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Tolkiens »Herr der Ringe« — Commonismus in Mittelerde

[Foto: CC-by-nc-sa Kaptain Kobold]

J.R.R. Tolkien hat die sechs Bände des »Herrn der Ringe« sicherlich nicht in irgendeiner kapitalismus-kritischen Absicht geschrieben. Dennoch lässt sich die Geschichte anders als nur als ein mittelalterliches Roadmovie lesen. Tolkien hat explizit zurückgewiesen, dass es sich bei seinem Werk um eine Allegorie (etwa auf den 2. Weltkrieg) handele, denn mit der Geschichte habe er keine Botschaft verbunden. Der Leser oder die Leserin solle das Buch jedoch »anwenden« durch eigene Gedanken zur Geschichte. Grundlage der folgenden »Anwendung« sind die drei Filme von Peter Jackson der »Extended Special Edition«, Zusammenfassungen aus Wikipedia und eine Spezialberatung von Pauline (danke!). Das Buch habe ich nicht gelesen. Los geht’s…

Die Geschichte illustriert Macht und Verhängnis des Waren- und Geldfetischs im Kapitalismus. Der Eine Ring repräsentiert den Fetisch. Er übt eine (fast) unwiderstehliche Macht auf alle Akteure aus. Der Ring ruft permanent: »Besitze mich und benutze mich«. Dass die fiesen Bösen ihn haben wollen, um ihre Herrschaft zu befestigen und auszuüben, liegt auf der Hand. Es wird jedoch deutlich, dass es nicht um besondere einzelne Herrscher geht, sondern um das Herrschaftsprinzip als solches. Übertragen auf unsere Verhältnisse geht es also nicht um die Herrschaft einzelner Kapitalisten, sondern um die Verwertungslogik, der sie unterstellen und davon profitieren.

Das Prinzip des Herrschens durch Unterwerfen (lies: Auskonkurrieren) wird von Sauron, dem Ober-Bösen, perfekt repräsentiert. Sauron existiert nicht wirklich körperlich, sondern ist mehr eine Imagination des Bösen (=Verwertungslogik) schlechthin, das im Film nur als feuriges Riesenauge gezeigt wird. Es sieht und steuert alles, jedenfalls die ihm ergebenen Sklaven und Opportunisten, die sich einen eigenen Vorteil vom Bündnis mit Sauron versprechen. Sauron steht für die Herrschaft als Prinzip der gesellschaftlichen Regulation. Der Ring und Sauron passen perfekt zusammen, er ist der eigentliche »Herr des Rings«, der Exekutor der Logik des Waren- und Geldfetischs.

Doch auch die »Guten« glauben an Macht des Fetischs, nur wollen sie den Ring für »gute Zwecke« einsetzen. Diese Leier ist nur zu gut bekannt: Nicht das Geld und die Verwertungslogik als solche seien »böse«, sondern bloß, wie sie eingesetzt würden. Mit der »richtigen Politik«, also in den »richtigen Händen« könne der »Ring«, also der Fetisch »Geld«, doch auch positiv eingesetzt werden. Ja, ja, wer’s glaubt. Die Wirkung der Fetischlogik wird in der Person von Sméagol alias Gollum vorgeführt. Sméagol war ursprünglich ein Hobbit (s.u.) und mutierte dann zum einsamen Gollum, der nur danach trachtet, seinen »Schatz« zu bewahren bzw. wiederzubekommen, nachdem er ihn verloren hatte.

Der Held, der halbwegs alle Tassen im Schrank hat, ist der Hobbit Frodo. Er kapiert, dass es nur einen Weg der Befreiung gibt: Der Fetisch selbst muss zerstört werden. Es gibt keine guten Zwecke, für die sich der Ring (lies: das Geld) einsetzen ließe, denn früher oder später ergreift die Fetischlogik den Anwender und setzt sich als Selbstzweck an seine Stelle. Dummerweise ist es super schwer, den Fetisch loszuwerden. Die meisten Mittelerd-Bewohner kapieren noch nicht mal, dass es überhaupt notwendig ist — sehr bekannt auch heute. Selbst Frodo gerät immer wieder in den Bann des Rings, und am Ende geht die Sache fast noch schief. Doch der Ring verschwindet mit Gollum zusammen in der Lava, aus der er geschmiedet wurde — und Sauron klappt zusammen. Ende gut, alles gut. Auch die Menschen berappeln sich wieder und ordnen ihre Sachen neu: die Vorgeschichte ist zu Ende, die Geschichte der Menschheit kann beginnen.

Frodo ist interessanter Weise nicht der einsame stahlharte Held, sondern unsicher und hin und her gerissen (im Buch soll er mutiger dargestellt sein). Er kann seine Mission nur erfüllen, weil ihm zahlreiche »Gefährten« den Rücken freihalten. Die »Gefährten« repräsentieren die selbstbeauftragten Commoners, die mit Frodo das Ziel teilen. Es sind verschiedene, ganz besondere Individuen, die in den Kämpfen jeweils ihre Qualitäten zur Geltung bringen. Während Frodo also die gesellschaftliche Transformation (und damit die Rettung von Mittelerde) unmittelbar betreibt, in dem er direkt den Fetisch zur Vernichtung trägt und die »Keimform« des Commonismus, einer Welt ohne Fetisch, repräsentiert, kämpfen die Gefährten die notwendigen Abwehrkämpfe, ohne die Frodo nicht durchkommen würde. In diesen Abwehrkämpfen repräsentieren die Commoners die Universalität der Freundschaft, einer Freundschaft, die auf der Entfaltung von Individualität basiert anstatt auf uniformer Kollektivität, und die schließlich ein neues »Zeitalter der Menschen«, den Commonismus, begründen kann und beginnen lässt.

Vor diesem Hintergrund der endlich wahren »Anwendung« des »Herrn der Ringe« können auch einige der anderen Hauptakteure nun richtig verstanden werden 😉

Zuerst begegnen einem die herzigen Hobbits oder »Halblinge«, die tatsächlich nur etwa halb so groß sind wie die Menschen. Überhaupt sind alle mehr oder weniger intelligenten Wesen in »Mittelerde« irgendwie »Menschen«, nur dass sie in einigen Merkmalen von den »normalen« Menschen abweichen. Die Hobbits sind klein und haben große Ohren und große behaarte Füße. Sie leben in einem harmonischen Agrarkommunismus und genießen das Leben: wenig arbeiten, viel feiern, Pfeifen rauchen, sechs Mahlzeiten am Tag. Das schönste für sie ist »den Pflanzen beim Wachsen zuzusehen«. Haben die’s gut, wenn es einen Internet-Anschluss gäbe, würde ich doch sofort da einziehen 🙂

Dann sind dort die Elben, die als vergeistigte Wesen über den Dingen zu stehen scheinen. Elben sind irgendwie auch Menschen, nur unsterblich — sofern sie sich nicht auf Sterbliche einlassen. Es sind die Intellektuellen von Mittelerde, die mehr sehen als die Sterblichen. So richtig vergleichen kann man sie mit den irdischen Intellektuellen eigentlich nicht, da es den unsrigen in aller Regel an Sehkraft fehlt. Ausserdem haben die Elben den diesseitigen Intellektuellen eines voraus: Sie haben verstanden, dass sie untergehen müssen und treten die letzte Reise an. Ihre Mission ist es, sich selbst überflüssig zu machen — als Unsterbliche.

Von Unsterblichkeit (in den Werken) wollen unsere Intellektuellen hingegen nicht lassen. Dies geht allerdings nur, wenn sie gerade kein Programm der Selbstentbehrlichmachung verfolgen. So ist es undenkbar, dass Philosophen etwa eine Welt in Gedanken fassen, in Intellektualismus und Philosophie kein Thema mehr ist, weil es das Leben selbst ist, in dem diese Gedanken aufgegangen sind. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Elben mutig an die Seite der Commoners in Helms Klamm stellen, obwohl der Kampf aussichtslos scheint. Undenkbar bei den irdischen Intellektuellen, die nahezu komplett die Fetisch-Ideologie rechtfertigen und besingen anstatt sie gnadenlos zu zerlegen — wenigstens denkend.

Den echt fiesen Oberbösen, Sauron, habe ich schon vorgestellt. Als unkörperliches Riesenauge sieht und steuert er alles, jedenfalls die ihm ergebenen Sklaven und Opportunisten, die sich einen eigenen Vorteil vom Bündnis mit Sauron versprechen. Der Ober-Opportunist und intellektuelle Verräter ist Saruman. Sein Bündnisargument ist schlicht: Wenn ich auf der Seite des Herrschenden stehe, dann fällt etwas für mich ab, dann habe ich Einfluss. Reale Inkarnationen des opportunistischen intellektuellen Priesters des Kapitalismus in heutiger Zeit lassen sich leicht finden. Sie erklären jede Alternative für sinnlos. Saruman ist gleichzeitig auch militärischer Führer, der seine eigene Armee aufbaut und in die Schlacht wirft. Zu diesem Zweck organisiert er die mittelalterliche Agrararbeit nach taylorisch-fordistischen Prinzipien um, um Schwerter, Rüstungen und Soldaten zu produzieren. Der Kapitalismus, der aus dem Krieg geboren wurde.

Die sklavisch unterwürfigen Soldaten der Bösen, Sauron oder Saruman, sind die Orks. Sie sind echt ecklig anzusehen, entmenschte Menschen, zähnefletschende Ungeheuer, die sich selbstmordartig in jede befohlene Schlacht werfen oder auch tatsächlich mal ein Selbstmord-Attentat verüben (Sprengung der Mauer der Festung von Helms Klamm). Wer jetzt aber nur an durchgeknallte islamistische Krieger denkt, ist eher auf dem falschen Pfad. Eher entsprechen die Orks den organisierten Armeen des Westens, die unter militärischer Disziplin Befehle ausführen und dabei verheizt werden — wie etwa die Soldaten im ersten Weltkrieg auf allen Seiten (was Tolkien selbst erlebt hatte). Orks waren ursprünglich einmal Elben oder Menschen, die durch Folter und Unterwerfung zu Tötungsmaschinen gemacht wurden.

Die Bösen setzen ferner diverse Späher in Menschen- oder Tiergestalt ein. Was man eben so braucht, um Herrschaft auch durchzusetzen. Die Palette ist breit, von Online-Überwachung bis zum §129a — kennen wir alles. Echt fies sind die »schwarzen Reiter«, die Nazgûl, in denen man zwangslos die (Geheim-) Polizei erkennen kann. Sie sind echte Untote und also nicht umzubringen. Und so wie es bei der Polizei nicht auf den netten KOB von nebenan ankommt, sondern auf die staatliche exekutive Repressions- und Kontrollfunktion, so bekommt man die schwarzen Reiter nicht weg. Jedenfalls nicht durch Männer, und so muss schließlich der Ober-Schwarzreiter von einer Frau erledigt werden (in der Schlacht von Minas Tirith).

Dann sind da noch die Ents. Sie repräsentieren die Natur. Ents sind Bäume, genauer: Baumhirten, die sich bewegen und sprechen können. Als Saruman es zu weit treibt und massenweise Bäume für die Schwert- und Rüstungsproduktion verheizt, schlägt die Natur zurück. Die Ents marschieren los, kicken die Orks über den Fabrikplatz und bringen den Staudamm zum brechen. Hallo Klimakatastrophe! Der Anstieg des Wasserpegels löscht die Kriegsproduktion. Keine schlechte Idee, aber heute sind Kapitalismus, Krieg und Klimawandel für viele Menschen nichts anderes als das: Katastrophen.

Es gibt noch weitere Player, und da ihr jetzt verstanden habt, wie die Geschichte tatsächlich(!) angewendet werden muss, könnt ihr zwanglos weitere Interpretationen liefern für Zwerge, Trolle, Drachen und so weiter 😉

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

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23. März 2010, 21:49 Uhr   6 Kommentare

1 benni (23.03.2010, 23:36 Uhr)

ja so kann man das lesen. Dass man die Macht nicht benutzen sondern nur zerstören kann, ist sicherlich ein Kerngedanke auch der Bücher.

Nur dumm, dass die Hobbits furchtbar spießige Kleinbürger sind und die Bücher nur so vor Rassismus triefen. Letzteres ist allerdings in den Filmen tatsächlich ziemlich abgemildert. Frauen kommen auch so gut wie nicht vor (auch das in den Filmen leicht abgemildert) und Filme und Bücher atmen halt dieses Heldengetue auf sehr unangenehme Weise aus. Ich muss das wissen, hab die Bücher schließlich mindestens dreimal gelesen 😉

2 Der kleine Dienstag (24.03.2010, 13:39 Uhr)

Wie auch immer, der Weg über die Popkultur ist eine vielversprechende Übung. Ich muss das wissen 😉 – habe in den 90er Jahren Christoph Spehrs „Die Aliens sind unter uns! – Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter“ gelesen, außerdem „Befreiungstheorien im Elchtest“ und  „Postsozialismus für Vierjährige“, falls das noch jemand kennt.

http://www.thur.de/philo/aliens2.htm

http://www.linksnet.de/de/artikel/17819

http://www.linksnet.de/de/artikel/17826

3 Tweets die Tolkiens »Herr der Ringe« — Commonismus in Mittelerde — keimform.de erwähnt -- Topsy.com (24.03.2010, 18:08 Uhr)

[…] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Wolfgang Weicht, Benni Bärmann erwähnt. Benni Bärmann sagte: Stefan interpretiert den Herrn der Ringe auf keimform.de als Transformationsanleitung: http://is.gd/aUUGe […]

4 Martin (24.03.2010, 21:54 Uhr)

Elben sind irgendwie auch Menschen, nur unsterblich — sofern sie sich nicht auf Sterbliche einlassen.

Stimmt, die arme Arwen muss die Unsterblichkeit aufgeben, um ihren Aragorn zu kriegen. Die alte ekelhafte Geschichte, derzufolge Frauen für Liebe, Sex und ein bisschen Glück am Ende immer mit dem Leben bezahlen müssen – die abendländische Kultur trieft nur so vor diesem Motiv. Tolkien hat sich aber einfach bei der alten Sündenfall-Mär bedient … Da gefällt mir Dietmar Daths „Abschaffung der Arten“ besser! Da darf nämlich jede(r) mit jede(r) gerne auch über die Artengrenzen weg und es kommen immer neue, spannende Kombinationen raus. Genau wie im echten Leben!

5 Herbert Maschke (26.03.2010, 19:57 Uhr)

Richard Wagner’s Kapitalismuskritik im  „der Ring der Nibelungen“ war von ihm so gewollt. Auch hier decken sich viele der hier im Text aufgezeigten Allegorien. Allerdings geht Wagner sogar noch weiter und sagt, dass der, der die Macht des Ringes haben will, zusätzlich auch noch der Liebe entsagen muss. Eine weiterer Deut auf die Böshaftigkeit der Verwertungsprinzipien.

6 bo.brien (28.03.2010, 10:01 Uhr)

@derkleinedienstag: stimmt, christoph spehr hat viel für den einsatz der popkultur in der befreiungstheorie getan, meines wissens zuerst in einigen artikeln in der zeitschrift alaska und in dem buch die ökofalle (eine frühe fundierte kritik des nachhaltigkeitsbegriffs).

das projekt living trekism hat dann umgekehrt ausprobiert, die befreiungstheorie auf den popkulturellen planeten zu holen (siehe auch den artikel „wir sehen uns auf dem holodeck“ in http://www.rls-nds.de/cms/fileadmin/rls_uploads/pdfs/manuskripte_49.pdf;).

@stefanmz: obwohl mittelerde aufgrund des märchenhaften charakters des plots stark unterkomplex bleiben muss, gibt es noch ein paar feinheiten zu bemerken. so muss der ring in der vorgeschichte der bösen macht erst einmal physisch entrissen werden, um letztendlich der vernichtung zugeführt werden zu können, und auch frodo muss den ring tragen und im notfall sogar einsetzen, um ihn schließlich vernichten zu können. es wird lediglich festgestellt, dass es unmöglich ist, ein auf der macht des rings basierendes befreiungsprojekt zu verfolgen, so wie die dummen krieger-menschen sich das ausmalen. denn die (institutionell?) in rigide gesetzmäßigkeiten eingebettete macht des rings wird jeden, der sie für eigene zwecke einsetzen will, korrumpieren und seinerseits zu einem willenlosen instrument der macht transformieren.

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