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Keimformen in der Kultur?

Die Diskurse verschieben sich weg von den überkommenen und zunehmend unfunktional werdenden Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft hin zu neuen Formen der Selbstorganisation. Zeigt sich das auch im Kulturbereich? Besitzt Kultur noch oder wieder eine emanzipatorische Potenz? Wo kann man das sehen?

In der Kultur zeigen sich »Ansätze einer emanzipatorischen Kultur contra Marktdiktatur«, meint Archibald Kuhnke. In einer Veranstaltung der Berliner Gruppe »Wege aus dem Kapitalismus« hält er ein »Nachwort zur Documenta 12«:

Am Freitag, 23. Mai 2008, 18:00 Uhr, in der »Hellen Panke«, Kopenhagener Str. 9, 10437 Berlin (S/U-Bahn Schönhauser Allee)

Aus der Einladung von Archi:

Ich möchte einmal ausführlich mit Euch über die Bedeutung emanzipatorischer kultureller Selbstorganisation diskutieren. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob die Nichtparteiförmigkeit der gesellschaftlichen Selbstorganisation nicht gar die Bedingung für eine emanzipatorische postkapitalistische Gesellschaft ist. Die sich angehäuft habenden Arbeitstitel dazu lauten: „Ansätze einer emanzipatorischen Kultur contra Marktdiktatur — Nachwort zur Documenta 12 — Ein Kasseler Modell für eine Pfadfindung aus dem Kapitalismus?“ Eine Unterüberschrift dazu liegt noch bei mir rum: „Über die mögliche Rolle einiger gegenwärtiger kultureller Entwicklungen falls tatsächlich nie Parteien, sondern ausschließlich parteiverachtende Millionenmassen die kapitalistische Gesellschaft revolutionieren könnten“. So jetzt wisst ihr Bescheid, gelle? Es werden 125 Bilder von der D 12 vorgeführt, wovon die wenigsten aber Kunstwerke zeigen. Sondern: gesellschaftliche Organisation im weitesten Zusammenhang mit jener Kunstausstellung.

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20. Mai 2008, 22:23 Uhr   7 Kommentare

1 Martin (24.05.2008, 17:12 Uhr)

Ich, Stefan und einige andere waren da. Archi hat auf der documenta 12 das Ausprobieren emanzipatorischer Praxen entdeckt: Kinder durften sich dort mehr rausnehmen als in gewöhnlichen Museen, betätigten sich als Kunstführer und -produzenten. Die Stadt (und ihre sozialen Gegebenheiten und Probleme) wurde einbezogen. Statt Führungen gab es Diskussionen, auf denen die – zunächst verwunderten – Gäste ihre eigene Meinung sagen sollten und sich so erst eine bildeten. Die großen Namen (und Goldesel) der Kunstszene fehlten. Es gab viel politische und sozial engagierte Kunst aus aller Welt.

Das ist alles schön und hat mir auch ein warmes Gefühl im Bauch gegeben. Trotzdem hielt ich dagegen, dass Kunst schon immer die Funktion hatte, Freiräume innerhalb des Kapitalismus zu liefern, und dass dies für sich zwar gut, aber kein Ansatz zu dessen Überwindung sei. Andererseits sind Keimformen ja noch keine neue Gesellschaft, sie können unauffällig sein. Doch dazu müsste den dort Aktiven etwas vermittelt werden, dass in ihrem Normalleben etwas verändert, vielleicht zu einem Widerspruch führt, der produktiv wird.

Hier setzte mein anderer Einwand ein: Viele der gezeigten Ideen schienen mir eher aktionistisch zu sein – hier dürfen wir (die Kinder/die Besucher) selber mal ran! – und geeignet, die (längst desavouierte) „große“ Kunst zum „jeder darf mal“ zu verschieben. Doch das passt sehr gut zum neoliberalen Zeitgeist, dem’s immer hauptsächlich auf „Was machen“ und „aktiv werden“ ankommt, weniger auf Ideen, Inhalte oder Qualität. Am Ende bleibt vielleicht nur ein kleiner Urlaub auf der (vorher sorgfältig abgezäunten und mit „Du darfst“-Schildern versehenen) ästhetisch-emanzipatorischen Spielwiese. Ein Stop an der Sinntankstelle für die neoliberale Rödelei.

Archi erwiderte, Regelverletzungen könnten auch spielerisch gelernt werden: Man lerne, sich selbst Regeln zu geben. Dem muss entgegengehalten werden, dass nicht das Selbstgeben von Regeln den Unterschied macht, wie ich anhand der Graffiti-Szene zeigte: Die ist illegal, gibt sich selbst ihre Regeln – und reproduziert trotzdem die neoliberale Leistungs- und Statusethik geradezu mustergültig. Stefan verwies auf die Freie Kultur-Bewegung und auf die neue „Kultur des Remixes“: Hier gibt man sich selbst Regeln, aber aufgrund anderer Produktionsbedingungen sehen die eben dann auch anders aus.

Soweit so gut, doch mit der documenta hat diese Bewegung wenig zu tun. Wie kann man sie mit dem hohen Anspruch der bisherigen Kunst verbinden, und will man das überhaupt? Ist es genug, wenn die „Eintrittsschwelle“ herabgesetzt wird (was sie bei Remix-Kunst definitiv wird) – kommt man damit weg vom solipsistischen „großen Künstler“, der im Gegensatz zur Gesellschaft steht? Wie steht es mit den häufig dezidiert antiemanzipatorischen Inhalten der bisher einzigen erfolgreichen Remix-Kultur – der HipHop-Kultur? An diesen Punkten brach die Diskussion ab, aber vielleicht fällt hier ja noch jemandem was dazu ein.

Was mich vor allem umtreibt: Wo liegt das Keimförmige der Kunst? Nur in den neuen Regeln ihrer Produktion (Freie Kultur, Remix) — dann könnte die Kunst bloß der Freien Software oder anderen Bereichen hinterherhinken –, oder gibt es etwas Tiefergehendes, der Kunst als solcher Inhärentes, was für die Keimformidee fruchtbar werden kann? So etwas wie einen „Geist des Miteinander durch Freiheit und Selbstentfaltung“ als Merkmal der Kunst?

Würde mich über Einlassungen freuen!

2 StefanMz (24.05.2008, 22:22 Uhr)

Danke für dein ausführliches Feedback, Martin!

Auf ein paar Punkte würde ich gerne eingehen. Zunächst mal zum Neoliberalismus. In der Diskussion bei der Veranstaltung brachte ich die provokative These, dass es der Neoliberalismus gewesen sei, der die Ideale der Linken (im Gefolge von 68) umgesetzt hat: nämlich die Entfaltung der Individualität in Form der »Selbstverwirklichung«. Selbstverständlich versteht der Neoliberalismus »Selbstverwirklichung« immer nur als Ausdruck erfolgreicher »Selbstverwertung«, also des Durchsetzens auf Kosten Anderer. Das ist nicht bloß schlicht zu verwerfen, sondern die Ambivalenz, die darin liegt, müssen wir zu Kenntnis nehmen: Es ist die Verbindung von Entfaltung und Verwertungslogik in der Form des isolierten Individuums. Demgegenüber hebe ich auch terminologisch immer die »Selbstentfaltung« ab, die als Voraussetzung die Entfaltung der Anderen braucht und damit die Isoliertheit des Einzelnen überschreitet. Sie geht nicht unter Bedingungen der Verwertunglogik, aber sie ist auch nicht das ganz Andere des neoliberalen Modus‘ der »Selbstverwirklichung«.

Mit diesem Begriffspaar gucke ich nun auch auf die Kunst. Da würde ich ähnlich kritisch wie du einschätzen, dass das »sich Einbringen« (statt nur passiv Kunst zu konsumieren, sich selbst Kunst anzueigenen (statt vorgekaut zu bekommen, was man wie zu sehen hat) zwar einerseits was Befreiendes hat, andererseits ins neoliberale Konzept passt, das eben die Individuen zur »Selbstverantwortung« animieren will: »Tue was du willst, Hauptsache es ist profitabel«. Da ist es dann nicht verwunderlich, wenn die Grafitti-Szene im (illegal) erkämpften Freiraum doch wieder nur die gleichen repressiven Regeln entwirft, denen sie selbst entflohen ist. Die erwünschte Form des Grafitti ist folglich die des (legalen) Auftragsgrafitti.

Dem hast du in der Diskussion versucht das Kriterium des »Inhalts« entgegenzusetzen, bzw. andere gingen dann in Richtung Ethik. Das sehe ich beides nicht. Es gibt keinen fixen emanzipatorischen Inhalt von Kunst, sondern Kunst bewegt sich immer in einem Kontext, und wenn sich der ändert oder geändert wird, dann ändert sich auch der Inhalt. Gibt es überhaupt irgendetwas, dass durch Re-Kontextualisierung nicht letztlich doch in die Verwertung gezogen werden kann (z.B. über Werbung)? Deswegen nannte ich den Vorschlag, dass Künstler_innen ja durchaus entscheiden können, _wem_ sie ihre Kunst verkaufen, »äußerlich«: Das Kriterium muss der Kunst hinzugefügt werden, denn wenn sie zum Zwecke des Verkaufens gemacht wurde, dann ist es egal oder willkürlich, mit wem der völlig inhaltslose Akt des Tausches gegen ein allgemeines Äquivalent (Geld) vollzogen wird. Er hat nichts mit der Kunst zu tun, weil er per definitionem nicht-inhaltlich ist. Kunstmarkt halt.

In welche Richtung kann Kunst gehen, will sie emanzipatorisch sein? Ich weiss es nicht wirklich. Ich habe nur unsortierte Ideen: Kunst ist nichts Festes, sondern erlebt permanent Umwidmung durch Re-Kontextualisierung — das wäre aktiv einzusetzen (ist nichts Neues, es ist die Kernidee der Dekonstruktion); Kunst ist immer ein sozialer Prozess, dies sollte auch explizit den Produktionsprozess von Kunst bestimmen, Remix ist Standard; Rezeption ist ein ebenso sozialer Prozess, dies muss sich auf die Präsentationsformen auswirken; emanzipatorische Kunst muss Freie Kunst sein, Frei wie Freie Software, jenseits der Verwertungslogik.

Na ja, alles sehr unausgegoren. Und eigentlich habe ich von Kunst auch keine Ahnung.

3 Martin (26.05.2008, 09:51 Uhr)

Naja, der Neoliberalismus hat natürlich nicht nur schlechte Seiten, aber dass er die von den 68ern angestrebte Selbstverwirklichung gebracht hätte, finde ich nicht. Denn die muss grade (per definitionem) unabhängig von äußeren Kriterien sein. Wenn ich will, muss ich eben auch das machen können, was sich grade nicht verkauft! Dazu kommen Kunstformen (wie Happenings), die man nicht (oder nicht ohne Zerstörung ihres Charakters) verkaufen kann, usw.

Einen „fixen emanzipatorischen Inhalt“ wollte ich nicht fordern, sondern nur betonen, dass es auf den Inhalt (oder auch die Form!) des Kunstwerks ankommt, also darauf, was ein Kunstwerk von anderen unterscheidet, während es im Neoliberalismus häufig nur darauf ankommt, dass „überhaupt etwas passiert“.

Man müsste also das Potential der Kunst nutzen, bei der es irreduzibel auf das Individuelle, das Neue, den (speziellen) Inhalt oder die (spezielle) Form ankommt. Während es anderswo notfalls auch ohne Innovation geht (z.B. kann sie durch Werbung ersetzt werden), ist das in der Kunst nicht der Fall. Das mittlerweile relativ „gesättigte“ System Kapitalismus kann sich begnügen, ohne echte Innovation immer weiterzumachen, die Kunst kann das nicht. Das scheint mir ein Grund dafür, dass sie ihrem Wesen nach notwendig über den Kapitalismus hinauszeigen, ihn destabilisieren muss – jedenfalls wenn man davon ausgeht, dass der Kapitalismus sein Innovationspotential irgendwann erschöpft hat.

Spezielle (emanzipatorische) Inhalte sind auch schön, aber scheinen mir demgegenüber weniger wichtig.

4 StefanMz (26.05.2008, 14:42 Uhr)

@Martin: Doch, der Neoliberalismus hat gerade jene »Selbstverwirklichung« gebracht, die »unabhängig von äußeren Kriterien« dünkt, und das ist die des isolierten Individuums, des »vereinzelten Einzelnen«. Wenn wir dem Neoliberalismus was entgegensetzen wollen, dann nicht dem Aspekt der Individualität, sondern dem der Asozialität und Inhumanität, die in dem Durchsetzmodus auf Kosten Anderer steckt.

Dazu passt schon auch deine Kritik an der Inhaltslosigkeit und Beliebigkeit, obwohl auch das nicht immer stimmt. Teilweise wird eben gerade die Asozialität und Inhumanität selbst zum Inhalt, wie etwa bei den perfiden Castingshows.

Du nimmst an, dass das Innovationspotenzial der Kunst das Innovationspotenzial des Kapitalismus überschreiten kann und damit diesen selbst. Das ist optimistisch gedacht, aber vielleicht stimmt’s, wenn sich die Kunst aus der Klammer der Verwertung lösen kann und Individualität und Sozialität zum Ausdruck kommen können. Genau dann aber wäre die Kunst für den Kapitalismus wieder interessant, und eine neue Runde des Auskaufens könnte beginnen.

5 StefanMz (27.05.2008, 11:48 Uhr)

Schönes Beispiel zur Dialektik von Kunst und Kommerz: Zum 75. Jubiläum bestellt sich »Lacoste« (Klamottenmarke) den Künstler Downey, der vorher nicht verrät, was er machen will. Dann malt der das KaDeWe (Konsumtempel) lacoste-grün an. Skandal. Und nu? rebel:art beschreibt die Situation sehr schön:

Die totale Affirmation von Downey (Ja, es grünt so grün wie Lacoste! Ja, ich rocke das Schaufenster!) kann nur noch von einer totaleren Affirmation von Lacoste übertroffen werden (Ja, das war eine geile Aktion von Downey! Ja, eigentlich war das unsere Idee!). Und wenn Lacoste einen cleveren PR-Berater hat, wird genau dies passieren. Denn wenn Lacoste nun eingesteht, dass sie das nicht verstehen, nicht akzeptieren, nicht cool finden o.ä. – ja, dann haben sie ihre Credibility in dieser wichtigen Zielgruppe verspielt. Und dies wäre für Lacoste teurer, als dem KaDeWe die Reinigungskosten zu bezahlen!

6 Johannes (27.05.2008, 14:14 Uhr)

Der Begriff „Innovation“ ist mir zu sehr marketingbesetzt, als daß ich ihn verwenden möchte. Ein Kunstwerk ist aber immer einzigartig, ist per se individuell und insofern neu. Es hat kein rechtes Verhältnis zum Wert, was sich u. A. an den Phantasiepreisen ausdrückt, die für manche Kunstwerke gezahlt werden. Das sind reine Spekulationsergebnisse, das hat keine Basis in der Wertschöpfung.

Es ist mir aber nicht klar, wie sich diese Komponente „nutzen“ ließe. Es gibt keine Kunst, die gegen Spekulation gefeit wäre. Gerade durch die Einzigartigkeit, Individualität eines Kunstwerks ist es das ideale Spekulationsobjekt. Das scheint mit aber auch nicht der springende Punkt zu sein. Die kapitalismuskritischen Aspekte von Kunst werden nicht dadurch desavouiert, daß jene vermarktet wird. Sie sind Bestandteil der Konzeption des Kunsterks selbst – woran der Kunsthandel nicht interessiert ist, die ihn aber auch nicht tangieren. Den Handel interessieren Expertisen und Promotion und eben nicht die eigentlichen Inhalte, die Kunst transportiert.

7 Martin (27.05.2008, 19:39 Uhr)

@Stefan: Okay, wenn du „Selbstverwirklichung“ im Sinne von „sich selbst auf anderer Kosten verwirklichen“ verstehst, stimme ich dir zu. In der Kunst geht es um das Erforschen neuer Möglichkeiten – ob allein, oder zu zweit, oder zu vielen … Es mag sein, dass wir eine Phase hinter uns haben, die im Rückblick solipsistisch erscheinen wird: mit dem Ideal des „großen Einzelkünstlers“ oder gar „Genies“, der (seltener die!) allen anderen mit seinen überlegenen Gaben zeigt, wo der Hammer hängt, den man nur anstaunen oder kritisieren kann. Zudem scheint mir dies ein typisch männliches Ideal zu sein, mit dem Frauen weniger anfangen können und wollen.

In Zukunft wird sicher die Gruppenarbeit, das künstlerische „Bälle-Zuspielen“ usw. enorm an Bedeutung gewinnen. Hier scheinen mir die Möglichkeiten noch nicht einmal ansatzweise erforscht. Interessanterweise waren und sind es die weniger „hohen“ Bereiche der sogenannten Unterhaltungskunst, in denen dies schon lange selbstverständlich ist: Filme, Fernsehserien, die meisten Popmusik-Alben, viele Comics entstehen in einer ausgeprägten Arbeitsteilung. Dass die bisher noch kapitalistisch ist, spielt keine Rolle, denn sie kann problemlos in die Peer-Produktion übernommen werden. Dagegen stehen die „Einzelwerke“ wie auch das „Gesamtwerk“ eines Künstlers IMO eher dem Kapitalismus nahe: In der Peer-Produktion könnte es schwerer sein, Einzelwerke anerkennen zu lassen, die „Marke“ des Namens eines Künstlers – eines der prominentesten Beispiele ist wohl Picasso, dessen Keramik ja am Ende in Serienproduktion von ihm bemalt wurde – fällt bei der beschriebenen Gruppenproduktion weitgehend weg.

Mal sehn … das wird alles noch spannend, auch was die Kunst betrifft!

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