Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Von Abschaffung und Aufhebung

Georg Seeßlen hat im aktuellen »Freitag« einen bitter-realistischen Artikel zur Zukunft der Autorenschaft geschrieben: »Die letzte Avantgarde«. Zunächst erklärt er die Long-Tail-These für gescheitert. Long-Tail bedeutet, dass in der Summe Nischen-Kulturgüter mehr Profit bringen, als die Top-Seller in der Spitze. Seeßlen hält dagegen, dass »in Deutschland nur mit 4 Prozent der publizierten Bücher echtes Geld verdient [wird]. Der Rest besteht aus Spekulation und Imitation, aus Subvention und aus einem System des selbstausbeuterischen Prekariats«.

Anstatt dass sich im Internetzeitalter der Anteil der Nischenprodukte zu Lasten des Mainstream-Markts ausdehnte, sei es umgekehrt gekommen: »Auch auf dem elektronischen Marktplatz siegte schließlich die Lidl-Kultur«. Gleichzeitig würde der Wert der Waren immer mehr verfallen: »Man verdient keineswegs an den Nischenprodukten oder gar an den Innovationen, man verdient vielmehr am Marktplatz selber«. Stichwort Werbung.

»Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung und zur Selbstentäußerung [der AutorInnen] steigt«, so Seeßlen, denn: »Eine Ware, die im Internet angeboten wird, erscheint dem Produzenten auf den ersten Blick realer als jene, die er nur für die Schublade oder die Garage entworfen hat«. Die kulturellen Nischen-Produzenten seien die Opfer des Wertverfalls durch das Internet. Früher sei der Gewinn durch physische Nachproduktion zu skalieren gewesen: »Die elektronische Vermarktung dagegen entwertet das kulturelle Produkt gerade durch seine Vermehrung«. Klar, die Kopie für Lau.

Es beklagt sich bitter der kritische Nischenproduzent: »Der Autorenlohn ist nicht nur in der Rattenschwanz-Produktion sondern schließlich generell abgeschafft, an seine Stelle tritt der Lotterie-Reichtum für Bestseller-Autoren, Promis und populäre Hersteller von Marken-Texten oder von multimedialen Selbstdarstellern, die Parodien von Kulturgütern herstellen.« Und: »Der Autor hat schließlich kein Recht mehr auf Leben von seiner Arbeit, aber auch kein Recht auf seine Arbeit selbst. Er ist offensichtlich Avantgarde auch im Projekt der Selbstaufhebung

So weit, so realistisch. Und nun? Was stellt der kritische Kulturproduzent nun mit seiner Analyse an? Eine Hoffnung, dass alte etwas weniger schlechte Zeiten für die marginale kritische Kulturproduktion wieder käme, kann er nicht hegen. An die alternativen Verwertungsmodelle (Stichwort: Kulturflatrate), die ihn im weiter bestehenden Kapitalismus ein Auskommen bescheren, mag er auch nicht glauben.

Nun könnte er am Unterschied von Abschaffung und Aufhebung ansetzen, denn dieses ist nicht das Gleiche wie jenes. Abschaffung, das wäre tatsächlich das Verschwinden des »Rattenschwanzes« samt seiner dürftigen (aber immerhin) Einkommensfunktion für seine Nischenbewohner. Aufhebung bedeutete, es käme etwas anderes, das Alternativen böte. Beide Varianten seien kurz diskutiert.

Es kann einem leicht als Zynismus ausgelegt werden, wenn man die Entwicklung beschreibt wie Seeßlen das tut und diesen Prozess obendrein noch als unausweichlich und unumkehrbar kennzeichnet — ohne gleichwohl handhabbare Alternativen (des Einkommens) benennen zu können. Der Überbringer der schlechten Nachricht droht hier zum Verursacher erklärt zu werden. Doch es hilft nichts: Der Entwertungsprozess — und dazu ließe sich genaueres ausführen — ist nicht aufzuhalten. Er ist Teil der kapitalistischen Entwertungsdynamik insgesamt, allerdings in eigener Qualität. Es handelt sich in der Tat um Abschaffung, nämlich von Wertproduktion, das hat Seeßlen erkannt: »Was im Netz veröffentlicht wird, ist ökonomisch gesehen nichts mehr wert«. Die ProduzentInnen sind aber noch da und produzieren durchaus weiter Nützliches und Schönes — nunmehr jedoch in prekärer Lage.

Die entfallene Verwertung durch Umverteilung nach Art der Kulturflatrate kompensieren zu wollen, ist eine Option, doch sie stößt auf die Grenze, die auch in den anderen Bereichen durchschlägt: Die des abnehmenden verteilfähigen Werts in geldlicher Form. Nun wird gerne auf die Milliardenbeträge verwiesen, die den Banken in den Rachen geschmissen wird, doch die stehen tatsächlich nicht wirklich alternativ zur Verfügung. Auch ein Kulturproduzent, der nun noch vom Kapitalismus leben will, konnte und kann nicht dafür sein, den Kapitalismus einfach krachen zu lassen.

Faktisch setzt, erstens, Umverteilung immer gelingende Wertproduktion in einem halbwegs funktionierenden Kapitalismus voraus und zweitens ist stets zu erklären, wem es denn genommen werden solle, um es der Kultur zu geben. Auch die Kulturschaffenden bewegen sind in einem universellen Konkurrenzumfeld. Es handelt sich also mitnichten nur um eine organisatorische Frage, wie man auf geeignete Weise Geld von A nach B schaufelt, sondern dieses Geld ist nicht da, weil die produktive Basis, die es generiert, zunehmend (ver-)schwindet. Auch ohne, dass der Kapitalismus final kracht.

Das ist alles mies, aber es ist so — sage ich. Gut, können wir drüber trefflich streiten. Streit hin oder her: Von einem kritischen Kulturproduzenten erwarte ich eigentlich, dass er das Miese denkend überschreitet und sich der Frage der möglichen Alternativen zuwendet. Und Altrnativen ist hier und kann nur fundamental gemeint sein. Also nicht: Wie kommen die Kulturproduzenten an Geld ran, sondern wie kriegen wir es hin, dass überhaut niemand mehr an Geld ran kommen muss, um gut leben zu können. Das kann und muss heute gedacht werden.

Und da ist die Avantgarde-Rolle der Kulturproduzenten im Angesicht ihrer faktischen Enteignung tatsächlich eine. Sie kommt aber nicht nur daher, weil »Raubkopierer« ihren das Einkommen klauen, sondern weil massenhaft anderweitig jenseits von Wert, Markt und Staat Kultur produziert wird, das ebenfalls die »alten Kulturformen« außer Wert setzt. Aber die neuen Kulturformen verweisen ganz generell auf eine andere Art und Weise der Produktion unserer Lebensbedingungen — und das gilt es heraus zu arbeiten. Gerade als kritischer Kulturproduzent.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Praxis-Reflexionen

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17. Oktober 2009, 22:55 Uhr   4 Kommentare

1 Martin (18.10.2009, 16:35 Uhr)

Seeßlen bringt aber auch kulturpessimistische Klischees:

Auf der einen Seite wird kulturpolitisch etwas erzeugt, wofür kein Markt existiert (wie etwa „gute Filme“)

Gibt es wirklich so viele gute Filme, die niemand anschaut? Oder sollen die Anführungszeichen andeuten, dass viel prätentiöser Kammerspielismus produziert wird, der genau auf Förderungs- und Wettbewerbskriterien ausgerichtet ist? Dann hätte Seeßlen ein wichtiges Problem angesprochen …

In der deutschen Literaturszene ist es ähnlich, ich kenne Veranstalter und kriege immer dieses Gejammer („niemand liest mehr Bücher, niemand geht mehr zu Lesungen“) mit. Gleichzeitig fällt mir aber kein gutes deutsches Buch der letzten Jahre ein, dass ich empfehlen kann (außer vielleicht diesem 🙂 ). Oder wer will NOCH eine 3-Generationen-Schmalz-Familiensaga lesen, in der wir erfahren, dass unsre Großeltern auch ihre Träume hatten und ihr Leben lebten (in schwerer Zeit), bevor dann die 68er-Kinder und schließlich die heutige Generation durchgenudelt werden? Solche Produktionen werden seit geraumer Zeit im Feuilenton hochgejubelt und mit Literaturpreisen versehen … wenn’s nicht grade der lang ersehnte große Wenderoman ist. Spannende Sachen kommen, mal wieder, vor allem aus dem angloamerikanischen Raum. Bei Filmen ist es vielleicht nicht so anders.

multimedialen Selbstdarstellern, die Parodien von Kulturgütern herstellen.

Das ist doch pures Ressentiment, entspricht zudem der deutschen Mentalität, wo ein Schriftsteller schon verdächtig ist, wenn er nicht (wie Reich-Ranitzki) das Fernsehen verachtet.

Frei von ökonomischen Absichten und Zwängen würde man Informationen und Meinungen austauschen (deren einziger großer Nachteil die chaotische Überfülle wäre).

Das kennen wir doch auch: „Chaos“, weil einem im Netz kein kompetenter Buchhändler die qualitätvollen Neuerscheinungen empfiehlt; und „Überfülle“, weil der „Bücherherbst“ nicht mit dem neuen Grass, dem neuen Walser und zwei gepflegten „Entdeckungen“ abgetan ist, wie es ehedem war. Im Netz ist es unübersichtlich. Better get used to it. Augen zu und bis zehn Zählen hilft nichts, es geht davon nicht weg.

Kaum ist die Ware produziert (und die Produktion wird einem allzu einfach gemacht, dafür sorgt die Subventions- und Kreditpolitik […], da ist sie auch schon lästig, kontaminiert, ja gefährlich.

Warum nicht hier ansetzen und feststellen, dass NACH der Produktion nichts mehr zu holen ist (weil das Netz nun einmal Kostenlos-Kultur und Kopieren ermöglicht) und daher die Produktion sogar noch einfacher gemacht werden muss? Dass also Subventionen ausgebaut werden müssen, ohne dadurch (wie es derzeit über Jurys etc. geschieht) inhaltlich konservative Qualitätsideale durchzudrücken? Eine Art „bedingungsloses Grundauskommen“ für den Kulturbetrieb? Möglich wäre das.

Derzeit müssen Autoren oft für 50 Euro am Abend oder gar für ein Abendessen lesen. Umfassende staatliche Unterstützung für Veranstaltungsorte könnte das ändern (ohne dass, wie etwa bei Bewerbungen beim Hauptstadtkulturfonds, genaue inhaltliche Kontrolle stattfindet, was zu vorauseilendem Gehorsam bei Bewerbungen führt, wie ich aus erster Hand mitbekommen habe).

Ich habe kürzlich mit Frau Uschtrin (die den beliebten Uschtrin-Newsletter für Stipendien und Preise verschickt) gemailt, sie ist ebenso sauer wie ich über Literaturpreise, die 200 Euro ausloben. Eine Frechheit für den Aufwand, den die Bewerber da reinstecken! Da sollten sich die Kulturschaffenden mal auf einen Boykott einigen. Das würde auch ein deutliches Signal setzen. Denn solche Wettbewerbe werden oft von Unternehmen, Institutionen oder Städten ausgelobt, um sich das Prestige zu sichern, das mit ‚Kultur‘ nach wie vor verbunden ist. Solange wir den Kapitalismus haben, wird es auch nicht anders gehen – aber warum sich nicht die Piloten zum Vorbild nehmen und Arbeitskampf für eine anständige Entlohnung machen?

Hier könnte man ansetzen. Dass das Geld nicht da ist, kann man nach dem Bankenwahnsinn (wo jetzt teils aus Staatsgeldern die Millionenboni für das Negativjahr 2008 nachgezahlt werden, deren Leistungsunabhängigkeit damit selbst für die stursten Neoliberalen nicht mehr zu leugnen ist) auch nicht mehr behaupten. Also, liebe Künstler: Nicht meckern, sondern ran an die Kohle! Wie wäre es mit einem Künstler-Generalstreik für 1 Monat? Kein Theater, keine Literatur, keine Filme mehr. Allein schon einen solchen Streik auszurufen, wäre hochwirksam – und besser, als wiedermal das Netz und die bösen Kopierer (die sowieso niemandem was „rauben“, weil das Wort das Wegnehmen, also die Rivalität des Gutes, beinhaltet) verantwortlich zu machen.

2 posiputt (19.10.2009, 12:08 Uhr)

martin: problem in sachen „kuenstler-generalstreik“ ist wohl vor allem, dass es „die kuenstler“ als organisatorische einheit ueberhaupt nicht gibt. die ganzen freischaffenden und freiberufler scheinen grundsaetzlich erstmal in konkurrenz zueinander zu stehen. da gibts zwar ansaetze (illustratoren-organisation z.b.), aber die sind noch klein und kaum irgendeiner koordinierten aktion faehig. ob sich das aendert wird wohl auch vor allem davon abhaengen, ob sich ueberhaupt ein breites kritisches bewusstsein in kuenstlerkreisen entwickeln kann. also so eins das ueber moralismusquark hinaus geht.

3 Martin (19.10.2009, 23:53 Uhr)

@posiputt: Die Frage ist aber doch, warum organisieren sie sich nicht? Viele Künstler hierzulande mögen einfach nicht einsehen, dass sie im Kapitalismus letztlich auch Lohnarbeiter sind (wenn nicht sogar Prekarisierte oder ganz Überflüssige) und sich entsprechend verhalten müssen. Eine Besonderheit ist allerdings, dass Kunst im Kap. weniger über den direkten Profit als über das monetarisierbare Prestige funktioniert, das der Kunst als dem „ganz andren“, scheinbar der Verwertungslogik entzogenen in der bürgerlichen Gesellschaft von Anfang an anhaftete. Die Idee der „hohen Kunst“ als zweckenthobenem Spiel der kreativen Kräfte ist ja nicht zufällig Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, genau in der Zeit der Durchsetzung des Kapitalismus.

Mir kommt es so vor, als ob das altmodische Genie-Konzept des Künstlers, dessen Tätigkeit von gewöhnlicher Arbeit himmelweit entfernt ist, immer noch in den Köpfen herumspukt und die Künstler daran hindert, sich effektiv zu organisieren. In den USA ist das anders – man erinnere sich an den höchst wirkungsvollen Streik der Drehbuchautoren.

4 Martin (21.10.2009, 18:14 Uhr)

Weil’s grade so gut passt, hier schon mal ne Vorankündigung: Auf dem Kongress „ÜberLeben in den Creative Industries“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der am 13.-14. November in Berlin stattfindet, wird es nicht zuletzt darum gehen, wie sich die prekarisierten Kreativen wirkungsvoll organisieren können.

Schließlich: „Ihr denkt, ihr seid die künstlerische Avantgarde, doch in Wahrheit schmiedet ihr euch die Ketten selbst, an denen euch die Kulturindustrie hinterherschleift! Die Maschine des Kapitalismus wird mit eurer Kreativität geölt! Damit muss jetzt Schluss sein!“

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