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NKL ist nicht nur eine Lotterie

[Nachfolgender Artikel ist ein Repost aus Contraste 310/311, mit freundlicher Erlaubnis der Autor_innen von »Le Sabot«, der mobilen Mitmach-Küche (Lizenz: CC-by-nc).]

Verwunderung am Frühstückstisch: toller Brunch am letzten Tag vom Camp, aber wo sind die obligatorischen Spendeneimer? Auch die lautstarken Ansagen der Vokü-Crew sind nicht zu hören. Statt dessen voll geladene Tische, Bratkartoffeln, Müsli, Sojamilch, Grießbrei, Brot und Burger. Lecker…trotzdem, die Verwunderung weicht nicht. Irgendwie muss das Essen doch bezahlt werden? Muss es nicht! Die Vokü ist Teil eines Netzwerkes, welches Nicht-Kommerzielle Landwirtschaft (NKL) betreibt. Dieses Netzwerk besteht gleichermaßen aus Erzeugern und Verbrauchern, die Grenzen sind fließend. Es ist eine große Bedarfsgemeinschaft aus den verschiedensten Teilen der Nahrungskette. Die Vokü versteht sich ganz klar als Teil davon, aber auch die Campteilnehmer_innen sind ein Teil.

Von »Le Sabot« • Auf der Lokomotive Karlshof in der Nähe von Templin wird angebaut: Sonnenblumenkerne für Müsli und Öl, verschiedene Getreidesorten für Brot und Haferdrink, Sojabohnen für Tofu, Sojamilch und Sojajoghurt, Lupinen für Burger und Aufstriche, und natürlich Kartoffeln, mit denen alles angefangen hat. Alles angebaut vom NKL-Netzwerk. So sind dann auch bei der Kartoffelernte viele Menschen aus dem Netzwerk vor Ort. Campteilnehmer_innen, Voküs, Wohnprojekte und andere, Verbraucher_innen und Erzeuger_innen. Wie gesagt, die Grenzen verschwimmen. Nicht-kommerzielle Landwirtschaft heißt nämlich: hier wird produziert, aber nicht verkauft. Im Hausgarten können wir uns das noch vorstellen, aber bei einer Produktion in einem größerem Zusammenhang verliert diese Herangehensweise nach Alltagslogik schnell seinen Sinn. Es geht um die Entwicklung von anderen, den kapitalistischen Alltagsverstand durchbrechenden Praxen der Produktion und des Verbrauchs.

Ganz so wie in dieser Utopie sieht das Ganze noch nicht aus, aber den Karlshof, die Vokü und das Camp gibt es tatsächlich. Auch den Kontakt zwischen allen gibt es – nur der Brunch fand in dieser Form noch nicht statt.

Anlass für uns diesen Artikel zu schreiben war der intensiver werdende Kontakt zwischen dem Karlshof und uns als Vokü. Bei näherer Betrachtung der beiden Gruppen stellte sich heraus, dass es diverse inhaltliche Überschneidungen und Gemeinsamkeiten gibt. Nicht nur sind beide Teil der Nahrungskette, auch der politische Anspruch ist ein ähnlicher. So wie der Karlshof versucht, Produktion und Verbrauch zu entkoppeln, so versuchen wir das in der Vokü auch. Essen gegen Spende; Richtpreise statt Festpreise; Wer mehr hat zahlt mehr, wer nichts hat zahlt nichts, trotzdem kriegen alle dasselbe. Wer das Essen isst, muss nicht die Person sein, die es bezahlt. Das funktioniert auch über unterschiedliche Kochprojekte hinweg. Wenn wir bei dem einen einen Überschuss machen, gibt es beim nächsten vielleicht ein Minus. Aber es funktioniert, die Struktur Vokü trägt sich.

Vielleicht braucht der Begriff Nahrungskette hier dann noch eine kleine Erläuterung. Am besten mal wieder als Mischung aus Utopie und Realität: Der Karlshof baut an; die Vokü macht Bratkartoffeln; Leute machen Tofu aus den Sojabohnen vom Karlshof, die Vokü kocht; die WG isst; alle ernten; das Wohnprojekt mag zwar keine Kartoffeln, findet aber das Projekt toll und streicht den Schuppen; einige pressen Öl; ein bekannter Schlosser repariert den Pflug und fährt direkt damit aufs Feld zum Pflügen und kocht dann 2 Wochen später in der Vokü mit … Die Grenzen verfließen. Wer etwas verbraucht, muss dafür keinen Gegenwert liefern. Weg vom klassischem Tauschprinzip, hin zu einer nicht-kommerziellen Nahrungskette.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist vielleicht im letzten Punkt der Aufzählung schon aufgefallen: Wo Netzwerke sind, die gemeinsam etwas produzieren und verbrauchen, kann und sollte auch ein ständiger direkter Wissenstransfer stattfinden. Der Schlosser lernt pflügen und kocht mal für 400 Leute. Eine aus der Vokü lernt beim Saatgut sortieren eine Menge über Kartoffelkrankheiten. Und die Studentin für Agrarwissenschaft vertieft zusammen mit dem Schlosser ihre Schweißkenntnisse beim Bau der neuen Kartoffelstampfer für die Vokü. Der hier stattfindende Wissenstransfer fördert direkt den Abbau von Wissenshierarchien und schafft Transparenz. Jetzt wissen nämlich plötzlich alle, wo das Saatgut liegt, wie es gelagert werden muss und dass damit 2000 Euro gespart werden können, weil keins gekauft werden muss.

Zum Thema Transparenz: der nicht-kommerzielle Charakter der NKL hat zur Folge, dass die Produktion direkt an den Bedürfnissen der im NKL-Netzwerk organisierten Menschen ausgerichtet werden kann und nicht daran, wie auf dem Markt am meisten Gewinn erzielt wird. Durch diese an die Bedürfnisse angepasste Produktion verringert sich auch die Gefahr einer Überproduktion, welche verderben kann. Außerdem bietet sie dem NKL-Netzwerk die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, was angebaut werden soll, auf welche Art und Weise, für wen und mit wem angebaut wird und wie es weiter verteilt wird.

Der Karlshof als Teil dieser Utopie existiert als Projekt seit ca. 5 Jahren. Seit 2006 wird auf dem Hof in der Nähe von Templin die Nicht-Kommerzielle Landwirtschaft betrieben. Die Gruppe der dort lebenden besteht aus ca. 10 Menschen, auf ca. 50 Hektar wird angebaut. Die Lokomotive Karlshof ist mit anderen Projekten und Einzelpersonen in der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit organisiert (PAG). Die PAG ist ein Netzwerk, in dem sich unterschiedliche Menschen bei der Entwicklung alternativer Formen des Zusammenlebens und Arbeitens unterstützen. Die PAG betreibt eine gemeinnützige Stiftung, welche auch Eigentümerin des Karlshofs ist. So soll die Reprivatisierung der angeschafften Immobilien verhindert werden — ein erster Schritt in Richtung einer Vergesellschaftung von Privateigentum.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Freie Inhalte, Praxis-Reflexionen, Reichtum & Knappheit

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8. Juli 2010, 07:30 Uhr   6 Kommentare

1 Omnivore (17.07.2010, 17:56 Uhr)

„Müsli, Sojamilch, Griesbrei“ zum Brunch. Kein Frühstücksei und die angebotenen „Burger“ entpuppen sich als fleischlose Mogelpackung. Was für ein „Volk“ soll eigentlich angesprochen werden von dieser „VoKü“, die da verkündet „mobile Volksküchen überall“? Das „deutsche Volk“?  Das Staatsvolk?

Dürfen auch „nicht Volkszugehörige“ mitessen? Höchstens 0,3 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung ernähren sich hierzulande übrigens in diesem „veganen“ Stil (ohne Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte). Kein Wunder, die meisten Leute sind eben keine Kostverächter und stehen nicht auf Reduktionskost. Mit solchen Veganismus-Initiativen wird sich kaum jemand des angebeteten „Volks“ hinter dem Ofen hervorlocken lassen. Und das zu Recht! 

2 NoHoney (21.07.2010, 15:29 Uhr)

der unterschied liegt da im „haben“ und „sein“, liebes omnivore! karlshof zeigt dass es funktioniert – und erweitert werden kann! wenn die stänkerer und neider auch einfach mal den mumm hätten an der freien fülle mit herum-zu-experimentieren wäre das ein riesen schritt nach vorne! 😀

übrigens erinnert mich euer artikel hier an ein hübsches beispiel von commons aus dem religiös-kulturellen bereich, nämlich an die vipassana-meditationszentren nach goenka.

„Für die Kurse werden keine Gebühren erhoben – auch nicht für Unterkunft und Verpflegung. Kosten werden durch Spenden von Teilnehmer/innen getragen, die bereits einen Kurs abgeschlossen haben, die positiven Wirkungen von Vipassana erfahren haben und nun anderen ebenso diese Erfahrung ermöglichen möchten.“ (zitat von deren homepage). da sind ein paar stattliche zentren bei heraus gekommen – allet ohne die übliche geldlogik 🙂

3 Milch+Honig (23.07.2010, 14:52 Uhr)
4 Veranstaltungstipp: “Wir haben es satt” - Greifswald wird Grün (14.01.2011, 09:58 Uhr)

[…] diskutiert. Hierbei wird ein lokales Mit-Mach-Projekt der NichtKommerziellenLandwirtschaft (NKL) vorgestellt, aAb 19.00 Uhr leckeres Essen aus Gemüse des Projektes bereit stehen. Alle netten […]

5 “Wir haben es satt” – und wollen eine soziale und ökologische Wende in der Landwirtschaft - Wildwuchs-MV (16.01.2011, 13:43 Uhr)

[…] Gentechnik und Dumpingsexporte, sondern zeigt auch Alternativen auf: Sie informiert über die NKL (Nicht-Kommerzielle-Landwirtschaft) und stellt ein lokales Projekt vor. In Ihrem Selbstverständnis heißt es: Wir sind ein Gruppe von […]

6 “Post-Kapitalistische” oder “Nicht-Kommerzielle” Landwirtschaft? — keimform.de (27.02.2013, 22:04 Uhr)

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