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Commonismus

Titelbild ABC der Alternativen 2.0[Dieser kleine Einführungsartikel ist im ABC der Alternativen 2.0 erschienen (Hg. Ulrich Brand, Bettina Lösch, Benjamin Opratko und Stefan Thimmel; VSA, Hamburg 2012, S. 50–51).]

Im Kapitalismus ist das Ziel der Produktion der Profit – Firmen wollen Gewinne machen, InvestorInnen ihr Geld vermehren. Grundlage ist das Privateigentum, das einer Person oder Firma umfassende Nutzungs- und Verwertungsrechte an einer Sache einräumt, inklusive des Rechts, alle anderen von der Nutzung der Sache auszuschließen. Chancen auf volle gesellschaftliche Teilhabe haben die meisten Menschen nur, wenn sie eine Firma überzeugen können, dass diese ihre Arbeitskraft profitabel einsetzen kann.

Dies jedoch ist schwierig, weil man dabei gegen die anderen konkurrieren muss, die dasselbe wollen. Aber auch die Firmen sind zum Konkurrenzkampf gezwungen, wenn sie ihre Waren mit Profit verkaufen wollen, denn zahlungsfähige Kundschaft ist ebenso knapp wie bezahlte Arbeit. Profit, Knappheit und Konkurrenz sind notwendige Grundelemente des Kapitalismus.

Ein „starker Staat“ wird oft als Alternative angepriesen. Doch da Staaten im Kapitalismus nur die Spielregeln setzen, unter denen sich die Konkurrenz auf dem Markt entwickelt, kann dies nichts Grundsätzliches ändern, sondern nur Symptome lindern.

Der „Commonismus“ ist einer von vielen Begriffen, unter denen eine radikal andere Alternative diskutiert wird. Dabei geht es weder um bloße Kritik noch um rein theoretische Debatten, sondern darum, heute schon vorhandene Keimformen einer ganz anderen Form von Gesellschaft und Produktion auszumachen, zu verstehen und zu stärken. Schlüsselelemente des Commonismus sind die → Commons, die Gemeingüter, und die Peer-Produktion, die auf freiwilligen Beiträgen und Kooperation auf Augenhöhe basiert.

Die Debatten um den Commonismus kommen aus unterschiedlichen Richtungen und wachsen erst allmählich zusammen. Eine dieser Wurzeln ist das Oekonux-Projekt, in dem seit Ende der 1990er-Jahre das freie Betriebssystem GNU/Linux und freie Software im Allgemeinen als mögliche Grundlage einer anderen Ökonomie betrachtet werden. Freie Software wird auch von Firmen zu Profitzwecken mitentwickelt, doch sie ist keine Ware und vielen der Beteiligten geht es um andere Dinge: Sie entwickeln freie Software, weil sie an dem entstehenden Werk Interesse haben, weil sie dabei Dinge tun können, die ihnen Spaß machen, oder weil sie anderen etwas zurückgeben möchten (ohne dazu verpflichtet zu sein). Bei Peer-Produktion geht es nicht um Profit, sondern um Bedürfnisse und Wünsche der Beteiligten.

Dass Peer-Produktion auf Commons aufbaut und selbst Commons hervorbringt bzw. pflegt und verbessert, wurde erstmals von Yochai Benkler herausgearbeitet, der den Begriff commons-based peer production prägte. Dazu gehören neben freier Software etwa auch die Freie-Kultur-Bewegung mit Wikipedia und OpenStreetMap als bekannten Beispielen, freie Funknetzwerke und Gemeinschaftsgärten. Die hier entstehenden Dinge sind kein exklusives Privateigentum einzelner, sondern Commons, die von allen, die Interesse haben, genutzt, gepflegt und verbessert werden können.

Die Commonismus-These besagt, dass commonsbasierte Peer-Produktion nicht nur in einzelnen Nischen floriert, sondern die Gesellschaft als ganze radikal umgestalten kann. Über reine Informationsproduktion ist sie schon hinausgewachsen. Zunehmend werden auch materielle Produkte wie Möbel, Kleidung, Elektronik oder Maschinen, gemeinsam im Internet entworfen, wobei Objektbeschreibungen und Baupläne als Commons geteilt werden (Open Hardware). Gemeinschaften von Peer-ProduzentInnen konstruieren frei nutzbare Produktionsmittel, von 3D-Druckern („Fabbern“) über CNC-Maschinen bis zu Traktoren. Zugleich sind schon in Hunderten von Städten frei nutzbare, selbstorganisierte Räume für bedürfnisorientierte Produktion entstanden – oft FabLabs oder Hackerspaces genannt.

Dass Menschen so die Produktion zunehmend selbst in die Hand nehmen, heißt aber nicht, dass künftig jeder für sich produzieren müsste. Statt Eigenarbeit oder Subsistenz in kleinen Gruppen stehen das gemeinsame Tun und die freiwillige Produktion für andere und mit anderen im Vordergrund.

Produktion ist aber nur möglich, wenn die nötigen Ressourcen vorhanden sind. Maßgeblich für die Durchsetzung des Kapitalismus war die (tatsächlich bis heute andauernde) „ursprüngliche Akkumulation“, die Einhegung der Commons, die dadurch privatisiert oder zerstört wurden. Heute steht der umgekehrte Kampf an, ein Kampf um die Wiederherstellung und Neuerschaffung von Commons, um eine dauerhaft tragfähige Grundlage für selbstorganisierte und selbstbestimmte gemeinschaftliche Peer-Produktion zu schaffen und so Staat und Markt überflüssig zu machen.

Zum Weiterlesen

Benkler, Yochai (2006): The Wealth of Networks. New Haven, cyber.law.harvard.edu/wealth_of_networks/
Habermann, Friederike (2011): Gutes Leben mit Ecommony. Streifzüge 51, www.streifzuege.org/2011/gutes-leben-mit-ecommony
Siefkes, Christian (2011): Das gute Leben produzieren. Streifzüge 51, www.streifzuege.org/2011/das-gute-leben-produzieren
www.keimform.de

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Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Medientipp

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29. September 2012, 07:42 Uhr   1 Kommentar

1 Hans-Hermann Hirschelmann (29.09.2012, 09:05 Uhr)

„Chancen auf volle gesellschaftliche Teilhabe haben die meisten Menschen nur, wenn sie eine Firma überzeugen können, dass diese ihre Arbeitskraft profitabel einsetzen kann.“

Volle gesellschaftliche Teilhabe?
Hm … 

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