Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Slavoj Žižek über Commons

Slavoj Žižek (CC-BY-SA)Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hat einen interessanten Artikel über die Aktualität 68er-Slogan »Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche« geschrieben [via]. Dabei hat sich Žižek mit den »Commons« (Gemeingütern) einen neuen Leitbegriff zu eigen gemacht und damit vier »Antagonismen« ausgemacht, die die »unendliche Reproduktion« des Kapitalismus verhindern:

… die drohende ökologische Katastrophe, die Unangemessenheit von privatem Eigentum im Falle des sogenannten „intellektuellen Eigentums“, die sozio-ethischen Implikationen der neuen technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen(insbesondere die Biogenetik) und, last, but not least, die neuen Formen der Apartheid, neue Mauern und Slums.

Die ersten drei Widerstände betreffen die Domänen, die Michael Hardt und Toni Negri die „Commons“ nennen, die gemeinsame Substanz unserer sozialen Existenz, deren Privatisierung ein gewalttätiger Akt ist, dem nötigenfalls auch mit Gewalt widerstanden werden muss. Einerseits gibt es die Commons der äußeren Natur, die durch Verschmutzung und Ausbeutung (von Rohstoffen bis zu natürlichen Lebensräumen) bedroht werden; die Commons der inneren Natur (das biogenetische Erbe der Menschheit) und schließlich die Commons der Kultur, das unmittelbar sozialisierte „kognitive“ Kapital, besonders Sprache, unsere Kommunikations- und Erziehungsmedien, aber auch die von uns allen geteilte Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs, der Elektrizität, Post etc. Wenn wir Bill Gates erlauben würden, seine Monopolstellung zu behaupten, dann hätten wir die absurde Situation erreicht, dass ein Privatmann buchstäblich die Software-Struktur unseres grundlegenden Kommunikationsnetzes besitzt.

Wir beginnen langsam, die zerstörerischen Potenziale zu begreifen, die entfesselt werden, wenn wir der kapitalistischen Logik erlauben, Amok zu laufen. Nicholas Stern hatte recht, als er die weltweite Klimakrise als „das größte Marktversagen der Menschheitsgeschichte“ charakterisierte. Steht denn die Notwendigkeit, einen Ort für globale politische Aktion zu schaffen, die fähig ist, Marktmechanismen zu neutralisieren und zu kanalisieren, nicht für eine im eigentlichen Sinne kommunistische Perspektive? Die Idee der Commons rechtfertigt die Wiederbelebung der kommunistischen Idee: Sie erlaubt, die fortschreitende „Einschließung“ der Commons als Prozess der Proletarisierung derer zu sehen, die dabei von ihrer eigenen Lebenssubstanz ausgeschlossen werden. Im Kontrast zum klassischen Bild der Proletarier, die „nichts als ihre Ketten zu verlieren haben“, sind wir daher alle in Gefahr, alles zu verlieren: Wir sind alle davon bedroht, zu leeren Cartesianischen Subjekten reduziert zu werden, allen substanziellen Inhalts beraubt, auf genmanipulierter Basis in einer lebensfeindlichen Umwelt dahinvegetierend. Diese Bedrohung unseres gesamten Daseins macht uns gewissermaßen alle zu potenziellen Proletariern. Um zu verhindern, dass wir tatsächlich dazu werden, bleibt nur präventives Handeln.

Slavoj Žižek hat mit dem Begriff der Commons (warum er den Begriff allerdings Hardt/Negri zuschreibt, ist mir schleierhaft) begonnen, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen (anders als etwa Joachim Hirsch). Er untersucht die gesellschaftliche Transformation von den Commons aus, dies allerdings noch — und das ist gewissermaßen noch das »alte« — in Begriffen der Unterworfenheit, bloßen Nutzung, Abwehr und Defensive. Interessant wäre es, würde er diese Perspektive noch einmal nach vorne wenden und die Transformation von der Schaffung der Lebensbedingungen durch die Menschen, von der Produktion und von der Herstellung neuer sozialer Vermittlungsverhältnisse aus denken. — Die »philosophische Power« sollte er besitzen.

Kategorien: Medientipp, Reichtum & Knappheit, Theorie

Tags: , ,

20. Mai 2008, 00:07 Uhr   16 Kommentare

1 benni (20.05.2008, 09:00 Uhr)

Naja, dem Salon-Leninisten Žižek hängt IMHO sehr viel mehr „altes“ an als Hirsch, nur weil er halt mal eins von unseren Buzzwords entdeckt hat ist da ja noch kein Perspektivwechsel (Disclaimer: hab nur das Zitat hier gelesen, noch nicht den Artikel) …

Tatsächlich ist im Commonsdiskurs aber wirklich sehr viel von dem was man unter Marxisten sonst „ursprüngliche Akkumulation“ nennt vorhanden. Da sollten auch die Krisisleute mal verstärkt drauf gucken. Krise und ursprüngliche Akkumulation passt ja erstmal nicht so dolle zusammen, oder?

2 Johannes (20.05.2008, 09:21 Uhr)

Schön, daß Žižek auch klar und deutlich werden kann, wenn er sich kurz fasst. 🙂

Leider endet das Ganze, in dem nichtzitierten Abschnitt, wieder wie gewohnt, diffus:
Die wahre Utopie ist der Glaube, dass das existierende globale System sich unendlich weiter reproduzieren kann; der einzige Weg, wirklich realistisch zu sein, ist das ins Auge zu fassen, was innerhalb der Koordinaten dieses Systems schlichtweg unmöglich scheinen muss.

Welches existierende globale System kann sich unendlich reproduzieren und wie unterscheidet es sich von den Koordinaten dieses Systems? Da wo der Begriff der Commons spannend wird, bricht Žižek ab.

3 StefanMz (20.05.2008, 09:58 Uhr)

@benni: »Salon-Leninist«, *LOL*, höre ich zum ersten Mal 😀

Das ist doch sehr nett, wenn _ich_ Poststrukturalisten anführe und _du_ Reformmarxisten hoch hältst 🙂

Das mit der »ursprünglichen Akkumulation« verstehe ich übrigens nicht. Meinst du die »Einhegung der Commons«, also Privatisierung und Co?

@Johannes: Ich würde nicht ausschließen, dass es sich bei dem von dir zitierten diffusen Ende um einen Übersetzungsfehler handelt (vielleicht ist ein »nicht« verlorengegangen). Schließlich schreibt er vorher explizit darüber, dass der »gegenwärtige, globale Kapitalismus ausreichend starke Antagonismen (hat), um seine unendliche Reproduktion zu verhindern«. Und am Schluss soll man an das Gegenteil glauben (das »existierende globale System« ist doch nun mal der Kapitalismus)? Oder ich bin zu blöd, den verborgenen Sinn zu entdecken…

4 benni (20.05.2008, 11:13 Uhr)

@Stefan: Ist der Poststrukturalist? Na kann sein, ich konnte jedenfalls mit seinem Kram noch nie viel anfangen und ärger mich immer über seinen aufgesetzten Revoluzzergestus. Aber denkbar, dass das nur stilistische Irritationen sind, näher hab ich mich mit ihm noch nicht befasst. Aber wann hast Du je einen „Reformmarxisten“ hochgehalten? 😉

Zu der anderen Frage: Ja, „Einhegung der Commons“ == „ursprüngliche Akkumulation“

5 Christian Siefkes (20.05.2008, 14:00 Uhr)

@Stefan: mir scheint, du hast ihn falsch verstanden, was das Ende betrifft: er verwendet „Utopie“ hier IMHO im Sinne von „das Unmögliche, das ganz und gar Unrealistische“. Das Ende besagt somit sinngemäß:

„Wer glaubt, dass das existierende globale System sich unendlich weiter reproduzieren kann, irrt sich gewaltig; der einzige Weg, wirklich realistisch zu sein, ist [dass wir uns neues System bauen], auch wenn das heute unmöglich scheinen muss.“

Bleibt zwar vage (was genau man da „ins Auge fassen“ soll, sagt er nicht), ist aber nicht falsch 🙂

6 StefanMz (20.05.2008, 15:47 Uhr)

@Christian: Ok, mit dieser Übersetzung von »Utopie« ergibt das wieder Sinn. Danke für die Übersetzungshilfe.

@benni: Die »Einhegung« der Commons eine (sog.) ursprüngliche Akkumulation zu nennen, halte ich für nicht mehr als eine illustrative Analogie, die aber eigentlich nicht passt: Das Problem heute ist nicht, initial Kapital und Arbeitskräfte zu besorgen, sondern reichlich vorhandenes Kapital und Arbeitskräfte überhaupt zu verwerten.

7 Thomas Berker (20.05.2008, 16:39 Uhr)

Begriff der Commons (warum er den Begriff allerdings Hardt/Negri zuschreibt, ist mir schleierhaft)

Žižek sagt nicht, dass Negri/Hardt den Begriff erfunden haben, sondern präzisiert seinen spezifischen Gebrauch durch Hinweis auf diese Autoren. Was hier von ihm zitiert ist, ist – soweit ich das sehe – Negri/Hardt pur, ohne dass Žižek besonders viel Eigenes hinzufügt.

Ist der Poststrukturalist?

Was immer das auch sein soll… Ich mag Žižek am liebsten als Lacanianer/Lacan-Popularisierer.

8 StefanMz (20.05.2008, 17:32 Uhr)

@Thomas: Hast du eine Quelle, wo Hardt/Negri den Begriff der Commons inhaltlich dargestellt haben (im »Empire« war’s nicht, soweit ich erinnere)?

9 Thomas Berker (20.05.2008, 17:43 Uhr)

Doch schon Empire, s. 300-303 (Empire Volltext).

10 StefanMz (20.05.2008, 21:24 Uhr)

Thomas, ich kann da nichts finden. Auf den Seiten 300-303 vom »Empire« im Kapitel »Die Soziologie der immateriellen Arbeit« geht es eben um jene — von Commons lese ich da nichts (auch nicht im übertragenen Sinne).

11 StefanMz (20.05.2008, 21:35 Uhr)

@Thomas: Ah, ich habs: In der deutschen Ausgabe von »Empire« steht der Abschnitt auf den Seiten 312 bis 314 unter den Titel »Gemeinsames«, was eine etwas irreführende Übersetzung von »Commons« ist.

12 Thomas Berker (20.05.2008, 21:56 Uhr)

Puh, „Gemeinsames“ ist als Übersetzung eine ziemliche Katastrophe.

13 benni (21.05.2008, 12:49 Uhr)

@stefan: Du sagst „Die »Einhegung« der Commons eine (sog.) ursprüngliche Akkumulation zu nennen, halte ich für nicht mehr als eine illustrative Analogie, die aber eigentlich nicht passt: Das Problem heute ist nicht, initial Kapital und Arbeitskräfte zu besorgen, sondern reichlich vorhandenes Kapital und Arbeitskräfte überhaupt zu verwerten.“

Das stimmt doch nur hierzulande und das auch nur teilweise. Global gesehen wird massiv ursprünglich akkumuliert. Was sind denn die Milliarden in den Slums anderes als von der ursprünglichen Akkumulation Vertriebene?
Mag sein, dass die ursprüngliche Akkumulation heute manchmal mit anderen Zielen verfolgt wird als vor 300 Jahren, aber das heisst ja nicht, dass sie nicht stattfindet.

14 Silke Helfrich (25.05.2008, 00:41 Uhr)

Zur Analogie „Einhegung der Commons“ und „ursprüngliche Akkumulation“; ich hab zwar ML studieren müssen, aber Ihr seid die Experten (so ist das, wenn man sich freiwillig mit etwas befassen darf ;-))
Wenn ich mich recht erinnere, geht es bei der „ursprünglichen Akkumulation“ im Wesentlichen um die Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln, so dass am Ende den Produktionsmittellosen nichts anderes übrig bleibt, als ihre Arbeitskraft zu verkaufen.
Wenn man commons als Beziehung und nicht als Ressource zur Produktion oder Reproduktion definiert (eben nicht nur als Sprache, code, DNA, Wasser, Boden, Atmosphere, Tiefsee, Klänge usw) definiert, und wenn man nicht nur aus der Wissensallmendeecke guckt, dann wäre der Einhegungsprozess genau das: Die (gewaltsame) Auflösung dieser Beziehung. Die Trennung von Gemeinressourcen, die für jeglichen Produktionsprozess unentbehrlich sind, von den „commoners“ (um’s mal etwas altbacken auszudrücken. In dem Punkt bin ich mit Žižeks Bezug auf marxistische Theorien einverstanden.

Ursprüngliche Akkumulation gibt es auch hier noch. Wissensgesellschaft hin oder her. Bodenspekulation ist so ein Ding. Kann jeder Mieter in „teuren Lagen“ ein Lied von singen. Boden ist nun aber das ursprünglichste aller Commons.

15 Commons und ursprüngliche Akkumulation — keimform.de (25.05.2008, 18:07 Uhr)

[…] Anschluss an einen Beitrag über Slavoj Žižek stellte Benni die These auf, dass »im Commonsdiskurs … sehr viel von dem was man unter Marxisten sonst […]

16 Annette (26.02.2016, 11:45 Uhr)

Ähnlich beschreibt Žižek die Antagonismen des Kapitalismus auch in seiner neuen Schrift „Der neue Klassenkampf“ (S. 83f.).
Er führt hier weiter aus, dass die ersten drei Antagonismen auch in einer autoritären Weise „gelöst“ werden könnten, aber der vierte Antagonismus, die globale Apartheid, die durch die Massenflucht und ihre Abwehr gegenwärtig hochaktuell ist, nur durch „einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus“ gelöst werden kann.

Schreibe einen Kommentar