Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Transformation und Eigentum

[This is the German translation of the original english article]

Auf der Oekonux-Mailingliste gibt es eine interessante Debatte über das Verhältnis von Privateigentum und gesellschaftlicher Veränderung, insbesondere wenn es um die commons-basierte Produktion stofflicher Güter geht. Raoul Victor aus Frankreich schrieb:

Die ursprüngliche Frage war, wie mit der Eigentumstransformation umzugehen ist, wenn sie die materiellen Produktionsmittel betrifft. Ich bestand auf der Tatsache, dass dies zu dem einem oder anderen Zeitpunkt (wahrscheinlich noch viele Jahre hin) zu einer allgemeinen sozialen Konfrontation mit dem Kapitalismus führt, wobei die „Arbeiter der Welt“ die Hauptrolle spielen werden und die Keime der Peer-Produktionspraxen — hauptsächlich im Bereich frei reproduzierbarer Güter — dann eine wichtige Rolle bei der Evolution ihres Bewusstseins gespielt haben werden. Aufgrund der Natur des Kapitalismus ist diese Konfrontation unvermeidlich.

Das ist meine Antwort:

OK, lass uns der (am meisten) interessierenden Frage der Transformation zuwenden. Welche Formen wird der kommende Konflikt haben, wenn die Peer-Produktion den Kapitalismus in der Sphäre stofflicher Produktion herausfordert? Was geschieht dann mit der Eigentümerschaft?

Zuerst sollten wir sehen, dass es die Konfrontation im Bereich Informationsgüter, die einfach kopiert werden können, bereits gibt. Lass uns annehmen, dass wir diese Konfrontation auf lange Sicht gewinnen werden. Dies wäre der erste wichtige Sieg über das proprietäre Eigentumsregime und über das Privateigentum, aber verglichen mit stofflichen Gütern wird das ein Spaziergang gewesen sein.

Aber was genau hat hier eigentlich gewonnen? Es sind die Commons (Gemeineigentum) über das proprietäre Eigentum, es ist der gemeinsame Besitz über das Privateigentum. Das Privateigentum wird also nicht innerhalb seines eigenen Reiches angegriffen, sondern ein neues Reich wird neben dem alten aufgebaut: Die Commons fordern das Privateigentum heraus. Ok, das stimmt nicht so ganz, es gibt auch Angriffe innerhalb des alten proprietären Regimes, etwa die Piraten, aber die Piraten sind Verbündete beim Aufbau der Commons. Es ist eine Art Doppelangriff: Untergraben des alten Regimes durch die Piraten und Aufbau der Commons außerhalb des Privatregimes.

Was ist nun mit den stofflichen Gütern? Christians „From exchange to Contributions“ ist Pflichtlektüre in dieser Hinsicht. Auf einer allgemeineren Ebene kann man sagen, dass die Ausdehnung der Peer-Ökonomie hinein in die Sphäre stofflicher Güter auf den gleichen Prinzipien beruht wie die commons-basierten Informationsgüter. Daher werden wir auch ähnliche Konfrontationen erleben. Es wird die alten Bewegungen geben, die mit dem alten Privateigentumsregime auf seiner Grundlage kämpfen (Löhne etc.). Diese sind jedoch nicht in der Lage, irgendetwas Neues aufzubauen. Das Neue wird außerhalb der alten Verhältnisse von Waren, Tausch, Geld usw. aufgebaut werden — auf der Basis der Commons, die rund um Besitz (und nicht Eigentum) geschaffen werden.

Wie können wir besitzbasierte Commons in einem Ozean von Privateigentum aufbauen, insbesondere wenn es um stoffliche Güter geht, wo jedes Teil hergestellt werden muss und dafür einen konstanten Fluss von Ressourcen benötigt? Nun, mehr oder weniger auf die gleiche Weise wie wir das schon im Informationsbereich taten: Durch das Aufbauen von Projekten, die innen frei von alten Verhältnissen sind (kein Geld, kein Tausch etc.) und mit der Außenwelt verbunden sind durch schmale Schnittstellen, um das Überleben in einer fremden Umgebung zu gewährleisten. Mit Bezug auf Informationsgüter bedeutet das, dass die Lebensmittel innerhalb der alten Verhältnisse erworben werden, etwa als Programmierer/in in einer Firma (oder als eigene Firma, das spielt keine Rolle), wobei die interne Selbstorganisation des Freien Softwareprojekts davon frei ist. Mehr oder weniger. Natürlich gibt es gemischte Formen (einfach/doppelt frei), doch aus analytischen Gründe vernachlässige ich das hier. Das bedeutet, dass die Schnittstelle zwischen der Warenwelt und der freien Welt durch jede Person hindurch geht, die an einem commons-basierten Peer-Projekt teilnimmt.

Dieses „Schnittstellen-Design“ wird bei stofflichen Gütern anders sein. Hier gibt es nicht nur das Problem des Überlebens des Individuums und der Pflege der persönlichen Produktionsmittel, hier gibt es auch die Anforderung des konstanten Flusses von Geld aus der äußeren Welt in das Projekt, solange das Projekt oder eine Gruppe von Projekten, die einen gemeinsamen Verteilungspool betreiben, nicht in der Lage sind, sich mit den notwendigen Ressourcen selbst zu versorgen. [Anmerkung: „außerhalb“ ist ausschließlich logisch gemeint, nicht physisch, es kann irgendwo sein] Es ist das Ziel, den inneren Bereich der Projekte auszuweiten, frei von äußeren Verhältnissen zu sein und die Schnittstellen zur Warenwelt zu minimieren. Nochmals der Hinweis auf Christians Buch, in dem er über die inneren Beziehungen schreibt, die frei von Tausch, Markt, Geld etc. sind und auf der Aufwandsteilung basieren — ich kann das hier also überspringen.

Es gab einige Diskussionen und Ideen im (deutschsprachigen Teil) des Keimform-Blogs in Bezug auf das „Interface-Problem“, auf die ich mich hier beziehe:

Benni schlägt ein Grundeinkommen als Voraussetzung vor, um stoffliche Peer-Projekte zu starten, die die oben genannten Vorausetzungen erfüllen. Er entwickelte drei Bedingungen für einen Start: (1) Es muss sich um ein Bereich handeln, der durch Monopolisten dominiert wird, da Monopolisten träge sind und man auf Unterstützung von Konkurrenten des Monopolisten hoffen kann (das MS-Schema); (2) es muss ein Bereich sein, der dezentral organisiert werden kann mit einer minimalen Investition und der Möglichkeit, Monopolisten aus-zukooperieren; (3) es muss ein Bereich von vitalem Interesse des Kapitalismus sein, vielleicht etwas im Infrastrukturbereich.

StefanMz möchte eine breite Debatte haben, um neue Ideen zu gewinnen, wie dieses Problem gehandhabt werden kann, da es viele Probleme im Detail gibt: Wie wird verhindert, dass die Warenlogik die inneren Beziehungen beeinflusst? Wie wird verhindert, dass Produkte aus der inneren Peer-Produktion nicht innen verwendet, sondern draußen verkauft werden? Wie soll mit dem Trittbrettfahrer-Problem umgegangen werden? Wie wird das Verlassen des Projektes organisiert? Was ist mit Forks (Spaltungen)? Wie kann sicher gestellt werden, das alle Mittel eines Projekts innerhalb der Commons verbleiben (als gemeinsamer Besitz) und nicht verkauft werden können (als Eigentum)? Etc.

Christian schlug zwei Geldsammelverfahren vor, um eine stoffliche Peer-Produktion zu organisieren, die auf seinem Modell basiert. Erstens, eine Person gibt Geld in das Projekt und schätzt selbst ein, welche Menge an gewichteter Arbeit dieses Geld repräsentiert. Zweitens, das Einbringen von Geld in das Projekt ist eine von vielen Aufgaben, wobei die gewichtete Arbeit durch die gleichen Versteigerungsmechanismen gebildet wird wie für alle anderen Aufgaben.

Ok, lass uns für eine Weile annehmen, dass wir laufende commons-basiertes Peer-Projekte für stoffliche Güter haben, in denen die Güter zwischen Projekten und Projektmitglieder — wo immer möglich — verteilt werden (basierend auf Aufwand oder wie auch immer), und dass definierte Schnittstellen zur Warenwelt verwendet werden, um an Geld zu kommen für den „Import“ von Produktionsmitteln, die zu dieser Zeit noch nicht selbst hergestellt werden können. Klingt ähnlich wie die Situation der früheren staatskapitalistischen Länder, aber ich übergehe die Diskussion der Differenzen. Lass uns annehmen, dass diese ausgeweitete Keimform einer Peer-Ökonomie den Kapitalismus erfolgreich in Hinsicht auf Effizienz und Befriedigung von Bedürfnissen herausfordert. Welche Arten von Konfrontation können entstehen?

Um das zu diskutieren, beziehe ich mich auf das Fünfschrittmodell, grob beschrieben hier (englisch) und etwas ausführlicher hier (englisch).

Während der Schritte 1 und 2 (Auftreten der Keimform und Krise des Alten) können Kapitalismus und Privateigentümer die Keimform einer Peer-Produktion mehr oder weniger komplett ignorieren, da sie sich völlig außerhalb des Geld-Ware-Kreislaufes befindet. Bei Schritt 3 (Entwicklung der Keimform zu einer wichtigen Entwicklungsdimension, auch für den Kapitalismus) können einige Privateigentümer an einer Ausweitung der commons-basierten Produktion als Mittel interessiert sein, um in der Konkurrenz mit anderen, insbesondere Monopolisten, besser zu bestehen. Es gibt jedoch einen Unterschied zu Informationsgütern. Im Fall von IBM etwa unterstützt die Firma stark die Freie Software, um ihre Marktposition gegenüber Konkurrenten zu verbessern. Während hier commons-basierte Informationsgüter von Privatfirmen zur Kostenreduktion verwendet werden können, ist dies bei stofflichen Güter anders: Die Güter können nur innerhalb des Commons-Reiches benutzt werden. Daher ist der antimonopolistische Effekt schwächer als bei den Informations-Commons. Eine wirkliche Bedrohung für den Kapitalismus tritt auf dieser Stufe jedoch nicht auf.

Das ändert sich, wenn die 4. Stufe erreicht wird, wo die neue Produktionsweise, die Peer-Ökonomie, dominant wird. Dieser Prozess kann durch das Austrocknen der Märkte und dem Ersetzen durch nicht-monetäre Formen der commons-basierten Peer-Produktion erreicht werden. Das kann zu einigem Ärger führen, aber es berührt eigentlich nicht die alte Logik: Jeder, der will, kann auf den schrumpfenden Märkten weiter Kapitalismus spielen. Was ist mit dem Privateigentum? Nun, die Peer-Ökonomie kauft den Kapitalismus schrittweise auf. Sie übernimmt die Produktionsmittel, wenn sie für die Profitproduktion nicht länger gebraucht werden. Umso mehr sie übernimmt, umso niedriger werden die Preise sein. Und wieder kann dieser Aufkaufprozess zu einigem Ärger führen, aber es gibt keine Notwendigkeit für eine direkte Konfrontation mit den Kapitalisten auf ihrer Grundlage. Nun kann es auch dazu kommen, dass Arbeiter sterbende Fabriken übernehmen und sie in die Peer-Ökonomie überführen, aber das wird nicht der Regelfall sein. Vielleicht dann, wenn der Kapitalismus kollabiert und die Peer-Ökonomie stark genug ist, die gestrandeten Menschen und Fabriken aufzunehmen. Eine weitere potenziell größere Gefahr kann die Konfrontation mit Staaten sein, aber ich nehme an, dass sich das politische System auch ändert, so dass solche Konflikte friedlich ausgetragen werden können (sehr optimistisch).

Das ist alles Fiktion, Science Fiction mit dem Sinne unsere Vorstellungskraft zu mobilisieren, wohin wir gehen sollten. Die Grundidee besteht darin, Privateigentum in commons-basierten Besitz für die Peer-Produktion umzuwandeln. Nicht durch einen gewalttätigen Akt, nicht durch einen staatlichen Akt, sondern Schritt für Schritt durch Aufkauf oder Spende oder andere Formen der Übernahme. Dieses Szenario spielt nicht das alte Spiel auf den alten Grundlagen von Ware, Tausch, Geld etc., sondern eröffnet ein neues Spielfeld durch die Etablierung neuer Beziehungen zwischen den handelnden Menschen auf Grundlage ihrer Bedürfnisse.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Theorie

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10. März 2008, 09:00 Uhr   1 Kommentar

1 Transformation and ownership — keimform.de (10.03.2008, 09:03 Uhr)

[…] gibt eine deutsche Übersetzung dieses […]

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