Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Fabber und Stricknadeln

[Quelle: Oya 06/2011, Lizenz: CC-by-sa]

Von Lara Mallien

Keine Frage, ein MacBook ist ein geniales Arbeitsgerät. Aber irgendwie bleibt es doch fremd, mit seinem für die meisten Normal­sterblichen komplett unverständlichen Innenleben und einer fragwürdigen Ökobilanz. Auch wenn Apple nach Protesten von Greenpeace einiges für einen grüneren Computer unternommen hat, schaffte es die Firma erst ins Mittelfeld des Greenpeace-Ökorankings. Ich persönlich hätte lieber einen Computer von einem lokalen Hersteller. Aber wäre Hightech-Produktion in meiner Region überhaupt denkbar – und sinnvoll?

»In diese Richtung haben wir kürzlich in der Open Design City diskutiert«, erzählt Jay Cousins, der als Erfinder in Berlin lebt und früher einmal eine Firma für faltbare Espressotassen hatte. »Es wäre schön, wenn die Menschen den Produktionsprozessen wieder näherkommen könnten, auch im Bereich Hightech. Sinnvoll ist wohl ein fraktales Modell. Gewisse Bauteile lassen sich in größerem Maßstab energieeffizienter herstellen als vor Ort, aber dann sollte alles andere, was gebraucht wird, um zum Beispiel einen Computer zu bauen, lokal verfügbar sein.«

Das klingt utopisch, aber in der Praxis gibt es schon Ansätze, die in diese Richtung weisen. Zum Beispiel die Open-Source-Elektronik von Arduino. Arduino-Module sind Microcontroller-Karten, die sich für verschiedenste Steuerungsprozese einsetzen lassen. Ihre Baupläne sind im Internet frei verfügbar. Man kann sie kaufen oder selbst nachbauen.

Aber wer macht so etwas? Ein paar IT-Freaks, die irgendwo allein in Gesellschaft einer Chipstüte tagelang herumbasteln? Wer mit diesem Vorurteil aufräumen möchte, kann die Open Design City Berlin besuchen.

Da wird in einer Ecke an einem Arduino-Modul programmiert, in der anderen der Prototyp einer soeben designten Teekanne mit einem 3D-Drucker, einem sogenannten Fabricator oder Fabber hergestellt, da wird noch ein alter Stuhl repariert und mittendrin gestrickt und gehäkelt. Nebenbei unterhält sich vielleicht Jay Cousins mit Besuchern über eine andere Ökonomie, in der es nicht mehr um einen wachsenden Konsum geht, sondern um die Dinge, die die Menschen wirklich brauchen, und in der Wissen frei ist.

Open Source als gemeinsamer Nenner

»Das Projekt begann im Februar dieses Jahres«, erzählt Jay. »Auf einem Event für Open Design im Betahaus in Berlin Kreuzberg hatten wir einen Workshop mit dem Motto ›mach etwas für ein schönes Essen‹. Das Ganze endete mit einer Dinnerparty und dem Wunsch, weiter zusammenzuarbeiten. Das Betahaus bot uns dann in einem ungenutzten Bereich hinter ihrem Café einen 150-m2-Raum an.«

Viele Mitmacherinnen und Mitmacher brachten Werkzeuge, Material, Organisationstalent und Lebenszeit in den Aufbau des Experimentierraums ein. Bald standen dort Nähmaschinen, ein Plotter, ein 3D-Drucker des Typs »Makerbot«, Malfarben, Bastelmaterial, klassische Werkzeuge zur Holzbearbeitung und eine Kiste mit Verkleidungssachen zum Theaterspielen. »Wir wollten nicht nur einen Raum voller Technik und Computer. Die Leute beschäftigen sich hier mit Dingen, an die sie vorher nie gedacht hätten, die Programmierer fangen an, zu stricken.«

Wer möchte, kann sich gegen eine kleine Miete in der Open Design City einnisten und den Raum als Basisstation für das eigene Startup-Unternehmen verwenden. »Klar kann man die Räume auch verwenden, um Geld zu verdienen. Aber die meisten von uns haben – oft unausgesprochen – eher eine Art politische Motivation. Sie interessieren sich für neue ökonomische Strukturen, die selbstorganisiert, ohne Hierarchien entlang der wirklichen Bedürfnisse funktionieren. Hin und wieder diskutieren wir das, aber wir bauen keine großen Theorien. Wir brauchen keine neue Einheitsgrößen-Ökonomie, sondern co-kreative Räume, Ökosysteme, in denen wir uns ausprobieren. Jede Gemeinschaft kann die für sie passenden Strukturen entwickeln. Wir wissen nicht, welche Mischung aus Marke-Eigenbau-Produktion, Handwerk und industrieller Produktion genau die richtige ist. Wir können das nur ausprobieren, von unten entstehen lassen. Freilich geht das langsam, noch nicht viele Leute haben solche Gedanken bereits auf ihrem Radar.«

Ja, das ist so. Aber das macht nichts, denn kreative Orte wie die Open Design City werden wohl bald wie Pilze aus dem Boden schießen. Kurz nach meinem Gespräch mit Jay stoße ich auf die Dingfabrik Köln. Da geht es ähnlich zu. Ermutigend.

Hier findet Ihr Computer zu seiner Strickweste: http://odc.betahaus.de, http://dingfabrik.de

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Vgl. dazu auch: Wem gehört das Selbermachen?

Kategorien: Freie Hardware

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12. Januar 2011, 07:02 Uhr   1 Kommentar

1 Christian (15.01.2011, 14:38 Uhr)

Was mich stört, ist die Behauptung, dass das Arduino-Projekt in Richtung dezentraler Computer-Herstellung geht. Diese Boards sind für die (private) Prototypen-Entwicklung gedacht. Man kann diese Boards mit etwas Aufwand selbst bauen, aber für große Stückzahlen wird man immer auf einen großen Hersteller zurückgreifen und der sitzt dann vermutlich sogar in Asien und bietet die besseren Preise und Qualitäten.

So gibt es z.B. nur ein oder zwei Firmen auf der Welt (in Asien), die in der Lage sind, die neue Prozessorgeneration zu fertigen, weil dies so unglaublich kompliziert ist.

D.h. selbst wenn Intel seine Prozessorpläne offen legen würde, könnte keiner sie nachbauen.

Die Chips werden also immer von ganz wenigen Firmen von überall auf der Welt kommen, weil es finanziell nicht lohnt, paralell an der neuesten Fertigungs-Technologie zu forschen.

Macht es dann wirklich noch so einen großen Unterschied, da die Rohstoffe sowieso von überall herbeigeschafft werden müssen, wenn dann das fertige Produkt nocheinmal ein paar tausend Kilometer zu uns unterwegs ist? Ich finde nicht.

Ich finde dieser Artikel geht an den Problemen bei der dezentralen Computerherstellung völlig vorbei.

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