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Selbstorganisierte Fülle (4): Bausteine für materielle Peer-Produktion

Beitragen statt tauschen[Dritter Teil]

Dezentrale commonsbasierte Produktion

Im dritten Teil ging es unter anderem darum, wie die Freiheit zu teilen bei materiellen Gütern umgesetzt werden kann. Dabei hatte ich zum Thema „Vervielfältigen“ gesagt: „Wenn man die gesamten Baupläne (Freies Design) sowie die benötigten Ressourcen und Produktionsmittel hat, sind auch materielle Produkte kopierbar.“

Wir haben also drei Voraussetzungen: Baupläne, Ressourcen und Produktionsmittel. Bei der heutigen Peer-Produktion sind die Ressourcen und Produktionsmittel im Allgemeinen Gemeingüter oder verteilter Besitz.

Bei digitaler Peer-Produktion sind Wissen und Informationen die wichtigste Ressource. Dieses Wissen ist ein Gemeingut, das von allen genutzt und weiterentwickelt werden kann. Exemplarisch für eine bei Peer-Produzierenden weitverbreitete Ansicht formuliert die Wikimedia Foundation, die hinter der Wikipedia steht, den Anspruch, dass alles öffentlich relevante Wissen Gemeingut sein sollte:

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder Mensch freien Zugang zur Gesamtheit allen Wissens hat. Das ist unser Ziel.

Eine Form Freien Wissens ist Freies Design, auch Open-Source-Hardware oder (etwas ungenau) Freie Hardware genannt. Freie-Design-Projekte entwerfen materielle Dinge und teilen ihre Baupläne und Konstruktionsbeschreibungen mit der ganzen Welt. Dieser Bereich der Peer-Produktion ist noch recht neu, aber in den letzten Jahren sind da zahlreiche neue Projekte entstanden. Das US-amerikanische Magazin Make veröffentlicht jährlich einen großen Report zum Thema, dessen 2009er Ausgabe schon weit über hundert Projekte enthält – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Dieses Freie Produktionswissen darüber, wie Dinge hergestellt werden (aber auch darüber, wie man sie benutzt, wartet, repariert und schließlich fachgerecht recycelt) ist der erste Baustein der materiellen Peer-Produktion.

Die wesentlichen Ressourcen – bei digitaler Peer-Produktion das Wissen – werden in der Logik der Peer-Produktion also als Gemeingüter behandelt, sowohl der Praxis (Projekte teilen ihr Wissen) als auch dem Anspruch (siehe den Leitspruch der Wikimedia Foundation) nach. Für die materielle Peer-Produktion, die nicht nur Wissen, sondern auch natürliche Ressourcen benötigt, bedeutet dies, dass gemäß der Logik der Peer-Produktion die Naturressourcen ebenfalls als Gemeingüter zu betrachten sind.

Karl Marx (Lizenz: CC-BY-SA 3.0)Die dieser Logik entsprechende Schlussfolgerung hat schon Karl Marx gezogen, als er schrieb:

Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias [gute Familienväter] den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen. (Das Kapital, 3. Band, S. 784)

Die natürlichen Ressourcen sind gemäß diesem Anspruch ein Gemeingut – niemand kann Exklusivrechte auf sie erheben, niemand hat das Recht, sie zu verwerten oder zu verkaufen. Sie müssen in ihrer Substanz für unsere Kinder erhalten bleiben, dürfen also genutzt, aber nicht aufgebraucht werden. Jede/r hat in diesem Rahmen das Recht auf anteilige Nutzung, wobei der ökologische Fußabdruck (oder verwandte Maße wie der MIPS) hier Richtwerte vorgeben können. Bei der heutigen Bevölkerungsgröße könnten die von einer Person genutzten Güter also natürliche Ressourcen im Umfang von maximal 1,8 globalen Hektar erfordern. Allerdings wird der für eine dauerhafte und faire Nutzung mögliche Richtwert in den nächsten Jahrzehnten sinken, da die Weltbevölkerung noch wächst.

Die Bewahrung und Nutzung der natürlichen Ressourcen als Gemeingüter ist der zweite Baustein der materiellen Peer-Produktion. Die Umsetzung dieses Punktes ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für den Durchbruch der allgemeinen Peer-Produktion, da er mit der heutigen Logik, in der praktisch alle Dinge, und daher auch große Teile der Natur, Privateigentum sind, radikal bricht.

Der dritte Baustein sind die Produktionsmittel, zum Beispiel die Maschinen, mit denen etwas produziert wird. Im Bereich der digitalen Peer-Produktion gehören die Produktionsmittel meist vielen verschiedenen Leuten. Ich schreibe beispielsweise Freie Software auf meinem eigenen Computer. Offiziell ist er mein Eigentum, ich dürfte ihn verkaufen oder auch vermieten, aber das tue ich nicht – ich verdiene mit dem Computer in dem Moment kein Geld, sondern ich nutze ihn. Das wird als Besitz bezeichnet: mein Besitz ist das, was ich benutze. Die Wohnung, die ich gemietet habe, ist mein Besitz, weil ich sie benutze, aber sie ist das Eigentum meines Vermieter.

Im Bereich der digitaler Peer-Produktion fallen Besitz und Eigentum bei den materiellen Produktionsmitteln meist zusammen, aber worauf es ankommt ist der Besitz. Ich verwerte meinen Computer nicht als Eigentum, sondern ich verwende ihn, um einen Beitrag zu leisten – Freie Software zu schreiben, Wikipedia-Artikel zu verbessern oder was immer mir sonst sinnvoll vorkommt. Die Produktionsmittel werden benutzt, nicht verwertet.

Dabei ist dieser Besitz über viele Leute verteilt. Es gibt keine Einzelperson oder kleine Gruppe von Personen, die alle Rechner kontrolliert, auf denen Leute zum Beispiel zu Linux beitragen. Daher kann es nicht passieren, dass jemand sagt: „wir entziehen euch die Produktionsmittel“, und dann läuft nichts mehr. Dadurch dass der Besitz auf viele Leute verteilt sind, werden Abhängigkeiten verhindert. Niemand kann die anderen blockieren, indem er ihnen Besitzrechte verweigert.

Im Bereich materieller Peer-Produktion sehen wir heute eine ähnliche Entwicklung. Da entstehen dezentrale produktive Infrastrukturen, die von Leuten organisiert werden, denen es um ihre Bedürfnisbefriedigung geht. Es geht darum, zu produzieren, was man haben möchte, oder zu tun, was man gerne tut, nicht ums Geldverdienen. Gleichzeitig sind diese produktiven Infrastrukturen so verteilt, dass niemand den Zugang zu diesen Produktionsmitteln kontrollieren kann.

Ein Beispiel dafür sind Mesh-Netzwerke. Das klassische Modell eines Netzzugangs ist hierarchisch: es gibt einen Provider, der Tausenden oder Hunderttausenden von Leuten Zugang zum Internet bietet. Wenn dem Provider dieser Zugang abgeschnitten wird oder er ihn selber abschaltet, sind alle diese Leute offline. Er kann auch jede/r Einzelnen gezielt den Zugang nehmen; oder er kann Zugänge zensieren oder überwachen, was die Nutzer/innen machen. Mesh-Netzwerke sind dagegen dezentrale Netzwerke, wo alle Knoten (alle beteiligten Computer) gleich sind: jeder kann mit allen anderen direkt per Funk kommunizieren, sofern sie in seiner Reichweite sind; wenn nicht, suchen sich die betroffenen Rechner einen möglichst schnellen Weg über andere Knoten, die in ihrer Nähe sind. Es gibt keine zentralen Server, die abgeschaltet werden können, und wenn einzelne Rechner abgeschaltet werden, dann sucht sich das Netzwerk andere Wege, wo dieser Rechner nicht mehr vorkommt. Alle anderen Rechner sind nach wie vor am Netz und können miteinander kommunizieren. Es gibt also keine zentrale Instanz, die das Netzwerk oder Teile davon kontrollieren könnte.

Ein solches dezentrales Mesh-Netzwerk, mit dem Leute sich Internet und Telefonie organisieren, ist beispielsweise in Südafrika entstanden, die Scarborough Wireless User Group. Die dafür nötige Hardware ist über viele Leute verteilt – wer beitragen möchte, kauft sich einen WLAN-Router bzw. eine Antenne oder andere nötige Hardware. Es gibt niemand, dem das ganze Netz oder ein größerer Teil davon gehört; niemand, der es abschalten oder zensieren könnte. Die benötigte Software und ein Teil der nötigen Hardware wird dabei als Freie Software und Freies Design entwickelt, kann also selber angepasst und ggf. hergestellt werden (vgl. Baboons, Mesh Networks, and Community).

Was heute in einigen Städten schon für Internet und Telefon funktioniert, ist auch denkbar für die dezentrale Versorgung mit Energie (auf Basis von Solar- oder Windenergie) oder Wasser. Dass Leute sich gemeinsam Zugang zu Wasser verschaffen und das verfügbare Wasser aufteilen, gibt es beispielsweise in Südamerika schon (vgl. Water Umaraqa).

Dann gibt es Hackerspaces, selbstorganisierte Räume (ähnlich den in der linken Szene häufigen selbstverwalteten Räumen), die im Bereich der digitalen Peer-Produktion entstanden sind. Die Beteiligten organisieren solche Räume, um gemeinsam produzieren zu können, um beispielsweise Freie Software zu schreiben oder zur Wikipedia und anderen Freien Projekten beizutragen. Hackerspaces sind immer auch Lernräume, wo man Workshops veranstalten oder sein Wissen informell teilen und an andere weitergeben kann; natürlich dienen sie auch der Entspannung und Erholung.

Hackerspaces werden üblicherweise durch freiwillige Beiträge der Benutzer/innen finanziert – laufende Kosten wie die Miete werden über einen Verein gedeckt, an den jede/r ein paar Euro pro Monat überweist. Man kann den Hackerspace im Allgemeinen aber auch nutzen, ohne Vereinsmitglied zu sein. Und da es nicht nur einen Hackerspace gibt, sondern tendenziell viele, kann normalerweise niemand von solchen Nutzungsmöglichkeiten ganz ausgeschlossen werden.

Im Bereich der materiellen Produktion gibt es in einigen Dutzend Städten sogenannte Fab Labs – seit kurzem existiert auch eins in Deutschland, nämlich in Aachen, ein weiteres Fab Lab in Hamburg ist in Gründung. Von der Idee her sind Fab Labs ähnlich wie Hackerspaces selbstorganisierte Räume – wobei sie heute noch teuer sind und meist von Universitäten oder anderen größeren Organisationen gesponsert werden müssen. In solchen Labs gibt es eine ganze Reihe von Produktionsmaschinen, die von den Leuten in der Umgebung benutzt werden können.

Der Zugang zu Produktionsmitteln wird dadurch erleichtert, dass die benötigten Maschinen tendenziell immer kleiner, schlanker, dezentraler werden. Fab Labs verfügen beispielsweise über CNC-Maschinen, die computergesteuert Materialblöcke zurecht schneiden oder fräsen können; sowie über 3D-Drucker, sogenannte Fabber, die Gegenstände umgekehrt aus vielen Schichten aufbauen, wobei die einzelnen Schichten quasi „ausgedruckt“ werden und daraus Schicht für Schicht ein dreidimensionaler Gegenstand entsteht. Es gibt andere Ansätze, die andere gängige Produktionstechniken aufgreifen. Fast alle heutigen Produktionstechniken werden tendenziell kleiner und eher verfügbar für begrenzte Gruppen (beispielsweise für Leute, die Hackerspaces betreiben), ohne dass diese dafür viel Geld ausgeben müssten.

Heute sind die Fab Labs noch teuer, weil sie auf proprietäre Maschinen setzen, die auf dem Markt eingekauft werden müssen und entsprechend viel kosten. Es gibt aber schon allerhand Projekte, die gemeinsam CNC-Maschinen, 3D-Drucker und andere Produktionsmittel entwerfen und ihre Ergebnisse als Freies Design veröffentlichen. Solche Freien Produktionsmittel – kleine CNC-Maschinen wie Contraptor und Valkyrie, kleine Fabber wie RepRap und Fab@Home – sind noch nicht konkurrenzfähig mit der kapitalistischen Massenproduktion, aber sie sind auch nicht mehr so weit davon entfernt. Ich denke dabei weniger an Fabber, die bislang eher ein Hype sind als eine generelle Alternative, aber es gibt Maschinen, die sehr leistungsfähig sind und die durchaus in die Reichweite von kleinen Nutzer/innengruppen kommen, die sie in selbstorganisierten Räumen – Hackerspaces oder Makerspaces – betreiben können.

Sobald die Maschinen selber das Ergebnis von Peer-Produktion sind und im Rahmen solcher produktiver Zentren – bzw. „Dezentren“, die dezentral verteilt sind – selbst wiederum hergestellt, das heißt vervielfältigt werden können, wird es extrem spannend. Dann kann man sich nämlich in den Bereichen, wo das funktioniert, vom Markt abkoppeln. Dann muss man die Dinge nicht mehr gegen Geld kaufen, sondern kann sie in Peer-Produktion gemeinsam herstellen. Diese selbstorganisierte Bereitstellung und Verwendung von Produktionsmitteln ist der dritte Baustein der materiellen Peer-Produktion.

All das würde nie zustande kommen ohne die Leute, die – freiwillig und per Selbstauswahl – Dinge entwerfen und ihr Wissen teilen, natürliche Ressourcen zugänglich machen und erhalten sowie selbstorganisierte Produktionsinfrastrukturen einrichten und betreiben. Der vierte und wichtigste Baustein ist daher das, was ich in den ersten beiden Teilen ausführlich behandelt habe, nämlich die freiwilligen Beiträge der Beteiligten, die – jede/r auf die Art und Weise, die ihren oder seinen Bedürfnissen und Interessen entspricht – dazu beitragen, dass Peer-Projekte (sei es für Software oder materielle Produktion) erfolgreich sind.

Fairness beim Aufteilen von Ressourcen und Aufgaben

Bevor ich zum Schluss komme, will ich noch auf zwei Aspekte kurz eingehen, die sich beide unter dem Stichwort Fairness fassen lassen.

Wir hatten gesagt: Ressourcen können genutzt werden, sofern sie in ihrer Substanz für die Nachwelt erhalten bleiben und sofern für die anderen jeweils ähnlich viel da ist wie für eine/n selbst. Was aber, wenn sich einige über diese Begrenzungen hinwegsetzen und langfristig so viel verbrauchen, dass sie den durchschnittlich pro Person verfügbaren ökologischen Fußabdruck sprengen und damit auf Kosten anderer (denen die zu viel verbrauchten Ressourcen fehlen) leben? Braucht es nicht eine zentrale Instanz, einen Staat oder ähnliches, die solches Fehlverhalten verhindert und sanktioniert?

Ich denke nicht, denn wenn man sich anschaut, wie die Beteiligten in heutigen Peer-Projekten mit Verhaltensweisen umgehen, die sie als Fehlverhalten empfinden, stellt man fest, dass es durchaus auch ohne Polizei und andere offizielle Instanzen gehen kann. Peers reagieren auf Fehlverhalten mit „flaming and shunning“, was man auf Deutsch mit „Schimpfen und Schneiden“ wiedergeben könnte. Man beschimpft die Übeltäter/in zunächst, es kommt zu „Flames“, zu lautstark und öffentlich (z.B. auf Mailinglisten) geäußerter Kritik. Werden diese Warnungen ignoriert, kann die Betroffene geschnitten werden, d.h. man verweigert die weitere Zusammenarbeit mit ihr oder ihm. Das kann bis zum kompletten Boykott, bis zum zeitweiligen oder dauerhaften Ausschluss aus dem Projekt führen.

Nun sind aber in jeder Gesellschaft die Menschen auf andere angewiesen – man braucht die anderen, um über die Runden zu kommen. Der Ausschluss aus einem einzelnen Projekt ist in einer dezentral organisierten Gesellschaft nicht weiter tragisch, aber wenn der allgemeine grobe Konsens, die Grundhaltung der Leute, dahin geht, bestimmte Verhaltensweisen nicht zu akzeptieren und mit Kooperationsverweigerung zu sanktionieren, dann werden sich solche Verhaltensweisen kaum aufrecht halten lassen.

Ein anderer Bereich, wo es zu Problemen kommen kann, betrifft die Verteilung von Aufgaben. Normalerweise funktioniert Peer-Produktion per Selbstauswahl und Stigmergie. Die Leute hinterlassen Hinweise auf die Dinge, die sie sich wünschen und auf die Aufgaben, die dafür nötig sind; jede/r sucht sich freiwillig Aufgaben aus, die ihr oder ihm gefallen oder wichtig sind, und kümmert sich um deren Erledigung. Es wird aber wohl gelegentlich Aufgaben geben, wo das nicht funktioniert – wo sich niemand bereit erklärt, die Aufgabe zu übernehmen. Wie geht man damit um?

Eine erste Frage ist, ob die Aufgabe überhaupt notwendig ist – wenn die Aufgabe niemand so wichtig ist, dass sie oder er zu ihrer Erledigung bereit wäre, dann kann man auf ihre Erledigung vielleicht einfach verzichten?

Aber es ist natürlich denkbar, dass eine Sache den Leuten wichtig ist, sich aber niemand darum kümmert, weil alle hoffen, dass andere das schon machen werden. Eine Möglichkeit, mit solchen unbeliebten Aufgaben umzugehen, ist ihre Automatisierung. Automatisierung hat in den letzten 200 Jahren ja schon enorme Wirkungen entfaltet; immer größere Teile der Produktion werden ganz oder teilweise automatisiert. Besonders gut geeignet für die Automatisierung sind dabei Aufgaben, die eintönig und repetitiv und deshalb wenig beliebt sind. Kreative Aufgaben, die menschliche Intelligenz und Intuition erfordern, bleiben übrig, sind erfahrungsgemäß aber auch eher unproblematisch, weil sich eigentlich immer Leute finden, die solche Aufgaben spannend und reizvoll finden.

Allerdings stellt im Kapitalismus das Gehalt eine Grenze der Automatisierung dar – je schlechter bezahlt ein Job ist, desto schwieriger wird es, ihn zu automatisieren, ohne dass dadurch Mehrkosten entstehen. Viele undankbare Tätigkeiten wie z.B. das Putzen werden aber besonders schlecht bezahlt, so dass unter kapitalistischen Umständen eine Automatisierung solcher Tätigkeiten wenig sinnvoll ist (zumal es oft auch umgekehrt ist: weil Aufgaben schlecht bezahlt sind, werden sie im Kapitalismus als undankbar empfunden). Wenn es dagegen bei Peer-Produktion Aufgaben gibt, von denen einerseits alle oder viele wollen, dass sie gemacht werden, die aber andererseits niemand machen will, dann ist der Anreiz, sie ganz oder teilweise zu automatisieren, sehr hoch. Und sich um die Automatisierung von Tätigkeiten zu kümmern, ist auch etwas, das Leute spannend finden, so dass sich dafür viel eher Freiwillige finden werden.

In vielen Fällen lassen sich Tätigkeiten auch so umorganisieren und umgestalten, dass sie interessanter, leichter und angenehmer werden. Im Kapitalismus finden die undankbaren Aufgaben oft unter sehr schlechten Bedingungen statt, da muss man z.B. um 4 Uhr morgens Büros putzen, aber das muss ja nicht so sein. Bei Peer-Produktion entscheiden die Leute, die eine Aufgabe übernehmen, unter welchen Umständen sie das tun und wie sie ihre Tätigkeit gestalten. Sie können also sagen: „Wir machen das zwar, aber tagsüber, und wenn das den anderen nicht passt, dann sollen sie’s selber machen.“

Wenn das alles nicht greift, wenn es unbeliebte Aufgaben gibt, die den Leuten wichtig sind, die sich aber weder wegautomatisieren noch so umorganisieren lassen, dass sich Freiwillige dafür finden, dann können die Betroffenen Faustregeln zur fairen Aufteilung dieser Aufgaben entwickeln. Also alle, die an solchen Aufgaben Interesse haben, beteiligen sich ein bisschen, jede/r übernimmt hin und wieder im Wechsel eine der Aufgaben. Auf diese Weise bleiben die undankbaren Aufgaben nicht an Einzelnen hängen; niemand hat sehr viel damit zu tun und was alle mal machen müssen, ist erfahrungsgemäß auch nicht so schlimm, wie wenn man sich als einzelne/r Dumme/r, die/der den anderen die Drecksarbeit abnimmt, fühlen müsste.

Was sind die Unterschiede?

Kommen wir zum Schluss: Wie würde sich eine auf verallgemeinerter Peer-Produktion basierende Gesellschaft vom heutigen Zustand unterscheiden? Der fundamentalste Unterschied ist sicher der, dass sich das Ziel der Produktion ändert: es geht nicht mehr darum, Profit zu machen, Geld in mehr Geld zu verwandeln, sondern um die Bedürfnisse der Menschen.

Um sich ihre Bedürfnisse zu befriedigen, kooperieren die Leute miteinander, kümmern sich gemeinsam um die Produktion und teilen die erforderlichen Tätigkeiten untereinander auf, auf der Basis von Stigmergie und freiwilliger Selbstauswahl. Die gemeinsame Produktion in freiwilligen Zusammenschlüssen (Projekten) tritt an die Stelle der privatwirtschaftlichen, durch Kaufen und Verkaufen vermittelten Produktion. Ich sehe die anderen als meine Peers, mit denen ich zusammenarbeiten will und muss, nicht als Leute, von denen ich eigentlich nur Geld oder Waren haben will und mit denen ich sonst nichts weiter zu tun haben möchte, und schon gar nicht als Konkurrent/innen, die ich (ob ich will oder nicht) im Konkurrenzkampf um das Geld bzw. die Waren ausstechen muss.

Ressourcen und Produktionsmittel sind Gemeingüter oder verteilter Besitz. Es gibt niemand, der vom Zugang zu Produktionsmitteln ausgeschlossen ist; und es gibt keine Gruppe, die die exklusive Kontrolle über Ressourcen und Produktionsmittel hat (wie die Kapitalist/innen und Vermögensbesitzer heute) und andere von deren Nutzung ausschließen kann.

Dagegen basiert der Kapitalismus auf dem nominell freiwilligen, faktisch aber durch die Umstände erzwungenen Verkauf der Arbeitskraft der Leute, die von Ressourcen und Produktionsmitteln ausgeschlossen sind und auch sonst nichts zu verkaufen haben („doppeltfreie Lohnarbeiter“ in der Terminologie von Marx). Die Notwendigkeit zum Verkauf der Arbeitskraft, und zum Verkaufen überhaupt, entfällt mit der allgemeinen Peer-Produktion, weil die Produktionsmittel allen zugänglich sind – weil die Produktion gemeinsam erfolgt und ihre Ergebnisse gemäß den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen geteilt werden.

Es gibt keine Konkurrent/innen mehr, die man ausstechen müsste, stattdessen gibt es Leute, die mit eine/r tatsächlich oder potenziell zusammenarbeiten. Deshalb macht es Sinn, sich mit den anderen zusammenzutun und abzustimmen, weil man so besser und angenehmer zum Ziel – zur Erfüllung der eigenen produktiven und konsumptiven Bedürfnisse – kommt.

Generell dürfte sehr viel weniger zu tun sein, als das heute der Fall ist, da man das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss, sondern auf dem aufbauen kann, was andere schon gemacht haben, und da viele im Kapitalismus notwendige oder sinnvolle Aktivitäten ganz wegfallen (Werbung, Finanz- und Kapitalverwaltung, „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ sowie Maßnahmen zum Schutz und zur Durchsetzung des kapitalistischen Privateigentums: Polizei, Militär etc.). Noch wichtiger ist, dass sich der Charakter des Tuns vollständig verändert: man arbeitet nicht, weil man Geld verdienen muss, sondern man tut etwas, weil man es gerne tut oder weil man es richtig und wichtig findet, was da passiert.

Es gibt auch keinen Grund mehr, Innovationen und Wissen geheim zu halten, was im Kapitalismus ganz wichtig ist, weil sich Firmen dadurch einen Vorsprung im Konkurrenzkampf bewahren können. Bei Peer-Produktion ist es sinnvoll, Ideen und Wissen zu teilen, denn man muss ja niemand mehr auskonkurrieren und durch das Teilen von Wissen kommen alle besser ans Ziel. Wer Wissen teilt, nutzt den anderen, ohne sich selbst zu schaden, und fördert zudem die eigene Reputation, den Ruf als jemand, der oder die gute Ideen hat und teilt.

Wir hatten (im dritten Teil) gesehen, dass der Kapitalismus auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist – da sich das Kapital verwerten muss, kommt es ohne Wachstum zwangsläufig zur Krise. Bei Peer-Produktion gibt es keine solche Notwendigkeit – wenn die Leute zufrieden sind, kann alles bleiben, wie es ist. Ob und wie viel Wachstum es gibt ( d.h. bei Peer-Produktion: ob mehr und bessere Güter produziert werden), hängt also von den Präferenzen der Menschen ab. Dabei lassen sich (durch Effizienzsteigerungen) auch Verbesserungen der produzierten Güter (der Gebrauchswerte) erzielen, ohne dass dafür mehr Ressourcen oder mehr Produktionsaufwand gebraucht werden. Gleichbleibender oder sogar sinkender Ressourceneinsatz kann also mit einem Steigen des allgemeinen Lebensstandards einhergehen.

Der Kapitalismus basiert im Kern auf Antagonismen. Zum einen in der Beziehung zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ – erstere versuchen aus letzteren möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld herauszupressen (denn in Wirklichkeit sind es natürlich die „Arbeitnehmer/innen“, die die Arbeit geben, und nicht andersherum), während letztere das umgekehrte Ziel verfolgen. Dazu kommt der allgegenwärtige Antagonismus zwischen Konkurrent/innen, die einander ausstechen müssen – jede/r muss sich auf Kosten der anderen durchsetzen, sofern sie bzw. er nicht scheitern will. Bei Peer-Produktion gibt es kein Durchsetzen auf Kosten anderer – im Gegenteil ist es für alle Beteiligten besser, sich mit anderen zusammen zu tun; wenn man dagegen die anderen verprellt, kommt man nicht weit. Es gibt auch keinen Gegensatz zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ mehr, da niemand die eigene Arbeitskraft verkaufen muss oder einseitig von anderen abhängig ist.

Wenn man sich aber anschaut, was die heutige Rolle des Staates ist, stellt man fest, dass sich da fast alles um Aufrechterhaltung, Vermittlung und Regulation dieser Antagonismen sowie um das partielle Reparieren ihrer schädlichen Konsequenzen dreht. Der Staat setzt das Privateigentum an Ressourcen und Produktionsmitteln durch, die Grundlage des Antagonismus zwischen Produktionsmittel-Eigentümern („Arbeitgebern“) und „doppeltfreien Lohnarbeiter/innen“ (die „frei von“ eigenen Produktionsmitteln sind). Er muss verhindern, dass eine Seite die andere allzu sehr dominiert (Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbestimmungen, Durchsetzung und Begrenzung des Streikrechts); ebenso muss er den Antagonismus der Konkurrenz regulieren (Wettbewerbsrecht, Verhindern von Industriespionage) und den zwischen Produzent/innen und Konsument/innen (Verbraucherschutz). Er muss sich um diejenigen kümmern, die im Wettbewerb um Arbeitsplätze auf der Strecke bleiben (Sozialstaat) und den „sozialen Frieden“ sichern, d.h. sicherstellen, dass das Ganze nicht auseinanderfliegt. Zudem muss er diejenigen Bereiche gestalten, auf die die kapitalistische Produktionsweise angewiesen ist, die aber durch private, untereinander konkurrierende Firmen nicht organisiert werden können, weil sie z.B. nicht profitabel sind.

All diese Notwendigkeiten fallen bei allgemeiner Peer-Produktion weg, weil sie die profitorientierte Privatproduktion und deren Antagonismen überwindet und stattdessen die Bedürfnisbefriedigung der Menschen zum unmittelbaren Zweck der Produktion macht. Damit verliert der Staat seine Funktion und wird überflüssig.

Literatur

Kategorien: Commons, Freie Hardware, Reichtum & Knappheit, Theorie

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20. Juni 2010, 11:50 Uhr   4 Kommentare

1 Selbstorganisierte Fülle (3): Vom Immateriellen zum Materiellen — keimform.de (20.06.2010, 11:52 Uhr)

[…] [Vierter Teil] […]

2 Herr Schmidt (20.06.2010, 22:33 Uhr)

Wir haben gemerkt, das wir eigentlich immer schon die Chefs waren, das wir das Wissen haben…

http://videos.arte.tv/de/videos/argentinien_fabriken_ohne_chef_-3236562.html

Hallo

ein kleiner sehenswerter Beitrag, genau zum Thema.

3 Selbstorganisierte Fülle statt marktkonforme Knappheit | Gemeingüter (21.06.2010, 19:29 Uhr)

Auf Keimform.de gibt es eine vierteilige Artikelserie über “Selbstorganisierte Fülle” von Christian Siefkes.

4 Selbstorganisierte Fülle | Akademie Integra (13.07.2010, 17:23 Uhr)

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