Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Re-Taylorisierung in der IT-Industrie?

Am Dienstag war ich auf einem interessanten Vortrag bei den Wobblies. Der Referent berichtet aus der Praxis der proprietären Softwareentwicklung, dass es dort wieder einen neuen Trend zu taylorisierten Verfahren gibt. Und das, obwohl diese Strategie schon einmal gescheitert sei. Ursache sei die gesunkene Verhandlungsmacht der Entwickler nach dem Ende des New-Economy-Booms. Die Quintessenz seines Vortrags gibt es auch online.

Das widerspricht natürlich dem gleichzeitig auftretenden Trend zu FOSS. Freie Software lässt sich wohl kaum in standardisierte Prozesse pressen. Seiner Erfahrung nach wird aber Freie Software auch benutzt um Prozesse zu standardisieren und somit die Kontrolle über die Mitarbeiter zu erhöhen.

Wie sind eure Erfahrungen? Bedeutet das was für unseren Keimformdiskurs? Und wenn ja, was?

Kategorien: Feindbeobachtung, Freie Software, Praxis-Reflexionen

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4. Dezember 2008, 13:26 Uhr   2 Kommentare

1 sinthomat (04.12.2008, 16:23 Uhr)

Ist die Frage, was genau Du damit meinst. Sowas z.B.?

Produkt- und Prozessstandards stellen den Rahmen für die Produktentwicklung im Kontext des PIL dar. Formale Übergabepunkte Quality Gates am Ende jeder PIL Phase und zwischen bestimmten Subphasen garantieren dass Produkt- und Prozessstandards eingehalten wurden und der Output einer Phase bestimmten Qualitätskriterien entspricht so dass dieser als Input für die darauf folgende Phase dienen kann.

Ich bin nicht aus der Branche, aber eine solche Formalisierung scheint mir zuzunehmen. Begründet wird das mit der zunehmenden Komplexität von Softwareentwicklung, als auch mit ausgedehnteren Produktions- und Wertschöpfungsketten.

In der Management-Literatur wird sowas (und ähnliche Prozesse) schon länger diskutiert als „Explifikation impliziten Wissens“ (Nonaka/Takeuchi), in der Soziologie unter „Aneignung von Produzentenwissen“. (Referenz gerade nicht zur Hand.)

„Richtiger“ Taylorismus ist das nicht, man könnte diskutieren, was ähnlich dran ist. In jedem Fall wird es ähnlich wahrgenommen und führt offensichtlich nicht selten zu Demotivation, obwohl die Notwendigkeit von Standardisierung auch ein gutes Stück weit als begründet empfunden wird. (Alles mein Eindruck.)

Wäre die Frage, ob das bei FOSS wirklich so anders ist? Auch dort arbeitet man doch mit gemeinsamen Prozessen, Libraries, Sprachkonventionen?

2 benni (04.12.2008, 17:19 Uhr)

Ich mein ja garnicht. Ich hab ja nur die Meinung des Referenten wiedergegeben. Meine eigene kenn ich noch nicht, deswegen frag ich ja hier.

Ich hab auch nachgefragt, ob das mit FOSS nicht ganz genau so läuft. Tatsächlich ist da was dran. Es gibt ja zB auch bei FOSS den Trend zu festgelegten Releasezyklen. Die Modularisierung würde ich sogar bei FOSS als wesentlich größer ansehen als bei propriärer Software, weil ja die Firmen immer auf ihren Bibliotheken sitzen wenn sie nicht offen entwickeln.

Der Witz an der Taylorisierung sind ja aber wohl schon immer im Grunde nicht die Methoden, sondern das Ziel: Kontrolle. Man will so die Drückebergerei und den Schlendrian, der bei Lohnarbeitern gerne mal vorhanden ist, verhindern. Das ist bei FOSS natürlich witzlos, weil ja eh die Leute freiwillig dabei sind (oder von Firmen bezahlt werden, die freiwillig dabei sind).

Der ganze tayloristische Kontroll-Stack funktioniert also bei Software nur, wenn die ultimative Kontrolle – die Lizenz – stimmt.

Die New-Economy war vielleicht der Versuch das produktiv communityhafte und die Gruppenprozesse (Die Macht der Multitude) durch die Lizenz zu kontrollieren. Jetzt greift man wieder auf die alten Mittel zurück.

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