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Diskursfigur 3: Jenseits der Ware

Das ist Teil 3 einer Serie wöchentlich erscheinender Artikel, deren englische Fassung im Journal of Peer Production erscheinen soll. In den Artikeln versuche ich zehn Diskursfiguren zu beschreiben, wie sie im Oekonux-Projekt in über zehn Jahren der Analyse Freier Software und commons-basierter Peer-Produktion entwickelt wurden. Mehr zum Hintergrund im einleitenden Teil. Bisher erschienene Teile: 1, 2.

Diskursfigur 3: Jenseits der Ware

[English]

In ihren Untersuchungen hat Elinor Ostrom herausgefunden, dass »weder der Staat, noch der Markt« mit Commons erfolgreich umgehen können (1990). Basierend auf traditioneller Ökonomietheorie analysierte sie die Praktiken natürlicher Commons und widerlegte die liberalen Dogmen. Sowohl Märkte wie der Staat sind ungeeignete Formen, produzierten Reichtum zu verteilen und destruktive Effekte zu vermeiden. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Menschen sich entsprechend ihrer Bedürfnisse, Erfahrungen und Kreativität selbst organisieren und Ressourcen und Güter nicht als Waren, sondern als Commons-Ressourcen behandeln.

Genau das ist bei der Freien Software der Fall. Interessanterweise dauerte es Jahre, um zu erkennen, dass Freie Software ein Commons ist, und dass die Praktiken exakt dem entsprechen, wovon Elinor Ostrom und andere bereits viel früher sprachen. Ein schwacher Aspekt der traditionellen Commons-Forschung und frühen Phase der Freien Software war, dass es keinen klaren Begriff von Ware und Nicht-Ware gab. Es war das Oekonux-Projekt, das zuerst formulierte: Freie Software ist keine Ware. Dieses Diktum ist eng mit der Einsicht verbunden, dass Freie Software nicht getauscht wird (vgl. Diskursfigur 1).

Linke Kritiker_innen argumentierten, dass die Existenz von Nicht-Waren wie Commons auf den Bereich der immateriellen Güter beschränkt sei. Aus ihrer Sicht ist Freie Software nur eine »Anomalie« (Nuss, Heinrich 2002), während »normale« Güter im Kapitalismus Waren sein müssen. Diese Annahme ist jedoch eng mit der Akzeptanz des Knappheitsdogmas verbunden (vgl. Diskursfigur 2). Mehr noch, Kapitalismus wird auf diese Weise als eine Art natürliche Produktionsweise unter Bedingungen der »natürlichen Knappheit« (so die Annahme) behandelt. Diese Sicht stellt die wirklichen Verhältnisse auf den Kopf. Kapitalismus konnte sich nur etablieren durch Einhegung der Commons und durch Beraubung der Menschen von ihren traditionellen Zugängen zu Ressourcen, um sie in Arbeiter_innen zu verwandeln. Diese Einhegung der Commons ist ein anhaltender Prozess. Kapitalismus kann nur existieren, wenn die Menschen kontinuierlich durch künstliche Verknappung von Ressourcen getrennt werden. Eine Ware – so nett sie in den Einkaufszentren erscheinen mag – ist das Ergebnis eines fortlaufenden gewalttätigen Prozesses der Einhegung und Enteignung.

Der gleiche Prozess betrifft auch Software. Proprietäre Software enteignet die wissenschaftliche und schöpferische Gemeinschaft von ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und ihrer Kreativität. Freie Software war zunächst ein defensiver Akt, um gemeinschaftliche Güter als Commons zu erhalten. Da jedoch Software in der vordersten Linie der Produktivkraftentwicklung steht, wandelte sich die Freie Software schnell in einen kreativen Prozess, um Grenzen und Entfremdungen proprietärer Software zu überwinden. Im Sonderfeld der Freien Software entfaltete sich eine neue Produktionsweise, die sich schnell in andere Bereiche ausdehnt (vgl. Diskursfigur 10).

Güter, die nicht künstlich verknappt und getauscht werden, sind keine Waren, sondern Commons.

Diskursfigur 4: Jenseits des Geldes

Literatur

Kategorien: Freie Software, Theorie

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11. April 2012, 07:31 Uhr   4 Kommentare

1 Diskursfigur 5: Jenseits der Arbeit — keimform.de (25.04.2012, 07:29 Uhr)

[…] entwickelt wurden. Mehr zum Hintergrund im einleitenden Teil. Bisher erschienene Teile: 1, 2, 3, […]

2 Diskursfigur 6: Jenseits von Klassen — keimform.de (02.05.2012, 07:30 Uhr)

[…] entwickelt wurden. Mehr zum Hintergrund im einleitenden Teil. Bisher erschienene Teile: 1, 2, 3, 4, […]

3 Silke (21.05.2012, 10:56 Uhr)

Versuche es jetzt mal mit einen „c“, dass ich mir aus Deinem Zitat kopiert habe. Das müsste gehen. Zum Text: Ostrom würde das vermutlich anders sagen. Etwa so:

„In ihren Untersuchungen hat Elinor Ostrom herausgefunden, dass »weder der Staat, noch der Markt« ein Garant dafür sind, dass mit gemeinsam zu nutzenden Ressourcen gut umgegangen wird. Basierend auf traditioneller Ökonomietheorie analysierte sie die Praktiken der Menschen zur gemeinschaftlichen Nutzung von (vorwiegend natürlichen) Ressourcen und widerlegte die liberalen Dogmen. Markt und Staat, so Ostrom, sind oft nicht in der Lage,  produzierten Reichtum zu verteilen und destruktive Effekte zu vermeiden. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Menschen sich entsprechend ihrer Bedürfnisse, Erfahrungen und Kreativität selbst organisieren und Ressourcen und Güter nicht als Waren, sondern als Commons-Ressourcen behandeln.“

Ein anderer Gedanke. Ich halte Freie Software gar nicht für ein Sonderfeld, man muss einfach immer wieder deutlich machen, dass heute die meisten Industriezweige auf Sofwarenutzung beruhen – oder auf Design, auf Wissen…! Dann wird deutlich, dass es eben nicht nur „ein kleines Sonderbeispiel“ ist, sondern einen Großteil der jetzigen Warenproduktion vom Kopf auf die Füsse stellen könnte.

4 Stefan Meretz (21.05.2012, 12:48 Uhr)

Ja, Elinor Ostrom ist nicht warenkritisch. Deswegen würde sie nicht definitiv sagen: Markt und Staat können das nicht, sondern „sind kein Garant“, „sind oft nicht in der Lage“ usw. Gibt es aber Aussagen von ihr, wo sie zeigt: Markt und Staat können es?

Software ist insofern ein Sonderfeld, als es sich um nichtverbrauchende und leicht kopierbare Güter handelt. Es war also kein Zufall, dass Proprietarität und Warenform hier zuerst überschritten wurden. Dass Software heute fast alle gesellschaftlichen Bereiche durchzieht, hat sicherlich erhebliche Konsequenzen für die Warenproduktion. Aber wir dürfen hier nicht übersehen, dass es der Industrie immer wieder ganz gut gelingt, die proprietäre Form zu bewahren.

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