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Keine Commons in Vietnam

vietnamWas macht ein armes Land, das nicht länger arm bleiben will, dessen Bewohner ein Stück Reichtum erlangen wollen? Nach wie vor scheint es nur eine Option zu geben: die nachholende Entwicklung. Nachholende Entwicklung heißt nachholender Kapitalismus. Diesen Weg geht Vietnam. Es reproduziert das »westliche« Entwicklungsmodell — mit allen Konsequenzen. Dabei sind die Ausgangsbedingungen in Vietnam relativ günstig: politische Stabilität (CIA-certified), relative homogene Eigentumsverteilung und eine junge Bevölkerung.

»Making money« sind nach »Hello« und »Bye-Bye« wohl die am häufigsten gebrauchten englischsprachigen Wörter. Denn ohne Englisch und ohne zumeist positiven Bezug auf das US-amerikanische Konsummodell geht in Vietnam nicht viel. Alle scheinen allen irgend etwas zu verkaufen. Aus jeder kleinsten Handreichung oder (selbst geschaffenem) Mangel wird ein Mini-Business. »Business« — das nächst häufige Wort. Der normale Tourist — der »Westler« wie sie in Vietnam summarisch genannt werden — erfährt dies zunächst eindringlich dadurch, dass er (und sie) alle paar Meter angequatscht wird. Es sind nun mal die herumlaufenden Geldsäcke, nachvollziehbar.

Ein erfolgreicher Verkauf zum Touri-Tarif kann eine Tageseinkunft bedeuten. Der Touri- oder Ausländertarif liegt beim etwa Dreifachen der inländischen Preise. Früher galt das sogar offiziell (etwa bei Bahn- und Flugtarifen und immer noch in der Wikipedia), heute liegt es am Geschick der Straßenhändler_innen den Touris etwas mehr Geld als üblich aus dem Ärmel zu leiern. Dabei ist der Ausländertarif für Dollar- oder Euro-Verhältnisse immer noch »spottbillig«. Ob man nun 20 oder 40% des gewohnten Preises berappt, sollte doch egal sein. Aber als konditioniertes Warensubjekt hat man ein ausgeprägtes Gespür für den »gerechten Tausch« entwickelt und fühlt sich doch über’s Ohr gehauen. Billiger geht es immer und gerecht ist nur der äquivalente Tausch am Ort.

In Vietnam existieren krasse Widersprüche unbeschadet nebeneinander: Wilder Kapitalismus und Einheitspartei, Atheismus und Ahnenkult, Korruption und Leistungswille, Langmut und Fleiss, realsozialistische Agitprop-Ästhetik und Internetboom, Ho-Chi-Minh-Verehrung und -Remix (HCM abgebildet als Kiffer im Internetchat oder die HCM-Unabhängigkeitsrede als Klingelton auf dem Handy), Westmarkenfetisch und ethnischer Traditionalismus, US-Verehrung und Vietnam-Patriotismus. Der Pragmatismus, der Unvereinbares einfach nebeneinander stehen lässt, erzeugt eine Form von Stabilität, die nicht nach einer Auflösung drängt.

Ein ideeler Gesamtkapitalist (=Staat) existiert in Form der sich immer noch kommunistisch nennenden Partei — wozu da noch so eine seltsame Veranstaltung wie eine parlamentarische Demokratie organisieren? Daran hat sogar der CIA kein Interesse (mehr). Das geht allerdings nur solange gut, wie die Partei gleichzeitig ihre patriarchale Fürsorgerolle mehr oder weniger gut wahrnimmt: ausgedehnter staatlicher Beschäftigungssektor (wo man schlecht verdient), staatliche Gesundheitsfürsorge (neben der weit besseren privaten), Schulbildung für die meisten (und universitäre Ausbildung für einige), Sonderbedingungen für ethnische Minderheiten (um sie auf das Durchschnitteinkommen von 50 Dollar/Monat zu heben).

Der Zwang zur Weltmarktorientierung zerstört langfristig die vietnamesischen Gemeingüter. Marktwirtschaftliches Bauernlegen. Landwirtschaftlich genutzte Gebiete oder Wälder werden in riesige Monokulturen verwandelt — etwa beim Robusta-Kaffeeanbau — oder müssen Industrieanlagen und der Gewinnung von Bodenschätzen weichen — jüngstes Beispiel ist der geplante Bauxit-Tagebau. Weil Landwirtschaft »nicht einträglich genug« ist oder Wälder nur dumm rumstehen, wird rigoros platt gemacht. Der Widerstand ist gering.

Es wäre zu kurz gegriffen, hier von »Profitgier« zu sprechen, wie überhaupt die »Gier« eine personalisierende Ablenkung von den wirklichen Ursachen ist. Es ist der oben beschriebene Zwang, buchstäblich alles zu Geld machen zu müssen, weil nur das Abstraktum »Geld« als Reichtum zählt. Was nicht oder nur unzureichend monetarisiert werden kann, zählt im wahrsten Sinne des Wortes nicht. Gerade die Commons, die Gemeingüter, die von den Commoners jahrhundertelang gepflegt und genutzt wurden, werden so unwiederbringlich zerstört. Nur wo die Verwertungslogik zurückgedrängt wird, hat der sinnliche Reichtum der Menschen und der von ihnen produzierten Commons ein Chance. Vietnam läuft geradewegs in die entgegengesetzte Richtung.

Ob das eine kommunistische Partei kapieren kann?

Zum Schluss noch ein drei Linktipps:

Zwischen Tradition und Moderne — Blog einer deutschen Studentin in Vietnam mit vielen Bildern

Paulines lung tung — Paulines Blog über ihr einjähriges »weltswärts«-Jahr in Hanoi (da hab ich auch ein paar Gastbeiträge geschrieben)

Vietnam mon amour — Sendung von Radio Corax, Halle (1 Std.)

Kategorien: Commons, Reichtum & Knappheit

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20. Juni 2009, 07:37 Uhr   6 Kommentare

1 Silke Helfrich (20.06.2009, 10:14 Uhr)

Ich war ja gerade auch in Vietnam. Das hast Du gut getroffen! Das Land hat mich etwas ratlos, unsere Tour durch das mittlere Bergland erschüttert zurück gelassen. Es war eine gruselige Kombination von Agent-Orange Schäden, Brandrodung und Abholzung für Plantagenwirtschaft (für billigen Robustakaffee, der im letzten Jahrzehnt, kräftig gefördert von der „Entwicklungshilfe“, dafür sorgte, dass die Kaffeemärkte krachen gingen und „längst“ auch die frischgebackenen vietnamesischen Kaffeebauern nicht mehr ernährt. Sich zuspitzende soziale Konflikte wegen forcierter Bevölkerungsdurchmischung und Umsiedlungsprojekten …
Das von Dir beschriebene Modell ist in den Köpfen der Menschen. Natürlich hatten wir auch Verständigungsprobleme. Wie kommt man ohne vietnamesich-Kenntnisse an Insiderinfos, an einen objektiveren Blick darauf, wie Debatten gefühhrt werden und welche Sorgen sich die Leute machen? Überhaupt nicht.
Aber die Zerstörung der Gemeingüter – insbesondere der natürlichen und sozialen – ist unübersehbar. Und zwar in atemberaubendem Tempo.

2 Martin (20.06.2009, 20:27 Uhr)

Kein Einzelfall: Auch im reichen Kalifornien sollen zur Finanzierung der Krise die Commons aufgegeben werden:

Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat Pläne vorgelegt, 220 der 279 kalifornischen State Parks für mindestens zwei Jahre nicht mehr zu finanzieren. Dazu gehören nicht nur Naturschutzgebiete wie der Humboldt Redwoods State Park, sondern auch historische Stätten wie Bodie State Historic Park, eine komplett erhaltene Geisterstadt aus den Zeiten des Goldrauschs, oder der bei Surfern und Paraglidern beliebte Monterey State Beach.

Schwarzenegger erweist sich hier eben doch als typischer Rechter (während er im deutschsprachigen Raum immer als progressiver Politiker gehandelt wurde). Denn gerade für die Rechten ist es immer naheliegend, die Commons zu zerstören (und dies als tragisch, aber leider unvermeidlich darzustellen), wobei dieses Opfer gleichzeitig dazu dient, die Unangreifbarkeit des Eigentums für alle sichtbar zu machen: Bevor der ungeheure Privatreichtum Kaliforniens belastet wird (und es sei nur über Steuererhöhungen), müssen unschätzbare Gemeingüter kaputt gemacht werden – was könnte die Heiligkeit des Eigentums eindrucksvoller vor Augen führen?
Dass diese ideologische Botschaft, oder die Zerstörung der nicht zum Kapitalismus passenden letzten Commons selbst, eine Rolle bei dem Vorhaben spielen, scheint sich darin zu bestätigen, dass sich das Ganze noch nicht einmal „rechnet“:

Doch bislang brachte jeder Dollar, der dort investiert wurde, dem Staat nach Angabe der State Parks Foundation satte 2,35 Dollar zurück – an Eintrittsgeldern oder Steuern.

3 Arthurio (22.06.2009, 18:07 Uhr)

Hi. Ich weiss, es gehört nicht hier her. Aber ich habe eine Frage, bei der ihr mir vielleicht weiterhelfen könnt. Wenn nicht, dann ist wohl auch daran zu Arbeiten!
Wie können wir (die Menschen) unsere Wirtschaft übernehmen. Ganz praktisch. Sagen wir die Arbeitskollegen sind dafür, der Nachbar, die alte Frau von der Strasse sowieso, .. natürlich ist der Chef und einige Polizisten wie gewisse, die es nicht begriffen haben natürlich dagegen… wie also ganz praktisch ist dieses Hinderniss zu schaffen!? Vielen Dank.

4 StefanMz (22.06.2009, 18:18 Uhr)

@Arthurio: Was hätten wir davon, die Wirtschaft zu übernehmen? Oder auch nur einige Betriebe? Wir müssten genau so handeln wie diejeingen, die sie jetzt entscheiden können — mehr oder weniger. Die Frage passt insofern schon hierher, weil genau das Vietnams Problem ist: Die herrschende Partei dort »hat die Wirtschaft« (oder mindestens: hatte), aber was sollte sie anderes tun als sie getan hat — mehr oder weniger? Innerhalb der Logik von Ware, Geld und Markt ist nicht wesentlich anderes drin. Erst außerhalb dessen gibt es Alternativen.

5 Arthurio (22.06.2009, 19:24 Uhr)

Der Text ist vorzüglich. Nur was kann die Abholzung des Regenwaldes stoppen. Wie anders können die modernen Techniken sinnvoller genutzt werden, wenn nicht durch eine Übernahme und irgendwie demokratische Verwaltung?

6 Martin (23.06.2009, 11:27 Uhr)

Commons und Peer-Ökonomie sind ein Weg dahin, es anders zu machen. Das bringt mehr als eine Übernahme, bei der nachher das meiste (unter neuer Führung) weiterläuft wie bisher. Solange die „nachhaltige Entwicklung“ (wie bei den Grünen usw.) strikt innerkapitalistisch gedacht wird, ist sie Augenwischerei – das sieht man ja daran, dass trotz allem im rasanten Tempo weiter Commons, Natur, Lebensqualität und Zukunft zerstört werden.
Wenn du was dagegen tun willst, beteilige dich oder unterstütze die Commons-Bewegung, Peer-Ökonomie, Freie Software und Kultur usw. in allen Bereichen  — Anregungen und Hinweise findest du auf dieser Seite und verlinkten Projekten (s. z.B. links unter „Blogroll“ und „Orga“) genug!

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