Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 4)

[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3]

Michel Bauwens: Welche Beziehung siehst du zwischen der Peer-Produktion und der aufkommenden Ökonomie des Teilens, einschließlich der gemeinschaftlichen Nutzung, die das Hauptthema von Shareable ist? Sind beide Ausdruck von etwas noch Breiterem?

Ich denke nicht, dass gemeinschaftliche Nutzung oder die Ökonomie des Teilens etwas neues ist. Bücher aus der Bibliothek auszuleihen hat eine Jahrtausende lange Tradition. Und es sind nicht nur Bibliotheken. Das Konzept der „Umsonstläden“ ist sehr alt: Leute bringen Dinge, die sie weggeben wollen, etwa Kleidung und Möbel, und andere können sie umsonst mitnehmen. Was ich wichtig finde, ist das breite Spektrum von Motivationen, das hinter der Ökonomie des Teilens steht. Für manche Menschen ist das Teilen ein Lebensprinzip, ein moralischer Wert an sich. Für andere ist es lediglich bequem – für sie ist es wichtig, Zugang zu Ressourcen zu bekommen, wenn sie sie brauchen, anstatt sie tatsächlich besitzen zu müssen. Das steht hinter dem Aufstieg und Erfolg solcher kommerziellen Dienste wie Car-Sharing.

In Portland können an speziell markierten Parkplätzen Car-Sharing-Autos ausgeliehen werden, für die es in der ganzen Stadtmitte freie und exklusive Parkmöglichkeiten gibt. Foto: Lightpattern Productions. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.

Tatsächlich ist die Geselligkeit in unseren genetischen Code fest eingeschrieben. Sie ist auch eine starke Kraft hinter der gemeinschaftlichen Nutzung und der Ökonomie des Teilens. Ein Fußballspiel in einem leeren Stadion zu verfolgen macht keinen Spaß und eine Kneipentour ohne Begleitung auch nicht. Das ist im Wesentlichen auch der Grund für den Erfolg von Buchclubs, Lesegruppen und ähnlichen Initiativen: Sie verwandeln das Lesen von Büchern in eine kollektive Aktivität, wodurch es interessanter wird und viel mehr Spaß macht. Ähnliches kann über das Wohnen gesagt werden: Viele Leute, insbesondere jüngere, wenden sich kollektiven Formen des Zusammenlebens zu, weil sie das Alleinleben nicht ausstehen können. Ein weitere häufige Motivation ist die gegenseitige Hilfe durch gemeinsames Nutzen von Ressourcen, sichtbar etwa bei den Computerclubs der 1980er und 1990er (wie dem legendären Homebrew Computerclub) und den Hackerspaces (auch bekannt als Hacklabs und Makerspaces) heute.

Meiner Meinung nach wurde die Ökonomie des Teilens seit Anbeginn der Zivilisation von einigen grundlegenden menschlichen Bedürfnissen und Wünschen hervorgerufen und umgekehrt. Das bedeutet nicht, dass sie nichts mit der Peer-Produktion zu tun hat, im Gegenteil. Peer-Produktion verstärkt die gemeinschaftliche Nutzung und die Ökonomie des Teilens, und zwar auf zweierlei Weise. Sie schafft und entwickelt technische Infrastrukturen, die zunehmend mehr Aktivitäten und die Kontexte, in denen sie stattfinden, in Peer-Aktivitäten umwandelt. Veranschaulichen kann man dies am Beispiel der Nutzer_innen von P2P-Filesharing-Netzwerken, die den Konsum von Kulturgütern wie Musik als Peer-Aktivität neu definiert haben.

Noch leichter sichtbar ist aber die andere Weise, in der die Peer-Produktion die Ökonomie des Teilens vorantreibt, nämlich durch die Anreicherung der Commons. Wenn wir die Commons als eine geteilte ökonomische Infrastruktur denken, dann können wir klar sehen, wie die Peer-Produktion die Ökonomie des Teilens von den Zwängen befreit, die ihr lange Zeit durch das Regime exklusiver Eigentumsrechte auferlegt waren.

Es ist unbestreitbar richtig, dass sowohl die Ökonomie des Teilens als auch die Peer-Produktion konkrete Ausdrücke eines alternativen Pfades ökonomischer Entwicklung sind – allgemeiner, eines alternativen Modells sozialer Organisation –, was uns in die Lage versetzt, Probleme auf neue Weise zu betrachten und zu lösen. Die Ökonomie des Teilens ist untrennbar mit einem Modus der Vergesellschaftung in Bezug auf die Austausch- und Konsumprozesse verbunden, der gegenseitige Unterstützung und Sozialität befördert. Und die Peer-Produktion stellen einen Modus der Vergesellschaftung im Produktionsprozess her, der durch Spontanität, durch die Informalität gegenseitiger Freundschaften und durch kommunale Beziehungen charakterisiert ist. In Worten der klassischen politischen Philosophie können wir sagen, dass beide Ausdruck einer Negation der dominanten Formen sozialer Beziehungen in der Gegenwart sind.

[Teil 5]

Kategorien: Commons, Freie Software, Praxis-Reflexionen

Tags: , , , , , , , ,

10. März 2012, 07:24 Uhr   1 Kommentar

1 Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 5) — keimform.de (12.03.2012, 07:39 Uhr)

[...] [Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4] [...]

Schreibe einen Kommentar