Vom Strike Bike zum Free Bike?

Montage des Strike BikeDieser Artikel knüpft an Stefans Überlegungen zum Ende des »Strike-Bike« an:

Die Strike Bike GmbH hat Insolvenz angemeldet. Das Strike-Bike war zunächst der Soli-Hit, aber mit Solidarität lässt sich auf Dauer kein kapitalistisches Geschäft aufrechterhalten.

Tatsächlich bedeutet Solidarität im Falle von Verkäufer/Kunde-Beziehungen ja ganz konkret: „die Kund/innen sind bereit, mehr zu zahlen, damit die Verkäufer/innen ihr selbstorganisiertes Produktionsmodell aufrechterhalten können.“ Wäre das nicht nötig, müsste man nicht von Solidarität reden, die Kund/innen würden dann schon aus pragmatischen Gründen (günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis o.ä.) kommen und nicht nur aus Solidarität mit den Verkäufer/innen.

Auf dieser Basis ist allerdings kein allgemeines Modell einer alternativen Produktionsweise denkbar – die meisten Leute schwimmen ja nicht im Geld, sondern kommen sowieso eher schlecht als recht über die Runden, deshalb ist klar dass ein solches „solidarisch mehr zahlen“ nur im Ausnahmefall denkbar ist. Keine guten Voraussetzungen für eine Solidarische Ökonomie, die ja schon im Namen auf Solidarität setzt, aber eben deshalb nur eine Ausnahme bleiben kann (und somit keine wirkliche „Ökonomie“, also kein allgemein mögliches Modell des Wirtschaftens ist).

Für Peer-Produktion als gesellschaftliche Alternative legt dies allerdings auch die Anforderungen hoch, denn auch sie wird in der Lage sein müssen, ein besseres oder mindestens ebenbürtiges Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten als die hochgradig optimierte kapitalistische Massenproduktion. Keine leichte Hürde, aber eine unvermeidliche.

Freie Software (als früheste erfolgreiche Form von Peer-Produktion) scheint beim Preis-Leistungs-Verhältnis erstmal einen uneinholbaren Vorsprung gegenüber kostenpflichtiger proprietärer Software zu haben, weil der Preis 0 ist, doch das wäre zu kurz gegriffen, weil auch andere Kosten wie der Zeitaufwand fürs Installieren, Lernen und Verwenden der Software wichtig sind. Bei materieller Peer-Produktion kommen zu diesen indirekten Kosten zunächst wohl zwangsläufig direkte Kosten, die die Kund/in tragen müsste – nämlich mindestens die Kosten für die Rohstoffe, aus denen das Produkt besteht.

Stellen wir uns ein Fahrräder produzierendes Peer-Projekt – nennen wir es „Free Bike“ – in einer ansonsten großteils kapitalistischen Umgebung vor. Damit das Projekt dauerhaft operieren kann, müssen die Nutzer/innen im Durchschnitt zumindest den Preis der Rohstoffe und Vorprodukte zahlen, andernfalls wird das Projekt, das diese Elemente ja auf dem Markt erwerben muss, zwangsläufig Pleite gehen. Dieser Preis muss niedriger (oder jedenfalls nicht höher) sein als der eines kapitalistisch produzierten Fahrrads. Das ist zwar keine allzu große Hürde, da der Preis der Rohstoffe meist nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten eines Produkts ausmacht, könnte aber für kleine oder neue Projekte, die mit Großkonzernen mithalten wollen, ein gewisses Problem sein, da Rohstoffe und Vorprodukte meist erheblich billiger werden, wenn man sie in großen Mengen einkauft.

Ob dieser Preis direkt für den Erhalt eines Fahrrads berechnet wird oder ob er indirekt über Spenden eingesammelt wird, macht dabei keinen grundsätzlichen Unterschied, denn auch hier gilt wieder, dass Solidarität alleine auf Dauer kaum reichen wird. Es ist nicht zu erwarten, dass die Leute freiwillig deutlich mehr für Fahrräder spenden als sie unfreiwillig zahlen würden.

Die Rohstoffe und Vorprodukte sind aber natürlich nur der Anfang, danach beginnt erst die eigentliche Arbeit, nämlich die Montage der Fahrräder selbst – was die Mitarbeiter/innen des Strike-Bike-Projekts Tag für Tag gemacht haben. Die waren zwar bereit, diese Arbeit auch nach ihrer Entlassung durch ihren vorigen Arbeitgeber weiter zu machen (weshalb sie die Fabrik selbst übernommen haben), das aber wohl nur deshalb, weil sie die Fahrräder verkaufen und sich so ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.

Nun ist es bei Peer-Projekten wie der Wikipedia und Freien Softwareprojekten aber bekanntlich so, dass die nichts verkaufen und somit die Beteiligten auch nicht durch Bezahlung motivieren können (von Ausnahmen abgesehen – die Wikimedia Foundation bezahlt einige wenige Leute für Verwaltung, Serveradministration u.ä., aber diejenigen, die die eigentliche Arbeit machen, nämlich die Artikel schreiben und verbessern, bezahlt sie nicht und könnte sie auch nie bezahlen).

Wie kann ein materielles Peer-Projekt Ähnliches erreichen? Die größte Hürde, die der Peer-Produktion materieller Dinge wie Fahrräder im Weg steht, ist wohl die Monotonie, die mit deren Produktion typischerweise einhergeht. Die bisherigen Erfolge der Peer-Produktion zeigen, dass zahllose Menschen bereit sind, auch intellektuell anspruchsvolle (und im Kapitalismus gut bezahlte) Aufgaben wie Software entwickeln, Texte schreiben und Dinge designen freiwillig und unentgeltlich zu übernehmen, doch würde wohl kaum jemand ohne Bezahlung tagein tagaus dieselben Handgriffe in einer Fabrik ausführen. Peer-Projekte müssen also diese Monotonie vermeiden, um erfolgreich zu sein. Mir fallen einige Strategien ein, wie sie das machen können:

  1. Das Roboter-Prinzip: die materielle Produktion wird durch computergesteuerte (CNC) Maschinen weitgehend automatisiert, so dass vor allem die nichtrepetitiven und mehr oder weniger kreativen Aufgaben (Design von Produkten, Aufbau von Maschinen etc.) übrig bleiben – die sich erfahrungsmäßig ganz gut per Stigmergie und freiwilliger Selbstauswahl verteilen lassen.
  2. Das Ikea-Prinzip: die Nutzer/in übernimmt die letzten Schritte der Montage (die Maschinen vielleicht nicht leisten können) selbst. Hier kann keine Monotonie aufkommen, da man ja nur ein Fahrrad zusammenschraubt und nicht Hunderte. Gleichzeitig ist man unmittelbar motiviert, da es um das eigene Fahrrad geht. Anders als die Monteur/in in der kapitalistischen Fabrik hat man eine direkte Beziehung zu dem entstehenden Gebrauchsgegenstand, da man ihn selbst gebrauchen will.
  3. Das Learning-by-Doing-Prinzip: wie Mark Twain (am Anfang von „Tom Sawyer“) brillant vorführt, können Aktivitäten Spaß machen und attraktiv sein, wenn sie als etwas Neues und Besonderes erscheinen, nicht als Routinetätigkeit, die man jeden Tag machen muss. Und die meisten Leute sind neugierig darauf, Erfahrungen zu machen und sich neue Fähigkeiten anzueignen. Wenn also die Tätigkeiten in einem Peer-Projekt so organisiert werden, dass nicht dieselben Leute permanent dieselben Dinge machen, sondern jede/r, der oder die mitmachen will, im raschen Wechsel neue Aufgaben übernimmt und sich neue Kenntnisse aneignen kann, könnten Aktivitäten, die sonst langweilig erscheinen und nur gegen Bezahlung („Schmerzensgeld“) übernommen werden, attraktiv und unterhaltsam werden und genug Freiwillige finden. Das funktioniert nur für Aufgaben, die sich auf eine solche Weise erledigen lassen, wo also keine langwierige Ausbildung nötig ist, um sie auszuführen – aber immerhin, gerade solche Aufgaben dürften oft genug auch die sein, die sich andernfalls am schwierigsten per freiwilliger Stigmergie verteilen lassen würden.

Generell scheint mir, dass Peer-Projekte vor allem dann erfolgreich sind, wenn sie es schaffen, Arbeit durch Nicht-Arbeit zu ersetzen – die Arbeit aufzuheben und andere Formen des Tuns an ihre Stelle zu setzen. Arbeit ist das, was man nur deshalb tut, weil man dazu gezwungen ist oder weil man dafür bezahlt wird oder auf künftige Bezahlung hofft (auch ein unbezahltes Praktikum ist Arbeit – man hofft, dass es sich später „auszahlen“ wird).

Peer-Produktion ist dagegen in sehr vielen Fällen keine Arbeit: man beteiligt sich weder aus Zwang noch des Geldes willen, sondern weil einer/einem gefällt, was man da tut; aus Interesse an den Dingen, die da entstehen; weil man etwas dabei lernt oder weil man den anderen etwas zurückgeben möchte. Die Wikipedia funktioniert nur deshalb, weil sie es geschafft hat, die anstrengende und monotone Arbeit des Enzyklopädie-Schreibens durch etwas zu ersetzen, was viele Menschen gerne und freiwillig machen. Ähnliches ist auch für die materielle Peer-Produktion nötig.

Oder habe ich etwas übersehen? Gibt es andere, bessere Möglichkeiten, die materielle Peer-Produktion anzugehen?

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