Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Sind Freiräume Keimformen?

Einem Artikel bei Emanzipation oder Barbarei entnehme ich, dass man scheinbar die in der Linken immer wieder gerne genannten „Freiräume“ mit „Keimformen“ verwechseln kann. Wie das? In dem Artikel heisst es am Schluß:

Was es statt Kapitalismus dann geben könnte, weiß allerdings niemand so richtig. Keimformen, meinen die einen. Andere halten das hingegen für regressiv. Aber dazu vielleicht später mehr.

Ich hab mich ja schon gefreut, dass sich vielleicht mal endlich jemand aus der radikalen Linken substantiell und gerne auch kritisch mit unseren Thesen auseinandersetzt und stürzte mich also auf den verlinkten Text. Leider mußte ich dann aber feststellen, dass da garnichts über Keimformen drinsteht. Das Wort kommt im Text noch nicht mal vor. Statt dessen geht es nur um das Verhältnis von Theorie und Praxis am Beispiel zweier momentan verbreiteten Szene-Hypes, eben zum einen den „Freiräumen“ und zum anderen den Theoriezirkeln (wobei beides wohl eher evergreens als hypes sind). Lustigerweise kann ich dem Text, der mir als Keimformkritik präsentiert wird in weiten Teilen zustimmen, wenn es dort zum Beispiel heißt,

„Die Vorstellung, innerhalb des Freiraums die gesellschaftlichen Zwänge abzumildern oder gar aufzuheben und so letztlich den Kapitalismus zu überwinden, ist folgerichtiger Weise zweckoptimistisch und nur begrenzt reflektiert. Das kann nur funktionieren, wenn die Existenz des Kapitalismus an das unmittelbar bewusste Wollen und Handeln der gesellschaftlichen Akteure geknüpft ist. Sobald nur der Wille bestünde, aus dem Kapitalismus auszusteigen, würde sich das entsprechende Tun, die Praxis, von selbst ergeben. Oder einfacher ausgedrückt: Wer nur will kann jederzeit und überall aus dem Kapitalismus aussteigen. Die Attraktivität dieses Konzepts mag aus der relativen Perspektivlosigkeit linker Praxis resultieren. Wenn es gerade keine starke linke Bewegung gibt und auch keine in Sicht ist, scheint es am angenehmsten oder sinnvollsten zu sein, sich in sein autonomes Jugendzentrum oder sein linkes Wohnprojekt zurückzuziehen und zu versuchen das bisschen Spielraum, was geblieben ist, zu verteidigen. Die Verteidigung des bestehenden Freiraums, etwa eines besetzten Hauses, wird dabei leicht zum einzigen politischen Projekt und bindet Kapazitäten, anstatt welche zu schaffen. Sich dabei noch einzureden, es ginge um eine grundsätzliche Umwälzung der bestehenden Verhältnisse, bzw. dass diese Verhältnisse im Freiraum bereits aufgehoben wären, greift zu kurz.“

finde ich das völlig richtig. Und genauso ist die Begrenztheit theoretischer Kritik dort gut gefaßt in den Worten

„So wenig wie blinder Bewegungsaktionismus etwas mit realer gesellschaftlicher Bewegung zu tun hat, so wenig ist Theorie kritisch, die sich darauf beschränkt, bloß die bestehenden Verhältnisse zu beschreiben, anstatt ihnen den Kampf anzusagen. Sie muss darüber nachdenken, wie die formulierte Kritik praktisch werden kann – im materialistischen Sinne einer Aufhebung des falschen Ganzen. Nicht die Hinwendung zu einer gründlichen Analyse und zunächst ganz unpraktischen Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ist also das Problem der Theoriearbeit – wie es von BewegungsfetischistInnen moniert wird -, sondern die Abkehr vom Wunsch, die entwickelte Kritik wirkungsmächtig, also praktisch werden zu lassen.“

Das dann aber ein eigener Block auf einer Demo die Antwort auf diese Probleme sein soll, sehe ich nun gerade nicht. Aber darum solls jetzt mal hier nicht gehen, sondern um den Unterschied von Freiräumen und Keimformen.

Keimformen unterscheiden sich von Freiräumen vor allem dadurch, dass sie nicht versuchen einen Raum außerhalb des Kapitalismus zu schaffen, sondern dass sie versuchen, nichtkapitalistische Logik im Kapitalismus umzusetzen. Durchaus mittendrin. Das klingt natürlich widersprüchlich ist es aber dann nicht, wenn man sich klar macht, dass Kapitalismus ja nun mal sowieso schon eine ziemlich widersprüchliche Angelegenheit ist.

Dabei können sich Freiräume durchaus zu Keimformen entwickeln, wenn es ihnen gelingt sich einzumischen. Wenn sie also aus der oben geschilderten lähmenden Defensive rauskommen. Eine Freie Schule z.B. ist zunächst mal ein Freiraum in dem man die eigenen Kinder vor den Zwängen des Schulsystems schützen will (was ja etwas sehr wertvolles ist, aber eben nunmal nicht besonders transformierend). Wenn es aber gelingt darüber auf die gesammtgesellschaftliche Entwicklung Einfluß zu nehmen, kann daraus durchaus etwas keimförmiges werden. Umgekehrt können aber auch Entwicklungen wie z.B. die Freie Software, die nun eigentlich garnichts von einem Freiraum hat, zu Keimformen werden. Freiräume sind also nicht privilegiert Keimformen zu werden, es ist auch nicht ihr einziger Zweck und oft auch nicht ihr wichtigster.

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen, Theorie

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18. August 2008, 09:54 Uhr   10 Kommentare

1 mond (18.08.2008, 10:33 Uhr)

Keimform vs. Freiraum. Ich seh das eher so: Der „Freiraum“ ist die Petrischale in der etwas „keimen“ kann. Dort kann/muss aber nicht unbedingt etwas keimen. Aber damit alternativen zum bestehenden, kapitalistisch organisierten System wachesen können ist der Freiraum schon nützlich. Insofern würde ich jetzt den Satz „Freie Software, die nun eigentlich garnichts von einem Freiraum“ in Frage stellen. Freie Software keimt in einem bestimmten Freiraum: ProgrammiererInnen die genügend Verdienen um sich ihr Hobby leisten zu können. Firmen denen die mit Software keinen Gewinn mehr machen wollen weil sie angesichts des M$-Monpols nur noch hoffen können mit anderem Geld verdienen zu können und daher Freie Software als Waffe im Konkurrenzkampf einsetzen. Die Mechanismen sind vielfältig aber es sind hier „Freiräume“ vorhanden. „Freiraum“ ist alles was es erlaubt sich temporär der Kapitalistischen Logik zu entziehen. Solche Freiräume braucht auch die Freie Software.

Die Produktion Freier Software als Beispiel für Kooperation statt kapitalistischer Konkurrenz

lg mond.

2 benni (18.08.2008, 10:48 Uhr)

@mond: ja, das stimmt so vielleicht, aber die „Freiräume“ von denen in der Linken normalerweise die Rede ist, sind ja andere. Besetzte Häuser, Landkommunen, sowas. Zu Deinen Punkten im einzelnen: Die Firmen, die FOSS einsetzen handeln explizit _nicht_ in einem Freiraum sondern im Gegenteil unter normalem kapitalistischen Konkurrenzdruck. Die gutbezahlten Programmierer handeln auch durchaus auch im Einklang mit kapitalistischer Logik, deren Hobby ist oft genug auch Fortbildung und „Hobby“ ist ja auch etwas typisch kapitalistisches, das braucht man ja überhaupt nur, weil man bei der Arbeit eben nicht man selbst sein kann.

Etwas anderes wäre zu sagen, dass FOSS auch wieder Freiräume _schafft_, weil man zB. eben keine teure CMS-Software braucht um online zu gehen sondern alles frei verfügbar ist und veränderbar.

3 mond (18.08.2008, 11:37 Uhr)

naja. Es gibt kein „ausserhalb“ und so sind auch die besetzen Häuser teil des Systems (insbesondere dass die vorher leer standen ist ja auch der kapitalistischen Logik geschuldet). Die „Freiräume“ sind im übrigen nie 100% Freie sondern nur in einigen Aspekten (Auch HausbesetzerInnen kaufen Bier und Tofu im Laden um die Ecke….) Was ein erfolgreiches Projekt in so einem Freiraum ausmacht ist wohl gerade die Balance zwischen der anti- und akapitalistischem einerseits und der Angepasstheit und kompatibilität mit dem System andererseits. (Die LadenbesitzerInnen unterstützen eventuell das Besetzungsprojekt weil sie auf Umsatzsteigerung hoffen. Ein leeres Haus kauft keine Brötchen. etc..)

Jede „Keimform“ muss im Bestehenden wachsen können. Man/Frau kann sich eine „andere Welt“ nicht einfach nur herbeiwünschen sondern muss sie im hier und jetzt bauen. Was aber nicht heisst dass es nicht über das hier und jetzt hinauswachsen kann….

mond.

4 benni (18.08.2008, 12:42 Uhr)

@mond: sicherlich muß man das Verhältnis von „Freiraum“ zu „Keimform“ vielleicht nochmal genauer fassen. Mir gings erstmal nur darum, dass sie nicht identisch sind. Siehst Du das anders?

5 mond (18.08.2008, 14:01 Uhr)

nein. sind eben sowenig ident wie die petrischale und ihr inhalt…

6 benni (18.08.2008, 14:24 Uhr)
7 Juli (06.09.2008, 10:15 Uhr)

Tut mir leid das ich mich erst jetzt melde, aber ich habs einfach nich früher geschafft. Du schreibst:

„Keimformen unterscheiden sich von Freiräumen vor allem dadurch, dass sie nicht versuchen einen Raum außerhalb des Kapitalismus zu schaffen, sondern dass sie versuchen, nichtkapitalistische Logik im Kapitalismus umzusetzen.“

In dem besagten Text läuft alles das unter „Freiraum“, was den Namen frei beinhaltet – also etwa auch (ausdrücklich erwähnt) Freie Radios. Und von denen hätte ich schon gedacht, das Du sie in die Nähe von Keimformen rücken würdest.

Darüber hinaus ist ja die Freiraum-Definition arg manipulativ: Woher nimmt der Text (und woher nimmst nun scheinbar auch Du) das wissen, das Leute in Freiräumen davon ausgehen, nichts mit dem Kapitalismus zu tun zu haben? Oder ist das jetzt lediglich ein Definitionsversuch, um ein analytisches Unterscheidungskriterium zu haben?

Dann fände ich Deine Unterscheidung recht klug. Nur ist das eben gerade nicht das verständnis der AutorInnen. Die würden deine Keimformen umstandslos (und begrifflos) den Freiräumen zuschlagen – und damit am eigentlichen Kern der Projekte vorbeischreiben.

8 benni (06.09.2008, 13:52 Uhr)

@Juli: Ich finde schon, dass es eine Unterscheidung braucht ohne damit Projekte zu „bewerten“. Ich bin mir aber selber unschlüssig. Jetzt am PE-Wochenende und in der Diskussion hinterher lag so ein bissschen in der Luft man müsste zwischen produktiven und unproduktiven Projekten unterscheiden. Das finde ich nun gerade nicht – auch wegen der unsäglichen marxistischen Debatte in dieser Frage. Allerdings bin ich selbst auch noch auf der Suche nach einer Unterscheidung. Ideen?

9 Juli (07.09.2008, 17:51 Uhr)

Na, ob es wirklich unproduktive Projekte gibt, weiß ich ja nicht. Das ist ja eher eine Kategorie des Kapitalismus, für den bestimmte Bereiche eben unproduktiv sind – im werttheoretischen Sinne. Aber was produziert wird ja immer. Insofern also Dinge oder Affekte oder was auch immer hergestellt. Selbst das Zirkus-Projekt stellt noch was her – gute Laune etwa.

Auch die Frage des Bewußtseins der Beteiligten zum Unterscheidungskriterium zu machen scheint mir schwierig. So nach dem Motto: Es gibt die Freiräume, die machen was, aber wissen nicht was sie da tun. Und es gibt die Keimformen, die haben ein Bewußtsein von ihrem Tun. Quasi als Ersatz für die Klasse an sich und die Klasse für sich.

Das überzeugt mich nicht, weil es dann – harte Kriterien für Bewußtsein angelegt – so ziemlich kein Projekt gibt, das als Keimform durchginge. Überhaupt ja eine spannende Frage, inwieweit und zu welchem Grad müssen die Leute eigentlich ein Verständnis davon mitbringen, das sie grade in ner Keimform (oder neudeutsch: im emanzipatorischem Transformationsprojekt) unterwegs sind? Ist es egal, weil es um den objektiven Prozess der Veränderung geht? Oder ist es wichtig, weil es ja um bewusste Vergesellschaftung gehen soll?

Ich sehe schon – es werden eher mehr Fragen als weniger. Nicht sonderlich hilfreich das Ganze… ,-)

10 Transparenz als Kriterium für Keimformen — keimform.de (08.09.2008, 10:31 Uhr)

[…] ein Kriterium für Keimformen sein kann oder gar muß. Juli holt das Thema in einem Kommentar zu meinem Artikel über Freiräume und Keimformen nun dankenswerterweise wieder aus der […]

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