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Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 3)

[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2]

Michel Bauwens: Peer-Produktion umfasst Communites von Beitragenden, die zum Teil dafür bezahlt werden und zum Teil nicht, gemeinnützige Vereinigungen wie die FLOSS-Stiftungen sowie beteiligte Unternehmen. Wie sind die Beziehungen zwischen diesen drei Gruppen? Gibt es einen Punkt, wo die Rolle der Unternehmen die P2P- und Commons-Dynamiken so stark verzerrt, dass man nicht länger von Peer-Produktion sprechen kann?

Ihrem Wesen nach ist Peer-Produktion eine Produktionsweise, die weder auf den Markttausch abzielt, noch durch Firmenhierarchien gesteuert wird. Daher unterscheidet sich die Peer-Produktions-Projekten zugrunde liegende Motivation wie auch die Ausrichtung der Produktion in solchen Projekten radikal von den Merkmalen profitorientierter Unternehmen. Obwohl viele zu FOSS-Projekten Beitragende in der IT-Industrie arbeiten – und einige von ihnen von ihrem Brötchengeber für ihre FOSS-Entwicklung bezahlt werden – ist die Teilnahme an FOSS-Projekten in der Regel freiwillig und unbezahlt.

Es ist daher sinnvoll, die Beziehungen der in deiner Frage erwähnten drei organisatorischen Einheiten wie folgt zu betrachten: Eine Peer-Produktions-Community stellt ein Produkt her, das – aufgrund der allgemeinen Freiheit es zu nutzen, zu modifizieren und weiter zu verteilen – Firmen anzieht, die es entweder intern nutzen oder es auf dem Markt kommerziell verwerten wollen. Um zur fortwährenden Entwicklung eines solchen Produkts beizutragen, geben einige dieser Unternehmen der Community etwas zurück, zum Beispiel in Form von Geld oder Ausstattung. Andere bieten prominenten FOSS-Entwickler_innen einen bezahlten Job, um im Grunde weiterhin dasselbe zu machen, was sie bis dahin auch als Freiwillige getan haben. FLOSS-Stiftungen nehmen dabei oft eine vermittelnde Rolle zwischen Projekten und Firmen ein. Sie bieten Firmen einen Kommunikationskanal, um mit der Community Kontakt zu halten.

Ich denke, wir können dann nicht länger von Peer-Produktion sprechen, wenn es keine Peer-Steuerung oder kein Peer-Eigentum mehr gibt. Wenn Aufgaben von den Teilnehmenden nicht mehr selbst ausgewählt, sondern ihnen von einer Management-Hierarchie zugewiesen werden, wenn der Management-Prozess nicht kollektiv ist, sondern auf der Trennung zwischen denen basiert, die die Entscheidungen treffen, und jenen, die die Arbeit machen, dann ist das keine Peer-Produktion mehr.

Wir können auch nicht von Peer-Produktion außerhalb der Commons sprechen, das heißt, wenn der Produktionsprozess zu einem Produkt führt, das nicht für alle frei verfügbar ist, die es nutzen wollen. Daher können Unternehmen gut zu den Commons beitragen (zum Beispiel, indem sie, wie viele Software-Unternehmen, intern entwickelte Software unter FOSS-Lizenzen freigeben) oder Peer-Produktions-Communities unterstützen (so wie einige Softwareunternehmen Code zu FOSS-Projekten beitragen), aber sie können den Peer-Produktions-Prozess nicht managen. Jeder Versuch wird heftigen Widerstand der Beteiligten hervorgerufen. Selbst wenn ein Unternehmen ein solches Projekt mit dem Ziel starten würde, die Regelung der Produktion über das Netzwerk hinweg zu verteilen, würde jeder Versuch einer plumpen Kontrolle der Entwicklung zweifellos von der Teilnahme abschrecken und das Peer-Produktions-Modell auf diese Weise zerstören.

[Teil 4]

Kategorien: Commons, Freie Software, Praxis-Reflexionen

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8. März 2012, 07:09 Uhr   4 Kommentare

1 Herr Schmidt (08.03.2012, 16:20 Uhr)

Hallo
>>> Ich denke, wir können dann nicht länger von Peer-Produktion sprechen,
wenn es keine Peer-Steuerung oder kein Peer-Eigentum mehr gibt. <<<

Was ist Peer-Eigentum?
Wie ist der Satz zu verstehen?

MfG   Herr Schmidt

2 Stefan Meretz (08.03.2012, 22:53 Uhr)

Ja, da bin ich beim Übersetzen auch drüber gestolpert und habe dann „peer property“ einfach als „Peer-Eigentum“ übersetzt („Peer-Besitz“ wäre auch möglich gewesen).

Zwei Interpretationen sind möglich: Entweder ist im Wortsinne das verteilte Privateigentum gemeint (jeder ist Eigentümer des eigenen Rechners), das in den Prozess der Peer-Produktion eingebracht wird. Oder allgemeiner geht es um die „gemeinschaftliche Verfügung“ ohne Fremdbestimmung über den Prozess der Peer-Produktion. Der nachfolgende Text deutet eher auf zweites hin, aber erstes scheint mir auch plausibel.

3 Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 4) — keimform.de (10.03.2012, 07:24 Uhr)

[…] [Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3] […]

4 Benni (20.03.2012, 17:20 Uhr)

Ich denke mit „peer property“ ist hier eher die common-pool-ressource, also der code gemeint, der allen gehört.

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