Krise und Kommunikation

Kann die Wirtschaftskrise der Linken helfen, ihre Analysen und Konzepte zu vermitteln? Dazu habe ich mir einige Gedanken gemacht und in Form von fünf Thesen gefasst, die in Unterpunkten erläutert werden. Hier geht es nicht darum, wie man mit der Krise umgeht (vgl. auch hier) oder sie analysiert (vgl. auch hier), sondern was sich durch die Krise für die ändert, die über Alternativen zum Kapitalismus nachdenken und reden. Die Thesen sind provisorisch und als Denkanstöße gemeint. Über Korrekturen, Ergänzungen, Widerspruch freue ich mich!

  1. Das Ende des Kapitalismus kann leichter gedacht werden.

    • Die Erkenntnis, dass der Kapitalismus enden könnte, ist bisher nur bei einer winzigen Minderheit der Bevölkerung angekommen.

    • Dies ist gefährlich. Wenn der Kapitalismus schließlich am Ende ist, könnten Panik- und Angstreaktionen (von gewalttätiger Abwehr des Neuen bis hin zu selbstzerstörerischen Endzeitgefühlen) entstehen. Das ist historisch immer wieder zu beobachten, wenn eine Ideologie von solcher Stärke, dass sie 99,9 % der Bevölkerung zur fraglosen Akzeptanz ihrer Grundthesen bewegte, plötzlich zusammenbricht.

    • Die Krise bietet eine Gelegenheit, die Menschen auf das Ende des Kapitalismus vorbereiten. In Prosperitätsphasen ist die prokapitalistische Propaganda dafür zu stark, allein schon der Gedanke erscheint den Menschen absurd. Die Krise bietet die Möglichkeit, diese Propaganda temporär zu durchbrechen.

    • Gleichzeitig ist jede Form des Triumphalismus natürlich ganz unangebracht, angesichts des durch die Krise verursachten persönlichen Leids.

    • Er könnte auch strategisch gesehen leicht nach hinten losgehen, da beim Ende der Krise eh der mediale Backlash kommen wird. Dann wird es heißen „na bitte, er funktioniert doch“, und die Krise wird auf spezielle Ursachen (Fehlregulierung etc.) geschoben werden, die man jetzt beseitigt habe.

    • Allerdings sollte man auch nicht zu pessimistisch sein, denn:

  2. Die Krise verändert die Wahrnehmung vieler Menschen (allerdings wohl nur für den Zeitraum ihrer Dauer).

    • Die Krise hat Veränderungen vor allem im Gefühlsbereich ausgelöst, früher sture Anhänger des Kapitalismus sind verunsichert. Dies führt jedoch ohne das Wissen der Linken nicht zu einer Erkenntnis, es bleibt bei dem Zweifel auf der Gefühlsebene. Mit fundierten Analysen, die die Schwachpunkte des Kapitalismus sachlich und präzise aufzeigen, kann man nun wieder mehr erreichen. Undifferenzierte Tiraden kommen dagegen meinem Eindruck nach nicht besser an als vor der Krise – zu Recht!

    • Gerade viele Unternehmer, Wohlhabende usw., also Menschen die bisher wenig Anlass hatten am System zu zweifeln, haben viel Geld verloren.

    • Ein für die Linke nützlicher Umstand: Je mehr jemand der neoliberalen Propaganda vertraut hat, desto größer dürften Schock und Enttäuschung gewesen sein. Wer beispielsweise für seine Altersvorsorge, wie es in den 1990ern massiv propagiert wurde, auf Aktien statt auf konventionelle Versicherungen setzte, hat schmerzhafte Einbußen hinnehmen müssen.

    • Abgesehen von den harten Ideologen, die man sowieso nicht erreichen kann, dürften selbst viele Menschen, denen linke Kritik bisher ganz fern stand, jetzt nachdenklich geworden sein.

    • In diesem Klima ist es wieder möglich, zu den Menschen vorzudringen. Anschauliche Argumente können helfen. Zum Beispiel hilft es, sich vorzustellen, wie für Menschen zu Zeiten der vorherrschenden Monarchie (etwa Mitte des 18. Jahrhunderts) die Vorstellung geklungen hätte, diese könnte verschwinden. Tatsächlich spielt die Regierungsform Monarchie heute keine große Rolle mehr, während ihre Ursprünge sich (etwa in Ägypten) in der Vorzeit verlieren. Das Wirtschaftssystem Kapitalismus dagegen ist kaum 250 Jahre alt!

  3. Wenn man darüber nachdenkt, wird die stillschweigend überall vorausgesetzte Unendlichkeit des Kapitalismus absurd. Daher muss man die Menschen nur dazu bringen, nachzudenken.

    • Die Ideologie kann man am besten enttarnen, indem man ihre Vertreter dazu zwingt, ihre impliziten Voraussetzungen laut auszusprechen.

    • Dass sein Ende so undenkbar erscheint, liegt (a) an seiner Allgegenwart, (b) daran, dass seine Unendlichkeit implizit überall (in Medien; in der Schule; in politischen Entscheidungen) vorausgesetzt wird, während sie, explizit ausgesprochen und durchdacht, ihre Plausibilität verliert.

    • Darauf hinweisen, dass die Linke seit 150 Jahren eine Theorie besitzt, die regelmäßige Krisen, Arbeitslosigkeit und viele weitere Grundphänomene des Kapitalismus schlüssig erklären kann, kann man dagegen immer wieder. Hier ist Bescheidenheit (Zurückhaltung aus dem Gefühl heraus, man habe ja recht behalten und die anderen, etwa die Wirtschaftswissenschaftler, hätten das doch sicher auch gemerkt) unangebracht. Sie wird als Ratlosigkeit gedeutet. Das gilt insbesondere für jene selbsterklärte „Elite“ vom Wirtschaftsprofessor über den Mainstreampolitiker bis zum Unternehmer, deren Erklärung und Umgang mit der Welt gerade so kläglich versagt. Sie können sich meiner Erfahrung nach beim allerbesten Willen nicht vorstellen, dass jemand anders weniger ratlos sein könnte als sie. Zu sehr wurde diesen Leuten, die in zahlreichen Auswahlstufen (Schule, Hochschuleaufnahme, Unternehmenskonkurrenz usw.) obenauf geblieben sind, ihre eigene Überlegenheit gegenüber dem mediokren Normalmenschen eingebläut.

    • Fühlt euch nicht im Stillen bestätigt, sondern seid laut! (siehe aber 5.)

    • Politiker, Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer usw. muss man dazu provozieren, ihre implizite Grundthese – der Kapitalismus wird nie enden –, ohne die z.B. Privatisierung nicht akzeptabel wäre, weil privatisierte Güter aus dem Pool des direkt anders Organisierbaren (Commons, Staatseigentum, usw.) herausgenommen werden, explizit auszusprechen.

    • Dies geht durch direktes Ansprechen, z.B.: „Sie verhalten sich so, als würde der Kapitalismus ewig dauern. Die jetzige Krise zeigt einmal mehr, dass der Kapitalismus instabil ist und in regelmäßigen Abständen Not und Elend erzeugt. Haben Sie die Möglichkeit, dass er enden wird und dass die dann nötigen Veränderungen durchgeführt werden können, in Betracht gezogen?“

    • Auf Nachfrage könnte man erklären, warum man jetzt schon bei politischen Entscheidungen an diese (für manche noch utopisch klingende) Möglichkeit denken muss, z.B.: „Privatisierungsmaßnahmen sind gefährlich, wenn man davon ausgeht, dass der Kapitalismus irgendwann nicht mehr funktioniert und geändert werden muss. Denn dann muss man all das Privatisierte wieder wegnehmen, und das kann zu starken gesellschaftlichen Konflikten, schlimmstenfalls zu Gewalt führen. Leichter ginge es, wenn sich das dann für ein neues Wirtschaftssystem nötige bereits in Staatseigentum befindet. In diesem Fall könnte der Übergang sogar demokratisch beschlossen werden, denn in unserer Verfassung ist kein Wirtschaftssystem festgelegt.“

  4. Die Krise bestätigt den Vorsprung der Kapitalismustheorie des Marxismus gegenüber der Kapitalismustheorie der Wirtschaftswissenschaften.

    • Wissenschaftstheoretisch gilt: Wenn zwei Theorien zur Erklärung eines Gegenstandsbereichs konkurrieren, ist zu einem bestimmten Zeitpunkt die mit (a) dem größeren Erklärungspotential und (b) der besseren Annäherung an die empirisch beobachtbare Realität die gültige.

    • Im „Kapital“ werden die Mechanismen, die zu zyklischen Krisen führen, aus dem Funktionieren des Systems selbst hergeleitet. Dies gilt auch für Details der Krisen, etwa dass sie typischerweise im Banken- und Großhandelssektor beginnen und die produzierende Industrie und den Konsumenten erst später erreichen (S. 316 Mitte), was leicht zu der Fehlinterpretation führt, diese Bereiche seien an der Krise ’schuld‘.

    • Das erneute Auftreten einer schweren Krise weist gleichzeitig darauf hin, dass die neoklassischen Ansätze, die Grenznutzentheorie, auf denen diese basiert, und die ganze Gleichgewichtstheorie des Kapitalismus diesen in wesentlichen Punkten nicht schlüssig erklären kann.

    • Wir müssen daher darauf hinweisen, dass es sich bei der Wirtschaftswissenschaft, so wie sie heute auftritt, um eine Ideologie handelt. Dieser (zunächst sehr stark klingende) Schluss ist angebracht, weil sie (a) an einem Grundmodell festhalten, die wenig erklären kann und sich empirisch immer wieder als falsch erweist; (b) die Marxsche Theorie nicht etwa widerlegen, sondern ignorieren; (c) immer wieder (wider alle Erfahrung) die Möglichkeit eines krisenfreien Kapitalismus usw. behaupten; (d) damit ein Verhalten zeigen, das nach wissenschaftlichen Kriterien nicht zu rechtfertigen ist, während es durch die Annahme einer apologetischen Funktion erklärt werden kann.

    • Zugespitzt könnte man formulieren: Die Wirtschaftswissenschaften sind ein Teil der Ideologie des Kapitalismus. (Obwohl die einzelnen Arbeiten oft durchaus wissenschaftlichen Kriterien genügen, gilt dies aufgrund der impliziten Grundannahmen der ganzen Disziplin. Es heißt jedoch nicht, dass ’nichts davon zu retten ist‘. Manche Bereiche der Wirtschaftswissenschaften, etwa ihre Beiträge zur Spiel- und Handlungstheorie, werden sicher Bestand haben. Ich würde aber vermuten, dass alle oder die meisten von der Wirtschaftswissenschaft als gesichert betrachteten Erkenntnisse nach dem Ende des Kap., und damit auch dessen Ideologie, einer Prüfung unterzogen werden müssen. Das mag manche schockieren, war aber bei früheren Ideologien auch nicht anders.)

    • Die Grenznutzentheorie, die die Grundlage der heutigen Wirtschaftswissenschaften bildet, wurde als Gegenmodell entwickelt. Aus dem „Kapital“ wird deutlich, dass die von den großen klassischen Ökonomen (Adam Smith, David Ricardo) vertretene Arbeitswerttheorie zu Konsequenzen führt, die für die kapitalistische Apologetik inakzeptabel waren. Aus ihr lassen sich nicht nur die Krisen des Kapitalismus, sondern auch seine selbstzerstörerischen Tendenzen ableiten. Wenige Jahre nach Erscheinen des 1. Bands des Kapital wurde die Grenznutzentheorie entwickelt, die auch nicht grundlegend neu war, es hatte schon früher nutzenbasierte Ansätze gegeben. Ihre grundlegenden Probleme waren bekannt. Trotzdem wurde die Grenznutzentheorie bald zur dominierenden Werttheorie. Zur Erklärung von Preisschwankungen durch das (auch bei Marx berücksichtigte) Prinzip „Angebot und Nachfrage“ reichte sie aus, aber die Frage nach dem Ursprung der Werte, um die Angebot und Nachfrage die Marktpreise schwanken lassen, wurde gar nicht mehr gestellt. Auch wenn ihre Entwicklung nicht ideologisch motiviert gewesen sein mag: Ihre allgemeine Übernahme durch die bürgerliche Ökonomie ist rein wissenschaftlich gesehen schwer verständlich, aber wird plausibel, wenn man die (un)erwünschten Konsequenzen der verschiedenen Theorien (Marxismus vs. Grenznutzentheorie/Neoklassik) einbezieht.

    • Dass sich die Marxsche Theorie im Wesentlichen als zutreffend herauszustellen scheint, bedeutet aber auch, dass man nicht unnötig weit über diese hinausgehen sollte. Krisen sind ein zyklisches Phänomen des Kapitalismus, ebenso aber auch der folgende Aufschwung. Prinzipielle Grenzen sind aber natürlich gegeben, beispielsweise in der Möglichkeit der Zerstörung der Welt.

    • Die Krise macht den sich an Marx und Engels (insbesondere an der Analyse im „Kapital“) orientierenden Marxismus (ganz im Gegensatz zum dogmatischen ML, der Marx verbogen hat) nicht etwa nur „aktuell“, wie ein Marx-Boom nach Beginn der Krise es erscheinen lässt (wobei dies in bürgerlichen Medien nicht selten, wohl in Erwartung der absehbaren Reaktion nach der Krise, bereits mit einem ironischen Unterton berichtet wird, nach dem Motto: genießt es, solange es dauert). Die Krise demonstriert vielmehr ein weiteres Mal, was bisher keineswegs unbekannt war, aber in der Gemütlichkeit der Prosperitätsphasen selbst von Linken (s. übernächster Punkt) vergessen wird: Die unbequeme, aber viel tiefgehendere Kapitalismusanalyse des „Kapital“ ist die der empirisch beobachtbaren Realität derzeit angemessendste Theorie.

    • Aus wissenschaftlicher Sicht ist sie damit derzeit die gültige Theorie des Kapitalismus. Die Theorien der Wirtschaftswissenschaften stehen im Widerspruch zur empirischen Realität; verschiedene Phänomene (zum Beispiel Krisen, aber auch die unter allen Umständen, selbst bei der weitestgehenden Liberalisierung, fortbestehende Arbeitslosigkeit) ergeben sich nicht aus ihren grundlegenden Annahmen und lassen sich daher nicht schlüssig erklären, während sie in der Analyse im „Kapital“ tatsächlich aus den zentralen Mechanismen des Kap. erklärt werden.

    • Marx braucht man nicht, um den Kapitalismus zu kritisieren. Marx braucht man, um den Kapitalismus zu verstehen. Gerne sagt die Linke in ihrer heutigen Verklemmtheit, man brauche Marx, um den Kapitalismus (richtig) kritisieren zu können. Das ist falsch. Man kann den Kapitalismus auch ohne Marx kritisieren, falsch (z.B. Kapitalismuskritik der Rechten), aber auch richtig: Es reicht schon, auf die allgegenwärtigen Elendsphänomene hinzuweisen, die empirisch leicht nachweisbar sind. „Das Kapital“, natürlich unter Berücksichtigung der Forschung mit ihren Erkenntnissen und Korrekturen, ist die derzeit beste Theorie des Kapitalismus, die wir haben. Kritik im heutigen Sinne des „Aufs-Negative-Hinweisen“, die übrigens nicht der philosophischen Terminologie zu Marx‘ Zeiten entspricht (vgl. etwa die „Kritik der reinen Vernunft“ von Kant; Kritik hieß damals eine bestimmte analytische, Kategorien auseinander ableitende Untersuchungsmethode), ist es nur in zweiter Linie.

    • Marx primär als Kritiker des Kapitalismus statt als dessen Theoretiker zu betrachten, verkennt seine Relevanz und verniedlicht seine wissenschaftliche Leistung. Die Wirtschaftswissenschaft, wie sie heute an den Universitäten gelehrt wird, kann sich dem gegenüber als die objektiv erklärende Theorie darstellen; man lässt ihr damit durchgehen, sich einem objektiven Vergleich mit der im „Kapital“ dargelegten Theorie, auf Basis des Erklärungspotentials und der empirischen Genauigkeit, nicht zu stellen. Wenn Marxsche Theorie vor allem als Kritik gilt, zeugt das von einer verkommenen Linken, die sich damit zufrieden gibt, der bürgerlichen Ideologie Häppchen des „kritischen Denkens“ darzureichen und dafür das Gnadenbrot des Gesellschaftskritikers zu erhalten.

    • Die Linke sollte das Wort „Kritik“ überhaupt aus ihrem Wortschatz verbannen und durch „Erklärung“ ersetzen. Die postmoderne Gehirnerweichung, derzufolge die Welt immer so ist, wie man sie interpretiert, befreit die vorherrschende Interpretation davon, beweisbar sein zu müssen oder sich um Widerlegungen zu kümmern. Aber die Postmoderne ist vorbei, und damit die Schonfrist für dem jetzigen System entsprechende und daher allgemein verbreitete Theorien. Diese werden sich in Zukunft wieder nach rein wissenschaftlichen Kriterien mit anderen messen müssen. Theorien werden ergebnisoffen nach ihrem Erklärungspotential bewertet werden, statt aufgrund ihrer Mainstreamposition gültig gesetzt (und darin durch das Kuhnsche Paradigmengebrabbel, das dieses Vorgehen als unvermeidlich und als wissenschaftlich ansieht, gerechtfertigt) zu werden.

  5. Die Krise darf nicht überinterpretiert werden.

    • Sie ist höchstwahrscheinlich keine ‚Zusammenbruchskrise‘ des Kapitalismus, ja es ist zweifelhaft, dass es eine solche überhaupt geben wird. Der Kapitalismus kann sich möglicherweise immer wieder selbst stabilisieren.

    • Wenn wir den Kapitalismus aufgrund seiner Probleme nicht mehr haben wollen, müssen wir selbst aktiv werden und eine alternative Ökonomie auf die Beine stellen. Eine Zusammenbruchskrise lässt sich auch nicht aus dem „Kapital“ ableiten; obwohl Marx glaubte, dass der Kapitalismus schließlich an seine Grenzen stoßen wird, wusste er, dass man keine Aussagen darüber machen kann, wie dies genau geschehen wird, und betonte immer wieder, dass seine Abschaffung die historische Aufgabe der Arbeiterklasse sei. Heute hat sich die Interessenlage verkompliziert und man sollte „Arbeiterklasse“ durch „alle, die ein anderes System wollen“ ersetzen; ansonsten bleibt es aber richtig, dass der Kap. uns seine Abschaffung nicht abnehmen wird, Krise hin oder her. Dies wird deutlich werden, wenn die Wirtschaft wieder brummt und die Zeitungen voll vom Triumphgeschrei der Kapitalismusbefürworter sein werden.

    • Es wird dann auch deutlich werden, dass sich das Denken der meisten Menschen wenig verändert hat. Im Moment halten sich all die, die ein 100%iges „Weiter so!“ wünschen, nur zurück. Wer glaubt, dass jetzt alle (auf die eine oder andere Art) Veränderungen aufgrund der Krise wünschten, wird nach deren Ende unangenehm überrascht werden. [Eine Anekdote zum „Weiter so“: Ich erinnere mich an ein Radiointerview mit einem süddeutschen hohen Forstbeamten nach dem verheerenden Sturm „Lothar“. Er wurde zur Rolle der Monokulturpflanzungen befragt. Wer damals den Schwarzwald besuchte, konnte sehen, dass genau diese Monokulturen niedergemäht wurden, während Mischwälder stehen blieben. Zur Aufforstung sagte er in entwaffnender Offenheit: „Wir machen es genau wie bisher.“ Und so ist es auch gekommen, denn die Monokulturen, in denen zudem meist die Bäume im Raster stehen und eine Größe haben, lohnen sich für die Waldbauern, für die auch mit EU-Geldern permanent neue autobahnbreite Holzabfuhrwege durch den einstmals schönen Schwarzwald gehauen werden (war grade dort und habe Bilder gemacht). Wo die Verwertungslogik das Handeln bestimmt, sind der Lernfähigkeit enge Grenzen gesetzt.]

    • Die jetzige Krise könnte eine besonders tiefe Krise sein, aber das muss abgewartet werden. Derzeit erscheint es denkbar, dass schon in zwei bis drei Jahren alles vorbei ist. Falls noch versteckte Risiken ans Licht kommen, könnte sie aber auch länger dauern.

    • Eine zu weitgehende Interpretation der jetzigen Krise führt notwendig zum Backlash. Wenn, wie jetzt bereits absehbar, die Erholung kommt, werden die Linken ausgelacht werden, wenn sie den Eindruck erwecken, das Ende des Kapitalismus erwartet zu haben.

    • Solche Interpretationen (wie in der „Krisis“ und „Exit“) stehen daher nicht nur im Widerspruch zur Marxschen Theorie des Kapitalismus, ohne eine plausible Alternative entwickelt zu haben. Sie sind auch strategisch ungeschickt, weil sie die Möglichkeit der Linken, in der Krise für ihre Erklärungsmodelle Gehör zu finden, mit ihren unrealistischen Untergangsprophetien verjuxen.

    • Wenn die Linke den Zusammenbruch des Kapitalismus ankündigt und es sich dann doch nur um eine normale Krise handelt, hat sie sich lächerlich gemacht.

    • Linke verwechseln hier ihre Hoffnung auf ein Ende des Kap. mit der Realität, erkaufen ein wenig Wohlgefühl mit einer falschen Einschätzung der Wahrscheinlichkeit zukünftiger Entwicklungen.

    • Die Zusammenbruchserwartung kann außerdem zu Passivität und Nur-Ablehnen des Vorhandenen führen. Aber selbst das fragilste Kartenhaus stürzt nicht von alleine ein. Der Kapitalismus wird solange weiterexistieren und aufgrund seiner inhärenten Probleme die Erde verbrauchen und die Menschen vernutzen, wie wir keine bessere Alternative dagegen setzen. Zum Glück gibt es allerdings inzwischen eine – nämlich die hier ja schon öfter diskutierte Peer-Ökonomie.

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