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Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 1)

Quelle: Shareble, aus dem Englischen übertragen von Stefan Meretz und Christian Siefkes. Einige Begriffe haben im Deutschen keine direkte Entsprechung. Der Begriff „governance“ umfasst allgemein die Art und Weise der sozialen Regelung und Steuerung von Organisationseinheiten, im Falle der Peer-Produktion von Communities. Hier wird die lange Fassung „soziale Regelung und Steuerung“ oder abkürzend „soziale Steuerung“ oder einfach nur „Steuerung“ verwendet.

George Dafermos im Interview

Während der Begriff der Peer-Produktion nach den Pionierarbeiten von Yochai Benkler und dem offensichtlichen Erfolg von Open-Source-Software wohl bekannt ist, ist die soziale Regelung und Steuerung dieser Communities in weit geringerem Maße Gegenstand von Debatten und Studien. Doch die Untersuchung der sozialen Steuerungsmechanismen ist wesentlich, da es keine wirkliche Peer-Produktion geben kann, wenn die Verteilung der Ressourcen nicht Ergebnis der sozialen Beziehungen selbst ist, sondern von kommerziellen Interessen und Herrschaft bestimmt wird. Tatsächlich treten viele kommerziell getriebene und gemanagte Projekte als Open Source auf, aber wenn sie auf klassische Weise gemanagt werden, ist das Potenzial für soziale Veränderungen ziemlich begrenzt. George Dafermos von der Technischen Universität Delft ist einer der wenigen Forscher, der sich auf die soziale Regelung und Steuerung von Communities Freier Software spezialisiert und klarere Kriterien für echte Peer-Produktion vorgeschlagen hat.

Michel Bauwens: Du bist in der P2P-Community für deine Forschungen zur sozialen Steuerung in Free / Libre and Open Source Software (FOSS oder FLOSS) Projekten bekannt. Bitte erzähle uns für diejenigen, die mit deinem Werk nicht vertraut sind, von deinem Hintergrund und deinen Forschungen.

Meine Reise ins Milieu der Freien und Open Source Software (FOSS) umfasst schon mehr als ein Jahrzehnt. Ich habe als Forscher an mehreren FOSS-Studien teilgenommen, von denen die Untersuchung Management and Virtual Decentralised Networks: The Linux Project vielleicht die bekannteste ist – eine der ersten Analysen großer FOSS-Projekte aus organisatorischer Perspektive. Ich verstehe mich als Copyleft-Aktivist und habe als Berater für Fragen der FOSS-Lizensierung zu einigen Projekten beigetragen. In den letzten fünf Jahren haben sich meine Forschungsarbeiten jedoch auf die Organisation der Entwicklung von FreeBSD – einem der größten und ältesten FOSS-Projekte – konzentriert, und derzeit erstelle ich an der Technischen Universität Delft meine Dissertation zu diesem Thema. Wie andere Sozialwissenschaftler_innen betrachte ich FOSS als neu entstehendes Paradigma für die Organisation kollektiver Aktivitäten und als Labor für dezentrale experimentelle Technologie-Entwicklung ist.

Michel Bauwens: In der P2P-Stiftung unterscheiden wir Peer-Produktion, Peer-Steuerung und Peer-Eigentum. Würdest du dieser Dreiteilung zustimmen, und ist es eine angemessene Einschätzung zu sagen, dass du einer der wenigen Forscher_innen bist, die sich auf die Peer-Steuerung von Communities der Peer-Produktion spezialisiert haben? Stimmst du zu, dass es in solchen Communities eine spezifische Art und Weise der Steuerung gibt, und wie hängt Peer-Steuerung mit Demokratie zusammen?

Bei der Erforschung der Peer-Produktion ist der Ansatz der P2P-Stiftung ohne Zweifel extrem nützlich, da er die Aufmerksamkeit auf die Schlüsseldimensionen des Phänomens lenkt. Was die Peer-Produktion von anderen Produktionsweisen abhebt, ist ihre Art von Steuerung und Eigentum. Um es anders auszudrücken: Was bei diesem Phänomen so besonders ist, ist die Weise, wie Menschen an der Produktion eines Guts teilhaben und ihre Anstrengungen kollektiv organisieren, sowie die Weise, in der die so entstehenden Produkte verteilt werden. Peer-Produktion ist offensichtlich durch eine bestimmte Art und Weise der Regelung und Steuerung charakterisiert, die auf einer Selbstauswahl der Aufgaben durch die Teilnehmer_innen beruht, die kollektiv und konsensorientiert Entscheidungen treffen. Und das hat natürlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Konzept direkter Demokratie.

Bezüglich der Frage, ob sich nur wenige Forscher_innen auf die Praktiken der Peer-Steuerung konzentrieren, würde ich sagen, dass – auch wenn sich im Vergleich zur Untersuchung der Steuerung traditioneller Organisationen nur wenige Forscher_innen diesem Thema widmen – Peer-Produktion heute kein exotisches Forschungsfeld mehr ist. Die Anzahl der Sozialwissenschaftler_innen, die sich mit Peer-Produktion beschäftigen, ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gestiegen. Ohne Zweifel verbreitet sich das Bewusstsein des diesbezüglichen Forschungspotenzials in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.

[Teil 2]

Kategorien: Commons, Freie Software, Praxis-Reflexionen

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4. März 2012, 07:47 Uhr   3 Kommentare

1 Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 2) — keimform.de (06.03.2012, 07:50 Uhr)

[…] [Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1] […]

2 Aus der virtuellen Nachbarschaft [46] - HF's Jotter (10.03.2012, 09:31 Uhr)

[…] keimform.de (Teile 1, 2, 3 und […]

3 Gemeingüter » Warum und wie funktioniert Open Source? (19.03.2012, 06:21 Uhr)

[…] hat ein langes Interview mit dem Open-Source-Experten George Dafermos aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Es geht darum um die Frage des »Governance« von Projekten der commons-basierten […]

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