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Wie das Fliegen regeln?

Die Pole der ökologischen Diskussion sind meistens Markt und Staat. Doch die Commons-Diskussion lehrt: In dieser Polarität ist nichts zu holen, wir müssen jenseits der Pole denken. Die Markt-Staat-Dualität führen der Grüne Winfried Hermann und der Linke Ivo Bozic in einer Diskussion um die Luftverkehrsabgabe in der Zeitschrift Jungle World exemplarisch vor — witziger Weise mit spiegelverkehrten Rollen: Hermann setzt auf den den Staat und findet die Luftverkehrsabgabe des schwarz-gelben Sparpakets gut, und Bozic auf der anderen Seite feiert den Markt als Schöpfer des Billigfliegens für »alle« und findet die Abgabe unsozial. Christian Lauk diskutiert diese Entgegensetzung und bringt viele Fakten ins Spiel (etwa: »alle«=7% der Weltbevölkerung).

Doch das Ping-Pong zwischen unsozialer Ausgrenzung (steigende Preise) und ökologisch schädlichen Effekten (steigende Emissionen) ist letztlich nicht auflösbar. Warum?

In Markt-Staat-Dualismen kommen die Bedürfnisse der Menschen nicht wirklich vor. Sie erscheinen nur als Bedarfe, also als zahlungsfähige Bedürfnisse. Menschen sind damit auf Konsumenten reduziert, die nun auf einen höheren oder niedrigeren Preis treffen — in diesem Fall für das Fliegen. Warum Fliegen, wohin, zu welchem Zweck, was gäbe es an Alternativen, was ist mit den Bedürfnissen nach einer intakten Umwelt etc. — das alles hat nicht zu interessieren. Genau das aber gehört in die Diskussion rein. Der Markt und der Staat können das jedoch nicht abbilden, denn beide drehen nur an der Schraube »Preis«. Gesellschaftliche Probleme als Preisprobleme, das bedeutet Scheitern mit Sicherheit.

Wenn gesellschaftliche Probleme nur kommodifiziert, nicht aber commonifiziert werden, sind sie nicht lösbar. Auch die Commons sind nicht die Lösung schlechthin, aber sie holen die Probleme dort hin, wo sie hin gehören: zu den Menschen mit ihren immer gleichzeitig vorhandenen vielfältigen Bedürfnissen. Markt und Staat können unterschiedliche Bedürfnisse in der Regel nur als sich wechselseitig ausschließende behandeln. Das liegt an der idiotisch banalen Dimension »Preis«, in der die konfligierenden Fragen abgebildet werden. Markt und Staat sind der Handlungsrahmen, in dem die Probleme nicht lösbar sind. Prinzipiell nicht, denn irgendwer muss immer die Folgen tragen, und sei es, dass sie »exportiert« werden und Menschen anderswo für »unseren« Biosprit verhungern.

Allein die Menschen selbst sind in der Lage, eine Bewegungsform für Bedürfnisunterschiede — zudem noch zwischen unterschiedlichen Menschen — zu finden. Die Commons sind ein Handlungsrahmen, in dem das geht. Prinzipiell.

Was heisst das jetzt für das Fliegen?

Woher soll ich das wissen? Ich vermute, das es keine einheitliche Lösung geben wird, ließe man die Menschen jenseits von Markt und Staat selbst entscheiden, was zu tun ist. Das Fliegen ist nun gerade ein Extrembeispiel, denn es bezieht nahezu sämtlichen gesellschaftlichen Konflikte auf einen Schlag in die Debatte mit ein: Energie, Umwelt, Klima, stofflliche Ressourcen, Arbeitsteilung, Gesundheit etc. Commons, die begrenzte Probleme im Fokus haben, sind erfolgreich, wenn sie sich sowohl von der Markt- wie von der Staatslogik fernhalten. Elinor Ostrom hat das gezeigt und dafür den Nobelpreis bekommen.

Ich vermute, dass unter Bedingungen der Möglichkeit, sämtliche menschlichen Bedürfnisse auch tatsächlich in die Entscheidungsfindung miteinbeziehen zu können, der Flugverkehr zurück gehen würde, weil die langfristigen Schäden den aktuellen Nutzen nicht rechtfertigen. Stattdessen würden sich andere, soziale Lösungen herausbilden, die viele Flüge schlicht überflüssig machen und gleichzeitig ein Mehr an Lebensqualität bedeuten. Aber wissen kann das niemand. Nur ohne Commons, bloß auf die strukturelle Dummheit von Markt und Staat zurückgeworfen, gibt es noch nicht mal die Chance dazu, solche Lösungen zu finden.

Kategorien: Commons, Reichtum & Knappheit

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21. Juni 2010, 16:16 Uhr   8 Kommentare

1 Uli Frank (22.06.2010, 05:19 Uhr)

Lieber Stefan,

dein Versuch, das „Extrembeispiel“ Fliegen (oder allgemeiner: Mobilität) mit dem neuen Zauberwort „commons“ lösen (können) zu wollen, löst eher mein altes Unbehagen bei der Keimformdebatte aus: Der erfreuliche Ansatz, unter der Fragestellung „Keimformen?“ reale emanzipationsverdächtige gesellschaftliche Entwicklungen aufspüren zu wollen, ist ihre Stärke. Wenig hilfreich und damit eher abturnend finde ich jeden Versuch, das alte Spiel zu spielen: der schlechten Wirklichkeit das „ganz andere“ (womöglich noch als Forderung und Aufruf: „wir müssen“, „hat zu interessieren“,“das gehört nicht – oder doch“) gegenüber zu stellen. Auch wenn du häufig relativierst („meistens“, „in der Regel“,“prinzipiell“,“letztlich,“nicht wirklich“,“nicht schlechthin“,“in der Regel“) erscheint die „Commonifizierung“ als grundsätzliche Lösung (in Gestalt einer Forderung).  Mein ungutes Gefühl: „commons“ wird als Joker (die leere Karte, die alles kann) benutzt und „Commonifizierung“ als Forderung und Bedingung gestellt. Unser Anspruch sollte aber bleiben, gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren. Zum     Thema Mobilität gäbe es reichlich Gelegenheit – ein sehr anpruchsvolles Gebiet Insofern finde ich gut, dass du es ansprichst…

schöne Grüße von Uli

2 StefanMz (22.06.2010, 09:10 Uhr)

@Uli: Wie würdest du das Thema stattdessen diskutieren, an welche Gelegenheiten denkst du?

3 libertär (22.06.2010, 13:47 Uhr)

Gesellschaftliche Entwicklungen analysieren ist gewiss eine zentrale Aufgabe des wissenschaftlichen Sozialismus, die er ja auch seit 150 Jahren unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit mal schlecht mal recht erfüllt. Eine wissenschaftliche Analyse verbietet aber nicht, zugleich über Alternativen außerhalb der aktuellen Ökonomie nachzudenken und sie theoretisch wie praktisch zu erkunden. Legt sie nicht erst die Grundlage dazu? Wozu analysieren, wenn daraus nichts folgt? Oder frei nach RAF gesprochen: Die alte Scheiße ist tausendmal analysiert worden. Menschen haben immer wieder Alternativen gesucht und gelebt. Worauf soll man aktuell noch warten, um ihre Überwindung zu versuchen? Und v.a. wie will man sie überwinden, ohne eine Methode, einen Plan für die Zukunft, (z.B. die Commons) klar vor Augen zu haben. Alles „kaputtschlagen“ kann ja nicht die Lösung sein. Destruktive Kritik ist schlimm, noch schlimmer das folgenlose Zu-Tode-Analysieren. Und ein Joker, eine fantastische Utopie, sind die Commons keineswegs. Es gibt sie ja bereits, sie leisten sehr viel jenseits der Wertlogik.

Ich finde, es muss – umgekehrt – noch viel mehr der schlechten Wirklichkeit etwas anderes gegenübergestellt werden. Jeder Bereich der Produktion muss dieser Kritik unterzogen werden. Es auch mit dem Fliegen zu tun, ist nur konsequent. Jede Produktion, die Eigentum, Werte, Ausbeutung, Märkte usw. involviert, ist bereits unbesehen kritikwürdig, da sie alle diese Mängel durch nichts aufwiegen kann, kurz: da sie notwendig eine kapitalistische Gesellschaft impliziert. Gerade beim Fliegen könnte ein großer Bedarf wegfallen, weil er kein Bedürfnis erfüllt. Die ganzen Geschäftsflüge fielen weg, wenn es kein kapitalistisches Geschäft mehr gäbe. Weitere Flüge ließen sich durch verbesserte Telepräsenz einsparen. (Taktil begreifbare 3D-Hologramme gibt es schon!) Wenn der Profit der Produktion keine Grenze mehr setzt, können auch endlich rationalere Technologien zum Einsatz kommen: Solarsegler, mit regenerativer Energie betriebene Hochgeschwindigkeitszüge, Fahrgemeinschaften mit Elektroautos, automatisierte Verkehrsnetze nach dem Vorbild von IP-Netzen. Wichtig ist, dass ohne Kapitalismus diese Möglichkeiten entsprechend den Bedürfnissen der Menschen realisiert werden können und nicht von den Kalkulationen kapitalistischer Unternehmen abhängig sind. Menschen entscheiden selbst, wie sie arbeiten und leben wollen und werden nicht länger von Ausbeutern entmündigt. Das kann man, glaube ich, auch – parallel zur wissenschaftlichen Analyse des Bestehenden – befürworten.

4 Martin (22.06.2010, 17:24 Uhr)

Verkehrspolitik kann einen großen Unterschied machen: So zeigt der Spiegel, dass der TGV in Frankreich – obwohl älter – doppelt so schnell zum Ziel bringt wie der ICE in Deutschland, was auf falsche Politik der Bahn zurückzuführen ist. Der innerfranzösische Flugverkehr sei daher praktisch obsolet, so der Artikel.

Das ginge auch europaweit, wenn konsequent Nonstop-Fernverbindungen eingerichtet werden (so wie die Strecke Paris-Marseille, knapp 660 km in 3 h); selbst England ist ja heute mit Hochgeschwindigkeitszügen erreichbar. Bei weiteren Flügen (transkontinental usw.) spielen die Billigflüge sowieso keine große Rolle, sie treten im Prinzip an die Stelle günstiger Bahntickets, die wegen der Bahnprivatisierungen und einer falschen Verkehrspolitik fehlen.

Daher wäre es durchaus sinnvoll, Flüge teurer zu machen und die vermiedenen Umweltschadenkosten zur Subventionierung der Bahn zu verwenden. Auch der Transrapid könnte eine Lösung für Strecken bis 1500 Kilometer sein. Langfristig gilt aber libertärs Hinweis, dass die Überwindung des Kapitalismus viele Flüge (nämlich die „Geschäftsflüge“) überflüssig macht.

5 StefanMz (22.06.2010, 23:11 Uhr)

Dafür bin ich auch: http://www.berlin-faehrt-frei.de/

6 Uli Frank (23.06.2010, 12:51 Uhr)

An libertär:

Ich habe mich am Schluss wohl missverständlich ausgedrückt: Ich plädiere NICHT für immer weitere Analysen der trostlosen Zustände (und ihrer Ursachen), sondern möchte mit Keimform.de  „reale emanzipationsverdächtige gesellschaftliche Entwicklungen aufspüren“(s.o.).

Was ich kritisieren wollte, war der Versuch, statt dieser Analyse konkreter Keimformen auf ihr emanzipatorisches Potential hin Forderungen, Bedingungen und Programme für eine gesellschaftliche Veränderung zu formulieren. „Commonifizierung“ scheint mir in diese Richtung zu gehen: Wir müssen die Welt erst mal commonifizieren, dann gibt es die Lösung (fast) von allein.

Ich kann mir nach dem Artikel aber nicht vorstellen, wie das am Beispiel Fliegen gehen könnte. Außerdem zeigt ja sowohl Martins als auch dein Kommentar, dass sich durchaus schon unter Markt/Staat-Bedingungen eine ganze Menge (auch kritisch) zu dem Problem sagen und sogar tun lässt. Vielleicht ist mir aber auch das Thema „commons“ noch nicht geläufig genug, dass ich bei einem konkreten Problem wie „Mobilität“ einfach mehr und genaueres darüber wissen möchte, was commonifizierung hier bedeuten, wie sie funktionieren und sich auswirken könnte.

Eure konkreten Vorschläge bzw. Hinweise gefallen mir schon mal recht gut!

7 Herr Schmidt (24.06.2010, 12:19 Uhr)

Hallo

Intressant! Mir fällt bei dem Artikel und den Kommentaren auf, das das Wort Commens (Joker: schöner Ausdruck)  so erst mal gibt, aber Inhaltlich noch garnicht richtig ausgefüllt ist. Das Wort alleine ist erstmal nur allgemein Hoffnungsträger…  Ok, im Netz hat es funktioniert. Da sitzt auch jeder schön zu Hause vor seinen Rechner, man hats trocken und angenehm warm, der Kühlschrank ist bestimmt auch gefüllt und ohne wirklichen Gegenwind lässt sich im sitzen die Welt virtuell  “Commonifizieren”. Ob das aber auch im Realen so ist? Das errinert mich an meine Jugend in der DDR, als wir vom wahren Sozialismus, dem Kommunismus hoffungsvoll diskutierten, weil uns der Reale Sozialismus so Absurd erschien. Mit diesen Artikel ist mir wieder klar geworden, das Peer und Commens auch nicht das gelbe vom Ei sind. Sie sind auch nur Wörter, Ausdruck von Wunschdenken, mit dem man die „Probleme lösen lassen“ will, statt selbst…

8 StefanMz (25.06.2010, 12:33 Uhr)

Der Knackpunkt scheint das Wort »Commonifizieren« zu sein, dass Allergien bei einigen auslöst. Ich kann das nachvollziehen, wenn man tatsächlich die Commons mit einem »Joker« identifiziert. Aber Commons können kein Joker sein, denn Charakteristikum von Commons ist ja gerade, dass sie keine abstrakt-allgemeine Lösung darstellen, sondern fordern, jeweils sich konkret die Umgehensweise mit der Ressource, um die es jeweils geht, zu überlegen.

Es gibt allerdings Kriterien, die ich für so nützlich halte, dass sie geeignet sind, die Markt-Staat-Dualismen aufzubrechen (wie am Beispiel des Fliegens gezeigt): Marktferne und Staatferne, Bedürfnisorientierung, Selbstermächtigung, Selbstentfaltung, Selbstorganisation, Freie Kooperation, Besitz statt Eigentum, Beitragen statt Tauschen usw. Diese heuristische Potenz des Commons-Begriffes kann man — wäre jetzt meine These — sehr wohl auf die diversen Probleme anwenden. Wie das geschieht, kann nicht vorher gesagt werden (weswegen Politiker_innen mit Commons ihre Probleme haben, weil sie keine Kontrolle ausüben können).

Dem widerspricht nicht, auch politische Lösungen zu suchen. Allerdings halte ich diese für begrenzt bis ziemlich unwahrscheinlich, weil sie letztlich an die Logiken von Markt und/oder Staat gekoppelt sind. Der Vorschlag »Flüge teurer zu machen und die vermiedenen Umweltschadenkosten zur Subventionierung der Bahn zu verwenden« funktioniert nicht, weil Umweltschäden (global) externalisierte Kosten sind, vermiedene Umweltschäden aber nicht ihr Gegenteil bedeuten (eine Art Quasi-Einnahme). Jede Einsparung bedeutet faktisch ein geringeres Maß an Schulden, die der Staat machen muss, um die (meist ja langfristig wirkenden) Schäden zu reparieren. Da wird kein Geld frei. Außerdem ist Verteuerung von Flügen unsozial, das Argument von Bozic gilt.

Aus dem Dilemma gibt es kein Entrinnen, solange die unterschiedlichen Bedürfnisse nur als Bedarfe (zahlungsfähige Bedürfnisse) zählen und miteinander nicht vermittelt sind: Kaufe ich hier ein T-Shirt, verkürze ich die Lebensdauer der den giftigen Chemikalien ausgesetzten Arbeiter_innen bei der Herstellung des T-Shirts. Auch dieses Problem gehört »commonifiziert«, mindestens der Perspektive nach.

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