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Wasserbefreiung und persönliche Fabrikation

Das Foresight-Institut lädt ein zum Kartik M. Gada Humanitarian Innovation Prize. Der Wettbewerb, der bis Ende 2015 läuft, ist zweigeteilt. Es gibt einen Water Liberation Prize und einen Personal Manufacturing Prize. Sinn und Ziel der Preisausschreiben ist es, bis 2020 die Lebensbedingungen von einer Milliarde der ärmsten Menschen zu verbessern.

Nachfolgend beschreibe ich die Inhalte der beiden Wettbewerbe.

»Wasserbefreiung«

Ziel der »Wasserbefreiung« ist die Entwicklung eines autarken Wassergewinnungsgerätes zu Kosten von maximal 5 Dollar (3-4 Euro), das in der Lage ist, täglich 4 Liter Trinkwasser zu produzieren. Das Gerät muss unabhängig von einem Stromnetz funktionieren (solar- oder manuell betrieben), und der Filter muss waschbar sein. Der Nutzen eines solches Gerätes durch Krankheitsreduktion, Lebensverlängerung und Produktivitätssteigerung wird mit 500 Dollar pro Jahr angegeben — Ökonomen und Ingenieure rechnen wohl alles in Geldwerte um. Stichtag ist der 31. Dezember 2015, und es gibt 50.000 Dollar Preisgeld.

»Persönliche Fabrikation«

Für »Personal Manufacturing« gibt es in der englischsprachigen Wikipedia noch keinen Eintrag (sondern vier verwandte: 1|2|3|4), und eine gescheite deutsche Übersetzung existiert auch nicht. Der »PC« wurde allerdings auch nie übersetzt, und so ist es vielleicht sinnvoll, einfach vom »PF« zu sprechen (im Englischen dann »personal fabricator«). Worum es beim PF geht, ist die individuelle Produktion von nützlichen Dingen in Miniserien oder Einzelstücken — und vor allem: Der PF soll selbst-replikativ sein, sich also selbst herstellen können (bzw. die Teile, aus denen er besteht).

Der Preis wurde in zwei Abschnitte aufgeteilt. Die erste Periode, die am Ende mit 20.000 Dollar belohnt wird, läuft bis Ende 2012 und definiert einen 3-D-Drucker nach dem Vorbild des RepRap-Projekts mit diesen Eigenschaften:

  • Druck von mindestens drei verschiedenen Materialien, inklusive eines elektrisch leitfähigen
  • Druck von elektronischen Platinen
  • Druckplattformen überstehen mindestens 20 Druckzyklen
  • Material- und Teilekosten unter 200 Dollar bei Druck von 90% der Geräteteile
  • Druckgröße der Teile von mindestens 300 x 300 x 100mm
  • Unbeaufsichtigter Druck eines vollständigen Druckerteile-Replikats innerhalb 10 Tagen mit maximal einem Druckerausfall
  • Autonomer Druck ohne angeschlossenen PC
  • Leistungsaufnahme von maximal 60 Watt
  • Freie Nutzung durch die Community, Lizensierung unter GPL oder BSD

Harte Bedingungen. Noch härter sind die zusätzlichen Bedingungen für die zweite Periode bis Ende 2015, für die 80.000 Dollar Preisgeld ausgelobt sind:

  • Materialkosten nicht höher als 4 Dollar pro Kilogramm
  • Druck eines vollständigen Druckerteile-Replikats innerhalb 7 Tagen, einschließlich Nachladezeit und Beseitigung von Störungen.
  • Material- und Teilekosten unter 200 Dollar bei Druck von 90% der Geräteteile

Das erste Kriterium zielt auf die Nutzung vorhandener Reststoffe, also das Recycling, ab. Weiterhin werden bewertet:

  • Software, die Serien von RepRap-Druckern steuert
  • Hard-/Software, die dem Drucker fertige Teile entnimmt
  • Hard-/Software, die gedruckte Teile sortiert, säubert und zusammenfügt
  • Innovationen im Plastik-Recycling und Entwicklung passender Zerkleinerer und Extruder

Bewertung

Die Preisausschreiben sind technologiezentriert angelegt. Die Frage ist also nicht, welche sozialen Bedingungen hergestellt werden müssen, um die Ziele zu erreichen, sondern ausschließlich welche Technologien diese befördern können. Ob außerschließlich neue und billige Technologien bis 2020 der ärmsten Milliarde Menschen unter den gegeben sozialen Bedingungen helfen können wird, ist fraglich.

Der Hinweis auf die freie Lizensierung ist unklar und widersprüchlich: RepRap ist unter GPL lizensiert, eine BSD-Lizenz ist dazu inkompatibel. Die Ziele sowohl des Wasser- wie des PF-Wettbewerbs sind auch immanent technologisch seeehr ambitioniert und fraglich, ob sie erreicht werden können. Aber ein paar neue Ideen kommen sicherlich dabei rum.

P.S. Das MAKE Magazine widmet sich in der Ausgabe 21 dem Desktop Manufacturing, was ein weiterer Begriff für PF ist (leider nur ein Artikel frei zugänglich).

Kategorien: Freie Hardware

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4. Februar 2010, 07:18 Uhr   6 Kommentare

1 Hanno (04.02.2010, 11:09 Uhr)

„RepRap ist unter GPL lizensiert, eine BSD-Lizenz ist dazu inkompatibel.“

Das ist nicht ganz richtig. Es ist etwas komplexer, weil es nicht „eine BSD-Lizenz“ gibt, sondern ein paar leicht unterschiedliche. Aber alle jüngeren Datums ermöglichen prinzipiell ein zusammenbringen des Codes mit GPL-Code (und das selbe dürfte dann auch für Baupläne gelten), der dann wieder unter GPL steht.

2 StefanMz (04.02.2010, 12:20 Uhr)

@Hanno: Dann heisst GPL + BSD => GPL — richtig? Ist ja auch nicht das schlechteste…

3 Herr Schmidt (04.02.2010, 18:08 Uhr)

Hallo

Auch wenn die Anforderungen sehr hoch gesteckt wurden, so das villeicht das Ziel garnicht erreicht werden kann, so macht es doch gleich anfangs Sinnvoll deutlich:

Als aller erstes muss als Grundlage mal genau defeniert werden und in einen Standart manivestiert werden, wie Kooperiert wird. GPL + BSD, auch wenns sie dann wieder =GPL sein sollen, sind eigentlich auschließlich für Software ersonnen und haben sich in diesen Feld entwickelt und versuchen sich zu behaupten. Das neue Feld besteht aber nicht aus Software, sondern es geht ja im eigentlichen Sinne um Hardware. Daran gekoppelt ist die Software.

Sicherlich ist ein Stuhl erst mal nur Hardware. Damit aus einer Resurce, zb. Material Holz >> Kiefer eine Funktin Stuhl wird, kommt Software auf verschiedenster Ebene in den Einsatz. Ob als Mikrocontroller, Betriebssystem, Programm oder Datensatz, lässt Hardware in form einer Kopier-Maschiene erst einen Stuhl entstehen.

Ich denke, das das Projekt einen anspornen will eine Lösung zu Fabrezieren, was ein guter und edler Ansatz ist, wird aber wohl weit vor dem Ziel dadurch in die Knie gezwungen werden, weil es noch keine Lösung eines gemeinsamen Standarts gibt, auf den dann alle dazubeitragenden aufbauen können um ordentlich zu Kooperieren.

Fazit: Das was auf Softwareebene erreicht wurde sind schon eindeutige Früchte. Auf der Hardwareebene entwickelt es sich so langsam dahin. Ausser zarten Knospen und vereinzelt mal ne Blüte, ist erst mal nix da.

Und die Symbiose von beiden, na der Baum ist ja noch nicht einmal gepflanzt worden. An solchen Beispielen wie „GPL + BSD => GPL  -richtig?“ merkt man, wo es mangelt bzw. an was zuerst gearbeitet werden muss, damit wirklich grundlegend Kooperiert werden kann.

MfG  Herr Schmidt

4 fortschritt (04.02.2010, 23:13 Uhr)

Jenseits der Lizenz-Problematik und der direkten Nutzbarkeit: Beide Projekte würde ich gerne gelingen sehen.

5 Hanno (08.02.2010, 00:06 Uhr)

Ja, GPL+BSD kann man zusammenmixen und als GPL weiternutzen, passiert bei Software-Projekten oft. So fließen beispielsweise in den Linuxkernel öfter Treiber ein, die unter ner BSD-Lizenz stehen (etwa weil sie mit einem der BSD-Systeme zusammen entwickelt wurden), was kein Problem darstellt, der Linux-Kernel ist weiterhin GPL.

6 Christian Siefkes (19.02.2010, 17:29 Uhr)

Um die Begriffsverwirrung komplett zu machen: für den „digital fabricator“  (kurz „fabber“) gibt es in der englischen Wikipedia ebenfalls einen Artikel – Nummer 5! (Hat da jemand was von „Aufräumen!“ gesagt?)

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