Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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LibreOffice: Basar statt Kathedrale

Die Botschaft ist eindeutig:

Liebe Unternehmen, die ihr Geld rund um Freie Software machen wollt: Wenn ihr nicht versteht oder verstehen wollt, wie die Entwicklung Freier Software funktioniert, dann müssen wir uns leider von euch trennen.
Eure Communities.

Im Herbst 2010 kam es zu einem Fork des alten OpenOffice.org-Projekts und zur Gründung von LibreOffice-Projekts. Ich sag’s mal etwas deutlicher, als es die Autoren des iX-Artikels »Die Freiheit, die ich meine…« tun: Hauptsponsor Oracle hat’s nicht geschnallt und total versaut — ein Lehrbeispiel!

Und so geht die Geschichte: Es war einmal…

… im Jahr 1985, als StarWriter erschien. Das war ein Textverarbeitungsprogramm für inzwischen nur noch in Museen zu besichtigende Computersysteme. Die Wohnzimmer-Firma Star Division aus Lüneburg brachte es als proprietäre Software auf den Markt. Von Freier Software war bestenfalls in den USA in eingeweihten Zirkeln die Rede. Als die nach Hamburg übergesiedelte Firma angesichts der übermächtigen M$-Konkurrenz Mitte der 1990er Jahre ins Schwimmen kam, machte sie einen Guerilla-Hack von einigen Star-Division-Entwicklern (StarOffice auf GNU/Linux) öffentlich. StarOffice mutierte schrittweise zu Freier Software.

Die Firma Sun Microsystems schluckte 1999 Star Division, das Projekt OpenOffice.org entstand. 2010 war Sun selbst an der Reihe und wurde von Oracle gekauft. Sun bewies zwar ein Händchen für den Umgang mit der Community, aber die anfangs in Aussicht gestellte Stiftung, die als Träger des Freien OpenOffice dienen sollte, wurde nie gegründet. Mit Oracle kam dann ein Player (»Hauptsponsor«) ins Spiel, der sich nach innen so gebärdet wie der Boss Larry Ellison nach außen auftritt: dynamisch und — ignorant.

Im Herbst war es dann genug: Wichtige Mitglieder der OpenOffice-org-Community gründeten die lange angestrebte Stiftung unter dem Namen The Document Foundation (TDF). Da die Namensrechte an OpenOffice.org bei Oracle liegen, wurde LibreOffice als neuer Projektname gewählt. Nach und wechselten fast alle freiwilligen Community-Mitglieder zu LibreOffice. TDF verfasste ein »Next Decade Manifesto«, das sehr deutlich ist.

Hier ein Ausschnitt in eigener deutscher Übersetzung (die vier Pro und Contra-Punkte entsprechen sich thematisch).

Wir verpflichten uns…

  • …die digitale Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, in dem wir jedem Zugang zu kostenlosen Office-Anwendungen geben, die es ermöglichen, ein vollwertiges Gesellschaftsmitglied im 21. Jahrhunderts zu sein;
  • … die Bewahrung der Muttersprachen zu unterstützen, indem wir jeden ermutigen, die Office-Anwendungen in die eigene Muttersprache zu übersetzen, sie zu dokumentieren, zu unterstützen und zu verbreiten;
  • … es den Nutzern von Office-Anwendungen durch den Einsatz offener Dokumentenformate und offener Standards zu ermöglichen, das geistige Eigentum in ihren Dokumenten zu erhalten;
  • … zu einem offenen, transparenten und gegenseitig begutachtetem Software-Entwicklungsprozess, in dem hohe technische Qualität geschätzt wird.

Wir lehnen ab…

  • … das Eigentum an Office-Anwendungen durch Monopol-Anbieter, das der globalen elektronischen Redefreiheit de facto eine Steuer auferlegt und ökonomisch Benachteiligte bestraft;
  • … die schleichende Dominanz von Computer-Oberflächen in einer einzigen Sprache, die die Menschen zwingt, eine fremde Sprache zu erlernen, bevor sie sich mit elektronisch Mitteln ausdrücken können;
  • … das Eigentum über Dateiformate durch proprietäre Software-Unternehmen — Dokumente gehören ihren Schöpfern, nicht den Software-Anbietern;
  • … geschlossene Software-Entwicklung, in der Fehler unerkannt bleiben können und schlechte Qualität akzeptiert wird.

Was das »geistige Eigentum« (dritter Punkt der Pro-Liste) mit offenen Dokumentenformaten zu tun hat, wird zwar nicht richtig klar, aber insgesamt beschreiben die Punkte sehr gut, was Freie Software-Entwickung ausmacht. Es liegt auf der Hand, dass dies nur in einem transparenten Prozess geschehen kann, damit sich keine Community-Anti-Patterns ausbilden.

Der Rahmen der Stiftung bietet eine gute Möglichkeit, nun auch die früheren Schwächen der OpenOffice-Entwicklung zu überwinden. So soll das LibreOffice-Projekt wesentlich inklusiver gestaltet werden, um die Abhängigkeit vom alten Star-Division-Team in Hamburg zu überwinden. Bürokratische Hürden sollen abgebaut, notwendige Code-Renovierungen und -Dokumentationen nachgeholt werden. Code-Änderungen sollen schneller zu »running code« führen. Eine klarere Lizensierung (GNU LGPL und MPL) erübrigt lästige Copyright-Übertragungen, wie das entsprechend des US-Rechts von Sun/Oracle gefordert war.

Fazit der Autoren des iX-Artikels:

Damit hat sich das LibreOffice-Projekt ganz klar der Basar-Philosophie der Open-Source-Entwicklung verschrieben, im Gegensatz zur vormals doch eher dem Kathedralenbau ähnlichen Sichtweise. Die Beteiligten haben die Hoffnung, damit ähnlich Erfolg zu haben wie andere großen Open-Source-Projekte, beispielsweise das Linux-kernel-Projekt.

Die Chancen stehen nicht schlecht!

[Update] Oracle versaut es sich langsam mit allen: »Konflikt mit Oracle: Aus Hudson wird Jenkins«

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen

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1. Februar 2011, 07:01 Uhr   7 Kommentare

1 Traumspinner (01.02.2011, 11:44 Uhr)

ja so kannst gehen ,waru aber orakel jetzt die „rechte“ für openoffice habt ist mir immer noch nicht klar, wiso konnten die nicht das ganze projekt mitnehmen und müssen sich jetzt einen neuen namen aufbauen?

2 StefanMz (01.02.2011, 12:51 Uhr)

@Traumspinner: Urheberrecht und Namensrecht sind zwei verschiedene Dinge. Mittels des ersten wird per Freier Lizenz die Freiheit der Software gesichert, mittels des zweiten der Name. Das Namensrecht lag bei Sun, und als die aufgekauft wurden, bei Oracle. Da Oracle den Namen nicht rausrückt, bist du bei einem Fork gezwungen, einen neuen Namen aufzubauen. OpenOffice als Oracle-Produkt existiert ja auch noch weiter (mal sehn wie lange). Es ist also ein echter Fork mit zwei Produkten, die sich mit dem Release 3.3 auf beiden Seiten auch schon technisch unterscheiden.

3 DanielG (02.02.2011, 11:17 Uhr)

@StephanMz

Ich würde den Punkt drei in der Positiv liste so verstehen, dass freie Dokumentenformate den Benutzer befähigen seine Inhalte unabhängig von konkreten Softwareprogrammen zu erhalten (i.S.v. konservieren)

LG und danke für eure tollen Blog!! dg

4 StefanMz (02.02.2011, 12:09 Uhr)

@Daniel: Ja, das habe ich mir auch so erklärt. Vielleicht hat »intellectual property« nicht nur eine rechtlich formale Bedeutung, sondern meint auch allgemein »geistige Inhalte«. Weiss ich aber nicht.

Ansonsten: 🙂

5 Serdar (02.02.2011, 16:54 Uhr)

Ehrlich gesagt, gefällt mir LibreOffice auch besser. Ich komme damit ganz gut klar.

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[…] LibreOffice: Basar statt Kathedrale — keimform.de. Dieser Beitrag wurde unter OS – Software abgelegt und mit Commons, Community, LibreOffice, Open […]

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