Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Copyleft — Wie sich die Welt an einem Freiheits-Virus infizierte

[Repost aus »Oya – anders denken. anders leben«, Nr. 01/2010, PDF-Download, Lizenz]

Von Lara Mallien

Wissen und das Licht haben viel ­gemeinsam: Wir sprechen von Erleuchtung, vom Geistesblitz, von erhellenden Einsichten. Das Licht wird nicht weniger, gleich, ob zehn oder tausend Menschen es zum Bräunen oder zum Gartenbau nutzen. Hier ­enden die Gemeinsamkeiten, denn das Wissen nimmt sogar zu, je mehr es geteilt wird, je mehr Wissende und Mitdenkende, Weiterdenkende es gibt. Wie die Freude ist auch das Wissen eines dieser geheimnisvollen Gemeingüter, die sich vermehren, wenn wir sie teilen.

Wissen und Erkenntnis teilen sich mit. Selbst wenn etwas unausgesprochen bleibt, liegt es auf seltsame Weise in der Luft. Auch bei großen ­Erfindungen ist das so: Die Glühbirne, die Nähmaschine, das Telefon – sie wurden von mehreren Menschen an mehreren Orten beinahe zeitgleich in die Welt gebracht. Streng genommen gehören noch viel mehr Menschen zu den Urhebern, denn jede Erfindung markiert nur die Spitze eines Eisbergs von Wissen, das unzählige Menschen in den Jahren zuvor zusammengetragen haben. Basiert nicht die Glühbirne auch auf dem alten Wissen der Glasbläser?

Die Erfindungen des 19. Jahrhunderts begleitete ständiger Zwist über die Urheberschaft. Thomas Alva Edison und ­Joseph Wilson Swan stritten sich vor Gericht als Glühbirnen-Erfinder. Alexander Graham Bell feierte sich als Vater der Telekommunikation. Dabei hatte der deutsche Lehrer Philipp Reis schon fünfzehn Jahre früher den Satz »Das Pferd frisst keinen Gurkensalat« durch einen von ihm erfundenen Apparat geschickt, den er »Telephon« nannte. Bells Mikrofon-Patent stammte in Wahrheit von Elisha Grey. Der Arme war zwei Stunden nach Bell im Chicagoer Patentamt erschienen – und ging leer aus.

Aber es gibt auch eine ganz andere Geschichte, die nicht vom Streit um Wissen, sondern von der wunderbaren Wissensvermehrung berichtet: die Geschichte von der freien Software. »Dass man Software miteinander teilt, hat es seit der Entstehung der Computer gegeben, so wie man auch seit der Erfindung des Kochens miteinander Kochrezepte austauscht«, schreibt Richard Stallman, Anfang der 70er Jahre Software-Entwickler am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Die »Programmierer« der ersten Stunde gingen mit dem Quellcode (engl. source code) frei und offen um. Das änderte sich im Lauf des folgenden Jahrzehnts. Software wurde komplexer und galt nun als eigenständiges kommerzielles Produkt, nicht mehr als bloßer Zusatz zur Hardware. Man musste die Lizenz zur Nutzung des Programms käuflich erwerben. Die Zeit der proprietären Software (von lat. proprietas, Eigentum) hatte begonnen.

Die Universitäten waren entsetzt, hatte doch die Forschung vom freien Wissensaustausch enorm profitiert. Jetzt klemmte es selbst bei einfachen Dingen. Als ein Laserdrucker in Richard Stallmans Abteilung am MIT laufend das Papier zerknitterte, fragte er beim Hersteller Xerox nach dem Quellcode der Treibersoftware, um ihn selbständig verbessern zu können. Aber der Urheber des Programms hatte bei Xerox eine Verpflichtung unterschrieben, den Code an niemanden weiterzugeben. Stallman war wütend. Verträge, die Menschen zur Nicht-Kooperation zwangen? Nicht mit ihm. Seine Arbeit sollte nicht dazu beitragen, Mauern zwischen Menschen zu errichten.

Lizenz zum Einladen

Im Jahr 1983 begann Richard Stallman in eigener Regie mit der Entwicklung des freien Betriebssystems »GNU«. Der Name bedeutet frech »GNU’s not Unix« und grenzte sich so von dem proprietä­ren Unix-Betriebssystem ab. (Warum das Gnu, eine Antilopenart, Pate für den Namen stand, scheint niemand so genau zu wissen.) Ein neues Betriebssystem ist die Basis-Software, die einen Computer überhaupt erst zum Laufen bringt. Nachdem eine Alphaversion von GNU arbeitsfähig war, gründete Stallman 1985 die Free Software Foundation, die anfangs sogar Entwickler bezahlte. Im Rahmen der Stiftung formulierte Stallman die erste Version der GNU General Public Licence (GPL). Die GNU GPL basiert auf dem Urheberrecht (engl. copyright), kehrt aber dessen Logik um: Statt einen exklusiven Besitzer von geistigem Eigentum zu definieren, wirkt sie inklusiv nach dem Motto »Miterfinden und Weitererfinden erlaubt!«. Diese Umkehrung machte Stallman mit einem Wortspiel sichtbar: Er spiegelte das »right« im Copyright als »links«, und seitdem heißt das Einschluss-Prinzip der GPL »Copyleft«. Die GNU GPL setzte sich durch, weil die Entwickler-Gemeinschaft mitmachte, weil sie den neuen freien Standard akzeptierte. Keine Behörde, kein Staat, kein Konzern hat sie diktiert.

Vier Freiheiten machen Software zu freier Software:

  • Jeder darf sie zu jedem Zweck nutzen, auch zu kommerziellen Zwecken,
  • jeder darf den Quellcode studieren und anpassen,
  • jeder darf Kopien verbreiten und
  • verbesserte Versionen der Software weitergeben.

Die Lizenz darf bei der Weitergabe nicht verändert werden, so dass sich die vier Freiheiten bei jeder Weitergabe erneut verbreiten – Copyleft wirkt ansteckend wie ein Virus.

Zirkulierte anfangs GPL-Software noch auf Disketten, wurde die Entwicklung von freier Software durch das Internet, das selbst auf Basis freier Software entstand, in den 90er-Jahren zu einer Massen­ bewegung. 1991 begründete der Finne Linus Torvalds das freie Betriebssystem Linux, das auf GNU-Quellcode aufbaut. Tausende von Softwareprofis haben das System inzwischen weiterentwickelt, indem sie ihre Leistung schenkten. Den alten Hasen der freien Software war Torvalds’ Stil, seinen Code sofort zu veröffentlichen und mit einer großen Internet-Community daran herumzubasteln, anfangs höchst suspekt. Es entbrannte eine hitzige Diskussion. Der konservativen Fraktion wurde vorgehalten, komplexe Software wie eine gotische Kathedrale nur in einer kleinen Gruppe illustrer Baumeister bauen zu wollen. Der Linux-Community hielt man vor, ein solch chaotisch plappernder Basar von Entwicklern sei doch schwerer zu hüten als ein Rudel Katzen. Torvalds und seine Entwicklergemeinde bekannten sich aber dazu, keine Kontrolle über ihr Werk behalten zu wollen, und ließen sich auf das Abenteuer von Selbstregulierung im Netz ein. Nach kurzer Zeit arbeiteten derart viele Entwickler bei Linux mit, dass das Projekt in rasenden Schritten voran kam, während bei dem schwerfälligeren GNU die Entwickler fehlten…

Das auf GNU basierende Linux ist heute so weit verbreitet, dass alle großen Software-Hersteller ihre Produkte auch für dieses Betriebssystem anbieten. Ein weiteres Beispiel für eine wirtschaftlich bedeutende Entwicklung freier Software ist »Apache«, seit April 1996 die populärste Webserver-Software. Apache wird von einer Stiftung getragen. Ihr Motto: Wir sind nicht nur eine Projektgruppe, die sich einen Server teilt, sondern eine Gemeinschaft von Entwicklern und Anwendern.

Peer-Ökonomie – bedürfnisorientierte Wirtschaft

Gemeinschaft klingt schön. Doch die Computer-Nerds sind keine Weltretter. Sie sind eine pragmatische Gemeinschaft. Nur wenige Anwender freier Software denken über die weitreichenden Implikationen des Copyleft-Prinzips nach. Andererseits sind die Auswirkungen unseres Umgangs mit Technologie auf unser Denken nicht zu unterschätzen. Stallmans Impuls, keine Mauern zu bauen, hat sich über den Copyleft-Virus auf viele weitere Lebensbereiche übertragen.

Seit 2001 existieren die Creative-Commons-Lizenzen (CC). Wer ein künstlerisches Werk, sei es eine Grafik, ein Foto, Musik oder ein Video, ins Internet stellt und wünscht, dass andere es frei nutzen bzw. weiterbearbeiten dürfen, veröffentlicht es unter einer CC-Lizenz, die durch entsprechende Logos neben der Download-Datei kommuniziert wird. Heute hat sich ein differenziertes System mit sechs CC-Standardverträgen etabliert. In der einfachsten Variante muss nur der Name der Urheberin bzw. des Urhebers genannt werden. Zusätzlich kann man verlangen, dass das Werk nicht bearbeitet oder kommerziell genutzt werden darf und dass darauf basierende weitere Werke nur unter den jeweils gleichen Bedingungen erneut veröffentlicht werden dürfen. Hier gilt das Copyleft wie bei der GPL.

Für manche ist die CC-Lizenz ein politisches Statement, anderen bringt es Spaß, den Fundus an freien Kreativgütern im Netz wachsen zu lassen. Hier drückt sich die besondere Wachstumslogik des Allmendeprinzips aus, das eben nicht bedeutet, »alle wollen immer mehr«, sondern »alle vermehren das Gemeinsame«. Nicht zuletzt bieten CC-Lizenzen auch kommerziellen Nutzen: Junge Künstler werden bekannt, indem ihr Material im Netz Verwendung findet. Sogenannte Netlabels stellen zum Beispiel Musik zum kostenlosen Download bereit und kümmern sich auch um die Promotion der Künstler.

Solange es um Wissen und Kreativprodukte geht, ist das Teilen einfach. Aber der Copyleft-Virus ist bereits auf die Welt der materiel­len Güter übergesprungen. So werden die ersten Konstruktionspläne für Elektroautos, elektronische Bauteile oder Designs für Mode oder Möbel unter Copyleft veröffentlicht. Das führt zu spannenden Diskus­sionen über die Reichweite des Copyleft-Ansatzes, wie sie zum ­Beipsiel auf www.keimform.de geführt werden. Hier bloggen Entwickler und Gemeingütertheoretiker, denen die Tragweite des Allmendeprinzips im Lauf ihrer Open-Source-Pionierarbeit deutlich geworden ist. Sie können sich eine – auch handfeste Güter produzierende – Ökonomie vorstellen, die auf dem Prinzip des freiwilligen Beitragens basiert – nicht auf Bezahlung und auch nicht auf Tausch. Diese »Peer-Economy«, eine Ökonomie gleichrangiger Partner, erinnert an die Schenkökonomie oder »Ökonomie der Gabe« traditioneller matriarchal organisierter Kulturen, wie sie Heide Göttner-Abendroth, Genevieve Vaughan oder Veronika Bennholdt-Thomsen herausgearbeitet haben. Das Geben findet hier nicht unter der Bedingung einer Gegenleistung statt, sondern gehört zu den Selbstverständlichkeiten, weil es Solidarität, Reputation, Vertrauen und damit Sicherheit stärkt – dieselben Prinzipen, die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom für das Funktionieren einer Gemeingüterwirtschaft beschreibt.

Der keimform-Blogger und Informatikwissenschaftler Christian Siefkes hat sein Buch »Beitragen statt tauschen« der konkreten Utopie einer Peer-Economy gewidmet. Er knüpft an den Vorschlag von Frithjof Bergmann an, dass Menschen das tun sollten, was sie »wirklich, wirklich« wollen, und dass sie mit sogenannten Fabrikatoren alle lebenswichtigen Güter regional herstellen könnten. Eine Peer-Economy ließe sich sofort beginnen: »Man braucht andere, die zur Zusammenarbeit bereit sind; man muss dafür sorgen, dass es genügend Beiträge gibt und dass alle erforderlichen Aufgaben erledigt werden; und man muss die Ergebnisse der Zusammenarbeit in einer Weise aufteilen, mit der alle Beteiligten einverstanden sind.« Wenn jetzt noch Reputation und Anerkennung, die man allen Beitragenden zuteil werden lässt, hinzukommen, steht einer würdevollen Gesellschaft nichts im Weg. Solches Arbeiten hätte politische Konsequenzen. Siefkes skizziert die Vision einer Gesellschaft, die sich einerseits als Netzwerk vieler einzelner, auf freiwilliger Kooperation basierender Projekte begreift, aber auch als ein großes Gesamtprojekt, das sinnvoll mit materiellen wie sozialen Ressourcen umgeht und sicherstellt, dass es im Fundus der freiwillig produzierten Güter für alle genug zum Leben gibt. In einer Gesellschaft der Peers könnten Nachbarschaften über Lösungen der anstehenden Probleme diskutieren, und überschaubare Gemeinden könnten diese Diskussionen in Koordinationsräten fokussieren und umsetzen. Und es müssten übergreifende Strukturen geschaffen werden, die Gemeingüter schützen. Da sind wir ganz nah an den Prinzipien im Volk der Mosuo, wie sie von Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch »Matriarchat in Südchina« erklärt werden.

Über Peer-Ökonomie denkt eine wachsende Szene nach. Die von dem Belgier Michel Bauwens gegründete P2P-Foundation erforscht zum Beispiel den Einfluss von Peer-to-Peer-Technologie in der Gesellschaft. Auf deren Wiki-Seite »Open Everything« gibt der österreichische Politikwissenschaftler Franz Nahrada einen Überblick über alles, was heute schon in offener Kooperation auf der Welt entsteht. Die Zeit scheint reif, das Alte und Neue zusammenzubringen und ein universelles, lebensförderndes Prinzip wieder in die Mitte unserer Kultur zu stellen: gemeinschaftliches Beitragen.

Ressourcen zur Vertiefung

Internet: www.gnu.org, www.opentheory.org, www.kritische-informatik.de, solcom.ning.com, www.creativecommons.org, www.peerconomy.org, www.keimform.de, p2pfoundation.net, www.wissensallmende.de, www.a-2-n.de

Literatur: Bennholdt-Thomsen, Veronika: Geld oder Leben. Oekom 2010 • Boyle, James: The Public Domain. Enclosing the Commons of the Mind. Yale University Press, 2009 • Göttner-Abendroth, Heide: Matriarchat in Südchina. Kohlhammer Verlag, 1998 • Göttner-Abendroth, Heide: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Drachen Verlag, 2008 • Meretz, Stefan: Linux und Co. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft. AG SPAK, 2000 • Siefkes, Christian: Beitragen statt Tauschen. AG SPAK, 2008

Lizenz

Der Artikel unterliegt den Bedingungen der Lizenz CC-by-sa. Der Artikel darf weiterverbreitet werden unter Nennung der Autorin und der ursprünglichen Quellenangabe »Oya – anders denken. anders leben«, Nr. 01/2010.

Kategorien: Commons, Freie Software

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20. März 2010, 11:32 Uhr   5 Kommentare

1 Freiheits-Virus »Copyleft« | Jenapolis (22.03.2010, 16:48 Uhr)

[…] Aus: Lara Mallien, Copyleft — Wie sich die Welt an einem Freiheits-Virus infizierte, in: »Oya – anders denken. anders leben«, Nr. 01/2010 (Artikel als PDF | HTML) […]

2 Freiheits-Virus »Copyleft« | Gemeingüter (22.03.2010, 16:49 Uhr)

[…] Aus: Lara Mallien, Copyleft — Wie sich die Welt an einem Freiheits-Virus infizierte, in: »Oya – anders denken. anders leben«, Nr. 01/2010 (Artikel als PDF | HTML) […]

3 Aus der virtuellen Nachbarschaft [1] | HFs Jotter (27.03.2010, 13:09 Uhr)

[…] Zum Copyleft bei keimform.de. […]

4 »Lasst uns die Spielregeln ändern« — keimform.de (07.04.2010, 07:39 Uhr)

[…] [Aus: »Oya – anders denken. anders leben«, Nr. 01/2010, PDF-Download, Lizenz] […]

5 10 Prinzipien des Übergangs — keimform.de (26.10.2015, 23:47 Uhr)

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