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Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 7)

[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6]

Neal Gorenflo: Auf welche Initiativen oder Veranstaltungen würdest du verweisen, um zu veranschaulichen, wie die soziale Produktion von Software die allgemeine Kultur beeinflusst? Das ist ein Thema, was David Bollier in Viral Spiral untersucht hat, aber mich interessiert, welche direkten Verbindungen du zwischen diesen Communities und anderen Lebensbereichen siehst.

Der Einfluss der peerproduzierten Software ist so weitreichend, dass es nahezu unmöglich ist, ihre breite kulturelle Wirkung nicht zu bemerken. Peerproduzierte Software war die wesentliche Inspirationsquelle, die Jakubowskis vorher erwähntes globales Dorf geprägt hat. Sie war ein Einfluss für das weltweite Netzwerk der unabhängigen Medienzentren Indymedia, die 1999 mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, die Aktionen der Antiglobalisierungsbewegung zu koordinieren. Peerproduzierte Software hat – über Weblogs – das Feld des Journalismus revolutioniert. Sie hat Gemeinschaftsanstrengungen wie das Humangenomprojekt inspiriert, die die Vorgehensweise der pharmazeutischen Industrie neu erfinden. Sie hat den Open-Source-Ansatz bei der Entwicklung stofflicher Produkte angeregt, auch bekannt als Open Design. Sie hat eine ständig steigende Anzahl von Firmen veranlasst, mit Modellen von „Open Innovation“ und „Nutzer_innen-Innovation“ zu experimentieren und dadurch die Teilhabe der Endnutzer_innen im Entwicklungsprozess vorangetrieben.

Und es gibt noch mehr, viel mehr. Die gegenwärtig populärste Enzyklopädie ist die Wikipedia, die von Nutzer_innen geschaffene Enzyklopädie im Internet. Immer mehr Universitäten bringen ihr Bildungsmaterial (wie Skripte und Studienpläne) online, um es für alle zugänglich zu machen, die Zugang zum Internet haben. Ein bekanntes Experiment ist die OpenCourseWare des MIT. Das gleiche geschieht mit wissenschaftlichen Periodika – in so genannten Open-Access-Journalen veröffentlichte Artikel sind für alle frei erhältlich, nicht nur für Akademiker_innen. Ähnliche molekulare Prozesse sind im künstlerischen Bereich im Gange: Die Freie Kulturbewegung setzt sich für die freie Verfügbarkeit von Kulturgütern ein. Alle diese Initiativen und Projekte sind auf irgendeine Art vom FOSS-Erfolg inspiriert oder beeinflusst. Sie entleihen sich einige oder alle der FOSS-Prinzipien und wenden sie auf einen anderen Kontext an. Die Liste ist unglaublich lang. Sicherlich, einige Ideen – wie das Free Beer, dessen Rezept frei erhältlich ist, damit es die Nutzer_innen abwandeln und weiterverteilen können – mögen eine geringere kulturelle Auswirkung haben als etwa das RepRap-Projekt, das einen 3D-Drucker entwickelt, der etwa so groß ist wie ein PC und dem Leuten ermöglichen soll, die meisten Dinge des täglichen Lebens zu Hause herzustellen. Aber wenn wir die Gesamtheit dieser Ansätze betrachten, dann sehen wir deutlich, wie tief die kulturellen Auswirkungen peerproduzierter Software sind.

Der Wikimedia-Tisch bei der Open-Source-Konferenz 2011 in Prag. Foto: Packa. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.

Meiner Meinung nach besteht der kombinierte Effekt all dieser Projekte darin, eine Kultur des Experimentierens und des Do-It-Yourself hervorzubringen. Peer-Produktion ist der Vorläufer einer neuen Kultur, die Leute ermutigt darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft basierend auf den Prinzipien der Peer-Produktion organisiert sein könnte. Wir beobachten, dass das auch schon passiert. Konzepte wie Open-Source-Steuerung und Open-Source-Demokratie (die unter anderem Douglas Rushkoff propagiert) läuten die Totenglocke für traditionelle Parteipolitik, indem sie eine breite und direkte Teilhabe am politischen Leben einfordern.

Neal Gorenflo: Welche Zukunft siehst du für Freie und Open-Source-Software? Welches sind die internen und externen Gefahren für ihre Vitalität, und welche neuen Bedingungen könnten Produktion und Nutzung ausweiten?

Ich bin überzeugt, dass sich das Open-Source-Modell weit über die Softwareindustrie hinaus ausdehnen und auf diese Weise die Reichweite dezentraler Gemeinschaftsproduktion revolutionieren wird. Das ist keine Vorhersage, sondern es geschieht bereits. Zu den Antriebskräften, die diesem Prozess Schub verleihen, gehört die Ablehnung reglementierter Arbeitsumgebungen und Lohnarbeit, wie die Aktivitäten einer zunehmenden Zahl von Menschen zeigen. Das Bild des „Unternehmensmenschen“ stößt junge Leute zunehmend ab. Also entscheiden sie sich für etwas anderes. Einige leben vom Wohlfahrtsstaat (in Ländern wie Schweden oder den Niederlanden, wo das möglich ist); andere versuchen sich als Mikro-Unternehmer_innen, entweder in der formellen oder informellen Wirtschaft. Die gemeinsame zugrunde liegende Motivation ist, der Entfremdung der Arbeit zu entkommen. Sie möchten Prozess und Inhalt ihrer Arbeit so umgestalten, dass sie mit ihren Wünschen nach flachen Hierarchien übereinstimmt und Aufgaben umfasst, durch welche sie sich selbst ausdrücken und ihre individuelle Persönlichkeit entwickeln können.

Die FOSS-Entwicklung wird sehr stark durch solche Wünsche vorangetrieben. Wenn sich Leute an FOSS-Projekten beteiligen, dann weil sie es kreativ, angenehm und erfüllend finden. FOSS-Forscher_innen wie Pekka Himanen haben absolut recht, wenn sie die „Hacker-Ethik“ von FOSS-Entwickler_innen als der dominanten Arbeitsethik im Kapitalismus – der berühmten „protestantischen Ethik“ – diametral entgegengesetzt ansehen. Im Gegensatz zur protestantischen Betonung einer Arbeitsdisziplin als Pflicht, feiert die Hacker-Ethik den Spaß und die Autonomie der intrinsisch motivierten Aktivitäten. Daher ist es nicht weiter überraschend, warum sie eine zunehmende Zahl von Leuten reizt, die von der Arbeitsrealität innerhalb der Unternehmenshierarchien desillusioniert sind.

Ich glaube nicht, dass es etwas der Dynamik von FOSS Inhärentes gibt, was ihre Vitalität untergräbt. Die Schlüsselrolle der FOSS-Community bei der fortlaufenden Entwicklung des Internets zeugt von ihrer inneren Dynamik und Nachhaltigkeit. Die FOSS-Vitalität wird eher durch externe Faktoren bedroht. Gesetzgebungen, die das Herumbasteln mit Technologie kriminalisiert, unterdrücken das Motiv des Experimentierens und beschränken letztlich die Beteiligung von Endnutzer_innen und Hobbyist_innen. Die Unterhaltungsindustrie mit den Film- und Musikkonzernen als Speerspitze hat in den letzten 15 Jahren eine harte Lobbyarbeit in diese Richtung betrieben, und wahrscheinlich werden die Unternehmen der Unterhaltungselektronik bald hinzukommen. Drakonische Durchsetzungsregimes des geistigen Eigentums haben den gleichen Effekt: Sie entmutigen dezentrale Entwicklung und beschränken die Beteiligung von Endnutzer_innen und Hobbyist_innen. Obwohl die wissenschaftliche Erkenntnis ihrer schädlichen Auswirkungen auf Innovationen weit verbreitet ist, hat dies den politischen und legislativen Prozess bislang nicht beeinflussen können. In jedem Fall wird sich der Konflikt zwischen der Community der FOSS-Projekte und dem kulturell-industriellem Komplex zuspitzen und in verschiedenen Formen auftreten. Er wird nicht nur in der legislativen Arena ausgetragen, sondern auch in den kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen.

[Teil 8 und Schluss]

Kategorien: Commons, Freie Hardware, Freie Inhalte, Freie Software, Praxis-Reflexionen

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16. März 2012, 06:59 Uhr   1 Kommentar

1 Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 8) — keimform.de (18.03.2012, 07:13 Uhr)

[...] [Letzter Teil des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7] [...]

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