Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Wachstumsrücknahme?

Ein neues Modewort macht die Runde: Décroissance, decrescita, decrecimiento, degrowth — übersetzt mit Wachstumsrücknahme. Auf der gleichnamigen Website heisst es:

Das Ganze hat ein Ziel: die Demokratie und das Überleben auf unserem Planet zu retten.

Demokratie als erste Sorge? Leuchtet mir nicht ein. Überleben auf dem Planeten schon eher. Aber wie, durch Rücknahme von Wachstum? Hier wird offensichtlich Wachstum mit Wirtschaftswachstum verwechselt. Das geschieht, wenn man »Wirtschaft« als alleinige Produktionssphäre ansieht, aber die anderen zwei Drittel notwendiger Tätigkeiten, die eine Gesellschaft braucht, total ausblendet. Oder doch nicht? Dann wäre es noch schlimmer.

Das Wirtschaftswachstum zu stoppen und zurückzunehmen, ist eine absolut sinnvolle Idee. Die Idee der Rücknahme von Wachstum als solchem hingegen scheint mir so falsch wie nur irgendwas und zudem brennend gefährlich. Warum?

Zunächst zum Wirtschaftswachstum. Das Wachsen der Wirtschaft ist fast schon eine Tautologie, denn eine nicht wachsende Wirtschaft ist eine Krise. Wirtschaft muss also wachsen, sonst ist sie keine mehr, jedenfalls keine gute mehr. Diese Logik ist kein Ergebnis dummer Menschen, die »immer mehr« wollen, irgendwie, sondern eingebautes Funktionsprinzip. Ich nenne nur zwei Bausteine, die eigentlich allen bekannt sind: (1) Reichtum hat Geldform, (2) Wer sich nicht rechnet, fliegt.

Der erste Baustein sorgt für die Maßlosigkeit, der zweite für die Dynamik. Geld ist abstrakter Reichtum und kann beliebig, also grenzenlos vermehrt werden. Wer sich nicht rechnet (als Firma oder Arbeiter), wird vom Markt gefressen. Also selber andere zuerst fressen, ist die Logik. Mehr und billiger und besser und schneller als andere produzieren, bevor die es machen. Resultat: Wirtschaftswachstum. Wirtschaft ist ein selbstreferenzielles System.

Könnte man vereinbaren, Wirtschaftswachstum sein zu lassen? Nein, das ist ausgeschlossen. Es sei denn als Krise, aber die will keiner. Gleichwohl hat im letzten Jahr nichts mehr der Welt-CO2-Bilanz geholfen wie die Krise. Das ist schon schizophren. Wirtschaft ist schizophren.

Nun zum Wachstum als solchem. Soll das zurückgehen? Nein, das halte ich weder für sinnvoll, noch für überhaupt vertretbar. Soll die Botschaft an die Armen in der Welt und hier sein: Nix da mit Verbesserung eurer Lage, denn Wachstum darf es nicht geben? Sorry, ein Ende des Sterbens aufgrund von Unterernährung und Krankheiten ist nicht drin? Das wäre zynisch. Schlimmer noch: Dieser Diskurs kann von den Bevölkerungspolitikern und Rassisten dieser Welt leicht okkupiert werden: Es gibt zu viel Menschen auf diesem Planeten, das Bevölkerungswachstum muss gestoppt werden. Unerträglich und brandgefährlich.

Was ist zu tun? Die Aussage muss sein: Das Wirtschaftswachstum muss gestoppt werden, damit wir wachsen können. Bei Lichte besehen heisst das: Wirtschaft als solche, mit dieser Logik, muss gestoppt werden. Eine andere Art und Weise des Produzierens muss her, eine jenseits von Markt und Staat und Wachstumszwang. Eine, die die ungesehenen zwei Drittel der produktiven Tätigkeiten, die nicht in Wert gesetzt werden und deswegen nicht als »Wirtschaft« gelten, ans Tageslicht holt und anerkennt. Eine Produktionsweise mit konkretem, sinnlichem Reichtum, aber ohne sich-rechnen-müssen.

»Gegen Wachstum« ist ein Unding, »gegen Wirtschaftswachstum« ist besser, aber eigentlich muss die Losung also lauten: Gegen Wirtschaft. Aber ich verstehe, wenn das keiner versteht.

Kategorien: Praxis-Reflexionen, Theorie

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18. März 2010, 14:22 Uhr   34 Kommentare

1 Martin (18.03.2010, 17:22 Uhr)

Der Mann auf dem Bild hat eine auffällige Nase. Ist zwar nicht eindeutig ne Hakennase, trotzdem erinnert mich die Fratze mit dem breit lachenden Mund, den abstehenden Ohren und den Geldscheinen in der Hand an antisemitische Hetzdarstellungen.

2 Brigitte (18.03.2010, 20:34 Uhr)

Stimme dir vollkommen  zu – außer ev. in einem Punkt: ist denn Wirtschaft wirklich nur die „kapitalistische Marktwirtschaft“? Was ist dann mit „peer-economy“, solidarischer Ökonomie oder care-Ökonomie? Diese Formen von Wirtschaft müssen nicht wachsen, sind aber meine Meinung nach trotzdem Wirtschaft. Ist es nicht vielmehr der große Fehler, dass als Wirtschaft eben nur jenes eine Drittel bezeichnet wird, das sich rechnet? Wirtschaft abschaffen, würde das nicht heißen jede Form des Produzierens und Konsumierens, also im Grunde die menschliche Reproduktion, abzuschaffen?

Kurz gesagt: sollten wir uns nicht den Begriff „Wirtschaft“ aneignen? Oder was schlägst du als Ersatzbegriff vor?

3 StefanMz (18.03.2010, 21:37 Uhr)

@Martin: Mich nicht. Personalisierung ist trotzdem problematisch.

@Brigitte: Tatsächlich finde ich, dass »Solidarische Ökonomie« ein Widerspruch in sich ist. Oder Care-Ökonomie. Care ist geradezu das Gegenteil von Ökonomie: Care bedeutet, die verbrachte Zeit mit der umsorgten Person möglichst auszudehnen, Ökonomie, sie zu minimieren. Bei den »Pflegediensten« kann man genau diesen Widerspruch beobachten: Handreichungen im Minutenraster — absurd und inhuman.

Ich schlage als alternativen Begriff den des Herstellens oder Produzierens vor. Denn darum geht es: Wir stellen unsere Lebensbedingungen her — im umfassenden Sinne. Wenn man sich das mal in Ruhe klar macht, was das heisst — Herstellen unserer Lebensbedingungen –, rutschen die ausgeblendeten zwei Drittel notwendiger Tätigkeiten, die nicht Wirtschaft sind, wieder ins Bild. Es wird klar, dass auch Kinder versorgen, Essen zubereiten, Klo putzen, Infrastrukturen pflegen usw. Tätigkeiten sind, mit denen wir unsere Lebensbedingungen herstellen. Damit wird auch die Trennung von Produktion und Reproduktion aufgehoben, denn sie ist dann kein besonderes Thema mehr.

Auch die Oikos-Erklärung (die Wortherkunft von Ökonomie), die dann meist an dieser Stelle kommt, finde ich irreführend. Die antike »Hauswirtschaft« war etwas völlig anderes als die moderne selbstreferenzielle Ökonomie. Sie war so anders wie der antike Markt auch nicht mit dem kapitalistischen Markt vergleichbar ist. Dito mit dem Geld.

So wie es sinnvoll ist, Sex und Gender zu unterscheiden, so ist es sinnvoll, Produzieren und Wirtschaft zu unterscheiden.

4 StefanMz (18.03.2010, 21:52 Uhr)

Ach ja: Ich bevorzuge auch Peer-Production statt Peer-Economy.

5 Mika Latuschek (19.03.2010, 03:22 Uhr)

Hm. Ein Artikel, der mit so einem Satz endet, hätte vielleicht noch mal überdacht werden sollen. Wahrscheinlich meint wachstumsruecknahme.qsdf.org im grunde dasselbe wie du, hat aber Begriffe und Details nicht geklärt. Darin bestünde also die Aufgabe. Das leistet dein Artikel nur zum Teil, stattdessen sind ziemlich viele Emotionen drin. Finde ich nicht gut.

Aber auch geklärte Begriffe können Mist sein, wenn sie keine(r) versteht. Zum Beispiel commons-based peer production. Das klingt jenseits aller Begriffsklärung erst mal wie „du bist nicht gemeint“ oder „das verstehst du sowieso nicht“.

Und ob wir den Begriff „Wirtschaften“ wegschmeißen oder uns wieder zurückholen sollten, halte ich auch noch nicht für ausgemacht. Unter vernünftigem Wirtschaften können auch so scheinbar banale Dinge verstanden werden wie die Regel, dass die Ausgaben nicht die Einnahmen übersteigen dürfen und jeder Cent nur einmal ausgegeben werden kann. Wer kennt nicht die Projekte, die genau daran gescheitert sind, obwohl sie mit „der Wirtschaft“ radikal brechen wollten.

6 StefanMz (19.03.2010, 08:10 Uhr)

@Mika Latuschek: Wir sind uns also einig, dass es schlechte Begriffe gibt. Das können solche sein, die zwar genau sind, man aber schwer versteht (wie commons-based peer production) oder die irreführend sind, jede/r sie aber kennt (wie Wirtschaft). Mein Artikel ist eine Aufforderung zum gründlichen Nachdenken wider die scheinbare Einfachheit. Wenn wir uns am Ende einig sind (ist zumindest teilweise sicher so), dann wäre das prima.

Mich würde noch interessieren, welche gescheiterten Projekte mit »der Wirtschaft« radikal brechen wollten. Ich kenne keine (gescheiterte schon, aber keine radikal anti-ökonomischen).

Den letzten Satz habe ich übrigens geschrieben, nicht weil ich den Artikel für unverständlich halte, sondern weil ich damit das in Frage stelle, was unter den gegebenen Bedingungen unsere Existenz erhält und an dem wir uns alle beteiligen (müssen). Und wer stellt sich schon gerne selbst in Frage.

Deswegen halte ich es für ausgemacht, dass die allermeisten Kritiker_innen weiter flockig von Wirtschaft reden werden, und sei es mit der Rechtfertigung, man wolle sich den Begriff »zurückholen«. Das zeigt mir deine Idee des »vernünftigen Wirtschaftens«, nach der Ausgaben die Einnahmen nicht übersteigen dürfen. Das ist ein Standardsatz der Regierungen dieser Welt (z.B. zur Rechtfertigung der Sozialkürzungen). Unter den Bedingungen, das Reichtum eine abstrakte Form hat (aka »Geld«) stimmt der auch. Aber wie geschrieben, blendet er die anderen zwei Drittel des konkreten (nicht-geldlichen) Reichtums aus.

Mal aus dem Ärmel: Hätte Reichtum ausschließlich eine konkrete Form, dann wäre er sowohl nur begrenzt akkumulierbar wie auch nur einmal verwendbar. Ohne Wirtschaft ließe sich das »Ausgabenproblem« also viel einfacher lösen.

7 Hanno (19.03.2010, 09:09 Uhr)

Stefan, ich würde Dir da glaub ich grundsätzlich widersprechen. Wachstum ist nicht nur für im Sinne von „Wirtschaften“ problematisch, auch Produzieren, Herstellen, wie auch immer Du es nennen willst, kann nie und nimmer endlos wachsen.

Dein Verweis auf „Entwicklungsländer“ (ich finde der Begriff impliziert schon ganz viel problematisches, deswegen Anführungszeichen) ist irgendwie halb korrekt. Natürlich laufen viele Leute rum, die quasi fordern, China und Indien dürfen sich nicht entwickeln (== nicht wachsen), damit es im globalen Norden bleibt wie es ist. Dem ist entschieden zu widersprechen, ist aber eine Frage der globalen Verteilung und nicht des Wachstums insgesamt.

Zu Bevölkerungswachstum: Einerseits sprichst Du natürlich korrekt an, dass dieser Diskurs zur rassistischen Vereinnahmung einlädt. Der Begriff „Überbevölkerung“ ist ja das klassische Beispiel dafür, weil er eben davon ausgeht, dass es irgendeine „normale“ Bevölkerung gibt und eine , die „zu viel“ ist. Allerdings finde ich es interessant, je näher man auf die Fakten schaut, umso weniger vereinnahmbar wird das ganze. Bevölkerungswachstum geht in aller Regel nicht dann zurück, wenn man dies versucht, durch Zwangsmaßnahmen zu erreichen, sondern wenn der Bildungsstandard steigt, Armut bekämpft wird und, der wichtigste Punkt überhaupt, Frauenrechte erkämpft werden.

8 StefanMz (19.03.2010, 09:36 Uhr)

@Hanno: Grundsätzliche Widersprüche sind prima:-)

Ich möchte grundsätzlich gegen deinen Einspruch argumentieren und behaupten, dass konkreter Reichtum — wie ich ihn als Denkmodell und Alternative zum abstrakten Reichtum anbiete — niemals im quantitativen Sinne »endlos« wachsen kann. Denn der konkrete Reichtum schließt alle unsere Lebensbedingungen ein, also auch jene, die unsere Zukunft beeinträchtigen. Wenn wir unsere Lebensbedingungen im umfassenden Sinne herstellen, werden wir alle Bedingungen einbeziehen müssen, also auch die objektiven Grenzen des Planeten.

Das Problem ist Abstraktion und damit Maßlosigkeit und Dynamik (wie im Artikel dargestellt). Dies aber, um das noch mal deutlich zu sagen, ist kein personales, sondern ein strukturelles Problem.

Ich bin auch sicher, dass sich die Imperative menschlichen Handelns ändern werden, wenn aller Reichtum konkret ist. Unter der Dominanz des abstrakten Reichtums lautet das bürgerliche Imperativ: »Mach watte wills, solange du keim andern schadest«. Das ist der Imperativ des isolierten Individuums. Abstraktion von Reichtum ist auch Abstraktion (=Absehung) der Individuen voneinander. Die Armut der Anderen ist erträglich, denn ich habe nichts mit ihnen zu tun.

Das Imperativ des konkreten Reichtums lautet dagegen: »Entfalte deine Individualität als Bedingung für die Entfaltung aller und umgekehrt«. Das ist der Imperativ des gesellschaftlichen Menschen in einer freien Gesellschaft. Es ist nicht zufällig der Commons-Imperativ. Die Armut der Anderen wird damit unerträglich, weil sie meine Entfaltung beschädigt.

Ok, war jetzt ein wenig philosophisch.

9 Benni (19.03.2010, 11:18 Uhr)

Wikipedia:

„Die Wirtschaft oder Ökonomie ist die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören Unternehmen, private und öffentliche Haushalte, zu den Handlungen des Wirtschaftens Herstellung, Verbrauch, Umlauf und Verteilung von Gütern. Solche Zusammenhänge bestehen zum Beispiel auf welt-, volks-, stadt- und betriebswirtschaftlicher Ebene.“

das ist also durchaus nicht so weit weg von Stefans Anliegen, oder? Warum kommen da eigentlich Dienstleistungen nicht vor? Ist das ein Bug?

… ansonsten finde ich diese Diskussionen darüber welchen Begriff „man“ sich wieder aneignet müsste müßig. Es geht darum sich die Produktionsweise anzueignen und nicht irgendwelche Begriffe. Das ist doch schon ein instrumentelles Verhältnis zur Öffentlichkeit, dass darin zum Ausdruck kommt: Wie verwende ich Begriffe um „die Leute“ zu irgendwas zu bringen. Naja Politik halt, das führt zu nix. Statt dessen frage ich mich, welche Begriffe mir was bringen in meinem Verstehen der Welt. Erst dann kann man sich die Frage stellen, ob dieses neue Verstehen vielleicht auch andere inspirieren könnte und mit welchen Worten (nicht Begriffen!) man das transportieren kann.

Deswegen ist ja auch „Commons Based Peer Production“ ein schöner Begriff in unschöner Wortwahl.

10 StefanMz (19.03.2010, 11:48 Uhr)

@Benni: In der Definition ist nicht zufällig von »Bedarf« die Rede, der in der Wirtschaftswissenschaft nur das kaufkräftige Bedürfnis ist. Außerdem geht’s tatsächlich nur um Güter und nicht um andere notwendige Tätigkeiten, die keine Güterform annehmen. Also etwa das, was Hardt/Negri affektive Arbeit nennen.

Als Gut könnte man auch Dienstleistungen fassen, aber eigentlich steckt dahinter wieder die Ware, die aus einer bisherigen notwendigen Tätigkeit ein vermarktbares Gut macht. Das vermarktbare nichtstoffliche »Gut« heisst dann »Dienstleistung«. Ein gutes Beispiel finde ich auch hier wieder die Pflegetätigkeiten: Wer seine Angehörigen (oder sonstwen) pflegt, würde nicht in Begriffen eines »Dienstes« denken, den er/sie hier »leiste«. Das gleiche ist jedoch völlig selbstverständlich, wenn die Pflegetätigkeit eingekauft wird.

Wikipedia ist hier wiederum eindeutig (und falsch — wer findet den Fehler?):

Eine Dienstleistung im Sinne der Volkswirtschaftslehre ist ein ökonomisches Gut, bei dem im Unterschied zur Ware nicht die materielle Produktion oder der materielle Wert eines Endproduktes im Vordergrund steht, sondern eine von einer natürlichen Person oder einer juristischen Person zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitrahmen erbrachte Leistung zur Befriedigung eines Bedürfnisses. Der Erbringer einer solchen Leistung wird als Dienstleister bezeichnet.

11 Benni (19.03.2010, 12:56 Uhr)

@Stefan: Dann würdest Du den Begriff verwenden, wenn in der Wikipediadefinition von „Bedürfnis“ statt „Bedarf“ und von „notwendige Tätigkeit“ statt von „Gut“ die Rede wäre?

Der „Fehler“ ist natürlich, dass da auf einmal doch von „Bedürfnis“ die Rede ist. Das zeigt nur, dass Deine Begriffsunterscheidung nicht Allgemeingut ist 😉 Habs mal in der WP geändert, mal gucken wie lang es drinnen bleibt…

12 StefanMz (19.03.2010, 13:59 Uhr)

@Benni: Haha, stimmt, da sind wohl viele Bugs drin! Nee, ich meinte eigentlich, dass Dienstleistung zwar als »ökonomisches Gut«, dann aber nicht als »Ware« bezeichnet wird. Ware wird hier als ausschließliches stoffliches ökonomisches Gut verwendet, aber so blöd kann die Wiwi doch nicht sein, oder?

Ansonsten glaube ich, dass ein einfacher Austausch einiger Worte nicht ausreicht, da dahinter — wie du schon richtig geschrieben hast — unterschiedliche Begriffe stehen. Versuchs mal, das klingt echt schief (mal abgesehen davon, dass das keine 3 Sekunden in der Wikipedia überleben würde).

13 Martin (19.03.2010, 15:35 Uhr)

@1 und 3: Habe nochmal recherchiert – hier werden (anlässlich eines Plattencovers) folgende Merkmale als „klassische antisemitische Zuschreibungen“ genannt: „wulstiges Gesicht, breite Lippen, Hakennase, buschige Augenbrauen“. Wulstiges Gesicht und buschige Augenbrauen sind auf dem Bild deutlich sichtbar; die breiten Lippen auf den zweiten Blick (rechts und links und als fetter Wulst unter der Nase; sieht man gut im Vergleich mit dem kritisierten Plattencover). Die fliehende Stirn gehört ebenfalls zu den klassischen Merkmalen; sie, die Dollarscheine und das breite, allzuweiße Grinsen sind übrigens ebenfalls auf dem (von der Landeszentrale für polit. Bildung als antisemitisch eingestuften) Plattencover drauf …

Naja, ich will nicht behaupten, dass das Bild antisemitisch ist, aber es kommt solchen Darstellungen jedenfalls gefährlich nahe.

14 Christian Siefkes (19.03.2010, 16:35 Uhr)

@Martin: Wobei die linke spanische Band Ska-P und das religionskritische „Ferkelbuch“ nun sicherlich nicht antisemitisch sind bzw. sein wollen, insofern taugen die verlinkten Beispiele nicht wirklich. Da würde ich mich eher fragen, ob hier nicht klischeehafte (und zweifellos platte) Kapitalistendarstellungen im Stil von Gerhard Seyfried voreilig als antisemitisch denunziert werden, was gut zur „Extremismusthese“ (Rechte und Linke sind beide böse und beide auch irgendwie gleich) der Bundesbehörden passt.

15 Martin (19.03.2010, 17:04 Uhr)

Ska-P ist eine sehr gute Band, ich habe die Platte selbst und andere von ihnen auch. Aber halt klassische Globalisierungskritik, die (wie wir wissen) leicht in die Falle der verkürzten Kapitalismuskritik tappt. Die ist oft gar nicht explizit antisemitisch, aber führt schon sehr in die Richtung und den noch fehlenden Denkschritt (die explizite Verbindung „Profitgier = jüdisch“) haben die Antisemiten eh längst verinnerlicht …

Es geht also nicht um eine explizit antisemitische Intention, die sicher weder bei Ska-P noch bei den Machern des Sugar economy-Plakats vorliegt, sondern dass man sich (ohne es zu wissen) in bestimmten Darstellungstraditionen bedient, die dann wieder bestimmte Projektionsmuster aufrufen.

Die beiden verlinkten Seiten habe ich ja übrigens nicht des Inhalts wegen zitiert (wobei die eine übrigens eine Verteidigung des Ferkelbuchs darstellt), sondern weil sie Listen mit Merkmalen der klassischen antisemitischen Darstellungen liefern. Ich hatte auf die Schnelle keine besseren solchen Listen gefunden.

16 Benni (19.03.2010, 20:53 Uhr)

@Stefan: unter wiwis sind Güter alle Waren und Dienstleistungen (siehe zB Definition vom BIP). Dienstleistungen sind also Güter aber keine Waren.

17 StefanMz (20.03.2010, 15:01 Uhr)

@Benni: Stimmt, habe ich nachgesehen. Lustig. Ich dachte immer, dass die Identifizierung von stofflichen Gütern mit Waren eine Alltagsungenauigkeit ist. Aber dass die Wiwi das auch noch definitorisch festlegt, ist schon seltsam. Ist das eine neue Entwicklung, wusste es also die klassische politische Ökonomie (Smith oder Ricardo) noch besser?

18 Lara (20.03.2010, 16:18 Uhr)

@ Stefan, anders als Benni finde ich es schon sehr wichtig, welche Begriffe wir verwenden, und ob wir über Wirtschaft sprechen oder sagen: Das zu produzieren, was wir zum Leben brauchen, muss überhaupt nicht „Wirtschaft“ heißen. Der Arbeitstitel für die dritte Ausgabe von Oya, die wir gerade planen, heißt „Menschlich wirtschaften“. Ich versuche gerade ziemlich verzweifelt, dazu ein Konzept zu schreiben, und merke, wie mich eigentlich nur noch die „Entkommerzialisierung“ interessiert und bei den Texten vieler Wirtschaftsethiker, die mit „Maß halten“ im Rahmen der Marktwirtschaft argumentieren, ungeduldig werde. Aber was ist sinnvoller: sich den Begriff Wirtschaft anzueignen und für Subsistenzwirtschaft und Peer-Economy zu plädieren, also für ein „anderes Wirtschaften“, das nach den Kriterien funktioniert wie auch die jetzt noch „anderen“ 2/3 des Lebens, in denen Kinder erzogen, Familien bekocht und alte Menschen gepflegt werden? Oder besser provozieren nach dem Motto: Schluss mit Wirtschaft, leben geht anders! Haben Kulturen, die auf Subsistenz-Basis funktionieren bez. funktioniert haben, einen Wirtschafts-Begriff? Wie benennst du den Bereich, in dem Produktivität stattfindet? Oder ist das tatsächlich gar kein eigener Bereich, wenn man mit der künstlichen Trennung zwischen Arbeit und Freizeit Schluss macht und das Geldverdienenmüssen abschafft? Für mich selbst kann ich tatsächlich nicht definieren, wo eine wirtschaftliche Tätigkeit anfängt oder aufhört.

19 StefanMz (20.03.2010, 21:30 Uhr)

@Lara: Da hast du doch schon dein Konzept mal eben hingeschrieben! Es könnte darin bestehen, diese beiden Pole auszuloten. Also einmal die Annäherung von der Seite der »Wirtschaft«: Was geht da anders zu machen? Ist es schon was anderes, wenn es andere Produkte sind? Was ist das Kriterium für »besser« oder »anders«? Was ist dann mit den restlichen 2/3 aus dieser Sicht? Wo sind die Widersprüche in den unterschiedlichen Logiken des einen Drittel und der anderen zwei Drittel? Was lässt sich transferieren, was nicht?

Dann von der Seite der Nicht-Wirtschaft, des anderen Lebens. Was ist eigentlich Wirtschaft, was ist schlecht daran, was gut? Wie geht dann anders das Leben produzieren? Was ging früher einmal und heute nicht mehr?

Haben Kulturen, die auf Subsistenz-Basis funktionieren bez. funktioniert haben, einen Wirtschafts-Begriff?

Ich denke, nein. Wenn man genau hinguckt, haben sie auch keinen Arbeitsbegriff. Denn »Wirtschaft« und »Arbeit« sind Abstraktionen. Subsistenz-Kulturen haben hingegen meist konkrete Begriffe für konkretes Tun. Da wird nicht »gewirtschaftet«, sondern dies oder jenes angebaut. Da wird nicht »gearbeitet«, sondern das Feld bestellt.

Wie benennst du den Bereich, in dem Produktivität stattfindet?

Das Leben? Das gute Leben? Ist es nicht so, dass auch wir Slogans wie den des »guten Lebens« eher mit »konsumieren« verbinden, anstatt mit »produzieren«? Weil die Sphären getrennt sind! Dabei ist das wirkliche gute Leben das, wo ich produktiv sein kann, wo ich meine Potenzen voll entfalten kann, weil sie die Entfaltungsbedingung für die anderen sind. Nur haben wir das so selten! Schon gar nicht, wo nur gekauft und verkauft wird…

Oder ist das tatsächlich gar kein eigener Bereich, wenn man mit der künstlichen Trennung zwischen Arbeit und Freizeit Schluss macht und das Geldverdienenmüssen abschafft?

Es ist kein eigener Bereich mehr, denn dann wird klar, dass Produktivität sich einzig an der Lebensqualität (und nicht mehr an einer abstrakten, unbegrenzten Quantität) orientieren kann. Produktiv ist, was uns besser leben lässt. Warum soll das nicht überall zu finden sein?

20 Thomas Kalka (21.03.2010, 13:32 Uhr)

Ich habe einen Kommentar von Erich Paus in die Moderations-Warteschlange verschoben.

21 StefanMz (21.03.2010, 15:05 Uhr)

Wir haben einen menschenverachtenden Beitrag von Erich Paus gelöscht. Dieser Beitrag vollzog das, was im Artikel noch als Befürchtung geäußert wurde: »Dieser Diskurs kann von den Bevölkerungspolitikern und Rassisten dieser Welt leicht okkupiert werden«. Es half nichts, dass der Artikel sich explizit kritisch äußerte — im Zweifel ist jeder Anlass recht, um die eigene Verschwörungstheorie in die Welt zu setzen. Nicht auf keimform.de, bitte.

22 Erich Paus (21.03.2010, 19:41 Uhr)

@StefanMz (21.03.2010, 15:05 Uhr)

Wenn Sie meinen Beitrag kommentieren, dann müssen Sie ihn auch stehen lassen.

Andernfalls steht ihnen ein derart dreister unverschämter Kommentar nicht zu.

Wäre der Beitrag „menschenverachtend“, würden das Ihre Leser und Kommentatoren ganz von alleine merken. Aber das trauen Sie ihnen offensichtlich nicht zu. Aber mit den weiteren Schlüsselwörtern „Bevölkerungspolitikern“ und „Rassisten“ glauben Sie, Ihren Lesern und Kommentatoren ihre hemmungslose Zensur und Bevormundung als fürsorgliche Menschenfreundlichkeit verkaufen zu können. Ja, „Das Böse“ kommt immer verkleidet als „das Gute“. Und „das Gute“ rechtfertigt natürlich Alles, jede Verkommenheit. Und Ihre Verwendung des Begriffes „Verschwörungstheorie“ outet Sie schließlich als einen derjenigen, vor denen Sie uns zu warnen vorgeben.

23 Christian Siefkes (22.03.2010, 15:47 Uhr)

@Stefan #17:

Ich dachte immer, dass die Identifizierung von stofflichen Gütern mit Waren eine Alltagsungenauigkeit ist. Aber dass die Wiwi das auch noch definitorisch festlegt, ist schon seltsam. Ist das eine neue Entwicklung, wusste es also die klassische politische Ökonomie (Smith oder Ricardo) noch besser?

Ich glaube Smith und Ricardo hatte damit auch ihre Schwierigkeiten. Immerhin waren sie insofern weiter, dass ihnen klar war, dass Waren auf Wert basieren. Da die Neoklassik den Wert über Bord geworfen hat, bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Wert- mit der Gebrauchswertseite zu verwechseln (Waren mit Gütern) und dann als Abgrenzungskriterium sowas Oberflächliches wie die Stofflichkeit zu nehmen (Waren als „stoffliche Güter“).

Allerdings waren Smith und Ricardo zwar theoretisch auf dem richtigen Dampfer, scheiterten aber praktisch wohl daran, dass sie sich nicht vorstellen konnten, wie Dienstleistungen einen Wert haben können. Diesen Irrtum, Dienstleistungen generell als „wertlos“ zu betrachten, hat auch Marx, der ja stark durch die beiden geprägt war, lange gemacht – wenn ich mich nicht irre, gibt es noch in den Grundrissen eine entsprechende Bemerkung. Erst im Kapital stellt er dann richtigerweise fest, dass Dienstleistungen wertproduktiv sind, wenn sie für einen Kapitalisten erbracht werden und dessen Wertverwertung dienen (Schulmeister-Beispiel).

24 Ralf Ullrich (23.03.2010, 08:42 Uhr)

@Stefan: mich hätte rein aus Eigeninteresse mal interessiert, auf welche Quellen Ihr Euch bezieht, wenn Ihr vom nicht vorhandenen Wirtschaftsbegriff /Arbeitsbegriff traditioneller Gesellschaften sprecht.  Was ging denn früher (in welchen Konstellationen? Mit welchen Vorstellungen von Leben?), was heute nicht mehr geht?

25 Lara (23.03.2010, 09:01 Uhr)

@Ralf

Ein aufschlussreiches Büchlein, das die traditionelle Subsitenzwirtschaft in Beziehung zur Gegenwart setzt ist „Geld oder Leben. Was uns wirklich reicht macht“ von Veronika Bennholdt-Thomsen. Soeben bei oekom erschienen. Von ihr und Maria Mies gibt es weitere interessante Publikationen zu deiner Frage.

26 StefanMz (23.03.2010, 13:38 Uhr)

@Ralf: In Ergänzung zu Lara: Generell hat mir die Auseinandersetzung mit dem historischen Wechsel vom konkreten zum abstrakten Zeitbegriff sehr geholfen, der eng mit dem Arbeits- und Wirtschaftsbegriff verbunden ist: Robert Levine, Eine Landkarte der Zeit; Norbert Elias, Über die Zeit; Eske Bockelmann, Im Takt des Geldes; Paolo Lago, Die Bedeutung von “labor” (online); Robert Kurz, Die Dikatur der abstrakten Zeit (online).

27 StefanMz (23.03.2010, 22:01 Uhr)

Inakzeptable Kommentare

Der oben in den Resten dokumentierte Konflikt (Kommentare 20, 21, 22) hat zu einer allgemeinen Verabredung geführt, wie wir hier bei keimform.de mit inakzeptablen Kommentaren umgehen wollen.

28 Adele (13.04.2010, 20:13 Uhr)

Hallo,

Schön zu sehen, dass man an unserer Webseite schon reagiert, obwohl sie noch ganz neu und in arbeit ist 🙂

Nun, so kurz wie möglich, über ihre Analyse.

„Décroissance“, „degrowth“ also „Wachstumsrücknahme“ – wir überlegen aber gerade: vielleicht lieber „Entwachstum“? schwierige deutsche Sprache…-, diese Wort ist vor allem ein Schlagwort, ein radikaler Aufruf zur Alternative und gegen diese sinnlose Gesellschaft.

Wachstumsrücknahme trifft nicht jeder, und nicht überall.

„Entwachsen“ sollen auf jeden fall Produzierung und Verschmutzung, also unsere Konsum im Norden, um den Süden eben doch – in bestimmter, von richtigen internationalen Gerechtigkeits- und Solidaritätsregeln definierter Grenzen – wachsen zu lassen, da seine Ressourcen im Moment vom Norden geplündert und daher seine Wirtschaft, Gesellschaft… ruiniert werden.

Da muss ich über die Frage des Rassismus reagieren: Rassismus liegt eigentlich eher im Grund-Postulat der Wachstumsgesellschaft, welche wie gesagt auf der Plünderung des Südens basiert ist. Woher kommt die Mehrheit unserer materiellen und Energieressourcen? Wer im Norden hat deswegen ein Problem zum schlaffen? Sich jede 6 Monate ein neues Handy oder irgendwelche unnötige Mode(also die Werbung, dH… die Kapitalisten nach)-Dinge zu kaufen und die alte irgendwohin zu schmeißen? Wo sind die Mülldeponie der Welt – also zusammen gefasst die vom Norden? Was werden unsere alten Autos und wo?

„Entwachsen“ sollen, innerhalb unserer Gesellschaft nun, die Gewinne der Reicheren, also lass uns Kapitalisten sagen. Diese Gewinne sind eigentlich das einzige Ziel des Wachstums – ja, das Ziel von Wachstum ist weder das allgemeine Wohlstand noch der Kampf gegen Arbeitslosigkeit wie die Medien also… die Kapitalisten 🙂 es glauben lassen moechten (und man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein um sowas zu verstehen), nur eine ungefähr konstante Arbeitslosigkeit mit immer steigende Gewinne-.

Endlich über die Frage der Demokratie sieh auf unserer Seite den Beitrag von Valérie Fournier:

http://wachstumsruecknahme.qsdf.org/praesentation.html

Kurz formuliert: Vor der Dringlichkeit, heißt « Entwachsen » die demokratische Ökologie heute, gegen die totalitäre morgen.

Wer das nicht versteht, muss sich die „Webseite der Nachhaltigkeit“ – oder wie sie heißt…- der Regierung anschauen. Da kann man sich gut daran vorbereiten, dass bald neue Gesetze die Bürger zwingen werden, „ökologischer“ zu leben, auf ihren eigenen Kosten natürlich und… Regierungen und Kapitalisten werden einfach ohne Sorge weiter.

In die gleiche Richtung, die „Taxe carbone“ in Frankreich.

Das hätte man aber schon vor Kopenhagen sagen können: die Änderungen werden nicht von Oben an kommen…

Endlich händelt sich um etwas, dass wir – im Norden – einfach nicht formulieren wollen: wir müssen unsere Lebensart total neu denken, und schnell… und das heißt doch: raus von der Wachstumsreligion!

Mehr unter http://www.degrowth.eu/v1/

Schoene Gruesse

Adèle

29 StefanMz (13.04.2010, 23:05 Uhr)

Danke, Adèle 🙂 Ich werde euch kritisch-solidarisch begleiten 😉

30 Christian Siefkes (28.04.2010, 13:14 Uhr)

Ein langer Artikel von Andreas Exner zur Kritik der Wachstumskritik:

Von Merkel bis Sarkozy will man, dass alles beim Alten bleibt. Weil’s aber schlicht nicht so bleiben kann, wie’s ist, muss man adaptieren. Da kommt die Wachstumskritik gerade recht…

Hier wird die Gefährlichkeit der herrschaftsförmigen Wachstumskritik sichtbar. Grundsätzlich ist nämlich Profitproduktion ohne Wachstum des Gesamtkapitals denkbar: als ein Verdrängungswettbewerb der angesichts von energetischer und ökonomischer Krise bedrohten Einzelkapitalien oder aber – in einem „Steady State-Kapitalismus“ – als ein „parasitäres“ Abschöpfen des Mehrwerts für Luxuskonsum. Die aus dem Lohn- und Kapitalsystem Herausfallenden sollen unter diesen Vorzeichen die einzige Perspektive, die man ihnen bisher vorspiegelte, aus „ökologischen Gründen“ aufgeben: das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts. Dafür erklärt man ihnen, dass Geld und Konsum nicht glücklich machen.

31 StefanMz (28.04.2010, 13:34 Uhr)

Massimo Maggini schreibt in den Streifzügen: Was heißt „Decroissance“?

32 Martin (28.04.2010, 16:04 Uhr)

Danke für die Links. – Der Artikel von Maggini macht deutlich, wie eng der Wachstumsrücknahme-Diskurs mit der Postmoderne verbunden ist. Absagen an Fortschritt und Moderne gipfeln in der Behauptung, jede „Entwicklung“ sei ein westlicher Irrweg: „kein vom Westen kolonisiertes Volk hat je danach verlangt, sich zu entwickeln“ – eine ziemlich arrogante Behauptung, die den Wunsch nach etwas anderem als einer absoluten Konservativität der Lebensweise nur dem Westen zugesteht. (Ansonsten wird natürlich auch manches richtige, aber nicht neue über den Irrsinn des Kapitalismus gesagt.)

Sehr deutlich wird auch das Idealistische des Konzepts, das (zumindest bei Serge Latouche) Anders-Denken für den Schlüssel zum Anders-Leben hält:

Es braucht nicht mehr und nicht weniger als eine „Kulturrevolution“. Denn bevor an eine Umwälzung der Strukturen zu denken ist, geht es darum, auf einer anderen Ebene zu arbeiten, auf einer „mehr menschlichen“: Dem Altruismus gegen den Egoismus, der Kooperation gegenüber der Konkurrenz, der Freude an freier Zeit und Spiel gegen die Arbeitsbesessenheit, dem geselligen Umgang über die Konsumwut, der Selbstbestimmung gegen die Fremdbestimmung, der Lust am schönen Werk über die Effizienz der Arbeit die Oberhand verschaffen.

Ich hätte gedacht, dass man erstmal die „Umwälzung der Strukturen“ machen muss, bevor die Leute all diese schönen Denkweisen pflegen können …

33 StefanMz (18.05.2010, 17:25 Uhr)
34 Christian Siefkes (07.01.2011, 10:44 Uhr)

Eine intelligente Auseinandersetzung mit dem Konzept ist der Text Degrow or die? von John Bellamy Foster:

As valuable as the degrowth concept is in an ecological sense, it can only take on genuine meaning as part of a critique of capital accumulation, and part of the transition to a sustainable, egalitarian, communal order – one in which the associated producers govern the metabolic relation between nature and society in the interest of successive generations and the earth itself (socialism/communism as Marx defined it). […]

The ecological struggle, understood in these terms, must aim not merely for degrowth in the abstract but more concretely for deaccumulation – in the sense of a transition away from a system geared to the accumulation of capital without end. In its place it should put a new co-revolutionary society, dedicated to the common needs of humanity and the earth.

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