Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Commons Based queer Production

Auf diesem Schild bin ich das erste mal dem vom üblichen „Commons Based Peer Production“ abweichenden Begriff „Commons Based queer Production“ begegnet. Ich bat die Schildermaler_innen um eine Erläuterung. Here we go:

Mit dem Begriff “commons based queer production” beziehen wir uns auf die bei oekonux, keimform und anderen ausgearbeiteten Konzepte einer neuen kommunistischen Produktionsweise jenseits von Staat und Markt. Die Idee wurde angesichts tatsächlicher Produktionen im Bereich freier Software entwickelt, die auf offenen Codes und freiwilligen Beiträgen beruhen. Die “peers” kommunizieren untereinander über die zu erledigenden Aufgaben und Ziele, wie auch über die Mittel zu ihrer Erreichung. Die erstellten Produkte können frei zirkulieren (können frei heruntergeladen und kopiert werden), werden also nicht warenförmig.

Die Idee der commons based peer production, wie sie z.B. von Christian Siefkes ausgearbeitet wurde) verallgemeinert diese Konzepte und bezieht sie auf den gesamten Bereich materieller Produktion, der dergestalt dezentral (aber nicht marktförmig!) und radikaldemokratisch organisiert werden könnte. “Peer” durch “queer” zu ersetzen, will darauf hinweisen, dass eine gesellschaftliche Organisation von Tätigkeiten sich nicht auf solche Arbeiten beschränken darf, die der sogenannten “Produktionssphäre” zugeordnet sind, sondern auch den Bereich umschließen muss, der als “Reproduktionssphäre” gefasst wird. Schließlich arbeiten wir nicht nur in Fabriken oder Büros, sondern auch in der Küche und im Bett. Wir stellen nicht nur Lebensmittel her, sondern bereiten sie auch zu, wir basteln nicht nur Windeln, sondern wickeln sie auch. In Gesellschaften mit heterosexistischer Produktionsweise werden pflegende, sorgende, sexuelle, amouröse Arbeiten in den Bereich des Privaten verdrängt, was ihre Ausübung wie ihre (unentgeldliche) Aneignung unsichtbar macht. Dies gelingt umso besser, insofern eine Gruppe von Menschen konstruiert wird, die den Anschein erweckt, als fände sie in diesen Tätigkeiten die Entsprechung ihres natürlichen Charakters ( – und “arbeite” also dabei gar nicht). Historisch betrachtet sind die Warenbeziehung und die Liebesbeziehung gleichursprünglich. Während der eine Tätigkeitsbereich versachlicht und objektiviert wird, wird der andere Tätigkeitsbereich personalisiert und subjektiviert.

Das sozialistische Emanzipationsmodell wollte diese bürgerliche Spaltung aufheben, indem es sämtliche Arbeiten des Reproduktionsbereiches nach dem Vorbild der öffentlichen (Lohn)Arbeit zu rekonstruieren versuchte. Damit wurde die Bekämpfung des Geschlechterklassen zum einen auf den Tag verschoben, an dem der Staat weit genug entwickelt sein würde, um diese “Sozialausgaben” zahlen zu können, zum anderen wurden die so genannten “weiblichen” Tätigkeiten als rückständig angesehen, die im Sinne des industrialisierenden Fortschritts zu überwinden seien. Eine kommunistische Perspektive, die es ernst meint, kann es sich hier leichter machen. Sie braucht nur auszusprechen, dass sämtliche Arbeiten, die zur Befriedigung der assoziierten Bedürfnisse nötig sind, auch als gesellschaftlich notwendige anerkannt werden wollen – um solidarisch befriedigt zu werden.

Guido und Bini

Kategorien: Commons, Gender, Theorie

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6. Dezember 2011, 11:31 Uhr   12 Kommentare

1 «Commons based queer production» | Principien (07.12.2011, 11:17 Uhr)

[…] gesehen und fotografiert und gefragt, was es damit auf sich habe. Die Antwort ist ein kleines Textchen, das seit gestern drüben bei keimform steht. Tweet /**/ Hinterlasse einen Kommentar Hier klicken, […]

2 Mathias (07.12.2011, 17:57 Uhr)

Historisch betrachtet sind die Warenbeziehung und die Liebesbeziehung gleichursprünglich.

Das finde ich einen sehr interessanten Gedanken. Gibt es dazu vielleicht ein paar Literaturtipps, wo ich das vertieft nachlesen könnte.
Oder könnte vielleicht jemand der Autoren dazu etwas mehr sagen/schreiben?

3 Juli (09.12.2011, 00:06 Uhr)

das argument scheint mir darauf abzuzielen, dass sich die vorstellung von romantischer liebe im kleinen kreis der heterosexuellen kleinfamilie erst mit der herausbildung der warenproduktion ausbildet – also mit der auflösung der langjährigen sozialform, die oft auch als „ganzes haus“ bezeichnet wird.

ne explizite quelle kann ich dir nicht anbieten, aber kuck doch mal bei:

Heidi Rosenbaum: Formen der Familie: Suhrkamp Verlag

4 goiken (09.12.2011, 00:30 Uhr)

Ein Grundgedanke scheint mir zumindest die These zu sein, dass sich viele binäre hierarchischen Polarisierungen von Lebensbereichen analog vehalten und daher Manche Autor_innen davon ausgehen, dass diese einen gemeinsamen metaphysischen Ursprung haben.

Also die Paare „Mann vs. Frau“, „Natur vs. Kultur“, „Öffentlich vs. Privat“, „Ware vs. Person“, „Körper vs. Seele“, „Mensch vs. Tier“ etc. verhalten sich alle jeweils analog zueinander und stabilisieren sich gegenseitig, indem sie alle ihre Symbolsprache aufeinander beziehen.

Derrida meinte bspw, dass all diesen binär polarisierenden Narrativen die hierarchisierte metaphysische Trennung zwischen und Körper und Geist (d.h. ein Logozentrismus) zu Grunde liegt. Der hat sich dann dafür extra ein Wort für gebastelt und ist damit in der Academia auf Tour gegangen: Carno-Phallogozentrismus.

Ohne, dass ich jetzt hierfür noch mal explizit nachgelesen hätte, würde ich aus meiner Erinnerung auch vermuten, dass Haraways ’Gender for a Marxist Dictionary’ an dieser Stelle weiterführend sein könnte, wenn man explizit auf die Beziehung zwischen „Mann vs. Frau“ aus einer warenkritischen Position gucken möchte.

5 Odradek (09.12.2011, 01:09 Uhr)

@Mathias: Beim Zusammenhang von „Warenbeziehung“ und „Liebesbeziehung“ denke ich spontan an die „Kritik der polysexuellen Ökonomie“ (auch hörbar). Zum geschichtlichen Aspekt stehe ich gerade auf dem Schlauch – vielleicht finde ich die nächsten Tage noch eine alte Literaturliste; aber falls Du ersteinmal einen allgemeinen einstieg in die Geschlechtergeschichte suchst, empfehle ich sehr
Habermas, Rebekka: Frauen- und Geschlechtergeschichte; in: Eibach, Joachim; Lottes Günther (Hrsg.): Kompass der Geschichtswissenschaft : Ein Handbuch; Göttingen 2002; S. 231–245.

6 jule (09.12.2011, 12:20 Uhr)

ich muss mich gerade noch vom begriff der „sexuellen, amurösen arbeiten“ erholen. ich dachte immer, das sei etwas, das man auch einfach lassen könne, wenn einer nicht danach ist. eher so was wie fernsehen, mittagschlaf oder mit einem buch vor dem ofen sitzen. oder wurden diese arbeiten einfach in der aufzählung vergessen? sie tragen zu meinem wohlbefinden bei, entspannen damit die familiensituation, erholen mich und machen mich fit für die lohnabhängige arbeit etc….

und mich irritiert, dass es nur eine konstruktion sein soll, dass sex dem natürlichen charakter der vögelnden entspreche. im gegensatz zu den anderen aufgezählten reproduktiven tätigkeiten ist sex doch keineswegs zwingend – dem siechen vater die kotze vom mund wischen oder das eigene kind satt machen dagegen schon. die funktion von sex innerhalb von beziehungen ist m.e. deutlich komplexer, als dass sich das in so eine aufzählung nebenher einsortieren lässt…

auf diese art wird ein arbeitsbegriff völlig nutzlos. als wäre die unterscheidung zwischen unverzichtbaren und verzichtbaren tätigkeiten nicht entscheidend dabei wenn es darum geht, gesellschaftliche arbeit zu verteilen. daraus kann ich politische arbeit ableiten, nicht aus einer beliebigkeit des begriffs „arbeit“. das soll nicht heißen, dass arbeit nicht arbeit ist, sobald ich finde, dass diese „tätigkeit meinem natürlichen charakter entspricht“ – ich koche gern, auch wenn mensch essen muss – aber umgekehrt ist nicht alles was ich tue arbeit. sex mag beziehungen und abhängigkeiten schaffen, aber das tun auch andere dinge. ich kann ohne sex leben, wenn mir denn danach ist. oder ich trage irgendein päckchen mit mir rum, dass mich nicht ohne sex in der welt klarkommen lässt; aber auch dadurch wird das nicht zu arbeit.

(Edit im Auftrag von Jule. Hier gehört noch ein Link hin:
http://www.youtube.com/watch?v=rJpnuBObJH4
)

7 Guido (10.12.2011, 20:48 Uhr)

@jule: Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, Tätigkeiten nach irgendwelchen intrinsischen Eigenschaften als Arbeit oder Nichtarbeit zu qualifizieren. Ob etwas als Arbeit betrachtet wird (d.h. in der Vergesellschaftungsform, unter der wir leben, oft ob es entlohnt wird) oder nicht, unterliegt vielmehr sozialen Bestimmungen. Was gut daran zu sehen ist, dass z.B. die Pflege von Alten und Kranken nicht gleichermaßen als Arbeit verstanden wird, wenn sie im privaten Bereich erledigt wird, wie wenn Menschen in entsprechenden Institutionen das bezahlt übernehmen. Es gibt ja nun auch viele Menschen, die professionell und bezahlt Sexarbeit ausüben. Wenn du das Glück hast, Sex und zärtliche Zuwendung gratis zu bekommen (oder darauf verzichten zu können, ohne etwas zu vermissen) – good for you. Du wirst aber wohl zugeben, dass das ganz offensichtlich nicht für alle gilt. Im Grunde verstehe ich nicht so recht, wo und warum du die Grenze zwischen einer Art von Bedürfnis (z.B. Essen) und einer anderen (z.B. Zuneigung, Entspannung, Sex) ziehst. Vielleicht könntest du das noch erläutern.

Eine andere Frage: hättest du weniger Probleme damit, wenn es statt „Arbeit“ überall einfach nur „Tätigkeiten“ hieße? Falls das so ist: Wir haben ja nichts dagegen, dass „Arbeit“ (as we know it) verschwindet…

8 jule (11.12.2011, 08:10 Uhr)

@guido: da habe ich mich entweder unklar ausgedrückt, oder die feministische perspektive ist mit mir durchgegangen. dazu zwei anmerkungen – die erste ist als versuch, mich besser zu erklären, die zweite als widerspruch zu lesen 😉

1. ich habe auch überhaupt nichts dagegen, dass „arbeit“ (as we know it) verschwindet, ganz im gegenteil. und gerade die tatsache, dass reproduktive tätigkeiten in unserer gesellschaft nicht unter den arbeitsbegriff gefasst werden, hat für mich sehr viel mit patriarchat zu tun – weil es häufig eben die bereiche sind, die bei uns traditionell von frauen erledigt werden. diese spezifische benachteiligung kommt aber in der beliebigen ausdehnung des begriffs auf „tätigkeit“ überhaupt nicht vor. wenn auf der couch rumlungern auch dazugehört, dann hat das gar nichts mehr mit geschlechterungerechtigkeit zu tun, und dann hat das auch nichts mehr mit einer spezifischen benachteiligung zu tun. wenn das kotze-vom-vatermund-abwischen aber nicht dazu gehört, wohnt dem ganzen doch eine andere dimension der ungleichheit inne, oder nicht?
mir ist wichtig, dass alle arbeit, die der gesellschaft als ganzer zugute kommt, auch als solche anerkannt wird. wenn ich anfange, alles was ich tue darunter zu subsummieren („ist ja irgendwie auch gut für die gesellschaft, wenn ich entspannt bin“), dann wird es völlig beliebig und leistet den menschen einen schlechten dienst, die die (von mir in ermangelung eines besseren begriffs als „unverzichtbar“ bezeichnete) arbeit leisten, um die sich im gegensatz zur entspannung nicht gerade jeder schlägt.

2. beziehungsarbeit ist sehr viel mehrschichtiger als „orgasmus herbeiführen“. bei sex ist es eben genau nicht so, dass es bei „sexarbeit“ so ist, dass „sex und zärtliche zuwendung“ von irgendwem „professionell und bezahlt“ ausgeübt werden. „sex und zärtliche zuwendung“ erfüllt innerhalb von beziehungen viele verschieden funktionen (auch im sinne von: abhängigkeiten, beziehungskitt etc.); im bezahlten bereich liefert die dienstleistung nichts anderes als es auch eine gesunde hand und die vorstellungskraft liefern könnten. ich bedaure jede/n, der/die von „amouröser (sic! oh, l’amour) arbeit“ vergleichbar denken würde wie von dem harten job, den eine hure übernimmt. depends on who’s fuckin‘, würde ich sagen. echte zärtlichkeit ist ausdruck echter zuneigung, und die lässt sich weder kaufen noch als gefallen verschenken; eins der vielen vertrackten probleme mit dem alten arschloch liebe – es lässt sich nicht zwingen.

und dann noch eine verständnisfrage zum schluss: wenn wir denn dereinst in paradiesischen zuständen die „arbeit“ (as we know it) überwunden haben werden – was machen denn dann die leute, die auf sex nicht verzichten und auch nicht unbezahlt bekommen können? muss sich denen dann jemand „hingeben“? und ist es dann genau das, was sich der/die „empfangende“ wünscht? ein „mir bringt es zwar nichts, aber ich bin mal nett zu dir“? bringt es dann den gewünschten effekt? also, du weißt schon, der über das mit der gesunden hand hinausgeht? und wenn nicht: warum reicht dann nicht die gesunde hand?

9 Guido (11.12.2011, 12:34 Uhr)

@jule:
zu1.: ich verstehe deinen punkt; und ja, natürlich gibt es unterschiede, natürlich ist auf-der-couch-rumlungern was anderes als kotze-vom-vatermund-abwischen oder plärrende-kinder-zum-kindergarten-bringen. letztere sind tätigkeiten, die (mindestens) die gleiche anerkennung verdienen wie kartoffeln-anpflanzen und autos-zusammen-schrauben. soweit sind wir eh einer meinung.
aber vom auf-der-couch-rumlungern war in unserem text ja keine rede, sondern von pflege-, sorge-, sex-, liebesarbeit. und für die war meine frage, wo du die grenze ziehst zwischen arbeit und nicht-arbeit. und du hast darauf geantwort, dass auf-der-couch-rumlungern keine arbeit ist. so what.

zu2.: genau um die „probleme mit dem alten arschloch liebe“ – um die geht es uns. und ich würde eben „liebe“ (as we know it) als genauso problematisch (und historisch relativ und spezifisch) verstehen wie „arbeit“. die romantische zweierbeziehung, die die „liebe“, und damit sex und zärtliche zuwendung, in unserer gesellschaft zu monopolisieren tendiert, hängt eng mit der bürgerlich-kapitalistischen verfasstheit derselben zusammen, und darf von mir aus gerne gemeinsam mit ihr untergehen. dann ist die frage, was an ihre stelle tritt. wir sagen: die solidarische radikal-demokratische und auf freiwilligkeit basierende organisation der bedürfnisbefriedigung (commons based queer production).

noch zur gesunden hand: solange die vorhanden ist (und die nötige fantasie) und das bedürfnis damit allein befriedigt werden kann, gibt es ja kein problem. das ist wie mit dem auf-der-couch-rumlungern. solang die couch da ist, kann man lungern. aber vielleicht braucht man ja noch bier und chips, und die gibt’s nur unten im kiosk… und die musste jemand herstellen und herbringen und im kiosk muss jemand arbeiten usf…

10 jule (11.12.2011, 13:27 Uhr)

ah, @guido, das ist aber jetzt ein außerordentlich spannender punkt. ich hatte versucht, meine grenze klar zu machen mit dem (defizitären) begriff der „unverzichtbaren“ tätigkeiten. da verläuft für mich die grenze, nach der dur gefragt hast.

und deine frage war, warum ich eine grenze ziehe zwischen einer art von bedürfnis und einer anderen. genau deshalb: weil ich sterbe, wenn ich das eine bedürfnis (essen) nicht befriedige (oder jemand anders stirbt: wenn ich meinem kind nix zu essen gebe z.b.), das deshalb für mich in die kategorie „unverzichtbar“ gehört, während ich auf die befriedigung des anderen bedürfnisses (sex) verzichten könnte (was nicht gleichzeitig bedeutet: verzichten wollen würde).

was ich spannend finde ist, dass du – wo ich mit dir durchaus ein stück weit gemeinsam gehen kann – das alte arschloch liebe zur bürgerlich-kapitalistischen konstruktion sortierst. gleichzeitig aber ordnest du sexuelle bedürfnisbefriedigung in eine schublade mit „essen“.

für mich ist die überbetonung der wichtigkeit sexueller befriedigung auch ein bürgerlich-kapitalistisches konstrukt, also „sex so wichtig wie essen“. wer immer wieder betont, der mensch lebe nicht vom brot allein, lenkt damit auch davon ab, dass er eben in erster linie doch vom brot lebt. wenn unsere mediale wirklichkeit darauf ausgerichtet ist uns weis zu machen, glück beim sex sei mindestens so wichtig wie glück im einkommensspiel, dann ist das ein ganz konkretes ablenkungsmanöver von verteilungsungerechtigkeit.

so viel gutes ich auch über sex sagen könnte: es ist nicht das selbe wie essen. da verläuft meine grenze.

11 Guido (11.12.2011, 16:09 Uhr)

hey jule, ja spannend, das finde ich auch! und gut, dass du so insisitierst, das gibt mir die gelegenheit selbst noch mal über all das nachzudenken.

bei der differenzierung von bedürfnissen stand ja die frage im hintergrund, wann eine zur bedürfnisbefriedigung notwendige tätigkeit als arbeit qualifiziert werden sollte. ich glaube nicht, dass du ernsthaft nur die zur befriedigung „unverzichtbarer“ bedürfnisse notwendigen tätigkeiten arbeit nennen willst. dann würden 98% der „arbeitenden“ bevölkerung (lehrerinnen, bänkerinnen, taxifahrerinnen, sexarbeiterinnen usf) eigentlich gar nicht arbeiten. das kann also nicht der punkt sein.

dein unbehagen hat sich ja an der gleichsetzung von liebes- und z.B. pflege- und kocharbeit entzündet. mein eindruck ist, dass dir dabei liebe, sex und zärtlichkeit in einer schon existierenden und funktionierenden partnerschaft vorschweben. dann kann das in der tat genussvoll und spannend und entspannend sein und sich kein bisschen wie arbeit anfühlen (das gleiche gilt aber vielleicht auch fürs äpfelklauen beim nachbarn). wir aber setzen die existenz von romantischen zweierbeziehungen, familienstrukturen etc. eben nicht voraus.
wenn du so willst: viele tätigkeiten in unserer gesellschaft sind „arbeits-förmig“, viele andere „liebesförmig“. beide formbestimmungen sind historisch kontingent (d.h. abhängig von einer bestimmten historischen form der vergesellschaftung) und – wie man am sex, der pflege usf. sehen kann – relativ: sex und pflege gibt es in form von liebe und in form von arbeit und warentausch. beide bestimmungen sind also nicht natürlich, sondern sozial. und weil das so ist, lässt sich fragen, wie sie in einer gesellschaft organisiert wären, die als grundprinzipien weder die liebes-, noch die arbeits- und waren-form anerkennt.

(ps. ich weiß nicht, ob wir aneinader vorbeireden; wenn ja, vielleicht weil deine perspektive ideologiekritisch, meine eher utopistisch ist)

12 Bini (12.12.2011, 01:46 Uhr)

hui, eure diskussion ist ja schon sehr im gange, ich mag mich dann gar nicht einmischen, will nur schnell noch ein paar zusätzliche texte nachtragen, die oben nachgefragt wurden …

für eine historisch-genealogische perspektive auf geschlecht, arbeit, sexualität denke ich zum beispiel an:

Linda Nicholson / Sheila Benhabib: Politische Philosophie und die Frauenfrage
Karin Hausen: Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere

und für (queer-)feministische positionen, die argumentieren, dass im heterosexistisch-patriarchalen kapitalismus liebe und sex als arbeit funktionieren, an:

Barbara Duden: Liebe als Arbeit – Arbeit als Liebe
Linda Singer: Sex und die Logik des Spätkapitalismus
Mariarosa dalla Costa: Die Produktivität der Passivität. Die unbezahlte Sklaverei als Grundlage für die Produktivität der Lohnsklaverei
Renate Lorenz / Brigitta Kuster / Pauline Boudry: Reproduktionskonten fälschen.

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