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James Quilligan über »open access«

Die nachfolgende Übersetzung eines Beitrages von James Quilligan aus der Commoning-Mailingliste schließt nahtlos an meinen ersten Bericht an und problematisiert den Begriff der »Offenheit« generell (vgl. dazu auch den Beitrag von Silke auf englisch).

James Quilligan:

Erstens, »open access commons« ist in vielen Kontexten sicherlich ein genauer beschreibender Begriff, aber die Benutzung des Wortes »offen« erzeugt eine unbeabsichtigte Mehrdeutigkeit, was die Commons anfällig macht für die weitere Aneignung und Kontrolle durch den öffentlichen Bereich (Regierung), der schon lange einen maßgeblichen Anspruch auf das Prinzip der »Offenheit« erhebt (ich spreche hier nicht von heutigen Autokratien oder Monarchien, sondern von modernen liberalen Regierungen). Der demokratische Liberalismus hat sich in der Tat schon immer als ein System des »offenen, öffentlichen Zugangs« stilisiert. Auf dieser Grundlage wird behauptet, internationales Recht und nationale Souveränität — und private Eigentumsrechte — seien offene Systeme. Politisch gesprochen sind dies freilich geschlossene Systeme, die sich als offene Systeme maskieren. Das ist ziemlich Orwellianisch: In unseren gewärtigen Verhältnissen meint die staatliche Benutzung des Wortes »offen« nicht wirklich offen, und die staatliche Benutzung des Wortes »öffentlich« meint nicht wirklich öffentlich. Auf diese Weise kann man sehr schnell vermischen, was Commoners und der Staat jeweils mit »offen« meinen, was aber ganz klar unterschiedlich ist. Diese Mehrdeutigkeit ist ein sehr machtvolles Mittel des Markt-Staates, die Commons und ihre Organisatoren »zu spalten und zu erobern«, da der Durchschnittsmensch keine wirklich klare Unterscheidung zwischen Öffentlichem und Commons macht. Tatsächlich trifft dies genau ins Herz der Krise heutiger liberaler Demokratie. Das ist ein wesentlicher Grund, warum Menschen an der Basis weiterhin Elitepolitik unterstützen und das System, das sie unterdrückt, aufrechterhalten: Die meisten Menschen glauben, dass ihr politisch geschlossenes System in Wirklichkeit offen ist. Commoners, darauf vertraue ich, werden eine prinzipielle Haltung einnehmen und diese Illusion zerstören.

Zweitens. Die liberale Interpretation von »Offenheit« ist ferner angeblich durch die System-Theorie (von Thermodynamik and Evolutionstheorie bis zur Analyse von Organismen und Informationstheorie) »bekräftigt« worden. Im 20. Jahrhundert ahmte die Ökonomie die Physik nach, wonach die Grenzen eines geschlossenen Systems es der Energie — aber nicht dem Stoff — erlaubt, hindurch zu fließen. Hayeks Preissystem schien das perfekte kybernetische Modell für ein sich selbst regelndes Marktsystem zu sein, sowohl innerhalb wie zwischen geschlossenen Gesellschaften. Stoff (Menschen und Ressourcen) könnte gesellschaftlich kontrolliert werden, während Energie (Treibstoff, Information und Geld) größeren Freiraum genießen würde, die materiellen und politischen Grenzen zu überschreiten. Dies bereitete den Weg für die ökonomische Globalisierung — worin das geschlossene System souveräner politischer Grenzen und Privateigentum erhalten bleibt, während offener Fluss von Handel und Finanzen über alle Grenzen ermutigt wurde. Wir alle sind negativ von diesem hinterhältigen Regime betroffen. Und ja, der Prozess der Globalisierung zeigt sich uns nun eher als Unterdrückung eines geschlossenen Systems denn als Offenbarung eines offenen Systems, das es vorgibt zu sein. Noch beschuldigen wir Konzerne, Bankiers und Politiker der Exekution dieser systemischen Widersprüche. Die Probleme liegen jedoch auch bei uns, weil wir nicht klar erkennen wie der Staat das Prinzip des »offenen Zugangs« nutzt, um unsere Interessen zu untergraben, besonders im Hinblick auf den Schutz unserer Commons.

Die Naturwissenschaften haben allerdings zunehmend das physik-basierte ökonomische Modell in Frage gestellt. In der Natur fließen sowohl Energie wie Stoff durch die Grenzen eines offenen Systems hindurch. Ökologie und Umweltschutz bieten uns eine erkenntnistheoretische Straßensperre gegen die Macher der Regierungspolitik, Business-Leuten und Akademikern, die sich an die Markt-Preis-Ideologie des Neoliberalismus klammern. Nach Dekaden zunehmender Umweltverschmutzung, natürlicher Zerstörung und Klimawandel ist die Frage: Wie kommen Regierungen damit davon, dass Stoff, Energie, Kapital, Information und Menschen sich in einem offenen Austausch mit der Umwelt befinden, während sie dann politische und ökonomische, preisbasierte Leitlinien entwickeln, die diesem ökologischen Verständnis total widersprechen? Ganz einfach: Drehe den Fokus zurück zur Mythologie des Staats als Regime des offenen Zugangs. Politiker sagen einfach: »Politische Grenzen sind sicher porös und durchlässig, wie die Naturwissenschaft zeigt, was erst recht ein Grund dafür ist, dass irgend jemand die Ressourcensysteme managen muss, die durch diese Grenzen markiert werden. Die Commoners selbst sind zu schwach, verwirrt und desorganisiert, um diese Ressourcen zu managen, auch verstehen sie die Dynamiken von offenen Systemen nicht wie unsere Wissenschaftler und Techniker das tun. Niemand kann diese Commons managen, mit Ausnahme von uns in der Regierung mit der Hilfe unserer Freunde im Privatsektor. Wir sind also wirklich dafür zuständig — und der Markt«. Daher bleiben die Commons politische oder private Einhegungen, bewertet und gestaltet, als ob sie empirische Realitäten wären. Die Regierungstechnokratie hat auf diesen Weise eine »szientistische« Rechtfertigung für die Einhegung der Commons und sozialer Unterdrückung, fälschlicherweise abgeleitet aus den Naturwissenschaften auf der Basis von »Offenheit«.

Mein Punkt hier ist schlicht, dass die häufigsten Verwendungen des Begriffs »offen« durch Commoners — obwohl sie sich in der systemischen Sprache wie sie für die Commons entwickelt wurde technisch korrekt ausdrücken — ständig gegen die sprachlichen Konventionen des Staates wie auch der Massen krachen. Ich denke wirklich, dass es nicht in unserer Reichweite liegt, die Bedeutung für »Offenheit« für die globale Bevölkerung umzudefinieren, obwohl es der ideale Weg wäre, die erkenntnistheoretische Veränderung durchzusetzen, die nötig wäre. Wir sollten eher den falschen Gebrauch und den Missbrauch dieser Sprache — das Gepäck, das wir ererbt haben — als kreative Herausforderung an uns begreifen, eine nützlichere, klingendere und transparentere Terminologie zu finden — als »open access commons«.

[Übersetzungsfehler gehen auf meine Kappe]

Kategorien: Commons, Feindbeobachtung, Theorie

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10. Januar 2011, 07:36 Uhr   1 Kommentar

1 There is no such thing as an „open access commons“: Open Access is a rule « CommonsBlog (10.01.2011, 14:44 Uhr)

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