsstruktur.

Zum Abschluss noch zwei deutliche Aussagen von Linus Torvalds (jeweils etwa 30 Sekunden): (1) zu Windows 8 und (2) zu Nvidia. Have fun 🙂

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen

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23. Juli 2012, 07:20 Uhr   3 Kommentare

1 Shelog (23.07.2012, 09:28 Uhr)

Das erinnert mich an dasBuch „Was tun“ von Tshernytshevskij – die (aus unserer Sicht altruistischen) Personen betonen fortwährend, im Eigeninteresse zu handeln.

2 Hans-Hermann Hirschelmann (23.07.2012, 13:05 Uhr)

„Commons schreiben nichts vor, Commons sind eine soziale Ermöglichungsstruktur.“

Klingt ein wenig nach abstraktem und entsprechend fetischisiertem Wunschdenken. 

Elenor Ostrom z.B. nennt  Regeln, die durchaus als Verhaltensvorschriften funktionieren, nur dass die nicht von irgend einer fremden Macht sondern gemeinsam implementiert werden und nicht der Ausbeutung dienen sondern diese verhindern sollen. Dass das US-Militär seine Kampfdrohnen nun mit Linux ausstattet ist natürlich auch  der Rede wert, bzw. zeigt, dass Ermöglichung nicht alles sein kann. Obwohl: Auch das Grenzensetzen (von Aubeutung, Schädingung usw.) ist ja eine Ermöglichung 🙂

Gruß hh

3 Christian Siefkes (26.07.2012, 18:12 Uhr)

@Hans-Hermann:

“Commons schreiben nichts vor, Commons sind eine soziale Ermöglichungsstruktur.”

Klingt ein wenig nach abstraktem und entsprechend fetischisiertem Wunschdenken.

Wieso Wunschdenken? Stefan weist ja der Stelle darauf hin, dass Commons nicht zwangsläufig „die Verhältnisse auf der Welt zum Besseren … verändern“ — Wunschdenken wäre es doch eher, das Gegenteil zu behaupten 😉

Elenor Ostrom z.B. nennt Regeln, die durchaus als Verhaltensvorschriften funktionieren, nur dass die nicht von irgend einer fremden Macht sondern gemeinsam implementiert werden und nicht der Ausbeutung dienen sondern diese verhindern sollen.

Ostrom nennt Gelingensbedingungen, die es wahrscheinlicher machen, dass Commons-Vorhaben erfolgreich sind. Um die Ziele, die Commoners verfolgen sollten, geht es dabei aber nicht.

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