Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Utopistik

Immanuel Wallerstein, UtopistikIch habe gerade das kleine Büchlein „Utopistik“ von Immanuel Wallerstein gelesen. Der Untertitel „historische Alternativen des 21. Jahrhunderts“ klingt natürlich für uns vielversprechend. Die Analyseseite ist auch sehr interessant, seine Vorschläge für die „historischen Alternativen“ fallen dagegen aber stark ab. Ok, das Buch stammt auch schon von 1998, vielleicht ist in den letzten zehn Jahren halt doch einfach auch schon eine ganze Menge passiert wovon Wallerstein keine Ahnung haben konnte.

Aber der Reihe nach: Wallerstein spricht von einem „Weltsystem“ in dem wir uns seit ca. 1500 befinden. Dieses Weltsystem zeichnet sich vor allem aus durch seinen unbedingten Willen zur „Kapitalakkumulation“. Sehr ausführlich geht er auf die verschiedenen Revolutionen wärend dieser Zeit ein. Kurzfristig seien sie alle gescheitert aber langfristig sei das Weltsystem zumindestens gezwungen worden, Zugeständnisse zu machen. Trotz allem sei es aber ein erstaunlich krisenfestes sich immer wieder selbst stabilisierendes System.

Doch seit einigen Jahren sei das Weltsystem in einer fundamentalen Krise an deren Ende ein Neues (oder mehrere Neue) Systeme stehen würden. Er meint uns würden ca. 50 Jahre einer vermutlich sehr blutigen Übergangszeit bevorstehen. Der Vorteil dabei sei, dass wir in einer Zeit leben, in der der Einzelne so viel Einfluß auf den Verlauf der Geschichte hat, wie in den letzten 500 Jahren nicht. Mir fällt bei sowas ja immer ein chinesischer Fluch ein: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben“.

Als Gründe, warum das Weltsystem an seinem Ende angekommen sei führt er vor allem drei Gründe an. Alle drei führen dazu, dass die Profite sinken und somit die Kapitalakkumulation schwieriger wird, die ja das System am Laufen hält.

  1. Die Lohnkosten steigen langfristig, weil die Entagrarisierung zunimmt. Erst kürzlich haben wir ja den Punkt erreicht an dem zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als auf dem Land wohnen. Was hat das nun mit den Lohnkosten zu tun? Die Höhe der Löhne hängt ab vom Organisationsgrad der Arbeiter. Dieser ist historisch immer dann niedrig, wenn viele Arbeiter vom Land in die Städte drängen. Das Kapital weicht deshalb regelmäßig in neue Regionen aus in denen solche Verhältnisse herrschen. Vor allem die chinesischen Wanderarbeiter dürften das zeitgenössische Beispiel dafür sein. Laut Wallenstein bräuchten die Arbeiter allerdings „nur 30 bis 50 Jahre“ um diesen Zustand zu überwinden, sich zu organisieren und höhere Löhne zu erkämpfen. Wenn keine Menschen mehr vom Land in die Stadt ziehen können, weil die Entagrarisierung sehr stark fortgeschritten sei, könnte das Kapital nicht mehr ausweichen.
  2. Das Weltsystem lebte schon immer davon, die Biosphäre zu zerstören. Bisher konnten diese Kosten immer noch externalisiert, also von den Profiteuren auf alle abgewälzt werden. Da heute die Zerstörung der Biosphäre aber planetare Ausmaße angenommen habe, sei das nicht mehr möglich, weil das Bewußtsein für diese Vorgänge zunehme. Wenn die Kosten aber auf Grund politischen Drucks internalisiert werden müssten, würde sich das negativ auf die Kapitalakkumulation auswirken.
  3. Alle bisherigen großen Reform- oder Revolutionsbewegungen haben sich auf den Staat als wesentlichen Akteur bezogen. Diese Staatsfixierung sei aber heute nicht mehr üblich. Das führe zu einer zunehmenden Deligitimierung staatlicher Gewalt. Das Weltsystem ist aber auf den Nationalstaat angewiesen (auch und gerade zu Zeiten der Globalisierung). Er führt dann noch die auf lange Sicht steigende Staatsquote als Argument ein, aber dabei höre ich ja bekanntlich nicht mehr hin.

Ich finde diese Krisentheorie – so knapp sie hier auch dargestellt wurde – hebt sich erfrischend von der wertkritischen a la Krisis oder Exit ab, weil sie eine politische Komponente hat. Nicht die kybernetische Maschine führt in den Abgrund sondern die Reaktion der Menschen auf sie.

Wie sollten wir also nun seiner Meinung nach unsere historisch einmalige Chance nutzen? Was dann kommt, ist ziemlich mager. Im wesentlichen empfiehlt er einen gezähmten Markt. Der Staat und gemeinnützige Institutionen sollen den Markt zähmen bzw. einen wirklichen Markt überhaupt erst ermöglichen. Wieso jetzt auf einmal doch wieder der Staat mit im Spiel sein soll, wird nicht so ganz klar. Ich finde das einen eklatanten Widerspruch in der Darstellung des Buches.

Dennoch kann ich das kleine Büchlein empfehlen. Es ist nicht teuer und in ein paar Stunden durchgelesen und man kann sich einen Überblick über Wallersteins Theorie verschaffen.

Kategorien: Medientipp, Theorie

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19. Juli 2008, 18:40 Uhr   1 Kommentar

1 e.r. (22.07.2008, 21:10 Uhr)

Ich hab das Buch vor einigen Jahren gelesen und fand es auch sehr flashig. Seitdem bin ich leider noch nicht dazu gekommen, die drei Bände des „Modernen Weltsystems“ zu lesen, die grade für Leute, die den „Langen Wellen“ des Kapitalismus zugeneigt sind interessant sein dürften.

Interessant fand ich auch die Analogien, die man aus der Schilderung des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus in Wallersteins „Die Sozialwissenschaft kaputtdenken“ ziehen kann.

Sicher ist wohl, wir erleben eine Phase des Übergangs, nur anders als beim politischen Marx mit offenem Ausgang (meta: hier könnte man fragen, inwieweit wir/ich hier ganz postmodern/chaostheoretisch denke – Materialisten sind halt immer vom Weltbild der Physik ihrer Zeit abhängig/geprägt :).

Schade find ich nur, das Wallerstein nun in einem Alter ist, wo man von ihm verlangt nicht nur zu analysieren, sondern auch politisch Stellung zu beziehen, und er den AntiImp/Antiglob gibt….

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