Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Bleep me up, Scotty

Ich bin ja ein großer Fan all dieser neumodischen Dinge wie Blogs, Wikis, sozialen Netzwerke usw. Nur hadere ich zunehmend mit dem Problem, dass meine Aktivitäten an unterschiedlichen Stellen sich nicht miteinander vertragen.  Wenn ich eine tolle neue Webseite finde, dann will ich die bei del.icio.us bookmarken, in den Empfehlungsfeed schieben, im irc mitteilen, auf Mailinglisten posten, bloggen etc. Wenn ich das jedesmal alles machen würde, wäre ich ziemlich lange beschäftigt.

Nun bin ich natürlich nicht der einzige der dieses Problem hat und man kann es sicherlich als neuen Trend in der Webszene bezeichnen, dass immer mehr Aggregationstools entwickelt werden. Man kann aus all seinen Netzaktivitäten eine Suppe kochen, man kann seine Nase dran reiben oder man kann sie über Applets in seine Facebook-Seite integrieren.  Diese ganzen Tools empfinde ich persönlich noch als sehr vorläufig, weil sie jeweils nur eine eingeschränkte Benutzergruppe im Auge haben. Ich glaube auch nicht, dass man das neue alles vereinende Tool am Reißbrett entwerfen kann. Das wird sich ergeben aus einem dieser vielen Anfänge. Wohl demjenigen, dem es gelingt eine besonders große Community an sich zu binden. Irgendwann wird man dann garnicht mehr anders können als ein Profil bei dem neuen XY-Tool zu haben. So wie man heute ohne Mailadresse nicht so wirklich im Netz ist. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Tool ein paar Mindestanforderungen erfüllt: Open Source, Open Data und dezentral sollte es sein. Nur so ist gewährleistet dass aus diesem neuen Tool keine neue Krake a la Google entsteht.

Der momentan erfolgversprechendste Kandidat ist lustigerweise ein Tool, dass gar keine Aggregation unterstützt: Twitter – oder allgemeiner Microblogging. Nur ganz kurz für diejenigen die den Hype noch nicht mitgekriegt haben: Per Microblogging kann ich Kurznachrichten (140 Zeichen) per Web, Instant Messaging oder Handy veröffentlichen an alle, die meine Nachrichten abbonieren (Im Twitterjargon heissen die Abbonenten “Follower”). Klingt sinnlos und bescheuert? Das dachte ich auch, war aber irgendwann genug iritiert von der um sich greifenden Begeisterung, dass ich dem Ding mal eine Chance gegeben hab. Was hat das alles nun aber mit dem Aggregationsproblem von oben zu tun? Ich denke Microblogging ist aus folgenden Gründen die momentan überzeugendste Antwort auf das Aggregationsproblem:

  • Es generiert nicht nur einen Stream meiner Webaktivitäten sondern einen Stream meiner Lebensaktivitäten. Immer wenn ich will sind alle meine Followers dabei. Und wenn ich nicht will, nicht – was mindestens so wichtig ist
  • Es passt wunderbar zu unserer postmodernen fragmentierten Zeitlichkeit, zu unserer zunehmenden Produktion in Netzwerken. In den minimalen Ritz zwischen zwei Aktivitäten passt immer noch eine Twitterei.
  • Man muß nicht lange rumkonfigurieren welche Streams von wo nach wo fließen, sondern kann einfach loslegen.
  • Es ist nicht blos Aggregation, auch wenn es manche so benutzen. Es enthält einen völlig freien Gestaltungsspielraum. Manche Twitterer haben das schon zu einer Art Kunstform perfektioniert.

Das alles wird wohl niemanden überzeugen. Die Ratlosigkeit in den Gesichtern der Leute denen ich von meiner neuen Leidenschaft erzähle kenne ich inzwischen schon. Vielleicht hilft noch ein Beispiel, dass das Neue daran deutlich macht: Jedes Jahr findet in Berlin das wohl größte Treffen der Hackercommunity statt, der CCC. Ich hatte eine Handvoll Leute in meinem Twitterprofil, die von vor Ort getwittert haben. Ich hab das erste Mal das Gefühl gehabt an der Stimmung vor Ort zu partizipieren. Natürlich gibt es längst Video-Livestreams und Blogger und was weiss nicht noch alles an Kanälen bei solchen Gelegenheiten. Aber die Stimmung einer Veranstaltung kann all das nicht transportieren. Microblogging kann das.

Es gibt inzwischen wie immer bei solchen Web-Hypes Dutzende von Nachahmern. Die meisten davon machen das Gleiche in grün und sind vor allem auf einen Anteil am Klick-Kuchen aus. Doch tatsächlich gibt es eine Alternative, die – im Gegensatz zu Twitter – meine drei Minimalanforderungen von oben erfüllt. Laconi.ca ist die dezentrale Open-Source und Open-Data Variante von Twitter. Es gibt viele Laconica-Server und alle unterhalten sich über ein einheitliches Protokoll. Man kann also auch Leute auf einem anderen Server “connecten” (so heisst das abbonieren dort). Man kann jederzeit einen eigenen Server aufmachen, wenn einem etwas nicht passt und alle Einträge stehen unter der sehr freien CC-BY-Lizenz. Ein Nebeneffekt der Dezentralität ist neben höherer Lastverteilung auch die bessere Integration in die weltweiten Mobilfunknetze. Zusätzlich braucht man auch keine Angst haben von der größeren Twitter-Community ausgeschlossen zu sein. Man kann sich einfach dort auch einen Account anlegen und die Nachrichten automatisch dorthin leiten. Der größte und erste Laconica-Server heisst identi.ca. Der größte explizit deutschsprachige Server ist zur Zeit bleeper.de. Da findet ihr auch mich. Zusätzlich hab ich noch für alle Traditionalisten ein Tool gebastelt, der meine Bleeps in unseren irc-channel weiterleitet.

Anhang: Wärend des Schreibens dieses Textes gebleept: 1 2 3 4

Update: Interessant ist auch, dass Noserub inzwischen auch das Laconica-Protokoll unterstützt und Twitter es so halb angekündigt hat. Bei lezterem bin ich aber skeptisch. Das kann auch nur ein Trick sein zu verhindern, dass user abwandern bis der Laden verkauft ist.

Kategorien: Freie Software, Medientipp, Soziale Netzwerke

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3. Februar 2009, 13:19 Uhr   5 Kommentare

1 StefanMz (03.02.2009, 14:47 Uhr)

*ratlos guck*

Ich hab nicht verstanden, wie ein Tool, das »gar keine Aggregation unterstützt«, Aggregation Integration unterstützen kann. Ich habe nur gelesen, dass Microblogging irgendwie cooler ist und deswegen im Clickkampf eine gute Schnitte macht. Das ist aber traditionelles win-by-hype, oder?

Disclaimer: Ich bin Nichtinfizierter.

2 benni (03.02.2009, 15:27 Uhr)

@stefanmz: Na dadurch, dass die Leute da eben schreiben was sie so machen ob im Netz oder woanders. Das ist eine andere Form der Aggregation als bei Soup oder dem alten Noserub (vor 0.8) wo man automatisch aggregiert hat. Vielleicht kann man es paradoxerweise so formulieren: Durch weniger Automatisierung braucht man auch weniger davon? Aber die klassischen Aggregationstools haben sicher auch ihre Vorteile und der spannende Versuch bei Noserub ist ja gerade beides zu verbinden.

Naja, wie gesagt die ratlosen Gesichter sind mir bekannt und ich hab selbst so geguckt.

3 StefanMz (03.02.2009, 22:21 Uhr)

Ok, als Illustration zeigt die Abmahnandrohung gegen netzpolitik.org, wie nützlich Mikroblogging sein kann: Die Welle nach der Abmahnung. Aber auch hier würde sagen: Die Kombi macht’s.

4 Christian Siefkes (06.02.2009, 21:39 Uhr)

Was Netzpolitik vs. Bahn betrifft, waren Twitter und Co. erfolgreich. Schon vorher ist bei Netzpolitik ein Beitrag erschienen, der sich mit Microblogging und sozialen Bewegungen beschäftigt (und Laconi.ca empfiehlt!).

Und seit kurzem gibt es auch einen speziellen OpenMicroBlogging-Blog (sozusagen ein MicroBlogging-MacroBlog).

5 Vom Livestream zum Lifestream — keimform.de (10.02.2009, 15:03 Uhr)

[...] meinem letzten Post habe ich ja ein bisschen fürs Microblogging getrommelt. Unklar blieb dabei sicherlich was das [...]

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