Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Wächst Freie Software exponentiell?

In der Studie »The Total Growth of Open Source« untersuchten Amit Deshpande und Dirk Riehle mehr als 5000 populäre Open Source Software-Projekte quantitativ. Gemessen wurde der wöchentliche Änderungsrate des Quellcodes der bestehenden Projekte sowie Zunahme der Anzahl der Projekte. Beide Messungen ergaben ein exponentielles Wachstum. Die Verdopplungsrate lag jeweils bei etwa 14 Monaten.

Das ist ein erstaunliches Ergebnis, dennoch sind einige Anmerkungen fällig.

Zunächst die Peanuts: Mit der wöchentlichen Änderungsrate wurden sowohl eingefügte neue wie auch gelöschte Codezeilen gezählt. Nun ist die Refaktorisierung eine wichtige Maßnahme, bei der fetter durch schlanken Code ersetzt wird, dennoch werden auch gestrichene Features hier positiv gezählt. Ok, dieser Aspekt sollte nicht so wichtig sein. Nun die ernsteren Punkte.

Die grafische Darstellung der Messwerte zeigt eine erhebliche Streuung, und in der halblogarithmischen Darstellung erkennt man, dass statt einer lineare Steigung (=exponentielles Wachstum) eine Kurve eher eine Abnahme des Anstiegs anzeigt. Zwar handelt es sich damit immer noch um ein exponentielles Wachstum, aber die Verdopplungszeit nimmt zu. Insgesamt handelt es sich hier also um eine wohlwollende Interpretation.

Die Autoren vergleichen Äpfeln und Birnen, wenn sie einen 0,7%-Marktanteil von Open Source Software am gesamten Softwaremarkt anhand des Umsatzes bestimmen. Gleichzeitig berichten sie, dass Open Source Software dazu beiträgt, Millionen Dollar einzusparen, was auch andere feststellten. Der Umsatz sagt also kaum mehr als nichts. Wenn die »Bedeutung« von Freier Software wirklich so winzig ist, dann sagen auch exponentielle Steigerungsraten noch nicht viel aus — das sind dann immer noch Startphänomene. Ich vermute jedoch, dass die »Bedeutung« und damit die »Bedrohung« für das proprietäre Lager wesentlich größer ist. Damit wäre wiederum die Aussagekraft der Studie auch größer.

Interessanter wäre ein Vergleich der Quellcodemengen, insbesondere der entsprechenden wöchentlichen Änderungsrate bei proprietärer Software. Doch hier ist der Code nicht verfügbar — eben Closed Source Software. In der Diskussion vermutet Dirk Riehle, dass die Leistung von Open und Closed Source Softwareentwickler_innen polynomial, vielleicht sogar nur linear zunimmt.Open Source Software würde also entweder zunehmend Ressourcen aus dem proprietären Lager abziehen (inklusive Studis) oder/und neue Ressourcen der vorhandenen Entwickler_innen (sprich: ihre Freizeit) erschließen. Vermutlich beides.

Statt einer exponentiellen Annäherung an die Messwerte bietet sich m.E. eher eine logistische bzw. sigmoide Funktion (»S-Kurve«). Das ist eine Modifikation der exponentiellen Funktion, die nach einem exponentiellen Verlauf zu Beginn in einen (eher linearen) Sättigungsbereich übergeht. Es ist einfach unplausibel, ein fortlaufend exponentielles Wachstum anzunehmen, denn irgendwann werden Grenzen erreicht: Alle proprietären Entwickler_innen sind dann freie, alle Freizeit der proprietären Entwickler_innen ist aufgebraucht, es gibt keinen neuen Entwickler_innen mehr etc. — viele Gründe sind vorstellbar. Zur Untermauerung der Bedeutung von Freier Software wäre hier mehr Differenziertheit sinnvoll.

Fazit: Trotz schicker Zahlen für die Freie Software, bin ich doch einigermaßen skeptisch, was diese Studie angeht. Es scheint mir nicht sinnvoll zu sein, ab sofort stets das »exponentielle Wachstum« anzuführen, um die Singularität und damit das Ende des Kapitalismus zu begründen. — Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren 🙂

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen

Tags: , , ,

30. April 2008, 11:55 Uhr   2 Kommentare

1 benni (30.04.2008, 12:56 Uhr)

Selbst wenn Freie Software exponentiell wachsen würde, sagt das ja immer noch nix über den Kapitalismus aus. Höchstens über die Softwarebranche.

Ein wichtiger Aspekt beim Wachstum dürfte auch der wachsende Anteil an kommerziellen Entwicklern sein.

Man könnte ja mal nach den Rohdaten fragen und dann selber Kurven legen…

2 “Einmal Linux” — “Bitte sehr, macht 10,8 Milliarden Dollar” — keimform.de (22.10.2008, 20:30 Uhr)

[…] wilden Rechenspielchen wurde ein neues hinzugefügt: Was würde ein GNU/Linux-System kosten, wenn es […]

Schreibe einen Kommentar