Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Deutsche Bank — Ankommen im digitalen Zeitalter

Wenn mal was Neues gedacht werden soll, werden die internen Researcher vorgeschickt. So auch bei der Deutschen Bank: Die Deutsche Bank Research schreibt über das Urheberrecht mit einem bemerkenswertem Realismus, wobei der Titel schon die Richtung vorgibt: »Der Pirat in uns. In den Tiefen des Urheberrechts« (PDF).

In einer Mischung aus rechtstreuem Politikergeschwätz (»Das Internet ist keinesfalls ein rechtsfreier Raum«) und harten Fakten (»Schätzungsweise werden lediglich 4% aller geschützten kreativen Werke derzeit kommerziell verwertet«) wirbt das Papier letztlich dafür, die Fakten anzuerkennen: So geht’s nicht weiter. Deutlich wird eine Wahrheit endlich ausgesprochen: »Das klassische Urheberrecht beruht auf künstlicher Verknappung und Kontrolle«, denn: »Digitale Güter sind nicht knapp«.

Stattdessen sollten Kreative kreativ sein und sich neue Marketingmodelle ausdenken: Direktmarketing (Ausschaltung der Intermediäre), Nutzerwissen abgreifen (Crowdsourcing) und — der neue Star am Himmel der Verwertung — auf Creative Commons setzen. Die Nutzer_innen wollen remixen und Wissen teilen, also muss man als geschickt-kreativer Verwerter den Balanceakt zwischen »künstlicher Verknappung« und »Sharing-Kultur« selbst auf die Reihe bekommen. Back to the Roots des Einzel-Unternehmers, dem der Staat nicht mehr seine Renditen garantiert: »Die Hürden der Kreativschaffenden liegen nicht primär in der Bekämpfung von Internetpiraterie, sondern allem voran im Bestreben, den eigenen Bekanntheitsgrad und die persönliche Reputation zu erhöhen«. Interessant ist, dass DBR nicht nur auf die bekannten Digitalgüter (wie Musik, Software etc.) schaut, sondern explizit die boomende Design-Szene einschließt.

Fazit: »Das Urheberrecht in seiner extremen Form „all rights reserved“ kann Kreativität unterdrücken«. Und DRM kann man eigentlich auch knicken. Also bleiben ausgleichende Verfahren wie »some rights reserved« der Creative-Commons-Lizenzen. Nur muss sich darum eben jede_r selbst kümmern. Also dem veralteten Urheberrecht keine Träne nachweinen, sondern nach vorne gucken: »Selbst wenn einige klassische Geschäftsmodelle aus der analogen Welt dem Untergang geweiht sind, sorgt die digitale Welt für eine Fülle an neuen Geschäftsmodellen und -ideen, insbesondere auch im Dienstleistungsbereich. Hierfür ist allerdings auch Kreativität gefragt«.

Trotz des die CC-Lizenzen positiv hervorhebenden Artikels schafft des DBR nicht, die eigene Publikation unter eine CC-Lizenz stellen: »Alle Rechte vorbehalten« heisst es. Das ist peinlich. Hey, Deutsche Bank Research, wie sieht es eigentlich mit dem hübschen Piratenschiff-Bild aus? Da gibt es keinen Quellen-Nachweis, keine Autor_innen-Angabe. Etwa illegal heruntergeladen? Oder ordentlich Rechte eingekauft? Wie heisst denn der/die Künstler_in? Noch nicht mal Attribution wird gewährt. Das üben wir noch…

[mehr auch hier und hier]

(Danke an Julio für den Hinweis)

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Feindbeobachtung

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6. August 2010, 16:15 Uhr   5 Kommentare

1 Deutsche Bank Research: Den Realitäten stellen! | Gemeingüter (07.08.2010, 00:06 Uhr)

[…] Mehr bei netzpolitk, Gulli und keimform. […]

2 GB-Pics-Bilder.de (07.08.2010, 07:02 Uhr)

Du siehst überall die Deutsche Fahne……

Auf meiner Keyword-Recherche durch das Internet habe ich Deinen Artikel gefunden. Wäre toll, wenn Du diesen Blog-Trackback annehmen würdest…

3 Martin (07.08.2010, 14:38 Uhr)

Der Mainstream holt auf: Auch Spiegel online hat entdeckt, dass das Urheberrecht den Fortschritt blockiert. Sie beziehen sich dabei auf eine neue Studie, die offenbar zeigt, dass die frühe Einführung des Urheberrechts in England (1710) der dortigen Entwicklung des Buchmarkts massiv schadete. Deutschland profitierte davon, dass erst 1837 ein vergleichbares Gesetz erlassen und auch dann wg. der Kleinstaaterei nicht durchgesetzt wurde. So kam es, dass allein 1843 14.000 Titel erschienen – in Relation zur Bevölkerungszahl praktisch heutiges Niveau.

Ironisch nur, dass die Studie selbst auf den Effekt des Urheberrechts hinweist, aber der Verlag den grotesk überhöhten Preis von 68 € will (Eckhard Höffner: Geschichte und Wesen des Urheberrechts. München: Verlag Europäische Wirtschaft). Also wird man warten müssen, bis eine Bibliothek in der Nähe das Buch kauft. Warum die Verlage auf zusätzliche Verkäufe verzichten? – Vermutlich minimieren hohe Preise das Risiko des Verlags, weil nur eine kleine Auflage gedruckt werden muss und man das Bibliothekengeschäft bei einem wissenschaftlichen Werk sicher hat.

4 libertär (08.08.2010, 00:57 Uhr)

Na toll, so weit seit ihr schon. Commons-Theoretiker und Banker machen sich gemeinsam Sorgen um das Gelingen des freien Marktes und plädieren für eine Liberalisierung des Urheberrechts, damit sich das Geschäft mit geistigem Eigentum wieder lohnt und wieder wie wahnsinnig Tauschwert produziert werden kann. Ihr arbeitet an einer Karriere als Unternehmensberater oder Think-Tank-Ideologe. Unter diesen Bedingungen ein klares: Commons, nein danke!!!

5 StefanMz (08.08.2010, 10:10 Uhr)

@libertär: Wen meinst du jetzt mit »ihr«? Und wo siehst du »gemeinsam(e) Sorgen um das Gelingen des freien Marktes«? Kannst es sein, dass du die untersuchte Position der DBR mit dem Untersucher identifizierst? »Commons, nein danke« — erwartest du eine Praxis im Kapitalismus, die nicht widersprüchlich ist?

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