Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Long Cycles – Zwischenstand

Joshau S. Goldstein, Long Cycles - Prosperity and War in the Modern AgeIm Rahmen meiner Forschungen zum Informationskapitalismus bin ich drüber gestolpert, dass ich mich eigentlich mal mit den diversen Theorien über sogenannte „lange Wellen“ befassen müsste. Letztens hat mich dann hier ein hilfreicher Kommentar auf die Spur eines schon etwas älteren (1988) Buches von Joshua S. Goldstein gebracht: „Long Cycles – Prosperity and War in the Modern Age“. Leider hat mich lange der hohe Preis von einer Lektüre abgehalten obwohl mich eine vielversprechende Rezension noch neugieriger gemacht hat. Kurz nachdem ich dann das Buch so billig wie verranzt in einem Antiquariat in Amsterdam gekauft hatte, stelle ich jetzt fest, dass es schon längst vom Autor ins Netz gestellt wurde. Naja, dicke Wälzer am Bildschirm lesen, ist eh keine Freude.

Ich hab gerade erst angefangen zu lesen aber stelle jetzt schon fest, dass das eine sehr empfehlenswerte Lektüre ist. Goldstein stellt zunächst alle bisherigen Theorien zum Thema dar und vergleicht sie miteinander. Dabei ordnet er sie je nach ihrem „world view“ in ein Raster liberal/revolutionär/konservativ ein. Lustigerweise stellt er dabei dann fest, dass der Marxist Kondratjew eigentlich eine konservative Weltsicht hatte und es deswegen auch kein Wunder war, dass er mit Trotzki über die langen Wellen in Streit geriet. Nachdem beide dann vom Stalinismus umgebracht wurden, wars erstmal vorbei mit marxistischer Lange-Wellen-Theorie. Übernommen haben dann ein paar vereinzelte liberale nicht-mainstream Wirtschaftstheorethiker, von denen einige erstaunliche Parallelen mit Trotzki aufwiesen, usw… alles sehr spannend und auf eine verdrehte Art sogar unterhaltsam. Ok, ich bin da vielleicht etwas eigen, was ich unterhaltsam finde, die meisten würden das wohl eher als trockenen Stoff betrachten. Ich werd sicher noch mehr dazu bloggen, wenn ich etwas weiter im Buch gekommen bin – nehmt das als Drohung.

Ich habe dann auf der Webseite von Goldstein noch einen sehr interessanten Artikel von ihm gefunden. Dort untersucht er nämlich 2004 wie sich seine Theorie im Rückblick ausmacht. Er meint, die meisten seiner Vorraussagen (mit denen er durchaus vorsichtig umgeht, er ist kein Prophet) über die Zyklusentwicklung zwischen 1988 und 2004 seien eingetroffen. Das alleine finde ich schon erstaunlich angesichts der umwälzenden politischen Entwicklungen 1989/90. Man könnte das glatt auch als Hinweis darauf lesen, dass der Warschauer Pakt eben doch nichts anderes als ein Staatskapitalismus war und deswegen durchaus in das übliche Auf- und Ab der kapitalistischen Wirtschaft integriert.

Nun macht er auch in diesem Artikel wieder Aussagen darüber, was denn als nächstes anstünde. Er sagte dort 2005, dass nach Jahrzehnten niedriger Inflation als nächstes wieder eine Phase mit erhöhter Preissteigerung käme. Und siehe da, genau das passiert gerade. Die Nahrungsmittelpreise sind das allgemein im globalen Maßstab offensichtliche Beispiel aber auch ansonsten zieht die Inflation gerade wieder massiv an. Langsam fange ich an, dass etwas spooky zu finden…

Besonders Angst und Bange wird einem dann, wenn man liest, dass er rund um das Jahr 2020 herum wieder große kriegerische Auseinandersetzungen vorraussagt (wobei er da keinen großen Unterschied zwischen kalten und heißen Kriegen macht, beide haben ökonomisch ähnliche Vorraussetzungen und Folgen). In diesem Zusammenhang verwundert dann auch nicht mehr, dass der Vortrag auf dem dieser Text beruht auf einer NATO-Tagung gehalten wurde… Das alles gilt natürlich nur, wenn wir nix dagegen unternehmen. Er ist kein Determinist.

Spannend finde ich auch, dass er die Moden der Zyklen-Theorie selbst im Lichte dieser Theorie betrachtet. Er meint, die Theorien der langen Wellen hätten immer in den Tälern der Wellen Konjunktur, wärend auf den Bergen niemand davon hören will. Wohl deshalb, weil die Aussicht darauf dass es wieder bergauf gehen könnte im Tal sicherlich angenehmer ist, als umgekehrt. Nun, in diesem Sinne ist dieser Blog-Artikel Teil einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung…

Sollte wirklich was dran sein an diesem ganzen Wellenkram, dann zeigt sich wieder einmal die Ähnlichkeit von Wirtschaftswissenschaften und Metereologie. In beiden Wissenschaften sind kurzfristige Aussagen mit Unsicherheit behaftet (Wettervorhersage, Wirtschaftsweisengutachten), mittelfristige unmöglich aber langfristige (Klimawandel, lange Wellen) wieder machbar.

Was das alles jetzt für den Informationskapitalismus oder Moores Law bedeutet? Ich hab keinen blassen Schimmer, aber ich guck mal weiter.

Kategorien: Feindbeobachtung, Praxis-Reflexionen, Reichtum & Knappheit, Theorie

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23. Mai 2008, 11:38 Uhr   3 Kommentare

1 Nochmal lange Wellen — keimform.de (10.06.2008, 20:54 Uhr)

[…] angedroht kommt jetzt noch was zu Goldsteins Buch. Aber ich machs kurz, keine Sorge. Ich hab in meinem Wiki […]

2 Die lange Welle bricht — keimform.de (26.09.2008, 10:34 Uhr)

[…] beschäftige mich ja seit einiger Zeit mit der Theorie der langen Wellen. Ursprünglich wurde mein Interesse geweckt durch […]

3 Projektpartner_innen gesucht « Bedeutungswirbel (28.04.2012, 14:42 Uhr)

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