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Schon 1000 Netlabels für freie Musik

Das weiß die Jungle World in einem lesenswerten Artikel über den Stand der freien Musik im Internet.

Der Artikel zeigt Licht und Schatten in der Entwicklung auf: Einerseits wird immer mehr Musik mit Creative Commons-Lizenzen versehen und von Netlabels vertrieben oder einfach von den Bands auf ihren Seiten oder in Communities wie myspace eingestellt. Dazu trägt auch die ökonomische Entwicklung bei: Erst die Dotcom-Blase, dann die allgemeine Wirtschaftskrise und zusätzlich die Verwertungskrise der mit der Kopierkultur ringenden Musikindustrie führte dazu, dass die schrumpfende Musikbranche sich zunehmend aufs „Kerngeschäft“ mit Stars konzentriert. Nischenmärkte, die eine Zeit lang als Ausweichmöglichkeit betrachtet wurden, sind nicht mehr attraktiv. Die Betroffenen nehmen die Herausforderung an und weichen auf alternative Modelle aus.

Andererseits benutzen offenbar viele Bands Creative Commons-Lizenzen nur strategisch zum Bekanntwerden und nehmen dann doch Plattenverträge an. Das führt zur ärgerlichen Entwicklung, dass man plötzlich für etwas zahlen soll, was man eben noch kostenlos kriegte, und sich geködert fühlt. Wenn gar keine Lizenzen angegeben waren, können liebgewonnene Lieder bzw. Videos plötzlich verschwinden bzw. kostenpflichtig angeboten werden. Trotzdem ist das Verhalten der oft jungen Künstler verständlich, die schließlich irgendwann (wenn die Eltern nicht mehr zahlen oder das Leben familienbedingt teurer wird) Geld verdienen müssen. Die Gegenfraktion, die zur CC-Lizenz steht, hat (zumindest in diesem Artikel) keine Lösung anzubieten: Dem Berliner Rapper Jenz Steiner fällt nur ein „Wer Geld verdienen will, soll arbeiten gehen.“ Aber nicht jedeR kann neben der Kunst noch einen anstrengenden Job halten. Von Auftritten leben können auch nur jene, die ein ausreichend großes und von Veranstaltern berücksichtigtes Publikum bedienen.

Kategorien: Freie Inhalte, Medientipp

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1. Oktober 2009, 18:50 Uhr   4 Kommentare

1 musikdieb (01.10.2009, 20:12 Uhr)

Nicht jedem, der gerne von Kunst leben können möchte, kann man das aber zugestehen.

Ich kenne Künstler, die gerne davon leben können würden, aber regelmäßig den Saal leerspielen, wenn man sie auf die Bühne lässt. Okay, das ist jetzt mal einfach nur die etwas provokante Gegenthese – vielleicht finden die auch noch irgendwann irgendwo ihr Publikum. Ich bin der Letzte, der Künstler benachteiligen will, da ich auch ein künstlerisch arbeitender Mensch bin.

Die Sache ist aber leider die, dass die großen 4 Musikkonzerne quasi ein Kartell bilden, mit ihrer Marktmacht (Besitz von über 80% der Musikrechte / Dominanz von klassischen Vertriebswegen / Lobbyorganisationen / etc.) sowie die klassischen Indie-Labels, die sich schon untereinander um die restlichen 20% streiten müssen, so viel vom Kuchen des Budgets, welches Menschen für Musik ausgeben, abgraben, dass für frei veröffentlichende Künstler kaum noch was übrigbleibt.

Daher sind in meinen Augen freie Lizenzen nicht die Lösung – sie zeigen diese nur auf. Wäre alle Musik frei, so bliebe genug Geld übrig, um den „Besten“ ein Leben von künstlerischer Arbeit zu ermöglichen.

2 Lifecheater (02.10.2009, 15:11 Uhr)

Oder noch besser: Bands deren Lieder nur in einem bestimmten Land unter einer Lizenz verfügbar sind…

3 Martin (02.10.2009, 15:25 Uhr)

@musikdieb: Du sprichst einen wichtigen Gedanken an: Wäre alle Musik frei, müssten CC-Lizenz-Verwender nicht mit den Musikkonzernen und deren massiver Werbung und finanziellen Macht konkurrieren. Die können (a) durch gekaufte Werbung, Radiospielzeit usw. die meiste Aufmerksamkeit für ihre Bezahlkusnt abgreifen, (b) auch bei der Konkurrenz um Spielstätten, Festivalauftritte usw. ihren Künstlern einen Vorteil verschaffen.
 
Hier haben wir einen Fall, wo durch die Konkurrenz mit dem Kap. für die Peer production (wozu ich freie Musik jetzt einfach mal rechne) erschwerte Bedingungen entstehen: Ohne diese Konkurrenz wäre es sicher leichter, sich eine Fanbasis zu erspielen und dann auch live sein Publikum zu erhalten. (Dass dieses dann auf die Dauer auch nicht mehr zahlen wird, nämlich spätestens dann, wenn es kein Geld mehr gibt, ist wieder eine andere Frage, bis dahin wird sowieso ein anderes System für Bedürfnisbefriedigung – entweder eine Art Konto für ‚Beiträge‘ oder Offenheit aller benötigten Güter – etabliert sein.)
 
Bis dahin müssen andere Lösungen gefunden werden, und ich fände es schön, wenn es nicht – wie du vorschlägst – von der Größe des Publikums abhängen würde, ob jemand Musik zu seiner Hauptbeschäftigung machen kann oder nicht. Allzu große Abhängigkeit vom aktuellen Publikumsgeschmack ist immer schlecht für die Kunst gewesen.

4 musikdieb (02.10.2009, 18:26 Uhr)

Ich schlage ja gar nicht vor, dass das von der Größe des Publikums abhängen soll. Es ist nur in dieser Welt der Status Quo – und in einer idealen Welt spricht ja auch nichts dagegen, dass diejenigen es zur Hauptbeschäftigung machen können, die ein großes Publikum haben. In meiner Vorstellung einer idealen Welt darf es ruhig noch Geld geben, die Grundbedürfnisse müssen aber ohne dieses gedeckt werden können bzw. jeder muss genug davon haben. Dann kann zwar auch jemand Kunst zur seiner Hauptbeschäftigung machen, der keinen einzigen Fan gewinnt, aber der wird von sich aus wahrscheinlich irgendwann was anderes machen oder aber besser werden oder sonst ist es auch egal…
 
Aber zurück zur Realität. Gut, Abhängigkeit vom Publikumsgeschmack ist „schlecht für die Kunst“. Aber wovon ist man sonst abhängig? Entweder von Mäzenen, das ist sicher nicht deine bevorzugte Lösung. Oder aber von irgendeiner Art staatlicher Kulturförderung.
 
Da bin ich ehrlich gesagt ein wenig allergisch. Ich bin in einer Zeit groß geworden, wo sich alle möglichen Menschan an die staatliche Kulturförderung drangehängt haben, die meines Erachtens die „Kunst“ nicht sonderlich weitergebracht haben. Ich kenne Menschen aus der ehemaligen DDR, die sich bitter über die „Staatskunst“ dort beschweren. Was ist mit GEZ oder GEMA, staatlich autorisierte Organisationen mit gewissen Monopolrechten, die alles andere tun als „echte“ Kunst zu fördern?
 
Ich kenne kein Beispiel staatlicher Kunstförderung, welches funktioniert. Kunst, die ich persönlich schätze ist immer aus dem Schaffensdrang der Menschen entstanden, unabhängig von Kulturförderung, Publikumsgröße etc.. Kunst braucht man nicht fördern, Kunst entsteht von alleine. Ein brauchbares soziales System und Erhalt der Meinungs- und Kunstfreiheit sollte ausreichen, um Kunst zu ermöglichen.

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