Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 6)

[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5]

Neal Gorenflo: Was könnten ortsgebundene Communities, die nach einer Peer-Ökonomie streben, von den Communities lernen, die Software mittels Peer-Produktion herstellen? Welche Hindernisse siehst du bei der Übertragung der Online-Ökonomie in einen Offline-Kontext wie eine Stadt?

Die Communities der Peer-Produktion lehren uns, dass es unterschiedliche Wege gibt, menschliche Arbeit – und allgemeiner: menschliche Aktivitäten – zu organisieren. Peer-Produktion organisiert Enthusiasmus, nicht Gehorsam. Es zeigt sich, dass Manager_innen und Aufseher_innen nicht erforderlich sind. Auch wenn Hunderte von Personen teilnehmen, können diese in einem nicht-hierarchischen Rahmen koordiniert werden. In der Tat gibt es kaum ein Prinzip des traditionellen Business-Mangements, dem das lebende Beispiel der Peer-Produktions-Projekte nicht widerspricht.

Um eine Idee von den Schwierigkeiten zu bekommen, die die Umsetzung des Peer-Produktionsmodells auf den Kontext einer Stadt zur Folge haben würde, müssen wir auf die Bedingungen schauen, die diese Praktiken ermöglicht. Erstens liegt die Peer-Produktion außerhalb des Reichs der notwendigen Arbeit: Der Lebensunterhalt der großen Mehrheit der FOSS-Entwickler_innen hängt nicht von der FOSS-Tätigkeit ab, an der sie freiwillig in ihrer Freizeit teilnehmen. Zweitens sind die Produktionsmittel hochgradig verteilt: Die Kosten eines Computerkaufs sind unbedeutend im Vergleich zum Aufbau einer Autofabrik. Die Werkzeuge und Maschinen, die in den meisten Industriezweigen benutzt werden, sind überaus teuer und daher für die meisten Leute nicht zugänglich. Es ist offensichtlich, wie schwer es ist, diese Bedingungen auf die ganze Bevölkerung einer Stadt auszuweiten. Unabhängig von ihren eigenen Zuschreibungen basiert unsere Gesellschaft auf erzwungener Arbeit. Die meisten Leute arbeiten in Jobs, die sie nicht mögen, nur um Geld zu verdienen, das sie für Nahrung, Wohnung und Kleidung brauchen. Anstatt Arbeit also als kreative Aktivität zu erfahren, nehmen sie die Institution der Arbeit als Notwendigkeit wahr, nicht als freie Wahl.

Im Gegensatz dazu gedeiht die Peer-Produktion auf der Grundlage freiwilliger Beteiligung. Das deutet darauf hin, dass die Verwirklichung des Peer-Produktionsmodells im Kontext einer Stadt eine radikale Veränderung der Mentalität und eine komplett neue Logik der Organisation erfordern würde – ähnlich dem, das einige Theoretiker_innen und Forscher_innen der Peer-Produktion „Hackerethik“ nennen: eine Ethik, die kreative Aktivität als Selbstzweck zelebriert und die Prinzipien von Selbstbestimmung und Selbstentfaltung als fundamental für die Organisation menschlicher Aktivitäten auffasst. Kurz: Eine peerproduzierende Stadt ist ohne eine Art Ethik des Selbermachens undenkbar. Sie kann nur einer Situation entspringen, in der Menschen Dinge herstellen, weil sie sie benutzen wollen, und nicht, weil man ihnen das sagt oder sie dafür bezahlt. Das mag unrealistisch klingen, aber es wurde immer wieder mit großen Erfolg gewagt, allerdings in einem etwas kleineren Maßstab als dem einer modernen Metropole.

Nimm zum Beispiel den lebendigen Stadtbezirk Kreuzberg in der Mitte von Berlin und Christiania in Kopenhagen. Während die Gemeindebehörden beide Viertel größtenteils dem Verfall überließen, nahmen es einige Leute auf sich, ihnen wieder neue Impulse zu geben. Leere und baufällige Gebäude wurden besetzt und renoviert und auf diese Weise wieder bewohnbar gemacht. Alle Arten von Infrastrukturen – von Elektrizität und Wasser bis hin zu Gemeindediensten für diejenigen, die nicht mehr gut für sich alleine sorgen können – wurden aus eigener Kraft und von Grund auf ohne die Unterstützung lokaler Behörden aufgebaut. Wenn etwa ein Haus einer Renovierung bedurfte, wurde keine Firma gerufen, sondern die Besetzer_innen holten sich die Hilfe ihrer Freund_innen und Nachbar_innen und machten es selbst. Nur durch eine solche allgemeine Praxis sozialer Selbstverwaltung und gegenseitiger Hilfe kann eine peerproduzierende Stadt geschaffen werden.

Der Unterschied zwischen diesem Paradigma einer Organisation von unten und dem dominanten Modell sozialer Organisation ist gewaltig. Das gleiche kann in Bezug auf das Eigentum in der Peer-Produktion und in dem heute gesellschaftlich vorherrschenden Modell gesagt werden. Die Schaffung einer peerproduzierenden Stadt setzt voraus, dass technische Infrastrukturen für alle Stadt-Bewohner_innen frei verfügbar sind. Zudem erfordert sie einen Übergang vom exklusiven Eigentumsregime zu Strukturen, die auf kollektivem Besitz und struktureller Gemeinschaftlichkeit basieren. Da die Einrichtung einer peerproduzierenden Gesellschaft einen derart radikalen Machtwechsel bedeutet, ist sicherlich zu erwarten, dass Versuche in diese Richtung auf starken politischen Widerstand maßgeblicher Kreise treffen werden. Soviel ist sicher. Doch trotz der politischen Widerstände, die den Drang zur Universalisierung bremsen können, zeigt die Peer-Produktion die Dynamik einer Idee, deren Zeit gekommen ist. Während vor hundert Jahren die Offline-Anwendung der Peer-Produktion im Wesentlichen auf einige berufliche oder wissenschaftliche Verbände beschränkt blieb, wird der Schwung ihrer Umsetzung im Offline-Bereich heute von einer sprießenden Fülle von Experimenten gespeist.

Mitglieder von Open Source Ecology bauen einen RepRap-3D-Drucker. Foto: Marcus Calabresus. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.

Man betrachte zum Beispiel die weitreichenden Konsequenzen solcher Vorhaben wie Marcin Jakubowskis Global Village, ein Versuch zum Aufbau eines peerproduzierenden Dorfes im ländlichen Missouri. Kurz gesagt, besteht Jakubowskis Global Village aus einer Gruppe von Leuten, die gewillt und entschlossen sind, eine autonome und unabhängige geografische Community ohne Lohnarbeit und hierarchische Organisation aufzubauen. Als erstes haben sie ein Stück Land gekauft. Dann begannen sie, all die Materialien und Werkzeuge herzustellen, die man braucht, um ein Dorf aufzubauen – was Jakubowski „global village construction set“ nennt, also alles von Ziegeln und Bulldozern bis zu CNC-Fräsen und 3D-Druckern. Der Punkt ist nun, dass dieses prototypische Dorf bislang sehr gut funktioniert. Und der Erfolg hat eine Reihe ähnlicher Initiativen quer durch Europa hervorgebracht, was der Vision eines peerproduzierenden Dorfes eine konkrete Realität gibt.

[Teil 7]

Kategorien: Commons, Freie Software, Praxis-Reflexionen

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14. März 2012, 07:48 Uhr   5 Kommentare

1 Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 7) — keimform.de (16.03.2012, 07:00 Uhr)

[...] [Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6] [...]

2 Benni (20.03.2012, 17:31 Uhr)

Wäre mir neu, dass Marcin OSE “ohne Lohnarbeit” aufbauen will. Oder hab ich da was falsch verstanden?

3 Stefan Meretz (20.03.2012, 21:51 Uhr)

Soweit ich weiß, sind es alles Freiwillige, die OSE mit aufbauen, ohne Lohn. Hast du was anderes gehört?

4 Benni (23.03.2012, 23:04 Uhr)

Sie machen Ausschreibungen in denen sie zwar keinen Lohn versprechen, aber sozusagen Anteil am Gewinn, wenn ich das richtig verstanden hab.

5 Stefan Meretz (24.03.2012, 11:35 Uhr)

Hast du einen Link? Ich konnte nichts finden. Aber es würde passen, denn sie haben ja allgemein die Vorstellung, das Projekt über Verkäufe der Maschinen zu finanzieren.

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