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Peer-Economy: Offene Fragen

Jetzt liegt ja Christians Vorschlag zur Peer-Economy schon eine ganze Weile vor. Ich schätze diesen Ansatz, weil er zumindestens in der Theorie den häufig gehörten Einwand gegen Keimformen, dass diese spätestens an der Grenze zur materiellen Ökonomie verlieren müssten, entkräftet. Darin hat er für mich eine ähnliche Rolle wie die Freie Software, die für mich vor allem ein Argument ist, dass globale Produktion in selbstorganisierter freier Kooperation auf hohem technischen Niveau möglich ist. Nun ist es leider so, dass praktische Argumente wesentlich besser funktionieren als theoretische. „Guckst Du hier“ überzeugt halt einfach mehr als „liest Du hier“.

Ich habe ja schon relativ früh meine Kritik, oder besser meinen Erweiterungsvorschlag zu seinem Konzept dargelegt. Meiner Meinung nach kann es keine dauerhaft funktionierende Peer-Economy geben ohne Grundauskommen. Dazu stehe ich auch weiterhin, auch wenn Christian dazu mal sagte, dass Grundauskommen sei eben genau das Ziel der Peer-Economy und könne deswegen nicht schon als Vorraussetzung gesetzt werden. Scheinbar beißt sich da eine Katze in den Schwanz.

Inzwischen ist mir noch was ganz ähnliches aufgefallen: Stefan hat die Peer-Economy mal eine „Übergangsgesellschaft“ genannt. Er hält an der kommunistischen Vorstellung einer Gesellschaft in der gilt „jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten“ fest. Da passt die Rechnerei mit der „weighted labour“ natürlich nicht dazu. Er hält die Peer-Economy dennoch für interessant, weil er meint, dass die „weighted labour“ sich irgendwann selbst überflüssig macht, wenn erst mal das Vertrauen da ist, dass es auch ohne geht. Ganz ähnlich wie der Sozialismus den Staat radikal reformiert hat mit dem Ziel, den Kommunismus zu erreichen, so würde die Peer-Economy den Tausch radikal reformieren, aber eben nicht abschaffen. Sozialismus 2.0 sozusagen.

Mir macht erstmal noch ein anderer Übergang zu schaffen: Wie soll man überhaupt den Übergang schaffen von unserer jetzigen kapitalistischen Ökonomie zur Peer-Economy? Offensichtlich müsste man klein anfangen und dann den Kapitalismus nach und nach in immer mehr Bereichen auskooperieren.

Doch wie überhaupt anfangen? Alleine wenn man sich überlegt, was das erste Projekt sein könnte, stößt man schon auf eine ganz zentrale Hürde: das Geld. Mir zumindestens ist auch nach wochenlangem Grübeln kein materielles Projekt eingefallen, was nicht einen stetigen Fluß an Geld bräuchte, um Ausgangsmaterialien oder Miete oder was auch immer zu bezahlen. Selbst wenn man „ganz unten“ anfangen würde in der Landwirtschaft, bräuchte man ja Traktoren und Düngemittel z.B. wenn man halbwegs effektiv arbeiten will. Ok, das muss noch keine prinzipielle Hürde sein. Auch viele immaterielle Freie Projekte brauchen einen steten Strom an Geld. Wikipedia fällt als prominentestes Beispiel ein. Da gibt es die Lösung über Spenden. Aber wenn man sich die Größenordnungen da anguckt, dann ist klar, dass man sowas im materiellen Bereich am Anfang nicht erreichen kann. Um zehntausende Spender zu kriegen, die ihre Serverinfrastruktur bezahlen, braucht die Wikipedia schließlich Millionen von Nutzern. Spendenfinanzierung scheint mir also erstmal kein guter Weg.

Eine andere Möglichkeit wäre es, Firmen zu gewinnen, die das finanzieren. Es müsste also ähnlich wie bei Freier Software ein Projekt sein, dass zum einen Infrastrukturnutzen für das Unternehmen hätte, und zum anderen ihm die Konkurrenz gegen einen Monopolisten ermöglicht. Vielleicht fällt jemandem dazu was ein? Mir bisher nicht.

Dann gäbe es noch die Möglichkeit, Geld innerhalb der Peer-Economy mit zu verrechnen, entweder als Ressource oder als Aufwand es zu erlangen. Das halte ich allerdings für keine gute Idee, weil damit „weighted labour“ quasi konvertierbar würde in Geld und damit ein zentraler Unterschied wegfiele, wieso die Peer-Economy keine Marktökonomie ist.

Beißt sich also auch diese Katze in den Schwanz? Können wir uns an den eigenen Haaren aus dem kapitalistischen Sumpf ziehen? Ich übergebe an das Publikum.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons

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8. Februar 2008, 22:09 Uhr   15 Kommentare

1 e.r. (08.02.2008, 23:14 Uhr)

aktuell kannst du nicht mal ne party machen, ohne geld von leuten zu nehmen, auch wenn du nix dran verdienen willst. oder einen spender bzw. eine gruppe von selbstlosen finanziers zu haben.

selbst wenn die intel-ingenieure keinen bock mehr auf den ganzen scheiß hätten, bleibt die frage, wie die masse überzeugen, so ne sauteure (i.e. ressourcenverschleißende) chipfabrik zu ermöglichen.

2 StefanMz (09.02.2008, 16:28 Uhr)

Du stellst natürlich die brennenden Fragen, aber es ist auch kein Wunder, dass wir sie nicht „mal eben“ gelöst oder auch nur beantwortet bekommen. Um es vorweg zu sagen: Ich habe auch keine geniale Lösung (früher sagte man: Patentlösung) zur Hand.

Ich mache mal das Szenario anhand meines Schalenmodells auf, erstmal das Zitat: »Wenn man es sich als Zwiebelschalenmodell vorstellen will, dann haben wir damit nun [2006!] die zweite Schale erreicht. Die dritte Schale, und das wurde ein einigen Stellen deutlich, wird der Kern der gesellschaftlichen Produktion sein«. Also die drei Schalen sind:

  1. Befreiung der Software
  2. Befreiung von Kultur und Wissen allgemein
  3. Befreiung der Produktion insgesamt, also v.a. auch der stofflichen

Wo stehen wir nun aber? Es ist ja noch keinesfalls so, dass der 1. Schritt schon erledigt wäre — proprietäre Software ist nach wie vor noch dominant. Mit Schritt 2 wurde gerade erst begonnen, und bei Schritt 3 zeigen sich die Ansätze noch komplett in der alten Form, also der Warenform. Kurz: Wir stehen noch immer ziemlich am Anfang.

Zentrales Merkmal einer Keimform nach dem Fünfschritt-Modell ist, dass sie (schön dialektisch) zwei sich gegenüberstehenden Eigenschaften gleichzeitig hat: Sie ist mit dem Kapitalismus unverträglich, d.h. auf ihrer Basis könnten man keinen Kapitalismus begründen, und gleichzeitig hilft sie in der gegenwärtigen Situation dem Kapitalismus und ist damit für diesen durchaus funktional. Beides gleichzeitig. Die recht unfruchtbaren Streits in der Linken über die Bewertung der Freien Software pendelte sozusagen zwischen diesen Polen — und habe diese (undialektische) Pendelei auf der Pro-FS-Seite durchaus mitgemacht.

Diese Sicht können wir nun umdrehen und als Kriterium ableiten: Wenn eine der beiden Seiten jeweils ohne die andere besteht, dann handelt es sich nicht um eine Keimform. Wenn also bestimmte Peer-Produktionsformen nur eine (oft aus der Not geborene) abweichende Warenproduktionsform darstellt, also vollständig kompatibel zum Kapitalismus ist, dann ist da nichts mit Keimform. Das heisst trotzdem nicht, dass dort nicht eventuell wertvolle Erfahrungen gemacht würden (also etwa in den Kommunen).

Umgekehrt: Wenn eine vorgebliche Keimform keine funktional-unterstützende Potenz für den Kapitalismus hat, dann wird sie wieder verschwinden. Oder drastisch: Wir werden niemals gegen den Kapitalismus eine eigene stoffliche Produktion hochziehen können. Die Frage ist also nicht nur, wo man etwa initial Kohle herbekommt, um ein Projekt zu starten, das nun mal monetäre Ressourcen verlangt. Sondern die Frage ist: Was hat der Kapitalismus davon, warum könnte er das Projekt haben wollen?

Das ist totale Kacke, sich über den Kapitalismus Gedanken machen zu müssen, um ihn auszubooten, aber meiner Meinung nach kommen wir nicht drumherum. Dabei können wir in tausend Fallen tappen.

Die zu lösende Frage ist: Wie funktioniert stoffliche Produktion gleichzeitig für und gegen den Kapitalismus? Was genau wirkt dort für und was unaufsaugbar gegen ihn? Noch mal ein Blick auf die Freie Software: Dort wirkt für den Kapitalismus der Faktor der Kosteneinsparung, gegen ihn die Nichtverwertbarkeit des Produkts. So eine Kombi wird nun auch gesucht. Da habe ich auch erstmal keine Idee (und sehe eigentlich nur Fallen).

Ich setze aber darauf, dass die Crowds diese Weisheit besitzen (sie wissen es nur noch nicht). Was wir also brauchen, ist eine breite Debatte darum, was jetzt ansteht zu überlegen. Und da sieht es zuallererst mal ziemlich mau aus. Das ist das, was mich immer wieder frustriert. Die allermeisten Leute sind nicht in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen. Die allermeisten haben (verständlicherweise) nur Geld für die eigene Reproduktion im Kopf, wenn sie an ihre tollen Projekte gehen oder gar in Blogs schreiben. Das wird bei der Republica08 auch wieder so sein. Großes Zähneklappern und auch völlig nachzuvollziehen. Aber wenn man eine andere Gesellschaft will, total selbst behindernd.

Soweit erstmal.

3 benni (11.02.2008, 09:50 Uhr)

@Stefan: Ja, das stimmt schon alles mehr oder weniger. Bis auf das mit dem Schalenmodell, aber lassen wir das grad mal beiseite, ist nich so wichtig. Wichtig ist das hier:

Was wir also brauchen, ist eine breite Debatte darum, was jetzt ansteht zu überlegen.

Hm. Das war eigentlich genau mein Punkt: Mit Debatte ist niemandem geholfen. Es braucht vorzeigbare Projekte, dann kommt die Debatte von alleine. Oder hat Stallman erst eine Debatte abgewartet bevor er das GNU-Projekt ins Leben gerufen hat? Klar, er wird seine Leute gehabt haben, mit denen er sich ausgetauscht hat, aber das haben wir ja auch.

Wir sollten also diesen Austausch nutzen um konkrete Projekte zu machen, die dem Kapitalismus seine Widersprüchlichkeit vortanzen, wie Du das ja ganz gut skizziert hast. Nur ist meine Phantasie da leider zur Zeit sehr begrenzt. Ein paar Randbedingungen könnte man vielleicht nennen:

1. Es muss ein Bereich sein, der monopolistisch organisiert ist. Monopolisten sind zum einen träge und zum anderen kann man da auf Unterstützung von Konkurrenten des Monopolisten hoffen.

2. Es muss ein Bereich sein der dezentral organisierbar ist. Große zentralisierte Produktionseinheiten funktionieren nicht im Übergang. Die einzelnen dezentralen Einheiten müssen mit einem Minimum an Investitionen verbunden sein. Diese dezentrale Organisation müsste in der Lage sein, die bisherige Organisationsform zumindest strukturell auszukooperieren.

3. Es muß ein Bereich sein von vitalem Interesse für den Kapitalismus. Vielleicht was aus dem Infrastrukturbereich?

Die Stromkonzerne fallen mir ein, aber wie kann man die dezentral auskooperieren? So eine Art Ökostrom wo man mit „weighted labour“ bezahlt?

4 StefanMz (11.02.2008, 14:24 Uhr)

@Benni:

Mit Debatte ist niemandem geholfen. Es braucht vorzeigbare Projekte, dann kommt die Debatte von alleine.

Also mir wäre mit einer Debatte geholfen, und ich empfinde als das größte Manko, dass es sie nicht gibt.

Oder hat Stallman erst eine Debatte abgewartet bevor er das GNU-Projekt ins Leben gerufen hat?

Stallman hatte alles (Computer, Wissen) und konnte einfach anfangen, wir haben das nicht, denn Computer und Wissen reicht nicht aus. Und übrigens hatte Stallman zwar die Lizenz, aber eben nicht die richtige Idee was die Produktionsweise angeht, sondern die hatte erst Torvalds — sieben Jahre später.

Ok, sind wir mal so vermessen und sagen, wir haben die richtige Idee, was die (Übergangs-) Produktionsweise angeht — wir können sie aber nicht umsetzen, weil die (a) die Produktionsmittel teilweise fehlen und (b) die kritische Masse fehlt.

Torvalds hatte (a), nämlich Computer und Internet, und (b) hat er rasend schnell zusammenbekommen, weil er auf ein latentes Bedürfnis traf und es bereits eine Netzwerkkultur gab. Wir (zwei Schalen weiter, anyway) haben (a) nur teilweise und (b) gar nicht. — Hm, mir fallen noch mehr Merkmale ein. Die würde ich gerne mal IRL diskutieren, brainstormartig.

Nur ist meine Phantasie da leider zur Zeit sehr begrenzt.

Ja eben, meine auch. Irgendwie suchst du nach einer Killerapp im stillen Kämmerlein, das funktioniert aber nicht. In Zeiten des general intellect und der immateriellen Arbeit gibt’s die Lösung nur in der Multitude (um mal Postop-Begriffe zu nehmen). Das ist einfach anders als zu Zeiten von Stallman und Torvalds, auch von der Aufgabe her. Deswegen wird es IMHO hier keine Analogie geben, sondern die Lösung sieht anders aus. Wir haben es mit rivalen und nicht mit universellen Gütern zu tun.

Vielleicht müssten wir einfach mal sammeln und sortieren: Was haben wir? Was brauchen wir? Was sind die größten Hürden? Was gibt’s an Ansätzen? Wie sind die zu bewerten? etc.

Einige finden ja, dass es ganz tolle Ansätze gibt, z.B. die Solidarische Ökonomie. Jetzt erst wieder hier. Ich halte da nicht viel von, aber vielleicht ist das ein notwendiger Durchgang beim rauswühlen aus der Warenform. Immerhin ist die Reflexion, die der Autor da anstellt, nicht so schlecht: Wie gelingt es uns [für die Solidarische Ökonomie] immer mehr unabhängig zu werden vom sonstigen Kapitalismus?

Deine vorgeschlagenen Randbedingungen würde ich gerne diskutieren, aber eher offline und brainstormartiger. Ich kann noch ein viertes Kriterium beisteuern: Die Schnittstelle zur kapitalistischen Umgebung muss minimal, stabil und von der inneren Logik unabhängig sein.

5 Christian Siefkes (21.02.2008, 15:50 Uhr)

Uffz, hier stehen schon ne ganze Menge Punkte im Raum. Werd mal schauen, ob ich zu dem einen oder anderen davon noch meinen Senf geben kann 😉

Zum Grundauskommen schreibt Benni:

Dazu stehe ich auch weiterhin, auch wenn Christian dazu mal sagte, dass Grundauskommen sei eben genau das Ziel der Peer-Economy und könne deswegen nicht schon als Vorraussetzung gesetzt werden.

Ein „Grundauskommen“ ist sicher nicht das einzige Ziel einer Peer-Ökonomie, aber sicher eines. Konkreter: die Frage, die mein Modell zu beantworten sucht, ist ja gerade: Wie können wir erreichen, dass jede/r kriegt, was sie/er zum Überleben braucht (das wäre ein Grundauskommen), und möglichst darüber hinaus, was er/sie haben möchte (das geht darüber hinaus)?

Die Antwort meines Modells ist : qua Kooperation – indem wir zusammenarbeiten, um gemeinsam zu produzieren, was wir brauchen und haben wollen, und indem wir Absprachen darüber treffen, um die gewünschten Dinge und die für ihre Produktion nötige Arbeit unter uns aufzuteilen (Prinzip der Aufwandsteilung). Alles andere (gewichtete Arbeit, die Allokationsmodelle etc.) sind im Grunde nur Details – Mechanismen, um das Treffen von Absprachen zu erleichtern und den bürokratischen Overhead zu verringern. Wer beschließt, sich gemeinsam ein Grundauskommen zu organisieren, wird denke ich zwangsläufig auf ein derartiges Modell kommen.

Wenn das Grundauskommen darüber hinaus „bedingungslos“ sein sollte, wird das Treffen von Absprachen allerdings deutlich erschwert, weil jetzt ja jede/r Zugang zu den produzierten Gütern kriegen soll, ganz egal ob er/sie sich an Absprachen hält und einen Teil des Aufwands beiträgt oder nicht. Die Gesellschaft würde immer noch nach dem Prinzip der Aufwandsteilung funktionieren, aber die Aufwandsteilung fände jetzt spontan statt (jede/r trägt so viel oder wenig Aufwand bei sie will) und nicht mehr per expliziter Absprachen/Vereinbarungen. Ob das klappen würde, ist für mich völlig offen – ich könnte es mir durchaus verstellen, halte es aber keinesfalls für selbstverständlich. Ich würde so ein „bedingungsloses Grundauskommen“ also als eine Art Experiment ansehen, das eine „freie Gesellschaft“ gelegentlich mal probieren könnte: wenn’s klappt – großartig, wenn’s nicht klappt – no big deal, wir wissen ja wie wir die Arbeit per expliziten Absprachen aufteilen können, und vielleicht probieren wir das mit der spontanen Aufteilung in ein paar Jahren wieder…

Wenn du dagegen schreibst, ein BGA wäre für die Peer-Ökonomie „notwendig“, dann scheint mir da eine Abneigung gegen explizite Absprachen hinter zu stecken, die ich inhaltlich nicht für gerechtfertigt halte.

Stefan hat die Peer-Economy mal eine “Übergangsgesellschaft” genannt. Er hält an der kommunistischen Vorstellung einer Gesellschaft in der gilt “jeder nach seinen Bedürfnissen, jeder nach seinen Fähigkeiten” fest. Da passt die Rechnerei mit der “weighted labour” natürlich nicht dazu. Er hält die Peer-Economy dennoch für interessant, weil er meint, dass die “weighted labour” sich irgendwann selbst überflüssig macht, wenn erst mal das Vertrauen da ist, dass es auch ohne geht.

Ja, wie gesagt, dass die “weighted labour” und die anderen expliziten Absprache- und Aufteilungsmechanismen irgendwann überflüssig werden, kann ich mir auch vorstellen. Trotzdem glaube ich, dass Stefan mein Modell falsch einschätzt, wenn er es als bloße “Übergangsgesellschaft” abqualifiziert. Zum einen weil das meiner Modell zugrunde liegende Modell der „Aufwandsteilung“ (effort sharing) IMHO genereller ist als diese expliziten Mechanismen und auch dann noch greifen würde, falls irgendwann tatsächlich keine expliziten Mechanismen mehr erforderlich sein sollten, sondern sich die produzierten Güter und die notwendigen Tätigkeiten quasi spontan und von allein aufteilen. Zum zweiten stecken in meinem Modell ja auch noch allerhand andere Elemente und Überlegungen – Entscheidungsfindung, Konfliktlösung, Lernen etc. –, die von der Existenz solcher expliziter Absprachemechanismen unabhängig sind und also durch deren eventuellen Verschwinden nicht einfach obsolet werden würden.

Später mehr…

6 StefanMz (21.02.2008, 17:52 Uhr)

@Christian: Hm, ich glaube, wir brauchen noch mal eine ausführlichere Diskussion zum Thema Kooperation.

Zunächst aber mal das: Ich habe das Peerconomy-Modell keinesfalls als Übergangsmodell »abqualifiziert«, sondern »qualifiziert«, was ein wesentlicher Unterschied ist. Ich sehe die Qualität des Peerconomy-Modell gerade darin, einen Übergang von der Privatproduktion mit Marktvermittlung als »Ex-Post-Indirektion« zur gesellschaftlichen Produktion mit »direkter Bedürfnisvermittlung« zu kommen. Dass das geht, braucht in der Tat — wie Benni auch schreibt — Vertrauen darin, dass das stabil funktioniert: heute, morgen und übermorgen. Deswegen brauchen wir IMHO einen Übergang, in dem Beitrag und Entnahme (Geben und Nehmen) noch gekoppelt sind, und das leistet die Peerconomy. Sie ist schon eine Form direkter Vermittlung, aber eben noch mit Kopplung. Aus dieser Kopplung sind zwar einige Gruppen entlassen (Kinder, Kranke etc.), das sehe ich schon, nur eben nicht alle. Und ich sehe keinen Grund, warum nicht irgendwann (bei Stabilität der gesellschaftlichen Vermittlung) alle daraus entlassen werden sollten.

Das Besondere deines Modell ist IMO nicht die Kooperation. Kooperation gibt es immer und überall, es ist ein Wesensmerkmal menschlicher Gesellschaft. Auch im Kapitalismus wird kooperiert, und das nicht zu knapp (für den Postfordismus ist Kooperation entscheidend, das kann man vom Postoperaismus lernen). Die Parole »Kooperation statt Konkurrenz« ist leichtfertig, weil sie etwas in einen Gegensatz stellt, was dort nicht hineingehört.

Selbstverständlich steht diese kapitalistische Kooperation in einem bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang. Sie dient dazu, Partialinteressen auf Kosten anderer Partialinteressen durchzusetzen. Das bestimmende Moment ist die Konkurrenz, die hier einen Exklusionscharakter bekommt. Aber in einem anderen Kontext (etwa der Peerconomy) kann Konkurrenz durchaus ein Inklusionscharakter haben. Oder anders ausdrückt: Das Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz ist verschieden. Auch hier nochmal die Erinnerung an die Überlegungen dazu von Benni und mir (durchaus unterschiedlich und umstritten).

Aus BGA halt ich mich raus. Was wirklich nicht sinnvoll ist, ist der Gegensatz von »Absprache« vs. »Spontanität«/»Automatik«, den du aufmachst. Auch hier wieder gilt: Jede Gesellschaft hat Mechanismen der »gesellschaftlichen Absprache«. Das ist doch gerade das, was gemeinhin »Vergesellschaftung« oder »gesellschaftliche Vermittlung« genannt wird. Es gibt keine Gesellschaft, in der sich alles irgendwie spontan fügt. Es gibt keine Gesellschaft ohne Aufwandsteilung. Das hat die Peerconomy nicht für sich gepachtet.

Die Frage ist »nur« wie die Vermittlung, wie die notwendigen Aufwände gesellschaftlich organisiert werden. Heute haben wir die fetististische Wertvermittelung quasi als gesellschaftlichen Organisator der Aufwandsteilung, in der Peerconomy ist es die direkte Aufwandsteilung mit Kopplung von Geben und Nehmen, und in einer freien Gesellschaft wird es auch eine Form der Aufwandsteilung geben, nur ohne eine Kopplung.

Und na klar sind auch die anderen von dir genannten Elemente der Entscheidungsfindung und Konfliktregulation nicht überflüssig. Sie werden keineswegs verschwinden, im Gegenteil: Wenn das Geld (oder abgeleitete Formen wie das Militär) nicht mehr gewaltförmig Konflikte »regelt«, dann werden explizite Formen der Konfliktregulation wichtiger. Ob die nun genau so aussehen, wie du vorschlägst, ist am Ende nicht so wichtig: Das entscheiden die Menschen dann ohnehin selbst (wie du auch immer wieder betonst).

Was jetzt noch fehlt, ist der Übergang zum Übergang — das war im Kern die Frage von Bennis Artikel. Und wie ausgeführt sehe ich darauf keine einfache Antwort. Aber der Gap ist kleiner geworden.

7 StefanMz (21.02.2008, 18:21 Uhr)

@Christian: Vielleicht sollte ich mich aus BGA doch nicht raushalten, sondern folgendes anmerken: Ich verstehe so, dass Benni nach Wegen des Übergangs zum Übergang, also zur Peerconomy, sucht. Dazu schreibst su selbst in Kapitel 9, dass eine Gruppe derjenigen, die die Peerconomy aufgreifen könnten, vermutlich die sind, die noch gut dran sind und deswegen die Zeit und Energie haben, etwas neues zu versuchen. Das BGA — so verstehe ich Benni — soll nun dazu diesen, diese Zeit und Energie möglichst vielen (potenziell dann allen) zur Verfügung zustellen. Es entspricht also prinzipiell deiner Überlegung.

Das BGA hat folglich logisch gar nichts mit Peerconomy zu tun und ist auch kein Bestandteil von ihr, sondern die Peerconomy ist ja selbst eine Form des Grundauskommens, nur halt mit Bedingungen (der o.g. Kopplung). Das BGA ist kein Ersatz, kein alternativer Mechanismus oder so, sondern nur eine Voraussetzung, unter Bedingungen des Kapitalismus überhaupt mal was anderes zu probieren jenseits der Schindermühle von Arbeit. Dieses Argument finde ich nachziehbar.

Dass IMHO BGA (und erst recht BGE) im Kapitalismus nicht funktionieren kann, steht auf einem anderen Blatt und wurde anderenorts wohl schon ausführlich diskutiert. Mir kommts hier erstmal nur auf den logischen Standort des Arguments »BGA« an.

8 Christian Siefkes (25.02.2008, 17:16 Uhr)

Zum Übergang schreibt Benni:

Alleine wenn man sich überlegt, was das erste Projekt sein könnte, stößt man schon auf eine ganz zentrale Hürde: das Geld. Mir zumindestens ist auch nach wochenlangem Grübeln kein materielles Projekt eingefallen, was nicht einen stetigen Fluß an Geld bräuchte, um Ausgangsmaterialien oder Miete oder was auch immer zu bezahlen

Richtig, ganz ohne Geld wird es nicht gehen, das sehe ich auch so. Wie kann man diese Hürde nehmen? Spenden und Firmensponsoring sind Möglichkeiten, die du erwähnst, aber da würde ich ebenfalls zweifeln, dass die ausreichend sind. Bleibt noch:

Dann gäbe es noch die Möglichkeit, Geld innerhalb der Peer-Economy mit zu verrechnen, entweder als Ressource oder als Aufwand es zu erlangen. Das halte ich allerdings für keine gute Idee, weil damit “weighted labour” quasi konvertierbar würde in Geld und damit ein zentraler Unterschied wegfiele, wieso die Peer-Economy keine Marktökonomie ist.

Ressourcen sind in meinem Model Commons, sie haben keine Eigentümer – „Geld als Ressource verrechnen“ wäre also nur ein andere Ausdruck für Spenden einsammeln, das hatten wir eben schon. Bleibt noch die Möglichkeit, das Einbringen von Geld als eine Art von Aufwand anzuerkennen.

Wie kann das gehen, ohne das Projekt selbst der Geldlogik zu unterwerfen? IMHO ist es dafür essenziell, dass das Projekt nur das Geld einsammelt, dass es ausgeben muss, d.h. das Geld, das es braucht, um benötigte Ressourcen und Produkte zu kaufen, die es nicht selbst herstellen bzw. von anderen Peer-Projekten erhalten kann. Das Projekt darf weder intern Geld verwenden (Bezahlung von Mitarbeitern o.ä.), noch Geld verdienen wollen (indem es Dinge auf dem Markt verkauft), sonst greifen wieder die „Zwangsgesetze der Konkurrenz“ zwischen den Projektmitgliedern bzw. zwischen dem Projekt und seinen Konkurrenten auf dem Markt.

Wie kann das Projekt das Geld einsammeln, das es benötigt? Dazu zwei Ideen:

  1. Erwerbstätige Menschen raten ihre (Lohn-)Arbeit selbst als „weighted labor“ – sie schätzen also selbst, wie viel Stundenlohn sie erhalten und welches „labor weight“ sie ihrer Arbeit geben würden (hoch = sehr unangenehm, niedrig = sehr angenehm). Der geschätzte Stundenlohn kann dann (sofern das Projekt noch Geld braucht) als Beitrag in das Projekt eingebracht werden und entspricht einer Stunde Arbeit zum geschätzten labor weight. Das würde auf Vertrauensbasis passieren, da man diese Angaben ja nicht überprüfen kann.
  2. „Geld einbringen“ wird eine der viele Aufgaben, die das Projekt ausschreibt. Dabei wird zunächst willkürlich eine Stunde Arbeit mit einer bestimmten Menge Geld gleichgesetzt, z.B. 1 Std. = 1o EUR. Wie die tatsächliche Gleichsetzung dann aussieht, entscheidet dann das „labor weight“ dieser Aufgabe. Wollen alle lieber Geld beisteuern als etwas tun, dann ergibt sich ein niedriges labor weight von z.B. 0,5, so dass 1 gewichtete Stunde = 20 EUR – man muss also mehr zahlen. Will niemand zahlen, steigt das labor weight z.B. auf 2,0, dann wäre die Formel 1 gewichtete Stunde = 5 EUR.

Zu beachten ist, dass es in beiden Fällen keine volle Konvertierbarkeit zwischen Geld und Aufwand gibt (trotz der Gleichsetzung in Variante 2), denn die Umwandlung funktioniert erstens nur solange Geld benötigt wird, und zweitens nur in eine Richtung. Geld kann zwar in Aufwand umgesetzt werden (d.h. genutzt werden, um an vom Projekt produzierte Güter zu gelangen), aber umgekehrt geht es nicht: Aufwand kann nicht in Geld umgesetzt werden. (Genau wie in dem Modell ja generell Aufwand in Güter, nicht aber Güter in Aufwand umgesetzt werden können.)

Variante 2 finde ich dabei etwas einfacher und eleganter, da sie keine Selbsteinschätzung erfordert (die auch schwierig sein könnte, z.B. wenn man das Geld gar nicht verdient, sondern z.B. geerbt hat) und „Geld einbringen“ einfach als eine Aufgabe unter vielen einsieht. Variante 1 könnte man eventuell als fairer empfinden, weil sie die Reichen (zumindest die ehrlichen Reichen) stärker fordert.

Ungerecht ist in beiden Fällen, dass diejenigen, die Geld haben, mehr Möglichkeiten haben als die ohne, denn sie können Geld oder Arbeit einbringen, während Habenichtse nur Arbeit einbringen können. Diese Ungerechtigkeit besteht aber natürlich schon vorher in der Welt (Geld eröffnet einem nun mal zusätzliche Möglichkeiten) und ist daher IMHO kein grundsätzliches Argument dagegen, auf diese Weise an die für Peer-Produktion benötigen finanziellen Mittel zu kommen. Trotzdem sollte man natürlich immer im Hinterkopf behalten, dass die Peer-Produktion solche Ungerechtigkeiten beseitigen will und der Kauf auf dem Markt immer nur ein Notbehelf sein kann. Diese Schnittstelle zum Markt sollte also immer kleiner werden, bis sie ganz verschwunden ist – je mehr Ressourcen als Commons zur Verfügung und je mehr Aktivitäten per Peer-Produktion organisiert werden können, um so besser.

9 StefanMz (25.02.2008, 23:00 Uhr)

@Christian#8: Genauso schwierig wie der Fluss von Geld rein ins Projekt ist auch der Fluss von Produkten raus. Und zwar insbesondere von solchen Produkten, die nach alten Wertmaßstäben im Projekt billig und außerhalb teuer sind.

Unter einer ähnlichen Situation beginnt Venezuela derzeit zu leiden: Subventionierte Produkte werden nach Kolumbien geschmuggelt und dort teurer verkauft (viele tausend Tonnen im Januar lt. Azzelini-News).

Ich weitere Frage ist der »Scheidungspreis« wenn eine/r wieder raus will aus dem Projekt (vgl. freie Kooperation).

Ideen? Vielleicht lohnt das einen neuen Beitrag 😉

10 Thomas Kalka (28.02.2008, 09:27 Uhr)

Zur Frage des Ausverkaufs: Da könnte man mit neuen Eigentumsregelungen experimentieren. Man verkauft nicht mehr das Eigentum am Produkt, sondern – wie in der Content-Industrie üblich – ein Nutzungsrecht. Das Eigentum bleibt bei der PeerCommunity. Diese „Nutzungslizenz“ könnte zum Beispiel vererbbare Transparenz über den Besitzenden beinhalten (falls mit aktuellem Recht kompatibel).

11 Transformation and ownership — keimform.de (07.03.2008, 17:02 Uhr)

[…] have been some discussions and ideas in the (german part of the) keimform blog concerning the “interface problem”, which I […]

12 Transformation und Eigentum — keimform.de (10.03.2008, 09:06 Uhr)

[…] gab einige Diskussionen und Ideen im (deutschsprachigen Teil) des Keimform-Blogs in Bezug auf das “Interface-Problem”, […]

13 Peer-Economy: Noch eine offene Frage. — keimform.de (07.07.2008, 21:28 Uhr)

[…] einiger Zeit führten wir hier eine interessante Diskussion über offene Fragen der Peer-Economy. Dabei ist ein Punkt noch nicht zur Sprache gekommen, der mir damals als nicht so wichtig erschien, […]

14 benni (15.07.2008, 14:52 Uhr)

Uli Frank hat schon letztes Jahr einen Artikel geschrieben, den man als Antwort auf diesen hier lesen könnte (obwohl er älter ist): http://www.ulifrank.info/uf/index.php?n=Uf.Ressourcen

15 Arbeiterselbstverwaltung und Keimform — keimform.de (08.10.2008, 11:01 Uhr)

[…] mit intern weitgehend wertfreien Relationen und »Peer Ökonomie« nachdenken. Also mehr in die Richtung, die hier diskutiert wurde, die Christian allerdings nicht weiterverfolgt hat. Ich allerdings auch […]

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