Guttenberg als Vorkämpfer für Freie Kultur?

Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu GuttenbergIst Noch-Verteidigungsminister Guttenberg, dessen Doktorarbeit in einem in der Geschichte des Plagiats wohl ziemlich einzigartigen Umfang aus von anderen geschriebenen Texten zusammenkopiert wurde, ein engagierter Vorkämpfer gegen das „geistige Eigentum“ – und damit für Freie Kultur [EN]? Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die GegenRede zum Fall Guttenberg des regelmäßig für den Gegenstandpunkt schreibenden marxistischen Professors Freerk Huisken liest.

Huisken nützt den „Fall Guttenberg“, um gegen geistiges Eigentum und die Privatisierung der Erkenntnis zu wettern. Beide verdienen Kritik, doch der „Fall Guttenberg“ hat damit nichts zu tun. So ist auch bei der Freien-Software- und Freien-Kultur-Bewegung, wo das „geistige Eigentum“ oft explizit zurückgewiesen wird, die Attribution, also die Anerkennung der Beiträge anderer, selbstverständlich und wird praktisch universell praktiziert. Bei den Creative-Commons-Lizenzen wird sie sogar von der Lizenz gefordert, bei Freier Software gehört sie einfach zum guten Ton. Zusammenarbeit unter Peers funktioniert auch nur so, denn wenn einer die Beiträge anderer als seine eigenen ausgeben würde, würde er die anderen mit Sicherheit verprellen.

Und für die Wissenschaft gilt dasselbe. Nicht umsonst gibt es das Schlagwort vom Wissenskommunismus, das sich auf die Selbstverständlichkeit bezieht, mit der man in der Wissenschaft auf den Erkenntnissen anderer nicht nur aufbauen darf, sondern aufbauen soll. Das funktioniert aber überhaupt nur deshalb, weil die Quellen, genau wie bei Freier Software, kenntlich gemacht werden. Denn die Angabe von Quellen ermöglicht die „Rückwärtssuche“ nach anderen interessanten Texten, die sich schon vorher mit ähnlichen Ideen beschäftigt haben. (Und ergänzend ermöglichen Tools wie Citeseer dann die Vorwärtssuche nach Texten, die eine Idee aufgreifen und weiterentwickeln).

Selbstverständlich ist am wissenschaftlichen Titel-/Reputationswahn insbesondere in seiner modernen Ausprägung „ich muss möglichst viel publizieren und möglichst oft zitiert werden“ (weil solche quantitativen Kriterien stupide für Evaluationen verwendet werden) viel zu kritisieren. Aber das mit der notwendigen Kritik am geistigen Eigentum (und am Eigentum überhaupt) in einen Topf zu werfen und Guttenberg zu verteidigen (worauf Huiskens Text faktisch hinausläuft, auch wenn er beteuert, das nicht zu wollen), halte ich für ganz falsch.

Ergänzend sei noch angemerkt, dass für die Literatur wiederum andere Spielregeln gelten, daher würde ich z.B. den „Fall Hegemann“ ganz anders bewerten. (Abgesehen davon, dass da nur wenige Zeilen plagiiert wurden, und die auch noch mit deutlichen Variationen, und nicht dutzende von Seiten.)

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