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Repost: »Über den Commonismus«

[Der nachfolgende Artikel ist ein (reformatierter und nun lesbarer) Repost aus dem Blog Marx101. Lizenz: CC-by-sa-nc]

Vom Kapitalismus über den Commonismus zum Kommunismus?

Eine Betrachtung in Marx‘ Kategorien

Verfasser: Daniel Scharon

1. Einleitung

Die zunehmende Verbreitung und Bedeutung von Freier Software rückt die Zusammenhänge ihrer Entstehung sowie ihre grundsätzlichen Bedeutung in den Fokus wissenschaftlichen Untersuchungsinteresses. Doch dabei bleibt es nicht stehen. Freie Software und dessen Entwicklungsmodell wird von vielen als etwas ganz neues angesehen, das dem bisherigen Modell, Software zu produzieren, diametral entgegen steht. Einige Menschen, welche sich in dem Projekt Oekonux zusammengefunden haben, versuchen nun diese neue Art zu produzieren in die ökonomische Sphäre an sich zu übertragen. Die so entworfene Produktionsweise bekommt je nach AutorIn Bezeichnungen wie Peer-Ökonomie oder Commonismus zugewiesen. Doch nicht nur das, einige von ihnen sind dabei zu der These gekommen, dass Freie Software eine „Keimform einer neuen Gesellschaft“ ist (Meretz/Merten 2005: 303). Viele der am Oekonux-Projekt Beteiligten sehen in dieser neuen Gesellschaftsform Marx‘ Vorstellung einer kommunistischen Gesellschaft erfüllt: „Der kommunistische Anspruch lebt, und die commonistische Produktionsweise ist heute seine beste Chance auf Realisierung“ (Siefkes 2009: 23). Sie bestätigen somit die Wahrnehmung vieler Menschen, wie zum Beispiel Microsofts CEO Steve Ballmer, von Freier Software als „irgendwie kommunistisch“ (Grassmuck 2004: 230).

Diese Arbeit soll nun ein Versuch sein, zu überprüfen, ob das Potenzial und der damit verbundene Anspruch der kommunistischen Produktionsweise tatsächlich mit Hilfe von Freier Software und deren Entwicklungsmodell eingelöst werden könnte. Die Fragestellung geht hierbei weit über die Konzepte der Freien Software-Bewegung hinaus. Es sind nicht vorwiegend KommunistInnen, die die Freie Software-Bewegung tragen, sondern hauptsächlich Bürgerrechtsliberalisten und sogar Wirtschaftsliberale (vgl. Meretz 2000). KommunistInnen greifen sie jedoch auf und meinen darin einen Ansatz gefunden zu haben, welcher ihnen eine neue, moderne Perspektive bietet.

Innerhalb dieser Arbeit kann nicht der Kommunismus selbst entworfen werden, es beschränkt sich die Analyse daher auf die folgenden Schritte: Zunächst wird Freie Software definiert und auf ihren Warencharakter sowie ihre Wertform hin analysiert, d.h. ob beides überhaupt zutrifft. Anschließend folgt eine Charakterisierung des „commonistischen“ Modells und eine kritische Auseinandersetzung, ob das Entwicklungsmodell Freier Software (Commonismus) zur Aufhebung des Kapitalismus bzw. zum Kommunismus führen kann.

2. Was ist Freie Software?

Bevor erläutert werden kann, welche Kennzeichen eine Software zu Freier Software machen, sollte definiert werden was Software an sich ist. Software ist ein Begriff, der in Abgrenzung zu Hardware die Gesamtheit ausführbarer Datenverarbeitungsprogramme und ihre dazugehörenden Daten bezeichnet und in diesem Sinne seit den 60er Jahren benutzt wird. Es handelt sich um kodierte Information, ausführbar gemachten Quellcode (engl.: source code). Zum besseren Verständnis sollte hierbei erwähnt werden, dass der Quellcode einer Software der von Menschen lesbare Code ist, welcher mit Hilfe eines Compiler genannten Übersetzungsprogramms erst in Maschinencode übersetzt werden muss, damit dieser auf Computern lauffähig ist. Der so erstellte Binärcode (0,1) ist dann aber von Menschen nicht mehr (ohne sehr großen Aufwand) zu entschlüsseln. Programme können verbreitet werden und auf Computern ablaufen, ohne dass der Quellcode mitgeliefert wird. Das ausführbare Programm ist nur maschinenlesbar und lässt sich ohne den zugehörigen Quellcode nicht verändern. Fehler können so nicht bereinigt, Verbesserungen nicht ergänzt werden. Derart verbreitete Software wird von der Freien Software-Bewegung als closed source, proprietäre oder un-freie Software bezeichnet.

Die von Richard Stallman geschriebene und von der Free Software Foundation (FSF) publizierte Definition von Freier Software stellt klar, dass mit der im Englischen missverständlichen Bezeichnung free, frei im eigentlichen Sinne, und nicht kostenlos gemeint ist: „‚Free software‘ is a matter of liberty, not price. To understand the concept, you should think of ‚free‘ as in ‚free speech‘, not as in ‚free beer‘“ (Stallman 2004: 43) . Die den Benutzern der Software zugestandene Freiheit wird mit folgenden vier Freiheiten definiert:

  • Freedom 0: The freedom to run the program, for any purpose.
  • Freedom 1: The freedom to study how the program works, and adapt it to your needs. (Access to the source code is a precondition for this.)
  • Freedom 2: The freedom to redistribute copies so you can help your neighbor.
  • Freedom 3: The freedom to improve the program, and release your improvements to the public, so that the whole community benefits. (Access to the source code is a precondition for this.) (ebda.)

2.1 Geschichte von Freier Software

Die Entstehungsgeschichte von Freier Software ist eng mit Richard Stallman, dem Autor der vorangehenden Definition verbunden. Als Stallman 1971 anfing, im Labor für künstliche Intelligenz des MIT zu programmieren, war fast jegliche Software per se „frei“. Der Quellcode von Programmen wurde auf Nachfrage herumgereicht und Modifikationen des Codes zur Anpassung an eigene Bedürfnisse waren durchweg üblich. Im MIT-Labor für künstliche Intelligenz erfuhr Stallman somit eine „Kultur des freien Wissensaustausches […], eine Oase der konstruktiven Kooperation“ (Grassmuck 2004: 218), welche retrospektiv auch als frühe Phase einer sogenannten akademischen Hackerkultur bezeichnet wird (vgl. Raymond 1999: 8ff.).

Diese begann zu zerfallen, als Softwarehersteller Ende der siebziger Jahre den Quellcode ihrer Programme nicht mehr mitlieferten und das Urheberrecht sowie einschränkende Softwarelizenzen benutzten, um zu verhindern, dass auf Rechnern von Konkurrenten sowie auf den Rechnern von Endkunden ohne dafür zu bezahlen, ihre Software lief. Prominentestes Beispiel war das damals weit verbreitete Betriebssystem UNIX. Im Zuge dieser generellen Kommerzialisierung von Software war bis spätestens Anfang der achtziger Jahre fast sämtliche Software proprietär, d.h. unfrei geworden und es veränderten sich auch die Bedingungen im Labor für künstliche Intelligenz des MIT. Stallman gründete daher 1983 das GNU-Projekt. Ziel des Projektes war die Schaffung eines vollständigen, freien, Unix-kompatiblen Betriebssystems.

GNU ist ein rekursives Akronym und steht für „Gnu’s Not Unix“ (Stallman 2004: 33). GNU sollte ein Betriebssystem sein, das „funktional äquivalent zu Unix ist, aber keine einzige Zeile von AT&T geschütztem Code enthält und vor allem, das in freier Kooperation weiterentwickelt werden kann, ohne irgendwann dasselbe Schicksal zu erleiden wie Unix“ (Grassmuck 2004: 222). Daher kündigte Stallman seine Stelle am MIT 1984, denn das Ergebnis seiner Arbeit würde als Angestellter der Universität gehören, welche dadurch komplett die Vertriebsbedingungen der von ihm geschrieben Software bestimmen könnte (vgl. a.a.O.: 223).

Die rechtliche Basis für die Freie Software Bewegung kam mit der Gründung der Free Software Foundation (FSF) 1985 und vor allem mit der Schaffung einer auf dem Urheberrecht basierenden, freien Softwarelizenz im Jahr 1989, der GNU General Public License (GPL). Die GPL ist bis heute die am häufigsten gewählte Lizenz für Freie Software. Sie bestimmt jedoch nicht nur die damit lizenzierte Software als frei, sondern führt erstmal auch das Prinzip des Copyleft ein. Dieses basiert zwar auf dem Copyright bzw. Urheberrecht, verlangt aber, dass sämtliche aus GPL-lizenziertem Programmcode abgeleiteten bzw. modifizierten Werke auch wieder unter eine freie Lizenz gestellt werden müssen. Das „Wissen“ bleibt somit dauerhaft frei verfügbar. Im 1985 erschienen GNU Manifesto begründet Stallman (2004: 38) diesen Grundsatz mit Kant:

This is Kantian ethics; or, the Golden Rule. Since I do not like the consequences that result if everyone hoards information, I am required to consider it wrong for one to do so. Specifically, the desire to be rewarded for one’s creativity does not justify depriving the world in general of all or part of that creativity.

Bis 1991 war GNU jedoch noch nicht komplett, es fehlte noch der zentrale Bestandteil eines jeden Betriebssystems, der sogenannte Kernel. Diese Lücke füllte damals der finnische Informatikstudent Linus Torvalds, welcher seinen selbst entwickelten Kernel Linux taufte und unter der GPL lizenziert. Die seitdem bestehende Möglichkeit, das komplett freie Betriebssystem GNU/Linux zu benutzen, hat sich bis heute zu einem weltweiten Netz von Entwicklern, Nutzern und Distributionen entwickelt, welche in fast allen gesellschaftlichen Bereichen GNU/Linux einsetzen.

2.2 „Freie Software“ oder „Open Source“?

In vielen Publikationen wird nicht von Freier Software sondern von Open Source Software gesprochen. Technisch und lizenzrechtlich gesehen bezeichnen beide Begriffe in der Regel auch die selbe Art von Software und werden daher oft als Synonyme gebraucht. Innerhalb dieser Arbeit wird jedoch hauptsächlich von Freier Software gesprochen. Zum einen, da der Begriff Freie Software 14 Jahre früher in Gebrauch kam als der Begriff Open Source Software, zum anderen da er umfassender in seiner eigentlichen Bedeutung ist. Der Fokus bei Open Source liegt am offenliegenden Quellcode eines Programms. Offen zugänglicher Quellcode ist zwar eine notwendige Bedingung für Freie Software, jedoch keine hinreichende. Der Code kann im Open Source Sinne beispielsweise offen sein, seine Modifikation oder Weitergabe aber beschränkt. Der Begriff Open Source Software wurde 1998 auf dem Gründungstreffen der Open Source Initiative (OSI) geprägt, um der Wirtschaft eine Bezeichnung bieten zu können, welche das extrem effiziente Softwareentwicklungsmodell ohne die vermeintlichen Nachteile anpreist, die das Wort „free“ mit sich bringt. Zum einen die bereits erwähnte Doppelbedeutung mit kostenlos, zum anderen schreckte viele Investoren die normative Aufladung der von Stallmans „Bürgerrechtsliberalismus“ (Meretz 2000) geprägten Definition Freier Software ab. Durch die daraufhin folgende Spaltung der Entwicklergemeinde wird als Kompromissvorschlag in einigen Publikationen seit mehreren Jahren auch die Bezeichnung Free/Libre Open Source Software (FLOSS) verwendet, welche jedoch als Pleonasmus nicht unbedingt mehr Sinn macht.

Einer der herausragendsten Vertreter der wirtschaftsliberalen Strömung der Bewegung und Mitbegründer der Open Source Initiative, Eric Raymond, vertritt in seinem erstmals 1998 veröffentlichten Essay Homesteading the Noosphere die Ansicht, dass es auch in der Open-Source-Szene eine implizite Eigentumsauffassung gibt, welche er mit der Eigentumstheorie von John Locke vergleicht. Nach Lockes Verständnis von Landbesitz erwirbt jemand einen Besitztitel durch die Besetzung und Bearbeitung eines vorher unbewohnten Landes. Das Urbarmachen, das Bearbeiten, das Eingrenzen, kurz: das Homesteading des Landes steht somit im Mittelpunkt des Besitzanspruchs: „one can acquire ownership by homesteading, mixing one’s labor with the unowned land, fencing it, and defending one’s title“ (Raymond 1999: 93). Das individuelle Eigentum ist bei Locke demnach naturrechtlich begründet, und nicht, wie noch vor Locke, basierend auf vertraglichen Konventionen sowie ohne automatische Exklusion des Gebrauchs durch Dritte. Doch Raymond sieht Lockes‘, auf menschlicher Arbeit basierendes Verständnis von Eigentum als universelle Selbstverständlichkeit an und erwähnt andere Vorstellungen erst gar nicht. Und nicht nur das, er sieht dieses Verständnis auch in der Entwicklung Freier Software als implizit gegeben und fasst dies, frei übersetzt, als Landnahme der Noosphäre zusammen.

Mit der Sphäre des menschlichen Geistes, von griechisch νοῦς (Nous), bezieht er sich auf Wladimir Wernadskis und Pierre Teilhard de Chardins Verständnis vom „territory of ideas, the space of all possible thoughts“ (a.a.O.: 94). Wenn ein Entwickler ein Projekt ins Leben gerufen hat, so zeige er durch diese „Entdeckung“ dass er gewisse Ansprüche darauf erheben kann. In der von Raymond postulierten „Geschenkkultur“ der Open-Source-Gemeinschaft erlangen nun aber EntwicklerInnen ihre Reputation nicht durch Macht oder Besitz, sondern durch das Verschenken der Ergebnisse ihrer Arbeit. Raymond vergleicht dies explizit mit der akademischen Kultur. Raymonds Auffassung basiert auf der Behauptung einer nun entstehenden (immer noch kapitalistischen) „Post-Mangel-Gesellschaft“, welche diese Kultur des Schenkens ermögliche. Da Kapitalismus aber immer auch (sozial erzeugte) Knappheit bedeutet, ist seine Denkfigur eigentlich ein Widerspruch in sich.

Den grundlegenden Unterschied zwischen den Konzepten Open Source und Freie Software charakterisiert Richard Stallman (2007: 2) folgendermaßen: „Open Source ist ein Entwicklungsmodell. Freie Software ist eine soziale Bewegung. Für die Open-Source-Bewegung ist nicht-freie Software eine suboptimale Lösung. Für die Freie-Software-Bewegung ist nichtfreie Software ein soziales Problem und Freie Software ist die Lösung“.

2.3 Die Lizenzfrage (oder die Rolle des bürgerlichen Rechts)

Es gibt ein ganzes Spektrum von Software-Lizenzen angefangen mit proprietärer Software (closed source) über diverse Open Source Varianten bis hin zu Freier Software.[1] Die proprietären Software-Lizenzen beziehen sich auf Fragen des ausschließlichen Eigentums und des Auschlusses von Teilhabe. Die Freie Software-Bewegung beruft sich für die Durchsetzung der Garantie von Teilhabe auf bestehende Urheberrechtsgesetze und will die Lizenzen auch innerhalb des bestehenden Systems und seiner Rechtsprechung durchsetzen. Das Urheberrecht wird somit nicht ausgehebelt, sondern bestenfalls subversiv eingesetzt. An sich freie Lizenzen, die jedoch bestimmte Nutzungsformen ausschließen, z.B. kommerzielle Verwertung, den Einsatz in Unternehmen oder den Einsatz in bestimmten Bereichen wie Militär oder Atomindustrie gelten laut FSF als nicht-freie Software, da sie die in ihrer Definition genannte Freiheit 0 verletzen. Begründet wird dies hauptsächlich damit, dass bei einer Einschränkung der Nutzung die Gefahr bestehe, dass die Liste der einzuschränkenden Tätigkeiten jederzeit ausgeweitet oder deren Interpretation angepasst werden könnte, und somit Raum für Missbrauch biete. Die Frage nach dem emanzipatorische Gehalt von Handlungen durch Freie Software wird also aus der Sphäre des Rechts ausgelagert.

Das in dieser Arbeit gebrauchte Konzept von Freier Software bezieht sich hauptsächlich auf Lizenzen wie die GPL oder ihr ähnelnde mit einem Copyleft-Effekt, nicht auf eine der diversen Opensource-Lizenzen, denen oft wesentliche Merkmale der Freien Software fehlen.

2.4 Das Entwicklungsmodell von Freier Software

Eines der bestechendsten Merkmale von Freier Softwareentwicklung besteht darin, „dass alle ProjektteilnehmerInnen ausschließlich auf der Basis von Freiwilligkeit am Projekt teilnehmen“ (Meretz/Merten 2005: 299). Dies natürlich unter der Voraussetzung, dass die daran teilnehmenden dies nicht im Rahmen von Lohnarbeit tun, wie es zunehmend selbst von großen Firmen praktiziert wird. So produzierte Freie Software nennen Meretz und Merten „doppelt frei“, da in solchen Projekten allein die Selbstentfaltung der EntwicklerInnen den Fortgang des Projekts bestimme (vgl. a.a.O.: 296). Im Gegensatz dazu sehen sie „einfach freie“ Software, bei denen zwar das Endprodukt frei ist, die EntwicklerInnen jedoch in ihren Entscheidungen nicht frei, sondern an einen Auftraggeber gebunden sind (vgl. ebda.). Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass die Verwendung der Formulierung „doppelt frei“ Verwechselungsgefahr mit dem Begriff von „doppelt frei“ nach Marx bietet, welche ihm zufolge den ArbeiterInnen zugeschrieben wird, welche zugleich frei von Eigentum an Produktionsmitteln sind und die Freiheit haben den Unternehmer zu wechseln.

Ein weiteres Merkmal des Entwicklungsmodells Freier Software besteht darin, dass die Projekte grundsätzlich selbst darüber entscheiden, welche Organisations- bzw. Koordinationsform sie sich geben. Maßgeblich für die meisten Projekte heutzutage ist jedoch das Vorbild des Entwicklungsmodells von Linux seit 1991: „GNU/Linux wird heute als Paradebeispiel einer Organisationsform betrachtet, bei der Tausende von Menschen in der ganzen Welt in einer selbst organisierten Zusammenarbeit ein komplexes Softwareprojekt entwickeln“ (Nuss 2006: 77). Mit den durch die GPL vorgegebenen Freiheiten sind einige Elemente der Entwicklung bereits vorgegeben. Der Quellcode muss zum Beispiel offen zugänglich sein und jeder darf Modifikationen vornehmen. Beim Linux-Kernel kamen nun weitere Eigenschaften hinzu. Der Code wird häufig und in einem recht frühen Entwicklungsstand veröffentlicht. Dies bedeutet, dass in solchen sogenannten „beta releases“ noch viele Fehler, „Bugs“ genannt, enthalten sein können. Im Gegensatz zu proprietärer Software sind diese Fehler jedoch für jeden, der es wünscht, im Code einsehbar, und es besteht zudem auch für jeden die Möglichkeit, diese selbst zu beheben, da das Projekt grundsätzlich offen für Einsteiger bzw. deren Beiträge ist.

Für ein so großes und komplexes Projekt wie die Linux-Kernel-Entwicklung wäre dadurch eigentlich ein großes Durcheinander zu erwarten. Jedoch ist bei Linux wie bei vielen anderen Projekten genau das Gegenteil der Fall. Die so erzeugte Software ist von hoher, professioneller Qualität, welche in kritischen Systemen und auf hohem Anwendungsniveau ihre Verbreitung in Wissenschaft, Finanzwelt, usw. findet. Für ein hohes Entwicklungstempo bei gleichzeitig hoher Qualität bürgt anscheinend die Feststellung: „Given a large enough beta-tester and co-developer base, almost every problem will be characterized quickly and the fix obvious to someone“ (Raymond 1999: 41).

Eric Raymond vergleicht dieses Entwicklungsmodell mit einem großen, plappernden Bazar, voll mit unterschiedlichen Agenden und Ansätzen (vgl. a.a.O.: 30). Das Gegenteil sieht er im Kathedralen-Modell, bei welchem einzelne oder in kleinen Gruppen arbeitende Entwickler in Isolation arbeiten und kein „beta release“ veröffentlichen, bevor sie selbst nicht davon überzeugt sind, es sei Zeit dafür (vgl. a.a.O.: 29). Bis zum Auftauchen von Linux war das von Raymond bezeichnete Kathedralen-Modell bei den meisten Freie Software Projekten noch die Regel. Und auch heute noch kann man nicht alle Projekte als reine basaar-orientierte Entwicklermodelle bezeichnen. Je nach Organisationsmodell gibt es feine Unterschiede, welche Elemente beider Modelle beinhalten. Raymonds simple Aufteilung hat hier daher eine deutliche Lücke.

Allen Freie Software-Projekten ist gemein, dass sie stets „work in progress“ sind (Nuss 2006: 79). Ein wirklicher Abschluss findet nicht statt, da immer wieder Fehler bereinigt werden, neue Ideen einfließen oder aufkommende Probleme gelöst werden müssen. Diese Neuerungen sind zudem Teil von Veröffentlichungen, „die sie eher nach Gesichtspunkten der Qualität freigeben und nicht nach Gesichtspunkten kommerzieller Verwertungszwänge“ (ebda.). Volker Grassmuck (2004: 235) schließt daher auf zwei grundverschiedene Modelle, die sich mit freier und proprietärer Software gegenüberstehen:

Hier der Quelltext als ein in geschlossenen Gruppen, unter Vertraulichkeitsverpflichtung gefertigtes Masterprodukt, das in geschlossener, binärer Form vermarktet und mit Hilfe von Urheberrechten, Patenten, Markenschutz und Kopierschutzmaßnahmen vor Lektüre, Weitergabe und Veränderung geschützt wird. Dort der Quelltext als in einer offenen, nicht gewinnorientierten Zusammenarbeit betriebener Prozess, bei dem eine ablauffähige Version immer nur eine Momentaufnahme darstellt, zu deren Studium, Weitergabe und Modifikation die Lizenzen der freien Software ausdrücklich ermutigen. Hier eine Ware, die dem Konsumenten vom Produzenten verkauft wird, dort ein kollektives Wissen, das allen zur Verfügung steht. Hier konventionelle Wirtschaftspraktiken, die tendenziell immer auf Verdrängung und Marktbeherrschung abzielen. Dort ein freier Wettbewerb um Dienstleistungen mit gleichen Zugangschancen zu den Märkten.

Der von Grassmuck erwähnte freie Wettbewerb um Dienstleistungen deutet auch darauf hin, dass die Entwicklung von Freier Software nicht ausschließlich in der Freizeit von Hobbyisten betrieben wird, die ihren Beitrag als Teil einer Geschenkkultur verstehen (vgl. Raymond 1999: 97ff.). Vielmehr gibt es auch hier Auftragsarbeiten, welche von hauptberuflich bezahlten EntwicklerInnen ausgeführt wird. Man vergleiche hier allein das Engagement von Sun Microsystems in der Entwicklung des freien Office-Pakets OpenOffice.org.[2] Die Vorteile für kommerzielle Anbieter liegen vor allem in der erleichterten Anpassbarkeit im Sinne von Kundenwünschen und dem Profitieren von Beiträgen anderer Anbieter sowie aus der Community.

Unabhängig davon, ob EntwicklerInnen Geld für ihre Beiträge bekommen, oder nicht, gibt es in der organisatorischen Gestaltung der Projekte einige gemeinsame Merkmale. So gibt es häufig ein sogenanntes Core-Team, in welchem die aktivsten EntwicklerInnen bzw. diejenigen, die am längsten dabei sind, grundsätzliche Entscheidungen treffen und die allgemeine Richtung des Projekts ausdiskutieren. Bei besonders großen Projekten gilt eher das sog. Maintainer-Modell (vgl. Meretz/Merten 2005: 299f.). Dort gibt es für einzelne Bereiche oder Module sogenannte Maintainer, welche als Ansprechpartner für diesen Bereich gelten und vor allem die Entwicklergemeinschaft koordinieren, sowie grundsätzliche Richtungsentscheide für ein Projekt vornehmen. Da die TeilnehmerInnen freiwillig am Projekt teilnehmen, können Entscheidungen nur getroffen werden, wenn der Konsens der wichtigen TeilnehmerInnen erreicht wird. Konsens meint hier nicht Einstimmigkeit, sondern Konsens ist vielmehr erreicht, wenn die TeilnehmerInnen einer Entscheidung nicht widersprechen müssen. Schafft daher eine MaintainerIn nicht, einen Konsens herbeizuführen, steht sie bald ohne TeilnehmerInnen da. Somit besteht eine gegenseitige Abhängigkeit zwischen MaintainerInnen und anderen ProjektteilnehmerInnen (vgl. Meretz/Merten 2005: 300).

Innerhalb einer erweitert gedachten Community sind die Grenzen zwischen Usern, Beta-Testern, Personen die Fehler berichten und EntwicklerInnen fließend bzw. oft in Personalunion vorzufinden. Aufgrund des nicht vorhandenen Zwangs, das Rad jedes Mal neu erfinden zu müssen, sondern ohne große Hürden auf bereits geschaffene Arbeit zurückzugreifen zu können, haben sich insbesondere bei großen, komplexen Projekten wie beispielsweise kompletten GNU/Linux-Distributionen sehr große Interdependenzen zwischen Programmen herausentwickelt, größer als dies bei Software allgemein schon der Fall ist. Dies verstärkt noch zusätzlich die bereits vorhandene Vernetzung zwischen den verschiedenen Projekten von Freier Software.

3. Freie Software im Kapitalismus

3.1 Freie Soft-Ware?

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementform“ (MEW 23: 49). So beginnt Band I des Kapital. In der heutigen Phase des Kapitalismus erscheint das Internet, als notwendige Voraussetzung von Freier Software und deren Entwicklung, als eine unendlich reproduzierbare Warensammlung. Doch ist Freie Software überhaupt Ware, und hat dies mit der unendlichen Reproduzierbarkeit zu tun?

Die etymologische Herkunft von Ware lässt sich folgendermaßen zurückverfolgen. Das altenglische wær geht auf das germanische wēra (Adj.: wahr, Subst.: Vereinbarung Versprechung) oder das mittelhochdeutsche war(e), „in Verwahrung Genommenes“ zurück und hat die Bedeutung von (beweglichen) Gütern oder Produkten, die gehandelt, sprich gekauft und verkauft werden können. Ein wirtschaftliches, materielles Gut also, das Gegenstand des Handels ist. Software ist das immaterielle Gegenstück zur materiellen Ware. Eine „nichthandelbare immaterielle Ware“ wie eine Definition von Freier Software lauten könnte, ist somit ein Oxymoron.

Doch wie steht es mit der Bestimmung von Freier Software aus dem Warenbegriff bei Marx heraus? Ein Produkt ist nur dann eine Ware, wenn es letztendlich zum Verkauf bestimmt ist, d.h. zum Tausch nicht nur vorgesehen ist, sondern dieser auch erfolgreich stattfindet. Eine notwendige Bedingung hierfür ist dass neben einem Gebrauchswert auch einen Tauschwert vorhanden ist. Ob diese notwendige Bedingung bei Freier Software zutrifft, wird im nächsten Kapitel behandelt. Eine Ware ist ein Produkt konkreter Arbeit. Derlei Produkte, welche jedoch nicht verkauft werden, fallen aus dem Warensystem heraus und bleiben lediglich Kandidaten für Waren. Unter Produkte konkreter Arbeit fallen auch Dienstleistungen bzw. „immaterielle Güter“, und sind somit unter bestimmten Bedingungen ebenfalls Waren. Damit erledigt sich auch das Argument, dass in der immateriellen Produktion, wie der von Software, Marx‘ Werttheorie nicht zuträfe (vgl. Heinrich 2004: 42).

Jedoch gibt es Einwände, die den Warencharakter bei Freier Software nicht erfüllt sehen. „Freie Software ist keine Ware“ so die eindeutige These von Meretz/Merten (2005: 297). Sie sei vielmehr von Anfang bis Ende jenseits des Tauschprinzips angesiedelt, da der Bezug einer Freien Software nicht an das Erbringen von Leistungen gekoppelt sei. Es gäbe keine Konkurenz zwischen Freien Softwareprojekten und Freie Software habe sogar das „Zeug dazu, die Warenwirtschaft zu ersetzen“ (a.a.O.: 298). Als ein Kernelement der These wird darauf verwiesen, dass Freie Software aufgrund ihrer nahezu kostenlosen, unendlichen Reproduzierbarkeit nicht knapp sei. Allein diese Eigenschaft sei ein nachhaltiges Hindernis, Freie Software zu einer Ware zu machen.

Aufgrund der offensichtlichen Eigenschaft von Software als prinzipiell unter geringem Aufwand unendlich reproduzierbar, kann übrigens exemplarisch das Argument von der „natürlichen Knappheit“ von Gütern im Kapitalismus besonders leicht dekonstruiert werden. Denn diese Knappheit ist nicht irgendwie „von Natur aus“, sondern über die Warenform einer Ware qua Tauschwert vermittelt. Dass diese Knappheit bei Software als besonders künstlich und willkürlich erscheint, könnte für weitere gesellschaftliche Kreise den Blick schärfen: Bei Getreide beispielsweise liegt eine künstliche Verknappung des Angebots vor, wenn Bauern durch genetisch verändertes Saatgut gezwungen sind, jedes Jahr aufs Neue bei Monsanto einzukaufen, statt aus der eigenen Ernte Saatgut zu gewinnen.

Bei Freier Software herrscht hingegen erkennbarer Überfluss, und zwar „nicht nur beim Nehmen, sondern auch die Hineingabe ist potenziell unbegrenzt“ (ebda.). Dies ermöglicht auch die grundsätzliche Offenheit des Codes, welcher keine Betriebsgeheimnisse mehr zulässt. Zudem gibt es wirkliche Konkurrenz zwischen Freie Softwareprojekten laut Meretz/Merten nicht, nur ein Nebeneinander oder eine mehr oder weniger starke Kooperation. Dies legt für sie den Schluss nahe, dass Freie Software im Gegensatz zu proprietärer Software nach einem „Inklusionsmodell“ funktioniere.

Freie Software ist in der Epoche des Kapitalismus jedoch kein Einzelfall für ein Beispiel von nicht-warenförmigen Produkten. Im Rahmen von Hausarbeit, Familie, Ehrenamt usw. kooperierenden Menschen existiert zwar ein Wechsel von Stoffen und Informationen zwischen den Individuen, jedoch existiert kein Tausch, und damit keine Ware.

3.2 Welchen Wert hat Freie Software?

Laut Meretz/Merten hat Freie Software keinen Wert: „Freie Software ist wertlos – und das ist gut so!“ (Meretz 2000). Es wird von ihnen behauptet, dass die verschiedenen Geschäftsmodelle, mit denen Unternehmen im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise versuchen, mit Freier Software Kapital zu akkumulieren, sich (mit einer Ausnahme, dem Vertrieb Freier Software über sog. Distributionen) jenseits von „Buchstaben und Geist der GPL“ bewegen. Die zahlreichen Open Source-Lizenzen, die nicht den strengen Richtlinien der GPL genügen, und somit dem „neoliberalen Modell Freier Software von Eric S. Raymond“ entsprechen, nimmt allerdings auch Meretz von dem Gütesiegel „Wertfreiheit“ aus (vgl. Meretz 2000). Ein Ergebnis von empirischen Studien lautet daher: „Open Source ist weder ein eigenständiger Markt, noch impliziert sie zwangsläufig ein bestimmtes Business-Model“ (Diedrich 2008).

Für die Bestimmung des Werts nach Marx gilt folgendes. Als Ware kann nur etwas bezeichnet werden, was außer seinem Gebrauchswert auch einen Tauschwert besitzt: „Ware als ein Zwieschlächtiges, Gebrauchswert und Tauschwert“ (MEW 23: 56). Der Gebrauchswert ist hierbei Voraussetzung und Träger von Tauschwert: „Seine Ware [die des Warenbesitzers] hat für ihn keinen unmittelbaren Gebrauchswert. Sonst führte er sie nicht zu Markt. Sie hat Gebrauchswert für andre. Für ihn hat sie unmittelbar nur den Gebrauchswert, Träger von Tauschwert und so Tauschmittel zu sein“ (MEW 23: 100). Hierbei macht es nur Sinn vom Begriff „Gebrauchswert“ zu reden im Gegensatz zu Tauschwert, d.h. wenn es um kapitalistische Gesellschaft geht. Bei nicht-kapitalistischen Gesellschaften ist es daher vielleicht besser direkt von „Nutzen“ oder „Nützlichkeit“ zu reden. Da Freie Software nun nicht getauscht wird, handelt es sich bei ihrer Produktion um eine, „bei der die Nützlichkeit eines Produkts im Vordergrund steht, [und] ein absoluter Qualitätsanspruch in der Logik der ganzen Produktionsweise“ (Meretz/Merten 2005: 297). Ein Tauschwert besteht somit für Freie Software nicht.

Dass Freie Software in der Regel keinen Preis hat, spielt dabei in der Wertermittlung keine Rolle. Als Beispiel seien nur die Handy-Vertragsangebote für 1 € genannt, bei welchen die Mobiltelefone sicherlich einen Tauschwert haben, ihr Preis sich aber über die Vertragskosten erst erstreckt. Auch das Gegenteil ist für Marx möglich, ein Preis ohne Tauschwert. Dinge, die nicht Arbeitsprodukt sind, die daher auch keinen Wert haben, können verkauft werden und somit einen Preis haben, bspw. unkultivierter Boden oder das eigene Gewissen. „Ein Ding kann daher formell einen Preis haben, ohne einen Wert zu haben“ (MEW 23: 117). Somit ist es auch möglich, dass Freie Software zu einem bestimmten Preis verkauft wird. Hier muss beachtet werden, dass die Quelle des Werts, d.h. die Wertsubstanz, gesellschaftliche Arbeit ist.

Wert erhält Freie Software nur dann, wenn ein Weg gefunden wird, sie der Allmende zu entreißen und wieder einem Verwertungsregime einzugliedern, z.B. durch eine Lizenänderung des Maintainers, durch Doppellizensierung, welche inzwischen oft schon die Regel darstellt, usw. Entsprechend der Thesen von Meretz/Merten heißt das, dass Freie Software nur dann keinen Wert hat, wenn sie eine Freie Lizenz (im Sinne des Copyleft) besitzt und in Meretz‘ Sinne „doppelt frei“ ist. Demzufolge kann Freie Software, die unter den Bedingungen von Lohnarbeit erstellt wird, Wert besitzen. Die Höhe des Werts bemisst sich nach der gesellschaftlich durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit für das Erstellen der Software. Dieser Wert bestimmt sich unabhängig von der Bepreisung oder dem Erfolg eines Produktes auf dem Markt. Kann eine durch abstrakte Arbeit zustandegekommene Software nicht mehr verkauft werden, weil der Preis zu hoch oder das Angebot aufgrund von Überfluss nicht mehr knapp ist, realisiert sich der Wert nicht.

Freie Software im privatkommerziellen Unternehmen ist ein Verwertungs-Modus der besonderen Art. Ein möglicher Wert von Freier Software gilt jedoch nicht für Dienstleistungen, welche nur auf Freie Software aufbauen, da für diese Freie Software lediglich ein Produktionsmittel ist, welches als Allmende, so wie beispielsweise das Wasser eines Flusses für eine Mühle, frei zugänglich und benutzbar ist. Da inzwischen Freie Software im Rahmen von regulären Beschäftigungsverhältnissen produziert wird, stellt sich daher auch die Frage, was die Unternehmen – es sind nicht nur öffentliche Arbeitgeber – davon haben, Allmende produzieren zu lassen?

3.3 Abstrakte gesellschaftliche Arbeit und die Produktion Freier Software

Abstrakte Arbeit verhält sich zur konkret-nützlichen Arbeit analog wie der Wert zum Gebrauchswert. Während keine Gesellschaftsformation ohne konkret-nützliche, d.h. am Gebrauchswert orientierte Arbeit auskommt, zeichnet sich eine auf Warenproduktion basierenden Gesellschaft dadurch aus, dass wertbildende Arbeit als abstrakte Arbeit fungiert und der Gebrauchswert lediglich Mittel zum Zweck ist. Den Doppelcharakter der Ware (Gebrauchswert und Tauschwert zu besitzen), seine „zwieschlächtige Natur“, kommt laut Marx durch die in der Ware enthaltene Arbeit zustande (vgl. MEW 23: 56f). Der Wert einer Ware entspricht der für sie geleisteten abstrakten Arbeit, der Gebrauchswert die in ihre dargestellte konkret nützliche Arbeit.

Doch warum sollte ein Unternehmer Arbeit (in der Softwareentwicklung) bezahlen, wenn es sich für ihn nicht lohnt? Gerne wird an dieser Stelle auf die Verwertungsmöglichkeiten mit Support, Wartung, Dokumentation um die Software herum argumentiert. Aufgaben wie Installation, Betrieb, Konfigurationen, Fehlerbereinigungen, Customizing und die Umsetzung von Sonderwünschen des Kunden, etc. erfordern ein erhebliches Know-How und entsprechendes Personal, das gerade bei dem Unternehmen bereit steht, das an der Entwicklung einer Freien Software beteiligt ist. Das tangiert jedoch nicht die Verwertungsmöglichkeiten des Quellcodes selbst.

Eine andere Antwort ist, dass der Unternehmer Wege finden muss, die Software zu verknappen ohne die Lizenzbedingungen zu verletzen. Dazu bieten sich u.a. folgende „Geschäftsmodelle“ an (vgl. Diedrich 2008):

  • Das Schlupfloch der Doppellizenzierung zu nutzen, die es ermöglicht, ein- und die selbe Software einmal mit einer freien und einmal mit einer unfreien Lizenz zu versehen und eben letztere der Verwertung zuzuführen
  • Freie Software mit einer unfreien Software zu kombinieren und das Gesamtergebnis zu verwerten. Dem steht eigentlich entgegen, dass bei einer Lizenz die sog. Viruseigenschaft bzw. das Copyleft-Prinzip greift und die mit ihr kombinierte Software ebenfalls der Freien Lizenz unterworfen sein muss. Schon die leicht abgeschwächte Lizenz namens LGPL macht diese Voraussetzung nicht mehr, wird aber dennoch als Freie Software bezeichnet.
  • Freie Software, die nicht verbreitet wird, sprich nur abgeändert und dann z.B. im Hostingbetrieb für Kunden eingesetzt wird, muss selbst bei GPL-ähnlichen Lizenzen nicht offengelegt werden und erzielt über diesen Hebel die gleiche Wirkung wie eine Dienstleistung unter Knappheitsbedingungen.
  • Eine weitere Grauzone ist der Bereich, der definiert, wann die Kombination einer Freien Software mit einer weiteren Software dazu führen muss, dass das Ergebnis wieder unter die freie Lizenz fällt. „Wenn identifizierbare Teile des Werkes nicht von dem Programm abgeleitet sind und vernünftigerweise als unabhängige und eigenständige Werke für sich selbst zu betrachten sind, dann gelten diese Lizenz und ihre Bedingungen nicht für die betroffenen Teile, wenn Sie diese als eigenständige Werke weitergeben“ (FSF 1991). Mit einer wenig strengen Interpretation dieses Passus ist es möglich, Freie Software mit unfreier Software zu kombinieren und zu verwerten.
  • Freie Software kann von seinem Maintainer, z.B. einem Unternehmer, zu einem gewissen Zeitpunkt, bspw. wenn die Software einen größeren Versionssprung gemacht hat, unter eine andere, weniger Freie Lizenz gestellt werden. Die vorangegangene Version der Software bleibt zwar der Allmende erhalten, wird aber aufgrund des geringeren Reifegrades oder Funktionsumfangs deutlich weniger attraktiv sein als die neulizensierte Software, die einer Verwertung zugeführt wird.
  • Distributionen, also Zusammenstellungen von Freier Software und Open Source Varianten auf CDs und DVDs werden teilweise von Unternehmen geleistet, die privatwirtschaftlich orientiert sind. Eine Technik, ihre Software-Zusammenstellung zu versilbern ist das Programmieren von nicht-Freien Installationsprogrammen, die jedoch erforderlich sind um die Distribution auf bequeme Art und Weise in Betrieb zu nehmen.

Bislang galt: Freie Software wird ausschließlich in „Nischen“ kapitalistischer Vergesellschaftung geschaffen (Uni, private Selbstausbeutung), die ohne die kapitalistische Lohnarbeit nicht existieren würden. Zu Beginn der Entstehung von Freier Software war dies tatsächlich so. Inzwischen gibt es jedoch eine Reihe von sog. Global Players (IBM, Sun Microsystems, Intel, etc.), welche EntwicklerInnen hauptberuflich für die Produktion Freier Software beschäftigen. Neben den bereits erwähnten Vorteilen bedeutet es für diese Firmen auch, dass wenn sie sich an der Entwicklung eines selbständigen freien Softwareprojekts beteiligen, sie einen Fuß in der Tür dieses Projekts haben und sowohl die Entwicklungsrichtung mitbestimmen als auch von der Arbeit der Community profitieren können.[3] Die Beteiligung großer Software-Konzerne an Freier Software hat einen vergleichbaren strategischen Stellenwert wie die Mitarbeit derselben Konzerne in Standardisierungsgremien.

3.4 Kapitalistische Produktionsweise und Freie Software/Open Source

Für jede Gesellschaftsformation gibt es ein spezifisches Entsprechungsverhältnis zwischen dem je aktuellen Stand der Produktivkraftentwicklung, was nicht nur technisch gemeint ist sondern die Summe menschlicher Fähigkeiten umfasst, und den Produktionsverhältnissen als den gesellschaftlichen Bedingungen unter denen produziert wird, z.B. freie Assoziation, Ausbeutungsverhältnisse, Sklavenarbeit, etc., was Marx unter dem Begriff Produktionsweise zusammenfasst. Unter den Bedingungen des heutigen Kapitalismus und seiner hochtechnologischen Produktionsweise sind die Produktivkräfte sehr weit entwickelt.[4] Gerade in ihren entwickeltesten Bereichen werden die Potenziale immer wieder durch Produktionsverhältnisse begrenzt, die teilweise anachronistisch wirken. Im Bereich der Informationstechnologien scheint selbst das Kapital zu der Einsicht zu gelangen, dass neue Formen der dezentral vernetzten Zusammenarbeit wie sie durch Informationstechnologien ermöglicht werden, profitabler sind als traditionelle Formen entfremdeter Arbeit unter den Prämissen des Ausschlusses und der Arbeitsteilung, selbst wenn damit Teilautonomie und Selbstorganisation Einzug in die Arbeitsorganisation halten.

Die Modelle zur Arbeitsorganisation in Softwareprojekten wie bspw. SCRUM, Extreme Programming oder Agile Softwareentwicklung füllen die Seiten der Managementliteratur zumindest für den Sektor der Informationswirtschaft und lösen hinsichtlich ihres Hypes ältere toyotistische Managementmodelle, die zuerst in der Automobilproduktion Verwendung fanden, wie Lean Production, Just-in-time-Produktion, etc. ab bzw. entwickeln sie weiter. Keine Softwarefirma kommt heute mehr ohne Entwicklungswerkzeuge wie Versionskontrollsysteme, oder Bugtrackingsysteme aus, die ursprünglich in Freien Softwareprojekten ihren Anfang nahmen. Man könnte daher letztlich darauf schließen, dass die Adaptionsfähigkeit des Kapitalismus evtl. stärker wiegt, als das Potenzial der Freien Software, die „ganze alte Scheiße“ (MEW 3: 35) aufzuheben und sie zu überwinden.

4. Vom Commonismus zum Kommunismus?

Die folgenden Fragen ergeben sich sowohl aus dem bisher diskutierten, als auch aus den Überlegungen des Oekonux-Projekts heraus.

Ist das Entwicklungsmodell Freier Software nur ein Hobby innerhalb einer gesellschaftlichen Nische und somit Teil der kapitalistischen Produktionsweise, so wie Tätigkeiten innerhalb der Familie oder ehrenamtliche Freiwilligenarbeit? Oder ist es schon eine Keimform für etwas neues innerhalb des Alten? Oder sehen wir am Ende gar nur eine erneuerte, d.h. renovierte Variante des Kapitalismus damit aufziehen? Wie lässt sich die folgende Feststellung erklären? „Im Gegensatz zu allen früheren Beispielen konnte sich freie Software aber nicht nur eine Nische sichern, sonder wächst im Gegenteil immer weiter und wird nach und nach zu einer ernsten Bedrohung für die proprietäre Software“ (Meretz/Merten 2005: 298). Bringt Freie Software eine Voraussetzung für einen Verein unmittelbarer Produzenten? Entspricht Peer-Ökonomie bzw. Commonismus dem Kommunismus bzw. der kommunistischen Produktionsweise wie Marx sie entwarf?

Für den Versuch einer Klärung dieser Fragen wird zunächst erörtert, was unter Kommunismus in Marx‘ Sinne zu verstehen ist. Anschließend werden die bestehenden Konzepte von Peer-Ökonomie bzw. Commonismus vorgestellt und zum Schluss erfolgt die Diskussion inwiefern diese Modelle bereits als Keimform in der derzeitigen Gesellschaft vorliegen.

4.1 Was heißt Kommunismus?

Kommunismus wird meist negativ definiert, d.h. in der Abwesenheit von bestimmten Rahmenbedingungen des Kapitalismus, wie die Warenförmigkeit von Beziehungen. Es ist das Unbekannte, das noch zu schaffen ist. Es ist weit mehr als eine (verwertungsfreie) Organisationsform der Produktion, und bezieht sämtliche Bereiche und Verhältnisse der Gesellschaft mit ein, also Herrschaftsverhältnisse, Ausbeutung, Geschlechterverhältnisse ebenso wie andere Ungleichheitsverhältnisse, die es abzuschaffen gilt: „daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1: 385). „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist“ (MEW 4: 482). D.h. auch bei Marx wie bei Freier Software ist Freiheit ein Teil der Formel.

Konkretere Vorstellungen von Marx zu Kommunismus bzw. zum Übergang dorthin sind, wie seine gesamte systematische Arbeit, leider Fragment geblieben. Man sieht sie bspw. in der Kritik des Gothaer Programms, wo auch der bekannte Satz „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu finden ist:

In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! (MEW 19: 21)

Ebenso finden wir darin:

Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt. (MEW 19: 20).

„Der Kommunismus ist eine Produktionsweise“ (Andreani 1986: 680). Was genau ist uns darüber aus Marxens Sicht bekannt? Für die einen KritikerInnen hat er zu viel gesagt, insbesondere zuviel Utopisches, für die anderen hat er viel zu wenig gesagt und zu viel offen gelassen (vgl. Andreani 1986: 678f.). Welche Anhaltspunkte hierfür lassen sich finden?

Der Großteil davon befindet sich in der bereits erwähnten Kritik des Gothaer Programms. Deren historische Rezeption war jedoch in vielen Fällen mindestens zweifelhaft bis verfälschend. So haben Lenin und Trotzki bspw. eine Übergangsphase zwischen Kapitalismus und Kommunismus herausgelesen, welcher dann von ihnen die Bezeichnung sozialistische Produktionsweise gegeben wurde. Marx spricht jedoch eigentlich von einer historischen Sequenz von wie im Folgenden beschriebenen drei Phasen.

Die erste Phase ist relativ kurz, in ihr herrscht die revolutionäre Diktatur des Proletariats, in welcher die Expropriation der Expropriateure erfolgt. Diese Phase ist für Marx bereits kommunistische Produktionsweise. Die anschließende zweite Phase ist für Marx zugleich die erste Phase des Kommunismus, und somit nicht, wie von Lenin behauptet, gleichbedeutend mit Sozialismus. Sie ist zwar, wie bereits zitiert, noch mit den „Muttermalen der alten Gesellschaft“ (MEW 19: 20) behaftet, jedoch gibt es in ihr schon keine Warenverhältnisse und keine Klassen mehr, und somit auch keinen Staat als politische Macht einer Klasse. Die „Muttermale“ sind hier noch hauptsächlich der Austausch zwischen Arbeitslieferungen und Konsumtionsmitteln (vgl. Andreani 1986: 680). Die dritte Phase schließlich, und somit die zweite Phase des Kommunismus, zeichnet sich durch das Verschwinden der Arbeitsteilung sowie einer Verteilung nach den Bedürfnissen aus.

Als Grundlage für die Produktionsverhältnisse des Kommunismus sieht Marx das Gemeineigentum der assoziierten Arbeiter, wobei Eigentum hierbei die Ausübung bestimmter „gesellschaftlicher Funktionen“ (MEW 19: 28) meint, und nicht die Eigentumsvorstellung des bürgerlichen Rechts, welche sich noch in der ersten Phase des Kommunismus vorfinden ließe. Die kommunistische Produktionsweise ist deshalb nicht mehr Warenproduktion, da die Trennung zwischen den einzelnen Produktionseinheiten nicht mehr besteht und die assoziierten Arbeiter ihre Produktion nach einem Plan organisieren. Diese Organisation ist nun freiwillig und wird nicht mehr als eine äußere, fremde Gewalt von den Arbeitern wahrgenommen. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass diese Planung von Marx nicht zentralisiert gedacht war, sondern eher den dezentralistischen Konzeptionen der Pariser Kommune entsprechend (vgl. Andreani 1986: 681).

Was die Aufteilung der Produktion angeht, so müssen laut Marx auch die assoziierten Produzenten sowohl notwendige Arbeit als auch Mehrarbeit leisten. Die Mehrarbeit wird dabei für mehrere Fonds reserviert werden müssen. Zunächst einen Fonds für diejenigen, die nicht arbeitsfähig sind, dann einen Reservefonds für unvorhergesehene Zwischenfälle, einen Akkumulationsfonds, sowie einen Fonds für unproduktive Arbeit, zum Beispiel innerhalb der Verwaltung der Arbeit (vgl. a.a.O.: 681f.).

Dass für Marx in der ersten Phase des Kommunismus noch das Prinzip des äquivalenten Austauschs von Konsumgütern nach geleisteter Arbeit besteht, wird von mehreren Seiten kritisiert bzw. als „Schnitzer“ (a.a.O.: 682) bezeichnet, da gerade dieses Prinzip der Rechtfertigung von Lohnhierarchie und Stücklohn im Kapitalismus diene und laut Marx selbst eigentlich untrennbar mit dem kapitalistischen Lohnsystem verbunden sei. Eine Bezahlung nach dem Arbeitsertrag lässt daher noch die Tür offen für den Fortbestand der Arbeitsteilung und von Ausbeutung. In der zweiten Phase des Kommunismus wird dagegen jeder „nach seinen Bedürfnissen“ (MEW 19: 21) arbeiten können.

4.2 Was heißt Commonismus?

Unter Peer-Ökonomie bzw. unter Commonismus wird von den VertreterInnen des Oekonux-Projekts eine Produktionsweise verstanden, welche sich prinzipiell von marktwirtschaftlicher und zentralverwaltungswirtschaftlicher Produktion unterscheide. Dabei wird die Praxis der Produktion von Freier Software in die Produktion jeglicher Güter, materielle wie immaterielle, übertragen. Der Anspruch, eine der kommunistischen Produktionsweise entsprechende Produktionsform gefunden zu haben, kann sich jedoch nur erfüllen, wenn dadurch der Kapitalismus aufgehoben werden kann, ohne dabei gleichzeitig hinter seine Vorzüge zurückzufallen (vgl. Siefkes 2009: 2). Für die UnterstützerInnen des commonistischen Modells, d.h. insbesondere für Siefkes, bietet dieses auch Antworten auf Fragen und Probleme, die von Marx bezüglich der kommunistischen Produktionsweise unbeantwortet blieben: „Wie soll man die Produktivität der verschiedenen Produktionszentren einander angleichen? Wie soll man die Arbeitsverausgabung von einem Arbeitsplatz zum anderen und von einer Branche zur anderen vergleichen und ausgleichen? […] Marx und Engels sehen nicht […] die Schwierigkeiten einer geplanten Wirtschaftsführung, insbesondere auf der Ebene der Kalkulations- und Kommunikationsmittel“ (Andreani 1986: 683).

Folgende Merkmale der kapitalistischen Produktionsweise werden dabei als überwunden deklariert. Ihr Fetischismus, der die wirklichen Verhältnisse, d.h. die Beziehungen zwischen Personen, systematisch verzerrt. Deren Krisenhaftigkeit mit ihren unvermeidlichen zyklischen Krisen. Die aufgrund der Konkurrenz und des Zwangs zum Wachstums im Kapitalismus bestehende Destruktivität gegenüber menschlichen Arbeitskräften und der Natur. Die der kapitalistischen Produktionsweise inhärente Ausbeutung, aufgrund derer die ArbeitskraftverkäuferInnen länger arbeiten müssen, als zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse notwendig ist. Dabei sind diejenigen schlimmer dran, die nicht einmal ausgebeutet werden.

Für die nun folgenden Merkmale der „commonsbasierten Peer-Produktion“ (Siefkes 2009: 5) gilt die Nicht-Warenförmigkeit digitaler Güter als Voraussetzung. Die Scheidung zwischen Produktionsmittel-EigentümerInnen und ProduzentInnen wird aufgehoben. Natürliche Ressourcen und Produktionsmittel werden zu Commons, die in gemeinsamen, auf Absprachen und loser Koordination basierenden Produktionsprozessen gestaltet und genutzt werden. Die Peer-Produktion basiert auf Beiträgen und nicht auf Tausch, und es ist der Gebrauchswert und nicht der Tauschwert, der die Teilnehmenden motiviert. Die Peer-Produktion basiert auf freier Kooperation und nicht auf Zwang oder Befehl. Trotz möglicher vorhandener Strukturen und Hierarchien bestehen keine strukturellen Abhängigkeitsverhältnisse, sondern eine Kooperation zwischen Gleichen (Peers). Niemand ist gezwungen zu gehorchen, oder kann anderen befehlen. Die formale Vertragsfreiheit des Kapitalismus wird dabei übertroffen. An die Stelle der unpersönlichen Abhängigkeitsverhältnisse treten aber auch keine persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse, sondern eine „allgemeine Abhängigkeit aller von allen“ (Siefkes 2009: 20).

Die Organisationsweise bei Peer-Projekten ist „stigmergisch“ (a.a.O.: 7), d.h. eine von jemandem begonnene Arbeit hinterlässt Zeichen (stigmata), die andere dazu anregen, sie fortzusetzen. Es bleibt hierbei jedoch jedem selbst überlassen, welche Aufgaben er/sie erledigt. Unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten werden so optimal eingesetzt, da jedeR macht, was er/sie sich zutraut. Wobei wie auch bei der Produktion Freier Software eine Qualitätsprüfung stattfindet und nicht alle Beiträge akzeptiert werden. Die Konzepte der Produktion sind alle bewusste Konventionen, nicht wie bei der Wertbildung Prozesse, die sich „hinter dem Rücken der Produzenten“ (MEW 23: 59) vollziehen. In der Peer-Ökonomie wird daher von Anfang an für den bereits bekannten oder abgeschätzten gesellschaftlichen Bedarf produziert. Die Produktion ist also von vornherein gesellschaftlich. Notwendige Arbeit wird unter den Menschen nur aufgeteilt, es besteht somit kein Zwang zur Konkurrenz. Damit entfällt auch die Destruktivität gegenüber der Natur und den Menschen.

Eigentlich sehen wir hier eine arbeitsteilig tief gestaffelte, international vernetzte Praxis, in der die Wert- und Herrschaftsförmigkeit und damit die Kapitalverhältnisse aufgehoben sind. Der Genuss an schöpferischer Tätigkeit und am selbst geschaffenen Produkt ist darin wie bei der Entwicklung von Freier Software die entscheidende Triebkraft des Entstehens von nützlichen Dingen, die zudem auch noch allgemein ohne äquivalente Gegenleistung zugänglich sind. Kein äußerlicher Zwang treibt hier die Akteure, keine Notwendigkeit, Ansprüche auf die Leistungen anderer zu akkumulieren, keine Verpflichtung, Äquivalente zu bieten. Antrieb ist weder Askese noch Uneigennützigkeit und die gesellschaftlichen Bedürfnisse werden effektiv erfüllt. Die zur Bedürfnisbefriedigung notwendige Arbeit enthält auch weniger Redundanzen, da keine Konkurrenz wie im kapitalistischen Sinne besteht.

Da materielle Güter jedoch nicht unendlich reproduzierbar sind, führt nun Siefkes in seinem persönlichen Modell der Peer-Ökonomie wieder die Kopplung von Arbeitsleistung und Güterbezug ein und gibt ihr die Bezeichnung Pool-Modell. Dieser sei als Verteilungspool grundsätzlich offen und verteile auch Aufgaben. Das Pool-Modell teilt er in zwei Submodelle. Zum einen in das bereits bekannte Flatrate-Modell: Der Gesamtaufwand der Produktion wird auf die Gesamtheit der KonsumentInnen aufgeteilt, aber unabhängig von der individuellen Konsumtion. Über dieses Modell sei in Siefkes gesellschaftliche Entscheidung nötig, welche Güter so produziert werden. Das andere Submodelle nennt er proportionales Allokationsmodell: KonsumentInnen geben den Produktionsaufwand in selbem Maße dem Pool zurück, wie sie ihm entnehmen, um so zu erreichen, dass auch unangenehme Arbeiten erledigt werden. Dies soll nicht nur über die Abrechnung von Arbeitszeit geschehen. Sein Vorschlag lautet: Je weniger Leute bereit sind, eine Aufgabe zu übernehmen, je mehr Gewichtung bekommt sie (größer 1). Dass er hierbei den bereits erwähnten „Schnitzer“ von Marx nicht nur wiederholt, sondern die Kopplung auch noch verfestigt, indem er sie nicht einmal in eine Übergangsphase packt, ist kaum zu übersehen. Dementsprechend kritisch wurde seine Vorstellung auch rezipiert.

Ebenso problematisch ist seine Gegenüberstellung von Besitz und Eigentum. Seiner Meinung nach basiere die Peer-Produktion auf Gemeingütern und Besitz, nicht auf Eigentum. In Privatbesitz befindliche Produktionsmittel „fungieren als Besitz (etwas, das man benutzt), nicht als Eigentum (etwas, das man verkaufen oder verwerten kann)“. Dies ist bei fungierenden Kapitalisten aber bereits in vielen Fällen auch nicht anders. Freier Unternehmerwillen wird dadurch ausgedrückt, weil sie mit fremdem Eigentum umgehen.

4.3 Eine Keimform einer neuen Gesellschaft?

„Wo und wie ist anzusetzen innerhalb der vorgefundenen und zunächst die gesamte Reproduktion beherrschenden kapitalistischen Vergesellschaftungsform, um in diese sozusagen von innen eine Bresche zu schlagen und aus ihr herauszukommen, erste Schritte zu tun, einen formulierbaren Anfang der sozialen Emanzipation zu setzen?“ (Kurz 1997)

In Meretz/Merten (2005: 303ff) wird quasi in Beantwortung dieser von Kurz in seinem Artikel „Antiökonomie und Antipolitik“ aufgeworfenen Frage, vermutet, dass das Entwicklungsmodell Freier Software die Keimform einer neuen Gesellschaft darstelle. Die neue Gesellschaft wird in Anlehnung an die einflussreichste Lizenz der Freien Software Bewegung als „GPL-Gesellschaft“ bezeichnet.

Mit Verweis auf einen Artikel von Kurz, der die Keimformthese seinerseits im Hinblick auf die mikroelektronische Revolution entwirft und unter Einsatz eines sog. Fünfschrittmodells, das aus der Kritischen Psychologie (Holzkamp 1983) entlehnt ist, wird beschrieben, wie innerhalb einer alten Gesellschaftsformation zunächst nur in Ansätzen etwas qualitativ neues, die Keimform entsteht. Wie das alte Modell in die Krise gerät, das Neue zur dominanten Größe heranwächst und schließlich alle Aspekte des Gesamtprozesses in Bezug auf das Neue umstrukturiert werden folgen im Anschluss. Der Prozess sei hinsichtlich seiner Dauer oder seines Ergebnisses nicht determiniert und die Bezeichnung Keimform impliziere nicht automatisch, dass das Neue sich letzlich auch durchsetze.

Teile dieser periodisierenden Abfolge von fünf qualitativen Entwicklungschritten erinnern entfernt an das gramscianische Hegemoniekonzept, mit dem Machtgewinnungs- und -ausübungsformen zwischen Staaten, Gruppen von Staaten und Gruppen innerhalb von Staaten (z.B. zwischen herrschenden und subalternen Klassen) analysiert werden, ohne jedoch die Flexibilität des Hegemoniebegriffs zu erreichen oder die Menschen und ihre Handlungsfähigkeit im gleichen Ausmaß in den Mittelpunkt zu stellen. Immerhin kann mit der Keimformthese aber ein dialektisches Nebeneinander unterschiedlicher und widersprüchlicher Produktionsweisen innerhalb einer Gesellschaft beschrieben werden und somit das Problem vermieden werden, das Kurz wie folgt beschreibt: Die angebliche Blindheit des Marxismus für die „Frage des Übergangs, der praktischen Transformationsbewegung, des berühmten ‚Herankommens‘ an eine nicht-wertförmige Reproduktion“ (Kurz 1997).

Während Kurz es in seinem Artikel von 1997 noch nicht gelingt, zu entwickeln, wie die „Mikroelektronik als universelle Rationalisierungs- und Kommunikationstechnologie“ (ebda.) die Transformation zu einer neuen Gesellschaft befördern kann, meinen Meretz und Merten beinahe ein Jahrzehnt später in dem Entwicklungsmodell für Freie Software eine gesellschaftliche Form gefunden zu haben, die die kapitalistische Produktionsweise in Frage stellt, sich in ihr zur Reife entwickelt und darüberhinaus das Potenzial besitzt, das Zeitalter einer kommunistischen Produktionsweise einzuläuten. Mit Hintergrundwissen aus der Informatik, Erfahrungen aus der Praxis der Freien Softwareentwicklung und einem Schuss utopischen Voluntarismus gelingt es ihnen, die bei Kurz noch vorhandene Lücke zu schließen und mit einem konkreten Fallbeispiel einer Keimform auf dem letzten Stand der Produktivkraftentwickung im hochtechnologischen Kapitalismus zu argumentieren. Freilich sind auch sie sich nicht sicher, ob wir uns erst in Phase 1 (Entstehung der Keimform) oder bereits in Phase 3 (Keimform wird zur wichtigen Entwicklungsdimension) befinden. Wichtig ist ihnen aber vor allem, die Debatte nicht auf das Feld der Informatik und die Produktion immaterieller Güter zu begrenzen, sondern das hier vorgefundene Entwicklungsmodell auch auf andere gesellschaftliche Bereich und insbesondere unter Einbezug von Technologien wie Robotern und sog. Fabbern auf die materielle Produktion zu verallgemeinern.

Gegen die These der Keimform von Freier Software haben sich jedoch prominente Stimmen wie Sabine Nuss und Michael Heinrich ausgesprochen. Ein dominierendes Merkmal kapitalistischer Produktion sei nach wie vor (künstliche) Verknappung, sowohl in der materiellen Produktion industrieller Güter, als auch in der digitalen Sphäre (vgl. Nuss 2006: 205ff.). Nuss und Heinrich kritisieren den positiven Bezug auf Freie Software und dessen angeblich systemsprengendes Potential. Es sei eine Illusion, dass sich Freie Software der Verwertung entziehe. In der Analyse von Meretz/Merten werde Verwertung mit Verkauf gleichgesetzt, aber der profitable Einsatz Freier Software finde bereits im Produktionsprozess statt und in der Verwertung von Dienstleistungen rund um das Produkt. Die Potentiale zur Selbstentfaltung werden von Unternehmen ausgenutzt. Die neue (GPL-)Gesellschaft, auf die der Begriff „Freie Software“ laut Meretz verweist, sei ein modernisierter Kapitalismus. Zugestanden wird jedoch, dass das Privateigentum an Produktionsmitteln sich nicht mehr ausschließlich in der Hand der Unternehmen befinde (vgl. Nuss/Heinrich 2001).

So betrachtet steht das Konzept der Entwicklung Freier Software, was die Arbeitsorganisation und die Lizenzbedingungen angeht, nicht im Widerspruch zum Kapitalismus. Weder schließen die Lizenzen Lohnarbeitarbeitsverhältnisse oder Privateigentum aus, noch den Einsatz privatwirtschaftlicher Geschäftsmodelle zur Verwertung von Dienstleistungen rund um die Produkte Freier Software. Dies wären jedoch notwendige, wenngleich noch nicht hinreichende Voraussetzungen für kommunistische Produktionsweise (vgl. Adriani 1986). Eine in einem Privatunternehmen unter den Bedingungen von Lohnarbeit entwickelte Software, die aus Gründen der Profitmaximierung unter eine Freie Lizenz gestellt wird, kann ebenso das Label „Freie Software“ beanspruchen wie eine in der Freizeit entwickelte Software. Wie der Tauschwert zum Gebrauchswert, so steht die Verwertung der Freien Software zur Freien Software selbst. In der kapitalistischen Produktionsweise ist die Produktion von Freier Software nur ein Mittel für den Verwertungsprozess, Zweck und Inhalt bleibt weiterhin die Produktion von Mehrwert, nicht das interesselose Wohlgefallen an der Verbreitung nützlicher Software.

Auf eine erstaunliche Kompatibilität bzw. Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus lässt sich im Rahmen der Betrachtung der Koexistenz mit Freier Software schließen. Trotz der Umstrukturierung in Teilen der Softwarewirtschaft, induziert durch die Konkurrenz, die die proprietäre Software und deren Verwertungsformen durch Freie Softwareprodukte erfuhr, scheinen sich neue Verwertungsformen auf der Basis von, in Symbiose mit oder in Koexistenz zu Freier Software etablieren. Wie sehen solche Geschäftsmodelle aus? Dieser Vorgang wurde ausführlich bei Nuss (2006: 84ff.) am Beispiel der Firma CollabNet und der Freien Software Scarab beschrieben und ist keineswegs ein Einzelfall. Zur Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus meint dementsprechend Wolfgang-Fritz Haug: „Doch als dynamische Spezifik der kPw [kapitalistischen Produktionsweise] stellt Marx gerade die permanente innere Veränderung heraus. Um sie zu kennzeichnen, zitiert er in KI (511, Fn. 306) das Manifest: »Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Pw war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen.« (4/465) ›Invariant‹ an der kPw wäre demnach gerade ihre Variabilität“ (Haug 2008: 298).

Die Existenz von nichtwarenförmigen Beziehungen kündigt dementsprechend nicht das Ende des Kapitalismus an sondern war schon immer Bestandteil des Kapitalismus. Er könnte wahrscheinlich nicht existieren ohne die großen Bereiche, in denen Werte nicht verwertet werden. Innerhalb der Familie zahlt man nicht für sein Essen (Reproduktionsarbeit), unter Freunden hilft man sich ohne unmittelbare Gegenleistungen, und zahllose Vereine bis hin zur freiwilligen Feuerwehr sind grundsätzlich nicht kommerziell organisiert.

5. Fazit

Die These der nicht Warenförmigkeit Freier Software und die These der Keimform einer nichtkapitalistischen Produktionsweise, lässt sich bei näherem Hinschauen nur mit diversen Kunstgriffen aufrecht erhalten. Die mannigfaltigen, von den Vertretern dieser These erkannten Erscheinungsformen der Verwertbarkeit von Freier Software im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise werden von ihnen oft als Ausnahmeerscheinungen abgetan. So werden die meisten (GPL-artigen) Open Source Varianten von vorneherein aus der These ausgeklammert und selbst bei der Freien Software, bei der alle Voraussetzungen wie freie Verfügbarkeit, freie Quellen, freie Änderbarkeit und freie Verteilbarkeit erfüllt sind, müssen sie noch unterscheiden zwischen „einfach freier Software“ (Software, die unter Lohnarbeitsverhältnissen entwickelt wird) und „doppelt freier Software“ (die in der Freizeit und unter Bedingungen freier Selbstentfaltung zustande kommt) um die These aufrecht zu erhalten. Nicht abgestritten aber vernachlässigt wird die Unsitte der Doppellizensierung, also der bemerkenswerten Ausbeutung der unentgeltlichen Arbeit der Open Source Community durch die Privatwirtschaft und deren Verwertungsinteressen.

Das emanzipatorische Potenzial des Ideals der Freien Softwareentwicklung soll hier nicht in Frage gestellt werden sondern kritisch die vielfältigen Wege aufgezeigt werden, wie Freie Software immer besser in die kapitalistische Produktionsweise integriert wird und keine reale Gefahr für das System des Kapitalismus mehr darstellt. Man könnte auch, um im Bild der Keimformthese (Meretz/Merten 2005: 303ff.) zu bleiben, sagen, dass wenn die Keimform theoretisch zwei Richtungen einschlagen kann, so liegt die „Integration in das Alte“ sprich in die kapitalistische Produktionsweise immer näher und unterstreicht die These von Marx, dass für den Kapitalismus „sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren“ geradezu eine Existenzbedingung ist (MEW 4: 465). Dass es noch möglich ist, den Weg aus der Restauration des Alten herauszugehen, soll dabei jedoch nicht ausgeschlossen werden. Offene, noch nicht entschiedene Kämpfe können uns noch überraschen, auch wenn eines ganz sicher stimmt: Die Integration ins Alte, und damit dessen Auffrischung ist voll im Gange. Die Grundprinzipien von Freier Software bzw. der Art ihrer Produktion bleiben trotzdem eine Grundbedingung für eine moderne, nicht-kapitalistische Produktionsweise. Sie sind also notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung.

Nur im Sinne von Meretz/Merten „doppelt freie“ Software[5], welche somit auch nicht dual-lizenziert ist, hätte das Potential zur Entfaltung eines neuen Produktionsmodells. Das Copyleft-Prinzip, bietet hierfür ebenfalls einen so wichtigen Faktor, dass Einschränkungen der Nutzung auf einen Bereich ausschließlich emanzipatorischer Anwendungen nicht mehr nötig werden. Das Problem wäre dann letztlich nicht das Konzept an sich sondern dessen viele Schlupflöcher und die ungelösten Fragen. Z.B. die Frage der Koordination, d.h. die Maintainer-Frage. Wie schaut diese Koordination aus? Wie emanzipatorisch ist diese gedacht? Braucht es noch zum Beispiel einen Abstimmungsmodus für ein ganzes Projekt?[6] Oder ergibt sich dies alles aus den Einzelentscheidungen auf Graswurzelebene? Auf dieser Ebene klaffen große Lücken. Weder Marx noch bestimmte Verfechter der Peer-Ökonomie wie Siefkes werfen auf befriedigende Weise „die Frage der politischen Macht“ (Andreani 1986: 683) auf. Dementsprechend stellt sich die Frage der politischen Ausgestaltung im Sinne einer emanzipierten Gesellschaft, nicht nur die ihrer ökonomischen Prinzipien oder ihrer bürgerlichen Rechtsform innerhalb der noch herrschenden kapitalistischen Produktionsweise.

[1] Mehr als 200 sind bekannt. Siehe http://www.ifross.de/ifross_html/lizenzcenter.html

[2] Mehr dazu mit Veranschaulichungen auf http://www.gnome.org/~michael/blog/ooo-commit-stats-2008.html

[3] Ein spannendes Beispiel: die Softwareentwicklungsumgebungen Eclipse (hinter der Firmen wie Borland, IBM, Nokia, Motorola, Oracle, SAP, Red Hat, SuSE stehen) und NetBeans (SUN Microsystems und 100 weitere Partner, vgl. http://www.netbeans.org/community/partners/index.html). Aus zwei ehemals traditionell verwerteten proprietären Softwareprodukten sind inzwischen zwei Flaggschiffe der Open Source-Softwareentwicklung geworden, hinter denen sich zahlreiche potente Unternehmen versammeln. Jeweils eine erhebliche Anzahl von ansonsten scharf konkurrierenden Software-Unternehmen schließen sich zu einer strategischen Allianz zusammen um sich gegenüber der konkurrierenden Entwicklungslinie einer anderen „Community“ von multinationalen Unternehmen durchzusetzen. Eine derartige Formation führt beunruhigend neue Konnotationen in den bisherigen Begriff der „Open Source-Community“ ein.

[4] Die Zirkulationszeit von Freier Software beträgt oft beispielsweise quasi 0.

[5] Vgl. hierzu Projekte wie Debian (http://de.wikipedia.org/wiki/Debian) im Gegensatz zu kommerziell vertriebenen Projekten wie Red Hat Enterprise Linux (http://de.wikipedia.org/wiki/Red_Hat_Enterprise_Linux).

[6] Das Debian-Projekt hat sich bspw. hierzu eine Art „Gesellschaftsvertrag“ gegeben: http://www.debian.org/social_contract

Literaturverzeichnis

Andreani, Toni 1986: Kommunistische Produktionsweise in: Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 4, S. 678-684, Argument

Diedrich, Oliver 2008: Open Source ist kein Business-Modell http://www.heise.de/open/Open-Source-ist-kein-Business-Modell–/artikel/117309O

FSF 1991: http://www.gnu.de/documents/gpl-2.0.de.html

Grassmuck, Volker 2004: Freie Software – zwischen Privat- und Gemeineigentum. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn.

Haug, Wolfgang Fritz 2008: Kapitalistische Produktionsweise. in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 7/1, S. 292-316, Argument

Heinrich, Michael 2004: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung. Schmetterling: Stuttgart

Holzkamp, Klaus 1983: Grundlegung der Psychologie, Campus, Frankurt a. M.

Kurz, Robert 1997: Antiökonomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des „Marxismus“ in: Krisis 19

Maier, Axel; Jaeger, Till 2006: Open Source Software. Rechtliche Rahmenbedingungen der Freien Software. Beck. München

Meretz, Stefan 2000: Linux & Co. Freie Software – Ideen für eine andere Gesellschaft

Meretz, Stefan 2003, in Widerspruch 45: „Freie Software. Über die Potentiale einer neuen Produktionsweise“

Meretz, Stefan; Merten, Stefan 2005: Freie Software und Freie Gesellschaft, in: Lutterbeck, B., Gehring, R.A., Bärwolff, M., Open Source Jahrbuch 2005. Zwischen Softwareentwicklung und Gesellschaftsmodell. Lehmanns Media. Berlin

MEW 19

Marx, Karl 1867-94: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, 3 Bde, in: MEW 23-25

Nuss, Sabine; Heinrich, Michael 2001: Warum Freie Software dem Kapitalismus nicht viel anhaben kann – aber vielleicht trotzdem etwas mit Kommunismus zu tun hat. http://erste.oekonux-konferenz.de/dokumentation/texte/nuss.html

Nuss, Sabine 2006: Copyright & Copyriot. Aneignungskonflikte im informationellen Kapitalismus

Siefkes, Christian 2009: Ist Commonismus Kommunismus? Commonsbasierte Peer-Produktion und der kommunistische Anspruch. In: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Bd. 39.2009, 2 = 155 (Jun.), S. 249-267. Verl. Westfälisches Dampfboot: Münster.

Stallman, Richard 2007: Warum Open Source das Wesentliche von Freier Software verdeckt, in: Lutterbeck, B., Gehring, R.A., Bärwolff, M., Open Source Jahrbuch 2007. Zwischen freier Software und Gesellschaftsmodell. Lehmanns Media: Berlin.

Kategorien: Freie Software, Theorie

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31. Oktober 2009, 14:03 Uhr   3 Kommentare

1 Juli (04.11.2009, 14:10 Uhr)

Hui, das ist ja mal eine ganz ausführliche und umfangreiche Argumentation. Die Kritik am Peer-Economy-Modell finde ich weitgehend plausibel, soweit ich sie verstanden habe. Wobei der Text ja eher auf einer beschreibenden Ebene verbleibt und sich nicht im engeren Sinne analytisch mit dem Problem auseinandersetzt.
Darüber hinaus finde ich, dass die Argumentantion an einigen durchaus zentralen Stellen hakt, insbesondere was den Wertcharakter der Freien Software angeht. Eine Frage, die gar nicht auftaucht, ist die, ob proprietäre Software im Regelfall überhaupt Wertcharakter zukommt. Schließlich wird hier kein Tausch (ich bekomme den Tauschwert meiner Ware und gebe den Gebrauchswert ab, kann also nicht mehr auf ihn zugreifen) vollzogen: die Verkäuferin kann auch weiterhin (zumindest im klassischen Fall der „Massensoftware“) auf das Produkt zugreifen, den Gebrauchswert ein zweites oder drittes Mal zum Verkauf bringen.
Sie erzielt dabei freilich einen Preis, nur ist der ja (wie im Text auch angemerkt wird) nicht mit dem Wert identisch.  Darüber hinaus finde ich, das in den theoretischen Passagen ein ziemliches Begriffs-wirr-warr vorherrscht. Wert und Tauschwert werden tendenziell synonym gebraucht (im Unterschied zur deutlichen Trennung bei Marx) und im Gegensatz zum Preis gesetzt. Dann wird argumentiert, das weil es Dinge mit Preis gäbe, die keinen Wert haben, müsse es auch Dinge mit Wert geben, die keinen Preis haben. Ergo habe die Freie Software Wert, auch wenn sie keinen Preis habe. Das geht jedoch an dem grundsätzlichen Zusammenhang von Wert und Tausch vorbei (siehe vorheriger Absatz). Nicht jede gesellschaftliche Arbeit ist wertbildend (sonst träfe das ja auch auf Hausarbeit zu, klassische Staatstätigkeit oder Finanzakkrobatik), sondern nur solche, die in einem spezifischen gesellschaftlchen Verhältnis stattfindet. Wenn das nicht vorliegt, dann is auch Essig mit der Wertbildung….

2 Diskussion von »Über den Commonismus« — keimform.de (05.11.2009, 12:21 Uhr)

[…] hat den Artikel »Vom Kapitalismus über den Commonismus zum Kommunismus?« von Daniel Scharon aufgetan, dessen Original ziemlich schwer lesbar ist und das ich deshalb […]

3 benni (23.12.2009, 16:05 Uhr)

Bugfixes:

1. Der Autor verwechselt den Unterschied zwischen „Freier Software“ und „Open Source“ mit dem zwischen „Freier Software“ und „Copyleft“.

2. Doppellizensierung ändert nichts wesentliches am Character als Freier Software. Die Freie Lizenz gilt ja trotzdem uneingeschränkt. Außerdem ist sie alles andere als „die Regel“.

3. Das Kapital agiert immer mit Eigentum, nicht nur mit Besitz. Besitz kommt zwar vor, aber letzten Endes liegt alle Entscheidungsgewalt beim Eigentümer. Das ist genau andersrum als bei den Commons.

4. Die Kompatibilität von Freier Software mit dem Kapitalismus ist kein Bug sondern ein Feature, das macht ja gerade den Keimformcharakter aus. Jedes Argument, dass aus dieser Kompatibilität die Abwesenheit des Keimformcharakters herleitet ist nichtig (und damit wohl auch dieser ganze Artikel).

 

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