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Streifzug-Review 10: »Universalgüter«

Aufkleber »Politik oder Denken«Die zehnte Ausgabe der Kolumne »Immaterial World« in der Wiener Zeitschrift »Streifzüge« ist die bislang wohl am heftigsten diskutierte. Es ging um die »Universalgüterthese«. Nach dieser These sind digitale Informationsgüter immer gesellschaftliche — eben universelle — Güter, auch wenn sie künstlich in eine private Form gezwungen wurden. Damit sind sie genuin wertlos. Wenn sie dennoch als privatisierte Universalgüter verkauft werden, wird nicht »ihr Wert« realisiert — sie besitzen ja keinen Wert –, sondern der Verkäufer eignet sich eine Informationsrente an, also Wert, der anderswo geschaffen wurde. — Ein kniffliges theoretisches Problem, das entsprechend umstritten ist.

Eine Kritikrichtung vertritt einen »substanzialistischen« Wertbegriff: Wert sei verausgabte Arbeitskraft, die im Produkt stecke. Wo gearbeitet werde, da falle auch Wert an — immer angenommen, das Gut wird anschließend erfolgreich verkauft. Dies müsse auch bei digitalen Informationsgütern gelten. — Offensichtliche Brüche, wie etwa die Tatsache, dass das Gut beim Verkauf gar nicht hergegeben wird, also kein Tausch stattfindet, werden großzügig empiristisch umgedeutet, etwa: Irgendwann ist jeder Verkauf zu Ende.

Die Richtung dieser Kritik besitzt nicht wirklich einen Begriff des Werts als gesellschaftlichem Verhältnis, der sich gerade nicht an der Frage der empirischen Arbeitsverausgabung ablesen lässt. Entsprechend ist auch die Realisierung von Wert keine lokale oder private Angelegenheit, sondern kann ebenso nur als gesellschaftliches Verhältnis gedacht werden. Das bedeutet jedoch, dass nicht die für das jeweilige Produkt verausgabte Arbeit als Wert realisiert wird, sondern stets immer nur ein Anteil an der gesellschaftlichen Wertmasse angeeignet wird. Es geht dem einzelen Kapitalisten also (bei Strafe des Untergangs) darum, die Aneignungsbedingungen zu optimieren, und da ist das billige Produzieren tauschfähiger Güter nur ein Weg. Ein anderer ist die (arbeitsarme) Privatisierung gesellschaftlicher Güter, seien es universelle Informationsgüter oder auch Güter der öffentlichen Versorgung.

Eine zweite Kritikrichtung bestreitet die Gesellschaftlichkeit digitaler Informationsgüter als Alleinstellungsmerkmal. Alle Güter seien sowohl gesellschaftlich wie auch singulär. Da alle Güter gesellschaftlich seien, wären sie auch nicht-exklusiv und nicht-rival. Hierbei wird die Nutzungseigenschaft jetzt allerdings nicht auf das einzelne Gut bezogen, sondern auf die gesellschaftliche Verfügung. Wären die Produktionsmittel in gesellschaftlicher Verfügung, könnten jederzeit neue Güter jeder Art hergestellt werden, so dass das Problem der Exklusivität und Rivalität gar nicht erst auftreten könne. Diese Bedingung — Verfügung über die Produktionsmittel — sei bei digitalen Gütern großenteils auch heute gegeben, weswegen dort Einschränkungen der Verfügung über die Produkte als solche erlebt würden, während die gleichen Einschränkungen bei konventionellen Produkten als »normal« hingenommen würden.

Das ist eine interessante Argumentation, die jedoch zwei Fehler begeht. Zum einen übersieht sie die Gleichzeitigkeit von Privatheit und Gesellschaftlichkeit der Waren im Kapitalismus. Waren werden in privater Form hergestellt und müssen getauscht werden, um gesellschaftlich anerkannt zu sein. Werden sie nur privat produziert und nicht getauscht, bleiben es Privatgüter und nicht Waren. Damit wird auch nicht gesehen, dass sich digitale Informationsgüter eben jener privaten Produktionsform entziehen — sie können gar nicht mehr privat hergestellt, sie können nur privat angeeignet werden. Wissen ist eben genuin gesellschaftlich und kann nur ex-post künstlich verknappt werden.

Zum zweiten entledigt sich diese Position des Verbrauchsproblems konventioneller Güter durch die Verschiebung auf die Verfügung der Produktionsbedingungen. Unabhängig von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen verbrauchen sich jedoch konventionelle Güter immer (im Gegensatz zu Universalgütern) und benötigen für jedes neue Exemplar neue Ressourcen und menschliche Energie zu ihrer Herstellung. Dass man diesen Prozess so organisieren kann, dass die Privatform bei der Herstellung gar nicht erst auftritt, sondern alle Güter von vorne herein als gesellschaftliche Güter entsprechend der Bedürfnisse hergestellt werden können, ändert nichts daran. Das ist eine Frage der sozialen Form.

Auch wenn die heissen Diskussionen hier im Keimform-Blog ein wenig verebbt sind, ist die Frage der Universalgüter weiterhin ungeklärt. Allerdings interessiert sie ob ihres abstrakten Charakters auch nur eine recht kleine Gruppe von Theoretiker/innen. Für die Praxis hängt von der Klärung dieser Frage nicht so viel ab, und das ist vielleicht auch ganz gut so 😉

Kategorien: Commons, Freie Software, Theorie

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11. April 2009, 06:51 Uhr   1 Kommentar

1 StefanMz (19.04.2009, 17:00 Uhr)

klem schreibt in seinem Blog zu diesem Beitrag:

Die Kosten für die Herstellung des materiellen Produkts software gehen gegen null, da wirklich nur wenig Stoff gebraucht wird und dazu nur noch die Amortisation der Denkleistung des Ingenieurs bzw der Ingeneurin. Tendenziell ist das auch bei anderen Produkten der Fall. Daher die Idee, Waren künftig nicht mehr zu verkaufen, sondern ihre Benutzung mit Gebühren zu belegen. Da kann man schon auf den Gedanken kommen, da liege etwas Ähnliches vor wie bei der Bodennutzung. Gerade eben las ich in der neuen SonnTaz das Wort eines Infineon-Physikers, Informationseinheiten seien wie Holz oder Gold.

Wir sollten den Begriff Rente doch auf dem Boden im wahrsten Sinne des Wortes lassen; er bezeichnet die kapitalistische Verwertung der Natur in ihrem festesten Zustand. Die Analyse der Produktion von software bringt uns schon auf den richtigen Gedanken, warum der Wert da so gering ist, wie ich oben umriß. Der Begriff „Universalgut“ ist ein willkürlicher Rechtssetzungsversuch, der als Voraussetzung der Konstruktion wiederum des Begriffs „Informationsrente“ diesem ein ganzt schwaches Axiom unterschiebt. Es braucht nur jemand zu sagen: „Ätsch! Is doch kein Universalgut.“

Den Rechtsanspruch sollten wir politisch dennoch erheben, jedoch nicht so tun, als sei er ökonomisch begründet.

Eine Rente gründet sich in der natürlichen Knappheit eines Guts. Software ist jedoch tendeziell unendlich oft vorhanden. Die für sie behaupteten Preise müssen daher geradezu das Gegenteil einer Rente sein.

@klem: Der Begriff »Universalgut« ist kein »willkürlicher Rechtssetzungsversuch« (um einen »Rechtsanspruch« geht es in keiner Weise), sondern ein anderswo ausführlich begründeter analytischer Begriff. Einen Einstieg mit weiteren Verweisen bietet der Beitrag »Universalgüter«, eine Sammlung vieler Artikel der Tag universalgueter im Keimform-Blog.

Während »Universalgut« in der Tat (von Ernst Lohoff) neu entwickelt wurde, ist der Begriff »Informationsrente« hingegen schon relativ »alt«. Meines Wissens wurde er von Roberto Verzola eingeführt und von Ralf Krämer in einem Argument-Artikel aufgegriffen (vgl. auch hier).

Du hast zwar Recht, dass Software unbegrenzt kopiert werden kann, aber per Rechtsform (Urheberrecht) und technischen Maßnahmen (Kopierschutz) wird eine künstliche Knappheit erzeugt, die dann vergleichbar der Bodenrente eine Informationsrente erzeugt. Der Knackpunkt (den Krämer bestreiten würde): Sowohl Boden wie auch Software sind ökonomisch gesehen »wertlos«. Auch deswegen ist der Begriff »Rente« gerechtfertigt, weil eine Rente immer eine Umverteilung von anderswo produziertem Wert bedeutet (anderenfalls wäre es realisierter Wert oder Profit).

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