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Commons und die Machtfrage

Dem Commons-Diskurs wird häufig vorgeworfen, er würde die Machtfrage unberücksichtigt lassen. Dabei ist natürlich die Frage, was man unter »Machtfrage« versteht. Bei Wikipedia heißt es, Macht bezeichne

….einerseits die Fähigkeit, auf das Verhalten und Denken von Personen und sozialen Gruppen einzuwirken, andererseits die Fähigkeit, Ziele zu erreichen oder sich äußeren Ansprüchen nicht unterwerfen zu müssen. Die beiden Sichtweisen werden auch als „Macht über“ und „Macht zu“ bezeichnet.

Das ist eine wichtige Unterscheidung! Traditionell-links wird die Machtfrage als Frage der »Macht über« gestellt. Die Commons hingegen stellen die Machtfrage als Frage der »Macht zu«. Das arbeitet die Commons-Aktivistin Brigitte Kratzwald in dem ausgezeichneten Text heraus und setzt sich dabei insbesondere mit der Macht-über-Frage, wie sie traditionell die Arbeiter*innenbewegung stellte, auseinander. Leseempfehlung: »Wie werden wir mächtig?«

[Update] Tipp: Veranstaltung mit Brigitte Kratzwald in Berlin: Gemeingüter – ein anderes Betriebssystem für unsere Gesellschaft?, Freitag, 23.9.11, 19:30 Uhr, Restaurant Merhaba im Haus der Demokratie, Veranstaltungsraum 1. Etage Vorderhaus, Greifswalder Str. 4, 10405 Berlin, Veranstalter: Grüne Liga e.V.

Kategorien: Praxis-Reflexionen, Theorie

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21. September 2011, 09:31 Uhr   8 Kommentare

1 Martin (21.09.2011, 13:40 Uhr)

zum Thema selbstverwaltete Kranken-Pensions-Unfallversicherung

mir fehlt da leider noch die Vorstellungskraft wie deser Riesen-Komplex (der in Österreich „selbstverwaltet“ ist) in Form eines commons organisiert sein sollte. Gibt es dazu reifere Überlegungen als diesen Wunsch?

2 libertär (21.09.2011, 14:05 Uhr)

Schöner Artikel, jedoch mit einem Haken. Um Macht-zu zu bekommen, braucht man erst Macht-über. Man muss sich über andere, über die Verhältnisse, ermächtigen.

Brigitte Kratzwald:

Wenn wir für die eigene Reproduktion unabhängig sind von den Herrschenden (egal ob von den feudalen Grundbesitzern oder vom kapitalistischen Marktsystem) dann entstehen Freiräume, in denen wir Alternativen entwickeln können.

Sehe ich genau so. Jetzt müsste man sich noch überlegen, wie man die Prämisse erfüllt. Dazu wird wohl Macht-über notwendig sein. Oder seit wann darf man zur Selbstversorgung Äcker und Fabriken einfach besetzen? Ein Pendant zum Charter of the Forests gibt es nicht. Der Inbesitznahme stehen die Macht und Gewalt des Eigentums im Weg.

3 StefanMz (21.09.2011, 14:19 Uhr)

@Martin: Dunno. Es gibt solidarische Nicht-Versicherungen im kleineren Rahmen: http://www.oya-online.de/article/read/176-Solidarisch_gesund.html

4 StefanMz (21.09.2011, 16:44 Uhr)

@libertär:

Um Macht-zu zu bekommen, braucht man erst Macht-über.

Nein. Man braucht keine Macht über andere, sondern Verfügung über Mittel, Produktionsmittel.

Der Inbesitznahme stehen die Macht und Gewalt des Eigentums im Weg.

Kommt drauf an. Das eigene Eigentum steht dem nicht im Weg. Es kann als Besitz genutzt werden. Das ist es, was bei Freier Software etc. passiert.

Dort, wo allerdings Eigentum zur Verwertung, zur Produktion von Waren genutzt wird, steht es der Schöpfung von Macht-zu in der Tat im Weg.

5 Peinhart (21.09.2011, 17:20 Uhr)

Naja, das eigene Eigentum dürfte kaum gemeint sein. Wo es aber um Produktionsmittel in fremdem Eigentum geht, gibt es drei Wege, um es ‚commonistisch‘ zu nutzen:

– kaufen (illusorisch schon im Falle einer Fahrradproduktion ‚von Grund auf‘ wie andernorts hier ausgeführt)

– ‚aufgegebenes‘ Eigentum besetzen und aneignen (wie es ebenfalls hier andernorts für Griechenland aktuell erhofft wird und im Falle Argentiniens zB auch schon mal geschehen)

– oder enteigenen – und dafür bräuchte man dann eben Macht-über…

…und das hieße dann sich Gedanken darüber machen, ob man auf einen allgemeinen weitgehenden Wirtschaftszusammenbruch warten sollte/möchte oder ob man sich – zumindest ab einem gewissen Punkt der Verbreitung – auch mit der Macht-über beschäftigen sollte.

6 Brigitte Kratzwald (21.09.2011, 21:07 Uhr)

@ Stefan:
Diese Unterscheidung ist wichtig, aber ich glaube, dass Macht noch differenzierter ist, weil Macht ja immer eine Beziehung ist und es auch auf die Zusammenhänge ankommt. Das Zugangsrecht zu Commons gibt Menschen die Macht, ihr Leben selbst zu gestalten, also „Macht zu“ und reduziert die Möglichkeiten der „Macht über“ in einer Gesellschaft, es trägt zum Machtausgleich in der Gesellschaft bei.

Ich denke, dass alle Gesellschaften Regelungen hatten, die die Macht der Herrschenden begrenzten, indem sie dafür sorgten, dass Menschen ihre Grundbedürfnisse selbst befriedigen konnten und dadurch ein Mindestmaß an Autonomie, also an „Macht zu“, hatten. Und es gab immer Versuche diese Regelungen zu unterlaufen, also die Bereiche der Autonomie einzuhegen. Die Einschränkung der „Macht zu“ ermöglicht dann ein mehr „Macht über“ und das ist meist der Zweck der Übung.

@ libertär:
Die Aneignung von lebensnotwendigen Dingen stellt meiner Ansicht nach keine Macht über Menschen dar, sondern eine Selbstermächtigung durch Verfügungsmacht über Produktionsmittel.

„Oder seit wann darf man zur
Selbstversorgung Äcker und Fabriken
einfach besetzen?“

Was man darf und was nicht, ist ja nichts Absolutes, sondern ebenso eine soziale Vereinbarung. Gesetze werden von Menschen gemacht.

Die Frage könnte man auch umgekehrt stellen: Seit wann ist es erlaubt, Häuser zu besitzen, die man nicht bewohnt, wenn andere keine Wohnung haben oder Äcker mit Energiepflanzen zu bebauen, wenn andere Menschen nichts zu Essen haben, usw?

Heute schützt das Gesetz in privilegierter Weise Privateigentum, es könnte genau so gut die Commons schützen und Menschen Zugangsrechte garantieren. Genau um die Infragestellung des aktuellen Eigentumsrechtes geht es, wenn wir von Commons reden.

7 GenerationBenedikt (22.09.2011, 15:28 Uhr)

Danke für den Link zu diesem Beitrag von Brigitte Kratzwald! Das erwähnte katholische Pfarrzentrum ist ein wunderbares Beispiel für die Kraft, die durch den Heiligen Geist entsteht! Während „traditionell-links“ sich in diesen Tagen vielfach zu unverständlichen Protesten gegen den Heiligen Vater zusammenrottet, zeigt der Commons-Ansatz, welche Möglichkeiten christlichen Wirkens sich auch in unserer heutigen so umnachteten Zeit bieten. Der Heilige Vater spricht nicht umsonst von der Notwendigkeit der „Neu-Evangelisierung“ in einer weitgehend gottlos gewordenen Gesellschaft. Das neue im „Commons“-Sinne entstandene katholische St. Anna Pfarrzentrum in Kirchschlag mag dabei helfen, katholische Normen und Werte hochzuhalten und vor allem auch an die jungen und jüngsten Generationen weiterzugeben!

8 Peinhart (23.09.2011, 09:44 Uhr)

@Brigitte Kratzwald:

Die Antwort an @libertär ist mir denn doch etwas zu blumig ausweichend. Natürlich geht es um die Infragestellung des aktuellen Eigentumsrechts, mit guten Gründen auch nicht erst seit gestern. Das Dumme ist nur, dass hinter diesem Eigentumsrecht eine ganze Menge Macht-über steht. Und da sehe ich wie gesagt eigentlich nur zwei Szenarien: entweder Eigentumsrechte (an Produktionsmitteln) werden sukzessive aufgegeben, weil nicht mehr profitabel produziert werden kann, oder man muß sich eben mit dieser Macht auseinandersetzen. Moralischen Apellen und Argumenten wird man da aber eher weniger zugänglich sein, jedenfalls solange noch profitabel produziert werden kann. Und damit das möglichst auch so bleibt, ist diese Macht ja keineswegs untätig, sondern erhöht im Gegenteil laufend den Ausbeutungsdruck und verschlechtert die Lebensbedingungen hier und vor allem aber auch anderswo. Da kann man denn schon mal ungeduldig werden und sich fragen, wie lange eigentlich noch…?

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