Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Peer-Ökonomie – das Ende von Selektion und Normierung?

Wir leben in einer hochgradig selektiven Gesellschaft. In Schule und Universität, bei Wettbewerben in Kunst, Literatur und Musik, bei der Einwanderung, im Sport, bei Zeitschriften und Kongressen, bei Projektförderungen und in sozialen Netzwerken: Allenthalben wird (aus)sortiert, was das Zeug hält.

Oft werden vor das Erreichen attraktiver Ziele mehrere Auswahlstufen gesetzt. Förderung für ein Forschungsprojekt, Promotionsstipendium oder attraktiver Job: Die Auswahlquote kann 1:100 oder weniger betragen. Sogar viele Hobbys und Spiele (von Tanzen bis Schach) verwandeln sich, sobald man sich in einen Verein begibt, in permanente Auswahlprozesse, bei denen man um den Platz in einer Liga o.ä. kämpft. Selbst die Liebe gehorcht der Auswahllogik: In einem schmerzhaften Suchmarathon checkt das Individuum Liebesobjekte ab, immer mit dem Ziel des/r Traumpartners/in im Kopf, die Kriterien der Soap operas dürfen nicht unterboten werden, und sowieso darf es immer nur ein Partner sein, Entweder-oder statt Sowohl-als-auch.

Ohne Selektion geht offenbar gar nichts mehr.

Allerdings sieht man heute deutlicher als vor 20 Jahren, dass Selektion (worunter ich den Ein- bzw. Ausschluss von Menschen nach bestimmten Kriterien verstehe) mit dem Kapitalismus zusammenhängt. Früher war es schwierig, das (vor allem aus der liberalen und konservativen Ecke kommende) Grundargument für Selektion, sie sei nun einmal notwendig um einen bestimmten Qualitätsstandard im entsprechenden Bereich zu halten, zu widerlegen. Die Allgegenwart der Selektion und die auftretenden Probleme, wenn man sie wegließ ohne sonst viel zu ändern, schienen für sie zu sprechen.

Zwar wurde das Argument, dass andere Kriterien (etwa soziale Herkunft) eine Rolle spielen, von der Linken bis zur Ermüdung wiederholt. Es half aber nicht wirklich weiter, da (a) die Frage, ob die soziale Lage die ‚schlechtere Leistung‘ verursache oder umgekehrt, immer umstritten blieb, (b) die ‚schlechtere Leistung‘ selbst, deren Behauptung nicht grundlegend in Frage gestellt wurde, unabhängig von ihrem Grund die Selektion berechtigt erscheinen ließ.

Die unterschiedliche Logik von Kapitalismus und Peer-Ökonomie

Heute, mit der rasch wachsenden Peer-Ökonomie, sieht das anders aus. Wo Peer-Ökonomie bereits existiert, hat sie in verblüffendem Maß mit der Selektion Schluss gemacht. In der Wikipedia kann jedeR mitmachen, ob als langjährige Expertin für das entsprechende Fachgebiet durch den Beitrag von Fachwissen, durch Recherche von Links und Literatur im Netz, durch Ergänzungen und Überprüfungen von Fakten, durch Fehlerkorrektur … Auch für andere Bereiche der Peer-Produktion gilt: Niemand wird a priori ausgeschlossen.

Das neoliberale Argument, bei fehlender Selektion müssten die ‚Leistungsschwachen‘ ‚mitgezogen‘ werden und das Qualitäts- oder Effektivitätslevel verringere sich, hat sich als falsch herausgestellt. Im Gegenteil! Wo Kapitalismus und Peer-Ökonomie derzeit gegeneinander antreten, etwa in der Konkurrenz freie vs. proprietäre Software, zeigt sich eindrucksvoll, dass der Ausschluss so vieler Menschen mit ihren Beiträgen und Ideen keine gute Idee ist: Obwohl sich die PÖ in einer ihr fremden Logik von Geld und Konkurrenz behaupten muss, wird der Kapitalismus oft mühelos geschlagen. Es zeigt sich, dass Selektion – selbst abgesehen von den traurigen Folgen für die Ausgeschlossenen – ein schwerwiegendes Problem dieses Wirtschaftssystems ist.

Innerhalb des Kapitalismus nämlich sind Normierung und Selektion offenbar nicht zu vermeiden. In den meisten Unternehmen lässt die Konkurrenz wenig Spielraum, Arbeiten werden zugewiesen und müssen rasch ausgeführt werden, genaue Umsetzung von Vorgaben ist gefragt. All das macht die Auswahl geeigneter Arbeiter nötig, viele können oder wollen in dieser entfremdeten Produktionsweise nicht wie verlangt funktionieren. Zugleich ergibt sich aus dem permanenten Druck, Arbeitskraft einzusparen, fast automatisch der Ausschluss der den Kriterien nicht Entsprechenden.

Aber auch außerhalb der Betriebe macht im Kapitalismus das Prinzip der künstlichen Knappheit (der Tauschwert aller Waren, einschließlich Arbeitskraft, kann ohne Knappheit nicht aufrechterhalten werden, wodurch sie immer wieder neu erzeugt wird) Selektion notwendig: Es gibt eigentlich immer zu wenig von allem, zu wenig Gelder für lohnende Projekte, zu wenig Jobs für arbeitswillige Menschen, zu wenig Produkte für die Befriedigung aller Bedürfnisse … Wenn nun, wie in der Wirtschaftswissenschaft und dem Weltbild der bürgerlichen Medien, „Kapitalismus“ = „Wirtschaften“ gesetzt wird, scheint Selektion unvermeidlich.

In der Peer-Ökonomie gibt es keine Notwendigkeit für Selektion und Ausschluss, ja diese sind sogar nachteilig für alle. Zwar müssen Beiträge etwas taugen; ist dies der Fall, verringert aber jeder Beitrag die nötigen Beiträge der anderen und/oder den Gebrauchswert des Produkts. Die Peer-Ökonomie hat also eine völlig andere grundsätzliche ‚Logik‘ als der Kapitalismus, und es ist zu erwarten, dass Selektion auch in eher produktionsfernen Bereichen (etwa Kunst, Sport und Freizeit, gesellschaftliche Interaktion, Liebesverhältnisse) an Bedeutung verlieren wird.

Normierung verschwindet

Ebenso erscheint es plausibel, dass Normierung nicht mehr wie bislang als Selbstverständlichkeit angesehen wird, bei der nur die Grenzen des Erlaubten zur Diskussion stehen (welches Verhalten weicht zu stark von der Norm ab und muss sanktioniert weichen?). Normen werden insgesamt einer weit stärkeren Legitimation bedürfen als bisher. Im Kapitalismus wurden unter anderem Tageseinteilung (Arbeit vs. Freizeit), Lebensweise (Einteilung in Kindheit, Ausbildung, Arbeit, Ruhestand) und Sexualität (Heterosexualität zwischen Erwachsenen; Zweierbeziehung; effektive Familienplanung; geringer Zeitaufwand; Schwerpunkt auf der gegenseitigen emotionalen Stabilisierung zur größtmöglichen Arbeitsfähigkeit; Erziehung der Kinder zu Arbeit und Konsum) normiert.

In der Peer-Ökonomie wird diese allgemeine Normierung keinen Bestand haben; vermutlich werden nur elementare, gut begründbare Normen akzeptiert werden. Verschiedene Lebensweisen werden als etwas Positives gelten, nur die grundsätzliche Erwartung, dass der/die einzelne etwas an die Gesellschaft zurück gibt, wird weiterhin gelten. Für die Sexualität werden andere Normen als die der Konsensualität aller Beteiligten wegfallen, Sanktionierungen wegen Alter, Anzahl der Partner oder Abweichung von der Heterosexualität dürften kaum als akzeptabel erscheinen.

Der Wegfall vieler Normen ergibt sich schon daraus, dass Variation in der Peer-Ökonomie grundsätzlich etwas Positives ist, während sie im Kapitalismus immer unter Verdacht steht, den reibungslosen Ablauf der Wertverwertung zu stören, für den viele gesellschaftliche Voraussetzungen, vor allem aber der Zuschnitt des ganzen Lebens auf effektives Arbeiten und Konsum, nötig sind.

Neue Hürden?

Allerdings gibt es auch in der Peer-Ökonomie Hürden für die Beteiligung. Wo sie bisher aufgetreten ist, zeigt sie deutliche meritokratische Elemente, es herrscht eine gewisse Bewunderung für gute Beiträge, umgekehrt kann jemand wegen Beiträgen, die den anderen nicht gefallen, heftig kritisiert werden. Ein gewisses Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich einzubringen, sind daher zentral: Man muss sich etwas zutrauen, um interessante Aufgaben zu übernehmen, seine Möglichkeiten zu erproben und zu erweitern.

Frühere Privilegierungen (und dadurch bewirkte Unterschiede in Wissen und Fähigkeiten) können dadurch reproduziert werden – so verschaffen eine bessere Bildung, eine Selbstvertrauen gebende glückliche Kindheit und die nötige Ruhe zum Lernen auch in der Peer-Ökonomie Vorteile. Insbesondere in der Übergangszeit, solange die vom Kapitalismus geschaffenen extremen sozialen Unterschiede noch existieren, könnte dies zum Ausschluss mancher Menschen führen (so kann man heute nur an der Wikipedia mitmachen, wenn man einen Computer, einen Internetanschluss und Lese- und Schreibfähigkeiten hat, was für einen Großteil der Menschheit nicht zutrifft). Außerdem muss man in der Lage sein, seine Fähigkeiten realistisch einzuschätzen. Wer ohne das nötige Wissen einen Wikipedia-Artikel schreiben oder bei einem FOSS-Projekt mitmachen will, wird zurückgewiesen.

Allerdings ist der Logik der Peer-Ökonomie zufolge zu erwarten, dass sich die extremen sozialen Unterschiede bald stark verringern – dies ergibt sich schon daraus, dass der Ausschluss so vieler, die Beiträge liefern könnten, für alle einen großen Nachteil bringt. Etwas Zeit wird die Peer-Ökonomie dafür allerdings brauchen.

Obwohl Peer-Ökonomie also nicht alle Unterschiede aufhebt, wird sie vermutlich die Selektion von außen nach bestimmten Normen rasch beenden. Dies führt schon jetzt zu einer neuen Demokratisierung und stärkeren Vielfalt. So tummeln sich im Internet äußerst unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Ansätzen, und obwohl daraus polemische Auseinandersetzungen resultieren, glauben die wenigsten, dass es sinnvoll sei, einem großen Teil der Menschen den Zugang zu verweigern. Dies gilt interessanterweise auch für Seiten wie youtube, die nicht explizit PÖ sind, aber doch durch Teilen, Offenheit und gemeinsame Kreativität funktionieren.

Die Folgen der Selektion

Heute wird die Gesellschaft, wie anfangs beschrieben, stark durch Selektion geprägt. Das bleibt nicht ohne Folgen:

– Es entsteht eine permanente Konkurrenzlogik, die die Gesellschaft prägt: Statt um das eigentliche Ergebnis geht es darum, nach bestimmten Kriterien gegen andere zu gewinnen.

– Ausselektiert zu werden, erzeugt Frust, Aggression, Demütigung und Leid. Vermutlich nicht zuletzt aus der Selektion resultiert das immense Gewalt- und Hasspotential, das kapitalistische Gesellschaften prägt.

Normierung: In allen Bereichen, in denen eine starke Selektion eingeführt wird, verschwindet das Unkonventionelle, Originelle, Einzigartige: Es gibt nur noch ein bestimmtes Spektrum von Varianten (sei es von Meinungen, von Persönlichkeiten oder von ästhetischem Ausdruck). Variation wird benötigt, aber ihre Bandbreite verkleinert sich. Beobachten kann man das heute etwa in der Literatur, wo die experimentellen Ansätze der 60er-Jahre (einer Zeit in der die kapitalistische Logik in allen Bereichen in Frage gestellt wurde) weitgehend verschwunden und durch eine publikumsorientierte Erzählliteratur ersetzt wurden. Ähnliches gilt für Film oder Musik, wo Experimente, wenn sie denn überhaupt noch gemacht werden, selten über das früher bereits Erreichte hinausgehen. Die ständige Gefahr des Ausgeschlossenwerdens führt dazu, dass niemand mehr am Rand stehen, ‚exzentrisch sein‘ will, entsprechendes Gedrängel herrscht in der Mitte. Dasselbe gilt in der Politik.

– Daraus ergibt sich auch ein struktureller Konservatismus in Kunst, Wissenschaft und Politik, denn Innovationen kommen oft von denen, die zur jeweiligen Zeit als Radikale gelten, als Exzentriker belächelt werden oder abseits des Mainstreams auf Anerkennung verzichten. Dies gilt unabhängig vom Tätigkeitsbereich. Einstein; Wittgenstein; M.C. Escher; James Joyce; die impressionistischen Maler: Sie alle hatten mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen, anerkannt zu werden, als ihre näher am Zeitgeschmack liegenden Kollegen (z.B. erhielt Einstein im Gegensatz zu manchem Kommilitonen am Zürcher Polytechnikum keine Assistentenstelle). Später wurden ihre Beiträge zu Wissenschaft, Philosophie und Kunst als einzigartig erkannt. Gerade weil sie mit dem Mainstream ihres Feldes brachen, wurden sie für spätere Generationen zentrale Bezugspunkte. Allerdings war zu ihrer Zeit die Auswahl an Schule und Unis, die Relevanz von Wettbewerben für den künstlerischen Durchbruch, kurz: die Selektion noch geringer. Ob sie im heutigen Klima überhaupt noch zur Entwicklung ihrer eigenständigen Positionen gelangen könnten, ist zweifelhaft. Querdenker (deren widerspenstige Herangehensweise später gerne als ‚genial‘ mystifiziert wird, um nur ja nichts am System ändern zu müssen) haben bei starker Selektion schlechte Karten, weil sie nicht den Krtierien entsprechen, nach denen selektiert wird.

Moral und ängstliches Achten auf „Korrektheit“ setzen sich durch, da bei all den Auswahlstufen auch (häufig implizit) solche Auswahlprinzipien eine Rolle spielen. Kaum jemand kann sich mehr eigenwilige Positionen leisten, vorauseilender Gehorsam regiert. Die Gesellschaft wird von gleichermaßen strikten wie unbegründeten moralischen Meinungen bestimmt; ein langweiliges, mediokres, standardisiertes Weltbild bestimmt Denken und Wahrnehmung.

Angst wird zum kaum mehr bemerkten Grundgefühl einer Gesellschaft, in der ständig der Ausschluss droht und die daher permanente Anpassungsarbeit verlangt. In einer hochselektiven Gesellschaft wie unserer begegnet man täglich dem Prozess des Ausschlusses und die Angst vor dem Ausschluss bestimmt bewusst oder unbewusst viele Entscheidungen. Daraus resultieren zunehmende psychische Probleme sowie eine wachsende Aggression, die sich schließlich ihr Ziel in Sündenböcken sucht.

Offene Fragen

Kann Peer-Ökonomie mit Selektion endgültig Schluss machen, oder wird sie doch noch in manchen Bereichen existieren? Selbst wenn sie in der bekannten Form von Aufnahmeprüfungen, Jurys, Wettbewerben, Notenkonkurrenz usw. verschwindet – wovon nach den bisherigen PÖ-Praktiken auszugehen ist –, wird die klassische Selektion nur durch neue, vielleicht subtilere Ausschlusskriterien ersetzt? Wie wird sich unsere Gesellschaft, für die Selektion so grundlegend ist, durch deren Verschwinden verändern? Ich weiß es nicht, aber ich finde die Entwicklung sehr spannend und hoffnungsvoll.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Lernen, Theorie

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8. August 2009, 08:00 Uhr   18 Kommentare

1 benni (08.08.2009, 09:45 Uhr)

Die von Dir beschriebenen Mechanismen von Ausschluss und Normierung sind deutlich älter als der Kapitalismus und wurzeln im Patriarchat.

2 Christian Siefkes (08.08.2009, 11:25 Uhr)

@benni: bei dir klingt das so, als ob »das Patriarchat« quasi losgelöst vom Kapitalismus existiert. Aber tatsächlich ist der Kapitalismus eine patriarchale Gesellschaft (notwendigerweise – ein nicht-patriarchaler Kapitalismus wäre ein Widerspruch in sich), die auf eine bestimmte Weise funktioniert und dadurch bestimmte »Spielregeln« hervorbringt; andere patriarchale Gesellschaften basieren auf anderen Spielregeln, auch wenn es dort ebenfalls Ausschlüsse und Normierungen gibt.

In vorkapitalistischen Gesellschaften war der Ausschluss weitgehend unabhängig von den Individuen und ihren Leistungen. Die einen (z.B. die Adligen oder die Männer mit Vermögen, die römischen »patres familias«) gehörten eben zur Elite, die anderen nicht. Auf- oder Abstieg war im Allgemeinen unmöglich, den Konkurrenzdruck, sich um ersteren zu bemühen und letzteren vermeiden zu müssen, gab es nicht.

Dagegen beschreibt Martin die Selektion im Kapitalismus, die alle Menschen in Konkurrenzverhältnisse zwingt und dadurch ganz bestimmte Effekte hervorbringt – das permanente Sich-durchsetzen-müssen, das Schielen darauf »was sich verkaufen« lässt, der Frust wenn es nicht funktioniert (wofür dann die »Schuld« entweder bei einem selbst oder bei anderen gesucht wird, mit oft fatalen Folgen). Das alles sind Besonderheiten des Kapitalismus, die es in anderen patriarchalen Gesellschaften so nicht gibt.

Was natürlich nicht heißt, dass nur der Kapitalismus das Problem ist – wenn eine andere patriarchale Gesellschaft an seine Stelle gesetzt würde, wäre das keinen Deut besser. Dagegen ist die Peer-Produktion von ihrer inneren Logik her IMHO inkompatibel mit dem Patriarchat – eine »patriarchale Peer-Ökonomie« wäre langfristig genauso wenig vorstellbar wie ein »nicht-patriarchaler Kapitalismus« – entweder das eine oder das andere muss dabei zwangsläufig untergehen.

Allerdings gibt es da keinen Automatismus, so beschreibt ja Silke Meyer den in heutigen Peer-Projekten häufig bestehenden Widerspruch zwischen einem auf Offenheit und Partizipation bestehenden Selbstverständnis und ausgrenzenden, patriarchalischen oder sexistischen Verhaltensweisen. In heutigen Projekten gibt’s leider nicht nur subtilere, sondern auch eher unsubtile Ausschluss- und Ausgrenzungsmechanismen, auch wenn das der Inklusions- und Beiträge-ermutigenden Logik der Peer-Produktion fundamental widerspricht.

Wenn sie gesamtgesellschaftlich bedeutend werden will, wird die Peer-Produktion diesen Widerspruch überwinden müssen, andernfalls ist sie in Gefahr, zum männlichen, weißen, wohlhabenden Hobbybereich zu verkommen.

3 Klartext (08.08.2009, 15:51 Uhr)

Find ich echt passend. Hobby für Wohlhabende! Euer Linux macht niemand satt. Das kann man nicht essen. Da kann man nicht von leben. Viel wichtiger ist der Widerstand gegen Sozialabbau! Aber von Widerstand wollen die reichen Linuxjüngelchen nix wissen. Da könnte man sich ja die Hände schmutzig machen!

4 dirk (08.08.2009, 17:34 Uhr)

Bezug auf:Peer-Ökonomie „Beitrag statt tauschen“ (Version 1.01, PDF )von Christian Siefkes / Frage: Gibt es Möglichkeiten das Buch als Wirtschaftssimulation zu „spielen“, um einen Eindruck zu erhalten?

5 benni (09.08.2009, 20:54 Uhr)

@dirk: bisher nicht. Aber das wäre vielleicht mal eine nette Idee das in Form eines Planspiels zu machen.

@Klartext: bloßer Widerstand schafft aber auch den Kapitalismus nicht ab und so lange das nicht der Fall ist, wird es immer Menschen geben, die nicht satt werden. Deswegen braucht es beides: Widerstand und Alternativen.

6 dirk (09.08.2009, 23:52 Uhr)

@benni: ich bin „Lohnsklave“ und habe maximal am Tag  zehn bis zwanzig Minuten Zeit um Informationen aus z.B einer polit. Wochenzeitung und dem Deutschlandradio zu erhalten. ich habe JETZT Zeit Informationen im Netz zu suchen, da ich krankgeschrieben bin und im Kopf gerade ein wenig frei bin. Ich kann eine Idee einbringen, sie umzusetzen ist etwas anderes. Es gibt sicher bereits Ansätze von Planspielen. Menschen im Netz zu finden ist eine Herausforderung, um so ein Projekt vorzubereiten. Ich sollte mich mit Spielentwicklern verständigen, um die richtigen Fragen zu stellen, um dann einen Spielplan aufzuschreiben. Und die erste Frage wäre : Wer hat schon mal damit angefangen, welche Erfahrungen gibt es bereits oder Projekte zum Thema?

7 Martin (11.08.2009, 18:34 Uhr)

@benni #1 und Christian #2: Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht daran gedacht, dass pauschale Diskriminierungen von Gruppen auch unter meine Definition fallen könnte. Daher probiere ich mal eine neue Definition: Selektion ist der Ein- bzw. Ausschluss von Menschen aufgrund einer individuellen Überprüfung nach bestimmten Kriterien, die für sich beanspruchen, Leistung und Fähigkeiten zu messen.

Trotzdem gibt es natürlich Verwandtschaften zum pauschalen Ausschluss von Gruppen (z.B. wegen Geschlecht, Religion, Hautfarbe). Dieser gesteht allerdings offen seine Diskriminierung ein und wirkt damit unbegründbar und rückständig. (Deshalb vermute ich, dass die „neue Barbarei“ etwa der Islamisten sich nicht durchsetzen kann. Sie ist einfach zu altmodisch und ineffektiv.)

Selektion dagegen gesteht ihre Diskriminierung nicht ein. Sie rechtfertigt sich mit Notwendigkeit, mit der Knappheit von Gütern, mit Effektivität, mit „es können nun einmal nicht alle …“. Sie gibt sich das Image des Verständigen, die Realitäten der Welt Anerkennenden, verspottet ihre Gegner als Träumer, deren Konzepte (z.B. eine Schule ohne Noten) gut gemeint seien, aber nicht funktionierten. So gelten Schulen, Unis und Institutionen mit harten Aufnahmeprüfungen heute automatisch als besser. Wer selektiert, sieht sich selbst als „hart, aber gerecht“, seine Tätigkeit als „schmerzhaft, aber notwendig“.

Vermutlich deshalb ist ein konsequenter Antifaschismus den Liberalen genauso wenig möglich wie der bürgerlichen Rechten. Liberale können zwar pauschalen Ausschluss und offene Diskriminierung kritisieren. Weil sie aber selbst den permanenten Ausschluss und die versteckte Diskriminierung legitimieren, können sie nur kritisieren, dass die Rechten die Ausschlusslogik nicht „leistungsbezogen“, sondern nach Kriterien wie Nationalität, Hautfarbe, ‚Rasse‘, Religion usw. anwenden. Das beeindruckt die Rechten aber wenig, weil sie die liberalen Ausschlusskriterien richtigerweise auch nicht überzeugend finden (warum sollte jemand wegen Geburtsstatus, mangelnder familiärer Unterstützung usw. vom Studium ausgeschlossen bleiben, wie es bei allgemeinen Studiengebühren der Fall ist?). Sie setzen trotzig ihre eigene, primitive Ausschlusslogik der subtileren der Liberalen entgegen.

Dagegen ist der Liberalismus machtlos. Wie soll er wirkungsvoll gegen den Ausschluss von Ausländern sein, wenn Migranten sowieso von der kapitalistischen Logik benachteiligt werden? Wie gegen den von Frauen, wenn Frauen im Kapitalismus (was sich der heutige Feminismus leider oft nicht eingesteht) einfach nicht gleichberechtigt werden können, weil sie seiner männlichen Kampflogik nicht entsprechen wollen? Wie konsequent Bürgerrechte vertreten, wenn er sehr wohl weiß, dass sich ohne Überwachung und Disziplinierung auch das Eigentumsregime nicht halten ließe? Wie für echte Demokratie sein, wenn die kap. Notwendigkeiten doch immer durchgesetzt werden müssen?

Deshalb bleibt das liberale und prokapitalistische „Gegen rechts“ widersprüchlich. Es kann zwar gegen pauschalen Ausschluss sein, setzt aber Selektion als vermeintlich legitime Form des Ausschlusses dagegen. (Zudem gibt es natürlich auch bei den Rechten Selektion, z.B. in Form der Euthanasie; dort ist die Ausschlusslogik des Faschismus der des Kapitalismus sogar noch näher.)

8 dirk (11.08.2009, 23:44 Uhr)

Entschuldigung, ich gehöre zum „abgehängten Prekariat“(Quelle :Wikipedia/ Begriff: Prekariat) und mir bleibt nicht mehr viel Zeit, denn ich hatte als sog. „1euro Jobber“ im Altenheim gearbeitet und WEISS das ich NICHT so sterben möchte.  Ich versuche Diskussionen nachzuvollziehen. Danke, das mir auf dieser Seite Mut gemacht worden ist weiter am denken Spaß zu haben!

9 Martin (12.08.2009, 00:06 Uhr)

@Dirk: Ich glaube, eine Wirtschaftssimulation der Peer-Ökonomie ist derzeit noch nicht machbar. Normale Wirtschaftssimulationen reduzieren das Geschehen auf bestimmte Faktoren, deren Auswirkungen aufeinander als Funktionen dargestellt werden (wie hier zu sehen). Das kann man aber nur dann realitätsnah für ein System machen, wenn man die relevanten Faktoren und Wechselwirkungen des Systems kennt, was bei einem so komplexen System wie einer Wirtschaftsform ohne viel empirische Daten schwer möglich sein dürfte. (Kenne mich da aber auch nicht aus – meine Erfahrung beschränkt sich auf SimCity, laut Wikipedia eines der erfolgreichsten Beispiele für Wirtschaftssimulation, was mich doch etwas überrascht hat. 🙂 SimCity ist jedenfalls zu simpel, um die tatsächlichen Abläufe in Städten erfassen zu können, es gibt eher die Vorstellungen schematisch denkender Planer wieder … Könnte mir aber vorstellen, dass das auch für professionelle Wirtschaftssimulationen häufig gilt.)

10 benni (12.08.2009, 00:31 Uhr)

@Martin: Ein Planspiel würde ja nicht als Simulation ablaufen, sondern von Leuten gespielt. Jeder könnte zB die Rolle eines Peerprojektes einnehmen und man könnte dann versuchen gemeinsam Regeln zu erarbeiten, wie man zusammenarbeitet oder so.

11 dirk (12.08.2009, 10:20 Uhr)

@ Martin: Ja, so in die Richtung könnte die Peer-Ökonomie als Wirtschaftssimulation abgebildet werden. Ich rufe den „Chef“ vom Entwickler-Team mal an, ob er die Peer-Ökonomie als Option in SimCity einbaut und viele Menschen die Möglichkeit erhalten eine positive Utopie weiter zu spinnen. Schöner Traum. Das mit dem Anrufen. 🙂

@ benni : In der Bundeszentrale für politische Bildung gibt es Angebote. Oder im Netz habe ich den Arbeitskreis „Simulation und Planspiele“ gefunden. Auf YouTube gibt es auch einen Ansatz von Schülerinnen -und Schülern zu sehen : Forum Jugend und Politik Planspiel „Kommunalpolitik“. Jugendliche hätten die Power neue politische Ansätze spielend auszuprobieren und mal aus ihrer Sicht die Peer-Ökonomie darzustellen, glaube ich. Mit 41 Jahren bin ich raus. Erinnerung :ALS ich 17 Jahre alt war, fragte ich mich, wer die alten Menschen sind, welche mich regieren und sich in der Tagesschau sich als Politiker präsentieren….. Morgen wieder arbeiten, schade.

12 Christian Siefkes (12.08.2009, 11:49 Uhr)

@benni: in der von mir beschriebenen Form erfordert die Peer-Ökonomie aber sehr viele Beteiligte, eine abgekoppelte „Mini-Ökonomie“ innerhalb kleiner Gruppen halte ich auch für gar nicht möglich bzw. zumindest nicht erstrebenswert. Ein Planspiel müsste also sehr viele Mitspieler haben, damit sich ein realistisches Bild ergibt — und die Mitspieler müssten in einiger Hinsicht auch fast so viel Engagement aufbringen wie die Beteiligten in einer „echten“ Peer-Ökonomie, denn z.B. die Aufteilung eines Projektziels in konkrete Aufgaben ergibt sich ja nicht von allein. Der Reiz der realen Peer-Produktion besteht aber u.a. gerade, dass am Ende was tatsächlich Nutzbares, Nützliches rauskommt, und das wäre bei einem Planspiel nicht der Fall.

Wenn’s nun jemand gibt, der sowas unbedingt programmieren will, soll er/sie sich dadurch nicht abschrecken lassen — ich persönlich finde aber andere Aktivitäten für sinnvoller und bezweifle aus den genannten Gründen, dass am Ende eine realistische Simulation rauskommen würde. Überhaupt: wie hätte man etwa die Wikipedia und die dort entstehende Dynamik vorher in einem Planspiel abbilden können?

13 benni (12.08.2009, 13:46 Uhr)

@Christian: Ich dachte nicht an programmieren und auch nicht an simmulieren. Planspiele werden meistens im Rahmen eines Workshops abgehalten mit realen Menschen.

Ansonsten: Auch Kriege erfordern viele engagierte Teilnehmer, trotzdem gibt es gute Kriegsspiele in denen man durchaus was über Krieg lernen kann.

14 Projects in crisis — for example »Factor E Farm« — keimform.de (13.08.2009, 21:13 Uhr)

[…] into the project — instead of out-competing an enormous part of the people as Martin has well shown (german). But the »end of selection and normalization« does not only occur, because we wish it so much, […]

15 Projektkrisen — am Beispiel von »Factor E Farm« — keimform.de (13.08.2009, 21:14 Uhr)

[…] anstatt per Exklusionskonkurrenz einen beträchtlichen Teil hinauszuselektieren, wie Martin zutreffend herausgearbeitet hat. Doch das »Ende von Selektion und Normierung« kommt nicht einfach nur deswegen, weil wir es […]

16 Kulturflatrate – oder, die Norm muss legal sein — keimform.de (16.08.2009, 10:49 Uhr)

[…] Ich möchte sie hier auch nicht insgesamt beurteilen, aber einmal auf eine wenig beachtete Seite der Kulturflatrate und des sie umgebenden Diskurses aufmerksam machen. – Dieser Beitrag ergänzt auch meine Überlegungen zu Selektion und Normierung im Kapitalismus. […]

17 Krise und Kommunikation — keimform.de (27.08.2009, 18:50 Uhr)

[…] dass jemand anders weniger ratlos sein könnte als sie. Zu sehr wurde diesen Leuten, die in zahlreichen Auswahlstufen (Schule, Hochschuleaufnahme, Unternehmenskonkurrenz usw.) obenauf gebli…, ihre eigene Überlegenheit gegenüber dem mediokren Normalmenschen […]

18 Basarökonomie oder Überproduktion – wo kommt die Krise her? — keimform.de (18.11.2009, 17:27 Uhr)

[…] Köpfen der Wirtschaftsprofessoren (die natürlich jahrzehntelang nach ihrer Systemtreue selektiert wurden, so dass keine kritischen Köpfe mehr darunter sind) nicht angekommen zu sein. Dass […]

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