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Diskursfigur 8: Jenseits des Sozialismus

Das ist Teil 8 einer Serie wöchentlich erscheinender Artikel, deren englische Fassung im Journal of Peer Production erscheinen soll. In den Artikeln versuche ich zehn Diskursfiguren zu beschreiben, wie sie im Oekonux-Projekt in über zehn Jahren der Analyse Freier Software und commons-basierter Peer-Produktion entwickelt wurden. Mehr zum Hintergrund im einleitenden Teil. Bisher erschienene Teile: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7.

Diskursfigur 8: Jenseits des Sozialismus

[English]

Sozialismus wie von Karl Marx in der »Kritik des Gothaer Programms« (Marx, 1875) definiert, ist eine warenproduzierende Gesellschaft, in der die Arbeiter_innenklasse die Macht hat. Historisch wurde dies durch den sogenannten »realexistierenden Sozialismus« umgesetzt. Es gab und gibt viele Kritiken an realsozialistischen Ländern (fehlende Demokratie usw.) innerhalb der Linken. Dennoch teilt ein Großteil der Linken die Annahme, dass eine eigenständige Zwischenphase zwischen der freien Gesellschaft (die Kommunismus genannt werden kann) und dem Kapitalismus unvermeidlich ist. Nach dem allgemeinen Konzept besitzt dort die Arbeiter_innenklasse die Macht und kann die gesamte Ökonomie entsprechend ihrer Interessen und damit der Mehrheit der Gesellschaft umstrukturieren. Kurz: Zuerst muss die Macht errungen werden, dann wird die neue Produktionsweise folgen, um eine wirklich freie Gesellschaft aufzubauen. Dieses Konzept ist historisch gescheitert.

Der Grund für das Scheitern liegt nicht in internen taktischen Differenzen oder Defiziten, sondern am unrealistischen Konzept der qualitativen historischen Transformation. Niemals in der Geschichte wurde die Frage der Macht zuerst gestellt, es war stets eine neue Produktionsweise, die aus der alten Art zu Produzieren entstand und den historischen Übergang vorbereitete. Der Kapitalismus entwickelte sich ursprünglich aus dem Handwerk der mittelalterlichen Städte, das dann in Manufakturen integriert wurde und schließlich zum System der großen Industrie führte. Die Frage der Macht wurde »auf dem Weg« dorthin gelöst. Das schmälert nicht die Bedeutung von Revolutionen, aber Revolutionen können nur das realisieren und befördern, was sich bereits entwickelt. Die Revolutionen des Arabischen Frühlings erschaffen nichts Neues, sondern sie versuchen die Potenzen der normalen demokratischen und bürgerlichen Gesellschaft umzusetzen.

Diese Analyse historischer Entwicklungen (genauer ausgeführt in Diskursfigur 10) muss auf die gegenwärtige Situation angewendet werden. Der historische Übergang kann nicht als Übernahme der politischen Macht realisiert werden – sei es über das Parlament durch Aktionen auf der Straße – sondern nur als Entwicklung einer neuen Produktionsweise. Die Kriterien für die neue Qualität können aus den praktischen Negationen der alten Produktionsweise gewonnen werden. Statt Waren: Commons-Produktion; statt Tausch und Geldvermittlung: freie Verteilung; statt Arbeit: Selbstentfaltung; statt Exklusionsmechanismen: Inklusion aller Menschen. Es müssen jedoch nicht alle Entwicklungen des Kapitalismus abgeschafft werden, einige können weitergehen, wenn auch in veränderter Form.

Die commons-basierte Peer-Produktion überschreitet sowohl den Kapitalismus wie auch den warenproduzierenden Sozialismus.

Diskursfigur 9: Jenseits der Politik

Literatur

Kategorien: Freie Software, Theorie

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16. Mai 2012, 07:31 Uhr   11 Kommentare

1 Wolfram Pfreundschuh (16.05.2012, 08:58 Uhr)

Wer der marxistischen Erkenntnis folgt, dass die Veränderung der Gesellschaftsform eine Veränderung der Produktionsweise voraussetzt, der oder die bezieht sich dann doch auf die wirkliche materielle Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Und nach wie vor steht man dabei vor der Produktivität der Arbeit, die weit über die herrschenden Verhältnisse hinaus ist und Lebensverhältnisse schaffen kann, die immer weniger Last für die Individuen erfordern, Arbeit immer unnötiger macht und die reale Grundlage ihrer Freiheit und Emanzipation ist.

Unter dem Diktat einer verkehrten Aneignungsform plündert die herrschende Gesellschaftsform Mensch und Natur nicht nur aus. Sie ist selbst schon zum Moment einer Vernichtung geworden, weil jede Entwicklung dieser Produktionsweise durch ihre Form nicht die Fortschritte der Wirtschaft, die Ersparnisse an Arbeitsaufwand an die Menschen zurückgibt, sondern durch das Wertwachstum nur die Bereicherung und Verstärkung der Kapitalmacht betreibt, also jener Aneignungsmacht dient, die inzwischen die menschliche Gesellschaft auf diesem Planeten selbst bedroht.
Wenn ich dem obigen Text unter diesem Bewusstsein folge, der ja eine grundlegende Aufhebung diesen Verhalts beansprucht, so müsste ich schließen, dass die Commons selbst schon die Produktionsweise wären, die im Kapitalismus auch schon so produktiv seien, dass sie dessen Form in Frage stellen würden. Das ist aber völlig absurd und wird nur dadurch kaschiert, dass von einem „Jenseits“ die Rede ist.

Im Diesseits geht es nicht nur um einen Diskurs, auch nicht nur um die Vergesellschaftung der Gedanken und Rezepte und Algorithmen, sondern weiter um die Aneignung der wirklichen Produktionsmittel, die längst vorhanden sind. Und das sind die Industrieanlagen, Maschinen, Automaten, Verkehrsformen und Kommunikationsmittel usw. Es geht nicht um Gemeingüter im Dunst eines guten Willens, der immer noch von den Agenturen der Gemeinschaften beherrscht wird, sondern um wirkliche Gemeingüter, durch welche die Menschen bisher ihr Leben erhalten und sich von daher der Macht des Geldes beugen müssen, wenn sie das nicht in die eigene Hand nehmen.

Was hier als Sozialismus und Kommunismus aufgegriffen wird, sind nur die gemachten Fehler. Als Gedanke und wirkliche Bewegung war es weitaus mehr und weitaus tiefgreifender. Die Abhandlung der bisherigen Geschichte als eine Art Mottenkiste bringt nichts und niemanden weiter. Es geht wirklich ums Ganze, nicht nur um die Ansammlung von Dafürhaltungen und nette Diskurse über das Jenseits und Propagierung „neuer“ Gemeinwirtschaften.

Man mag sich die schönsten Dinge selber machen, ohne die Aneignung der bestehenden Industrie und ihrer produktiven Potenziale wird sich durch rein individuell begründete „Beiträge“ nichts wirklich ändern. Es geht um die wirkliche Aufhebung der Gesellschaftsform, um die Aufhebung ihrer Macht und Hierarchien im Diesseits, um den Kampf in den Städten und Regionen, um die Kommunen und ihre Selbsterhaltung durch ihre Einrichtungen und Industrieen usw. Dieser Kampf hat längst begonnen. Aus dem Jenseits allerdings wird man das nicht unbedingt zur Kenntnis nehmen. Ich finde: Eine sehr grundsätzliche Selbstkritik wäre angebracht, wenn aus den hier vorgetragenen Diskursen noch was werden soll. 

2 Buchfreund (16.05.2012, 11:33 Uhr)

Die Strategie einer Aneignung der bestehenden Industrie wurde das gesamte 20. Jh. hindurch verfolgt und in größeren Weltgegenden erfolgreich umgesetzt. Im sich als real sozialistisch verstehenden Lager von Osteuropa bis Nordkorea war das ja der Fall. Die lächerlich geringe Produktivität, die mangelnde Zusammenarbeit trotz des beschworenen Internationalismus, ganz zu Schweigen von einer Politik, die für Millionen von Menschen Leid verursachte und sich selbst damit als antihuman entlarvt hat, zeigen, das dieser Ansatz gescheitert ist. Auf ganzer Linie. Das ist die Lehre, die aus den sozialistischen Politiken des 20. Jh.s zu ziehen ist, hier liegt der Ansatzpunkt für eine Selbstkritik.

Der Commonsansatz umgeht diese Fehler: er ist hyperproduktiv, vernetzt (im doppelten Sinn) und inklusiv. Das ganze Problemfeld einer politisch-rechtlichen Ausgestaltung der Commons ist sicher etwas komplizierter als es hier unter dem Stichwort „Governance der Commons“ diskutiert wird. In politikwissenschaftlicher Hinsicht ist aber eine derartig vernetzte und dezentrale Ökonomie wesentlich resistenter gegen jede Form autoritärer oder totalitärer Herrschaft als es die zentralisierten Industriekomplexe des 20. Jh.s waren. Damit erscheint der Commonsansatz, dessen antikapitalistisches Potential bewusst aktiviert werden muss, als zukunftsfähiger. In ihm wurden eben Lehren gezogen. Der damit verfolgte Aufbau von Doppelstrukturen, die zunächst neben der alten, kapitalistischen Wirtschaft bestehen, war auch die Erfolgsstrategie des Kapitals. Damals hat sich niemand darum gekümmert, alle Lehen zu übernehmen. Man hat die Lücken im bestehenden ausgenutzt: Die Adligen durften keinen Handel treiben, das war unstandesgemäß – wunderbar, dann machen es die Bürgerlichen. Analoges haben die Commoners zu tun. Jegliche Konfrontationsstrategie ist zum Scheitern verurteilt.

3 Hans-Hermann Hirschelmann (16.05.2012, 12:55 Uhr)

Wunderbar Wolfram Pfreudschuh!  Kann jedes Wort unterschreiben.

4 Hans-Gert Gräbe (16.05.2012, 22:28 Uhr)

Alter DDR-Witz: Honecker und Breshnew stellen fest, dass die Friedensfrage doch nicht die zentrale Frage ist. Frage: Wo befinden sie sich da gerade? Antwort: In Peking im Knast.

So ähnlich klingt das hier auf dem Hintergrund einer Argumentation, wie sie etwa Mike Davis in „Wer wird die Arche bauen? Die architektonische Vorstellungskraft in einem Zeitalter katastrophaler Konvergenz“ vorträgt. Sorry, ich denke, die Herausforderungen einer nahen Zukunft werden anderer Art sein als die Industriemaschine alter Art zu perpetuieren, unter welchem Banner auch immer.

5 Hans-Hermann Hirschelmann (17.05.2012, 03:07 Uhr)

Sozialismus wie von Karl Marx in der »Kritik des Gothaer Programms« (Marx, 1875) definiert, ist eine warenproduzierende Gesellschaft, in der
die Arbeiter_innenklasse die Macht hat. Historisch wurde dies durch den sogenannten »realexistierenden Sozialismus« umgesetzt.

Diese „Definition“ ist mir unbekannt. Marx hielt es ja eh nicht so mit der Definiererei. Nachlesen lässt sich jedenfalls dies:

Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Marx: Kritik des Gothaer Programms, MEW Bd. 19, S. 28

Dass sich eine als solche handlungsfähige Menschheit, die ihr Miteinander weltkommunistisch organisiert, erst als Ergebnis eher langwieriger Entwicklungsprozesse etablieren kann, also Übergänge notwendig sind, dürfte unstrittig sein.Ebenso, dass der Begriff der „revolutionären Diktatur des Proletariats“ keine so gute Wahl war.  Aber was ist die Essenz der marxschen Vorstellung einer politisch abgesicherten Übergangsphase? Kommunismus nannte Marx die gesellschaftlichen Prozesse, die die „alte Gesellschaft“, d.h. die privateigentümliche Aneignung gesellschaftlicher Arbeit und deren Produkte, sukzessive aufheben. 

Von einer Übergangsgesellschaft (egal, ob man die nun „Sozialismus“ nennt oder nicht), kann man reden, wenn dies  d.h. die – sukzessive – „Aneignung der gesellschaftlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft selbst“ oder anders gesagt: die zielgerichtete Herstellung der Möglichkeit zur weltgemeinschaftlichen Bestimmung der Produktionsziele, (-mittel, -risiken, -nebenwirkungen usw.) der weltweit vorherrschende soziale Prozess ist. Ein Prozess, der imÜbrigen gleichbedeutend mit der – sukzessiven – Emanzipation aus der Lohn- und Gehaltsabhängigkeit ist. Ich sehe einige gewichtige Gründe dafür, dass diese Perspektive politisch abgeschert werden muss, wenn das wahrscheinlich auch nicht durch den Sieg einer Partei geschieht sondern am Ende alle politisch relevanten Kräfte erfassen müsste.

Kurz: Zuerst muss die Macht errungen werden, dann wird die neue Produktionsweise folgen, um eine wirklich freie Gesellschaft aufzubauen. Dieses Konzept ist historisch gescheitert.

Das ist ein Zerrbild dem m.E. eine krasse Unterschätzung der Bedeutung demokratischer Freiheiten zugrunde liegt,  ohne die „Sozialismus“ schlicht ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Erringung und Behauptung von politischer Macht für den angedeuteten Emanzipationsprozess und soziale Veränderungen die nach Verstätigung, Absicherung, Systematisierung durch politische Instanzen verlangen, sind sich wechselseitig bedingende Prozesse. Das weltgemeinschaftliche Wirtschaften bzw. Entscheiden über Produktionszwecke, -mengen, mittel usw. jenseits von Markt und Staat zu organisieren, ist eine interessante Perspektive. Aber  Marx hat Recht. Das  geht nunmal nicht von Heute auf Morgen.

Gruß hh

6 Hans-Hermann Hirschelmann (17.05.2012, 12:07 Uhr)

Die Strategie einer Aneignung der bestehenden Industrie wurde das gesamte 20. Jh. hindurch verfolgt und in größeren Weltgegenden
erfolgreich umgesetzt. Im sich als real sozialistisch verstehenden Lager von Osteuropa bis Nordkorea war das ja der Fall.

Auch das sehe ich als ein Zerrbild, was mit der Philosophenmarotte zusammenhängen mag, sehr allemeine Begriffe grauer Theorie mit der (damit als starr definiert vorgestellten) konkreten (doch sehr bunten) Wirklichkeit zu verwechseln. Die von Marx und Co propagierte „Aneignung der gesellschaftlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft selbst“ ist natürlich als ein kontinuierlicher sozialer Prozess zu sehen bzw. als Kette oder vielmehr als sich entwickelnde Netzwerke sozialer Emanzipationsbewegungen. 

Selbst die Vorstellung, dass die Systematisierung und zeitliche Abkürzung der Entwicklung und Verallgemeinerung sozialer Mitbestimmungskompetenzen – vorrübergehend – Staatseigentum an Produktionsmitteln benötigt, ist (noch) nicht wirklich falsifiziert. Zumindest nicht von der Erfahrung mit dem so genannten „Realsozialismus“. 

Allein, weil das dortige Staatseigentum weitgehend national borniert war und, was noch sehr viel schwerer wiegt, Privateigentum der Bürokratie und unter gesellschaftlichen Bedingungen wirkte, die soziale Emanzipationsprozesse nicht nur nicht förderlich waren sondern in einem oft sehr viel größeren Maße im Wege standen, als im „kapitalistischen Ausland“.  

Natürlich haben sehr schematistische Vorstellungen im Hinblick auf Staatseigentum viel Schaden angerichtet. Sie hat meines Erachtens dem Neoliberalismus die Chancen sehr verbessert, in die Schwächen dieses Schematismus (des Irrglaubens, das Staatseigentum = gesellschaftliches Gemeineigentum)  hineinzustoßen (indem sie etwa den vom aufs Staatseigentum fixierten Schematismus ausgesparten Part der Konsumierenden einschlossen). Das heißt aber noch lange nicht, dass formelle Staatsbetriebe, Stromnetze usw. in Zukunft nicht auch eine sehr Emanzipationsproduktive Rolle spielen könnten – wenn deren Verwendung (hier wurde dafür der Begriff des realen Besitzes benutzt) ueinem gesellschaftlichen Commoning unterläge.

Ich betrachte das, was sich als Commonsbewegung mit einer Perspektive „jenseits von Staat und Markt“ entwickelt mit großer Sympathe und Neugierde, weil sich hier auf Basis gewachsener Möglichkeiten Inseln der gemeinschaftlichen Verantwortung herausschälen, die am Ende auch ein weltweites Commoning denkbar machen – und zwar, was notwendig scheint, durchaus als gesellschaftlicher Mainstream. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich „DAS Commonskonzept“ gibt, dass „DER Sozialreform“, „DEM ökologischen Umbau“ usw.  (wo auf politischer, also staatlicher Ebene agiert und auch – z.B. mittels Ökosteuern – ins Markt- und damit Produktionsgeschehen eingegrffen wird)  starr entgegen stünde oder auch einen starrer Gegensatz zu „DEM Kommunimus“ bilden würde. 

Na und wenn, sehe ichs halt als eine Form unter vielen, in der „die Gesellschaft“ beginnt, sich die nötigen Kompetenzen zur (welt-)gemeinschaftlich bestimmten Entwicklung und Anwendung ihrer Produktionsmittel anzueignen. 

7 Stefan Wehmeier (18.05.2012, 17:59 Uhr)

Die „Diktatur des Kapitals“ ist nichts anderes als
der in Fachkreisen als „Spiesbürgertheorie“ bezeichnete Denkfehler,
den Zins als eine – „gerechte“ – „Belohnung für
Konsumverzicht“ anzusehen, anstatt richtigerweise als eine – ungerechte –
Belohnung für Liquiditätsverzicht auf Kosten der Mehrarbeit anderer.
Für den Sparer erbringt die Volkswirtschaft bereits eine Leistung, wenn sie ihm
den sicheren Erhalt seiner Ersparnis auf unbegrenzte Zeit ermöglicht, um sie zu
einem späteren Zeitpunkt entweder verkonsumieren oder selbst in eigenes
Sachkapital investieren zu können. Auf eine Liquiditätsverzichtsprämie (in
Deutschland über 330 Mrd. Euro pro Jahr), die einen strukturellen
Sachkapitalmangel bestehen lässt, damit zu einer Mindestverzinsung allen
Sachkapitals (Verzinsung des unverschuldeten Sachkapitals: 120 Mrd. Euro pro
Jahr), Überrationalisierung, „Freisetzung“ von Arbeitskräften,
Vermassung und Eintönigkeit führt, hat er kein Anrecht.

Tatsächlich gibt es einen Zinsanteil, der als
„Belohnung für Konsumverzicht“ anzusehen ist, wenn nach einem Krieg
(umfassende Sachkapitalzerstörung) die Kreditnachfrage zur Finanzierung neuer
Sachkapitalien deutlich größer ist als das Kreditangebot. Dann erhöht sich der
Kapitalmarktzins um eine „Belohnung für Konsumverzicht“, weil in
dieser Situation die Schaffung neuen Sachkapitals für die Volkswirtschaft
wichtiger ist als der vorgezogene Konsum. Wird der Sachkapitalmangel kleiner,
geht die „Belohnung für Konsumverzicht“ gegen Null, nicht jedoch die
Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins), die allein aus der
Wertaufbewahrungs(un)funktion des herkömmlichen Geldes resultiert und unweigerlich
zur nächsten Wirtschaftskrise (gegenwärtiger Ist-Zustand) und dann in den
Staatsbankrott führt.
Reichtum, Zivilisation, technologischer und kultureller
Fortschritt entstehen aus einer funktionierenden Arbeitsteilung und nicht aus
der „Fähigkeit“, auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu existieren.
Dabei handelt es sich nicht um eine Frage der „Moral“, sondern des
Bewusstseins. Ein Milliardär, der heute über ein Bewusstsein verfügte, würde
die Hälfte seines Vermögens in die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung
(echte Soziale Marktwirtschaft) investieren und den „Rest“ in die
erst dann – aufgrund des Wegfalls der Rentabilitätshürde des Urzinses –
wirtschaftlichen Technologien (Solarzellen, Brennstoffzellen, Elektroantriebe,
Magnetschwebebahnen, etc.), die bereits zur Verfügung stehen. Zwar würde seine
Rendite, wenn er selbst keine neuen Technologien beisteuert, mittel- bis
langfristig gegen Null gehen, aber die kurzfristige Rendite, die er erzielen
würde, wäre enorm – und die Lebensqualität, die er sich schaffen würde, wäre
unbezahlbar!
Um ein Bewusstsein zu erlangen, bedarf es der „Auferstehung der
Toten“. Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor
lauter Vorurteilen nicht mehr denken können.

[Links zu Zinskritik-Propaganda gelöscht]

8 Stefan Meretz (18.05.2012, 19:51 Uhr)

Ich bin doch erstaunt, mit welcher Energie hier die Warenproduktion verteidigt wird. Alles, was nicht passt, ist »absurd«, deutliche Formulierung der Kritik ist »Zerrbild« — hier auch noch (zufällig) zusammen mit einem Zinskritiker in einer Sequenz.

@WP: Nicht die Commons sind eine neue Produktionsweise, sondern die Commons vergleiche ich in ihrer elementaren Bedeutung mit der Ware. Commons und Ware sind die Elementarformen der respektiven Produktionsweisen, die hier commonsbasierte Peer-Produktion und Warenproduktion genannt wird.

@HHH: Ob Marxschen Angaben zum Sozialismus (oder »erste Phase der kommunistischen Gesellschaft«) nun »Definition« nennst oder anders, ist doch wurscht. Inhaltlich ist es die Warengesellschaft, notgedrungen, da sie »ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft«:

Es herrscht hier offenbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andrerseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehn kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betrifft, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht. (MEW 19, S. 20)

Marx lügt sich dabei noch in die Tasche wenn er »Inhalt und Form« verändert sieht, nur weil hier der Staat faktisch die Kapitalfunktion übernehmen muss.

Sowenig hier jemand von »DER Ware« spricht hier auch niemand von »DEN Commons«. Die Commons sind sind jedoch auch nicht bloß eine soziale Form unter vielen (welche sollten das sein?).

9 Stefan Meretz (18.05.2012, 19:54 Uhr)
10 Hans-Hermann Hirschelmann (18.05.2012, 20:51 Uhr)

Alles, was nicht passt, ist »absurd«, deutliche Formulierung der Kritik ist »Zerrbild« — hier auch noch (zufällig) zusammen mit einem Zinskritiker in einer Sequenz.

Das ist doch schon sehr diffamierend. Was habe ich mit „Zinskritik“ zu schaffen?  Zeigt, dass Vermeineinschaftungsprozesse (hier vielleicht Herstellung einer Gemeinde von Commons-Strategen unter dem Segel der Wertkritik) eben doch immer auch mit verstecktem Autoritarismus  und  Feindbildpflege zu tun haben, und deshalb bei aller grundsätzlichen Sympathie stets auch mit Vorsicht zu genießen sind. Und dass die Entwicklung moderner Formen der  Vergemeinschaftung eine ordentliche Herausforderung ist.

Marx reflektierte in seiner Kritik am Gothaer Programm im Prinzip sehr richtig den logischen Umstand, dass die Umwälzung der Produktionsweise in Richtung (welt-)gemeinschaftlicher Verantwortung verschiedene Etappen durchlaufen muss in denen sich Klarheit über das, was in Richtung eines Miteinanders, das Mitmenschlichkeit und und ökologische Rücksichtsnahme bedingt zu tun ist, erst nach und nach – auf Basis des jeweils Erreichten – herstellen lässt. Es retten uns keine Behauptungen eines apriori vorhandenen „höheres Bewusstseins“. Bevor die Warenproduktion als Basisstruktur des Weltwirtschaftens überwunden werden kann, wird es verschiedene Versuche geben müssen, mit Hilfe von  Ökosteuern- und -zöllen, Vorschriften sozialer bzw. ökologischer Produktionsstandards so etwas wie eine soziale Srteuerung (und „ökologischen Umbau“) hinzubekommen.

Die Kritik am Gotheaer Programm lässt sich hier nachlesen:

http://kulturkritik.net/systematik/philosophie/mew/pop_mew.php?url=me19_013.htm%23I&tit=I.

Ich streite nicht ab, dass Inseln der Peer-to-Peer Produktion und gemeinschaftlicher Verantwortung viele Impulse geben und die Entwicklung sehr abkürzen können, und auch noch recht zeitnah eine produktive Rolle bei der Ermittlung weltgesellschaftlicher Ziele im Hinblick auf die Eindämmung des Treibhauseffektes, der Überwindung des Raubbaus und Verlustes an Fischgrnden, landwirtschaftlicher Nutzfläche oder Wälder spielen könnten. Aber die Warenpruduktion mitsamt ihrer Nationalstaaten llassen sich nun einmal nicht mit einem Fingerschnipp oder mittel Alternativbetriebe überwinden – jedenfalls nicht in Richtung eines Miteinanders, das weltweit allen ein gutes Leben ermöglicht, ohne dass dies die Grundlagen eines guten Lebens aller  zerstört.

11 Stefan Meretz (18.05.2012, 23:35 Uhr)

@HHH: Du hast nichts mit Zinskritik zu schaffen, deswegen auch das »zufällig« in Klammern. Aber nicht zufällig scheint mir die gemeinsame Plattform der Warenproduktion zu sein. Immerhin benennst du es ganz offen und redest nicht drumherum: Bevor die Warenproduktion überwunden wird, muss sie gebändigt werden — das ist ein klarer Standpunkt, den ich für zwar unrealistisch halte, aber der es nicht nötig hat, etwa die Peer-Produktion abzuwerten, um sich selber schöner scheinen zu lassen.

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