Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Die Sicherheit der Musik im Netz wird auch am Hindukusch verteidigt

von Christian von Borries

aus: Copy.Right.Now! Plädoyer für ein zukunftstaugliches Urheberrecht, S. 98-102, Lizenz: CC BY NC ND.

Über China, McLuhan, Monaco Media Forum, Kalter Krieg, Sascha oder Dascha, Volkseigentum, Informations-Imperialismus, Aneignung und Schellackplatten.

Wie ich als klassischer Musiker zu einem Kämpfer für die komplette Abschaffung des Urheberrechts gekommen bin? Das frage ich mich auch manchmal. Jedenfalls erzählen sie dir schon ganz früh, dass es einen Unterschied gebe zwischen den Originalen Partitur/Liveauftritt und der Kopie/Aufnahme. Vor Jahren klingelte ich beim großen Dirigenten Carlos Kleiber, und er war der Erste, der mit dieser alten Mär aufräumte. Ich begann später in meiner Musik, Partituren zu sampeln und auch Aufnahmen mit live gespielter Musik zu mischen. Da begann der Ärger, es gab wüste Drohungen von Karlheinz Stockhausen, Auseinandersetzungen mit der GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) folgten.

Urheberrecht im Dienst der Kulturindustrie?

Der Schutz des Urheberrechts sei die größte kulturpolitische Herausforderung der Gegenwart, meinte Kulturstaatsminister Bernd Neumann bei der Eröffnung des Suhrkamp Verlags in Berlin Ende Januar 2010. Im Mitgliederheft der GEMA war dieser zuvor als wichtigste Stütze der Medienindustrie begrüßt worden. Ich hatte Gelegenheit, Neumanns Keynote beim letztjährigen «Branchenhearing Kreativwirtschaft» zu hören. Im Netz herrsche Kommunismus, was Springer-Chef Mathias Döpfner später auf dem Monaco Media Forum, von Ariane Huffington belächelt, wiederholen sollte, und dem müsse, in guter Tradition, ein Riegel vorgeschoben werden. Wollen sie jetzt allen Ernstes die Bundeswehr nach Russland oder China schicken? Applaus der anwesenden Lobby. Es war gespenstisch, eine Fortführung des Kalten Kriegs im Internet, ein nationaler Schulterschluss, der der Bundesregierung in den neuen Koalitionsvertrag hineindiktiert wurde: «Der Schutz durch das Urheberrecht ist eine notwendige Voraussetzung für die Schaffung und für die Verwertung kreativer Leistungen.»

Urheberrecht im Dienst der Kunst?

«Music Pirates in Canada», unter diesem Titel hätte man vor 113 Jahren in der New York Times lesen können, dass an die fünf Millionen Schellackplatten über die Grenze geschafft wurden, zu einem Bruchteil des offiziellen Preises. Secondary Markets, wir ahnten es, sind also nicht neu. Der Vorgang wird nur mit jedem Technologiesprung neu bewertet. Immer wieder droht man uns damit, dass jetzt eine ganze Kunstform verschwinden werde, Musik, Film, Literatur. Das war schon bei der Einführung von Radio, elektrischer Schallplatte, Tonbandgerät, Stereo-LP, Musik- und VHS-Kassette so und ist jetzt bei den unterschiedlichen digitalen Medien nicht anders. Was uns zu fehlen scheint, ist ein Verständnis von Mediengeschichte, von Marshall McLuhan. Für ihn war klar, dass das Medium selbst eine Massage unserer Wahrnehmung, also eine Nachricht sei: «All media work us over completely. They are so pervasive in their personal, political, economic, aesthetic, psychological, moral, ethical, and social consequences that they leave no part of us untouched, unaffected, unaltered.»

Urheberrecht im Dienst der Nutzer?

«Mein Name ist Sascha oder Dascha. Ich bin ein Start-upper. Ich betreibe seit mehr als zehn Jahren unterschiedliche soziale Netzwerke im World Wide Web. Die vernetzen User bloggen dort, tauschen Musik aus, haben freien Zugriff auf die Online-Bibliotheken und auch auf die Filmdatenbanken. Filme und Musik werden übrigens fast nicht mehr heruntergeladen, sondern direkt vom eigenen erstellten Profil vom Server abgerufen und auf verschiedenen Devices abgespielt. Diese Server sind in der ganzen Welt zerstreut. In Russland ist das möglich, und seit die Betreiber der kommerziellen Seite allofmp3.com von der internationalen Musik- und Filmindustrie sind und freigesprochen wurden, gibt es keine Limits mehr. Ich empfehle dir die Seite muchmp3.ru.» In Russland gedeiht diese Art von Netzkultur aus mehreren Gründen: Ein Bewusstsein für geistiges Eigentum existiert nicht, weil es in der Sowjetunion und bis 1993 kein Urheberrecht gab. Es gab nur Volkseigentum. Erst als mit dem Kapitalismus der Begriff des physischen Eigentums eingeführt wurde, gab es plötzlich geistiges Eigentum, was in unseren Ohren absurd klingt. Es ist schon absurd, weil das geistige Eigentum kein Eigentum ist, sondern ein exklusives Recht auf bestimmte Resultate. Das russische unterscheidet sich vom internationalen Urheberrecht, wird aber allmählich angepasst. Das ist aber völlig egal, weil sich Mechanismen entwickelt haben, denen das Urheberrechtsystem nichts entgegenzusetzen hat. Hinzu kommt die weit verbreitete Armut. Armut führt zu Piraterie. Die westlichen Labels und Konzerne waren zu geizig und geldgeil und wollten im postso wjetischen Raum ihre CDs und lizenzierten Videokassetten und später DVDs zu den selben Preisen verkaufen wie im Westen, wo die Kaufkraft immer noch unermesslich viel höher ist. Das ging aber ganz und gar nicht! Das haben sie viel zu spät kapiert. Als der P2P-Austausch (Filesharing*) boomte, haben sie ächzend eine spezielle Preispolitik in den GUS-Staaten eingeführt. Dieser GUS-Staaten-Preis einer lizenzierten CD war immer noch zu hoch und für einen durchschnittlichen Käufer unerschwinglich. Er ging also in den Piratenladen. Von der Position/Politik der Microsoft Corporation will ich gar nicht reden, durch die sich eigentlich die massive Gegenströmung herausgebildet hatte. Es ist kein Wunder, dass über 83 Prozent der Benutzer nicht lizenzierte Software benutzen. Also, das kann man lernen von Russland. Die Weltwirtschaftskrise wird auch zu Armut im Westen führen, wodurch Urheberrechte weiter ausgehebelt werden. Für mich lautet die Frage so: Wie kann man Informations- und Meinungsfreiheit sichern, wenn die Entwicklung dahin geht, jede Idee zu geistigem Eigentum zu erklären? Technik gegen Technik, diesen Wettlauf kann man, so scheint es, weltweit ganz getrost aussitzen, zumal Staatsanwaltschaften es mittlerweile wegen Überlastung ablehnen, Strafanzeigen zu bearbeiten, die ihnen von der Musikund Filmindustrie zugehen. Ein Recht aber, das sich nicht mehr durchsetzen läßt, löst sich in Wohlgefallen auf. «Manchmal», so Reto Hilty, Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht, «entsteht Fortschritt durch zivilen Ungehorsam.»

Taktgeber Google?

Das Internet ist ein neuer Ort, an dem Macht und Eigentum verhandelt werden. Denn, so Walter Benjamin, «die Massen haben das Recht, Eigentumsverhältnisse zu verändern». Da hört bekanntlich der Spaß auf. Dass dies in Spannung zu wirtschaftlichen Interessen steht, lässt sich an vielen Unternehmen der Internetwirtschaft wie Google, Amazon, Apple oder Facebook beobachten, die bezeichnenderweise keine Medienkonzerne sind. Google verdient als Werbeplayer an personalisierter Werbung bei der Bereitstellung kostenloser Inhalte, ist also ein Anbieter von Informationsinfrastruktur, der Werbung verkauft. Ziel ist es, so viele Leute wie möglich online zu bekommen, um dadurch noch mehr Werbung verkaufen zu können. Deshalb propagiert Google Open Source*, und die User folgen. Dabei findet eine Verschiebung der Datenschutzproblematik vom öffentlich-rechtlichen in den privatrechtlichen Raum statt, was viele User alarmiert. Google kann nur verlieren, wenn es den öffentlich propagierten eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Man wird redaktionelle Inhalte und Werbung trennen und kennzeichnen. Im besten Falle wird Google in Sachen Netzneutralität ein Gegenpol zu Staat und Wirtschaft sein. Denn der Staat und die durch ihn vertretene Wirtschaft werden immer argumentieren, dass manches Wissen geheim bleiben müsse und deshalb Eigentum sei, dessen Aneignung ohne Bezahlung also Diebstahl sei.

Konfuzius says

Der universelle Zugang zu Wissen steht im Widerspruch zu Praktiken des Warentauschs und der Preisbildung, die eine zentrale Bedeutung für kapitalistisches Wirtschaften haben. Jeder frühe Hip-Hoper, alle Künstler der Seite copyrightcriminals.com («Copyright Criminals examines the creative and commercial value of musical sampling, including the related debates over artistic expression, copyright law, and (of course) money.»), klassische Komponisten vor Etablierung der Gema, sie alle würden dem zustimmen. Strawinsky etwa umschrieb das so: «Ein guter Komponist imitiert nicht, er stiehlt.» Alban Berg stellte sich am Ende seines Lebens eine grundsätzliche Frage: «Gibt es so etwas wie ein Kunstwerk ohne Vorgeschichte? Oder ist nicht jedes Neue der Vollzug eines neuen Vergleichs von etwas, das bis dahin noch nicht verglichen wurde, weil niemandem dieser Vergleich in den Sinn kam?» Selbst die kommerziellen Schwergewichte des Rock-Pop, die sich als Featured Artists Coalition (FAC) gegen die Musikindustrie zusammengeschlossen haben, wollen der Kriminalisierung ihrer Fans nicht mehr tatenlos zusehen. Denn das Urheberrecht ist ein Verwertungsrecht der Industrie gegen ihre Künstler! Das hatte schon Konfuzius begriffen, der schrieb: « Ich habe das vermittelt, was man mir beigebracht hat, ohne etwas Eigenes erfunden zu haben. Ich bin voller Ehrfurcht und liebe die Vorfahren.» Die Vergangenheit zu ehren, lernen wir, war eine Tugend im kaiserlichen China. Die Vorfahren zu kopieren, war eher eine Frage von Respekt als von Diebstahl. Im 15. Jahrhundert schrieb der chinesische Künstler Shen Zhou: «Wenn meine Gedichte und Malereien von irgendeinem Wert für Nachahmer sind, warum sollte ich darüber verstimmt sein?» Letztes Jahr erzählte mir Tian Lipu, Chef der staatlichen chinesischen Urheberrechtsgesellschaft, dass ein Verständnis für den Unterschied von Original und Kopie in China wirklich nur schwer zu vermitteln sei – genau das aber ist, seit das Land 2001 der WTO beitrat, sein Job. Und dennoch: Bezüglich des eingeschränkten Zugangs zum Netz in China postulieren westliche Politiker nicht bloß das Vorrecht des Universalismus gegenüber nationaler Selbstbestimmung, sie plädieren auch für einen offenen, einheitlichen Raum mit gleichen Gesetzen und Zugangsbedingungen für alle – was sie bei anderen vermeintlich universellen Themen (Finanzen, Wirtschaft, Kernwaffen) nicht tun. Die offiziellen Reaktionen Chinas auf solche Forderungen münden, wie Mark Simons beobachtet hat, in eine zentrale These: Die Ungleichheit in der Welt sei so groß, dass die Anmahnung von Universalität ein manipulativer Trick sei von jenen, die den Status quo der jetzigen politischen und kulturellen Machtverhältnisse erhalten wollen. Ein entgrenztes, nicht durch nationale Institutionen kontrolliertes Internet spiele bloß westlichen Medien in die Hände, die dort über eine wesentlich größere Macht verfügten als die Medien im Rest der Welt und all die «Länder, die ihnen nicht folgen, mit ihrer aggressiven Rhetorik» überzögen.

Solange es kein kommunikatives Gleichgewicht im globalen Internet gebe, sei für ein Land wie China die Zensur also ein Gebot des Selbstschutzes. Alle ausländischen Versuche, das zu ändern, seien «Informations-Imperialismus». Die Tage des Urheberrechts sind, realistisch gesehen, gezählt. Was offline verboten ist, mag online zwar auch verboten sein, aber das ist den Digital Natives* mehr als egal, nicht zuletzt mittels verschlüsselter Tunneltechnologien und anderer Techniken können sie Urheberrechtsdurchsetzungsgesetze umgehen. Und das ist gut so, für die Musik und alle anderen Künste. Passt das Urheberrecht an die Realität an! Vergesst es, bevor es euch vergisst!

Kategorien: Eigentumsfragen, Freie Inhalte, Reichtum & Knappheit

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14. April 2010, 19:23 Uhr   3 Kommentare

1 Copy.Right.Now!? — keimform.de (14.04.2010, 19:31 Uhr)

[…] von Borries, klassischer Musiker, schreibt erfrischend gegen das Urheberrecht — den Text habe ich gerade repostet. Den Urheberrechts-Fanatismus […]

2 Reader für ein renoviertes Copyright erschienen | Gemeingüter (15.04.2010, 14:20 Uhr)

[…] iRights.info und HBS: Copy.Right.Now!, Vom Verlust oder Copy.Right.Now!, Die Sicherheit der Musik im Netz wird auch am Hindukusch verteidigt, […]

3 „Fortschritt durch zivilen Ungehorsam“ | Principien (16.04.2010, 11:25 Uhr)

[…] sich in einer (insgesamt sehr pluralistischen) Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung und bei keimform. var wordpress_toolbar_urls = […]

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