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Entwertung konkret – 60 Milliarden Dollar pro Jahr

Na, wenn das mal nicht ein konkreter Beleg für die Entwertungsfunktion Freier Software ist! Laut der Studie »Trends in Open Source« der Standish Group International entscheiden sich zunehmend mehr Unternehmer und andere Nutzer für »Open Source Software«. Diese sei funktional gleichwertig und ersetze preisbehaftete proprietäre Software, was eben bei jenen Herstellern zu Einnahmeverlusten von 60 Milliarden Dollar pro Jahr führe. Freie Software sei die ultimative disruptive Technologie. [via]

Nun wird die Schätzung mit dem dicken Daumen erfolgt sein, aber in der Tendenz haut das völlig hin. Ökonomisch bedeutet commons-basierte Produktion eine Entwertung des entsprechenden proprietären Gegenstücks — auskooperieren par excellance. Da hilft auch kein Jammern, die Studie würde bloß »Stimmungsmache« betreiben. Der »disruptive« Trend ist nicht aufzuhalten — Zeit, sich etwas neues jenseits von Arbeit, Ware, Markt und Geld zu überlegen.

Zur Beruhigung erregter Gemüter: Von der Entwertung noch nicht betroffen ist die Studie selbst, sie kostet 1000 Dollar 😉

Kategorien: Freie Software, Reichtum & Knappheit

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22. April 2008, 22:25 Uhr   13 Kommentare

1 benni (23.04.2008, 13:37 Uhr)

Diese Studie ist doch reine Abzocke. Und sie sagt überhaupt nichts aus, weder im intendierten Sinne noch in Deinem. Nur weil eine Branche über Probleme klagt bedeutet das garnichts für den Kapitalismus als Ganzes. Da müssen schon zusätzliche Belege her. Schliesslich gibt es neben der „Entwertungsfunktion“ freier Software auch eine „Verwertungsfunktion“ z.B. in den Firmen, die sie einsetzen. Das müsste man gegeneinander aufrechnen und dann kann man sagen ob in der Summe ein Entwertungseffekt eintritt oder nicht. Vorher nicht.

2 StefanMz (23.04.2008, 15:02 Uhr)

Was für ’ne Verwertungsfunktion?

3 benni (23.04.2008, 15:26 Uhr)

Na die verdienen doch was damit. Und sie verdienen ja mehr als wenn sie prop. sw einsetzen würden.

4 StefanMz (23.04.2008, 15:44 Uhr)

An Freier Software verdient niemand was, und schon gar nicht mehr als mit prop. Software. Freie Software ist nicht verwertbar (höchstens Zeug drumherum). Es gibt einen Einspareffekt beim Ersatz prop. Software, aber das ist ja hier genau hier der »disruptive Effekt«: Was für die einen Einsparung ist für die anderen entgangener Umsatz.

5 benni (23.04.2008, 20:22 Uhr)

Natürlich wird an Freier Software verdient. Bei ihrem Einsatz und natürlich mehr als mit prop. Software, weil sie ja eben nix kostet und somit weniger Kosten entstehen für die, die sie einsetzen.

6 StefanMz (23.04.2008, 22:38 Uhr)

Ne, das hat nix mit der Software zu tun, die ja wertlos ist, es wird nur gespart, mehr nich. Aber völlig egal, ob du das jetzt umdefinierst: Die 60 Milliarden bleiben ja trotzdem untransferiert. Genaugenommen ist es also keine Entwertung, sondern eine Entpreisung, da Software ohnehin ein Universalgut ist — für die, die Universalguthese für zutreffend halten 🙂

7 Thomas Kalka (24.04.2008, 06:26 Uhr)

Solche Dialoge scheinen mir immer darin begründet zu liegen, dass kein Konsens über den Begriff des Werts bzw. Mehrwerts vorliegt.

Freie Software ist auf alle Fälle Produktionsmittel — dient also auch dazu Mehrwert zu schaffen. Stefan setzt meiner Wahrnehmung allerdings immer ganz ausdrücklich den Wert als eine Größe, die den Austausch der Arbeit von Menschen untereinander beschreibt. Dies hat dann per Setzung niemals etwas mit anderem, als Austausch menschlicher Arbeit zu tun.

Dabei fällt mir auf, warum es immer wieder so verlockend erscheint mittels Preisen zu argumentieren und nicht Werten: der Wert kann eigentlich nur im Nachhinein beziffert werden, wenn die Handlungen des Arbeitsaustausches abgeschlossen sind, und wir sehen können, wie Arbeit „getauscht“ wurde. Dies scheint mir davon auszugehen, dass diese Dynamiken statisch, oder statisch genug sind, um mittels einer Mittelsgröße einigermaßen genau beschrieben zu werden.

Preis hingegen ist eine viel einfacher zu beobachtende Größe, die der aktuellen und wahrscheinlich gemeinsam als schnell empfundener Dynamik ökonomischer Machtverhältnisse angemessener erscheint, gleichzeitig aber die Klarheit trübt, die die bewusste Setzung des Begriffs Wert zu ermöglichen sucht.

8 StefanMz (24.04.2008, 11:18 Uhr)

@Thomas: Produktionsmittel schaffen keinen Wert und somit auch keinen Mehrwert. Sie können höchstens den eigenen Wert übertragen. Das ist aber im Falle der Software nicht der Fall, weil sie wertlos ist (für Kritiker_innen der Universalgutthese gilt das nur für _Freie_ Software). Und ich dachte eigentlich, dass das bis hierin auf der Hand liegt.

Aber du hast recht, dass es schwer ist, Wert und Preis auseinander zu halten. Auch mir passiert das immer wieder, dass ich es vermische. Allerdings ist Wert keine Setzung, sondern eine Kategorie wie etwa Masse (die auch noch keiner »gesehen« hat). Ich setze nicht, dass Menschen in privater Form produzieren und deswegen ihre Waren austauschen und deswegen vergleichen müssen, wollen sie diese verteilen — der Kapitalismus setzt das. Ich versuche nur, das zu begreifen, was ist.

9 benni (24.04.2008, 13:35 Uhr)

@Stefan: Du sagst doch selbst, Produktionsmittel transferieren Wert. Wenn Freie Software als Produktionsmittel dazu beiträgt Wert zu schaffen, könnte das ja auch umgekehrt passieren. Das ist die Idee. Ich sag nicht dass das so ist, ich sag nur, dass es so sein könnte und das diese von Dir aufgeführte Studie dazu nix beiträgt.

10 StefanMz (24.04.2008, 14:21 Uhr)

@benni: Produktionsmittel schaffen keinen Wert, sie übertragen nur welchen (bestenfalls) — das ist ein wesentlicher Unterschied (was Freie Software nicht betrifft, weil eh wertlos). Das mit dem »umgekehrt« hab ich nicht verstanden: Produktionsmittel sollen Wert auf Software übertragen?

Aber du hast recht: Dazu sagt die Studie nix. Sie sagt nur: Unterm Strich haben diverse Softwareunternehmen Verluste in Höhe von 60 Milliarden Dollar gemacht, und andere Unternehmen haben eben jene Summe eingespart. Den Rest müssen wir schon selber überlegen.

11 Thomas Kalka (24.04.2008, 22:10 Uhr)

@StefanMz: Wert ist doch zuerst einmal ein Wort. Eine Kategorie wird es doch erst in einem bestimmten Diskurszusammenhang. Wenn Du „Wert“ schreibst meinst Du doch gar nicht das, was individuell mit Wert konnotiert ist sondern einen begriffenen Begriff Wert(Marx) . Dann gehst du selbstverständlich in weiterer Argumentation an, der Mit-Denkende nutzt den gleichen Begriff wie Du selbst.
Ich denke, dass dieser nicht vorhandene Abgleich von Begriffen meist der Grund für das Aneinandervorbeireden ist.

Mit „Produktionsmittel übertragen Wert“ meinst Du doch, dass Wert-enthaltende Produktionsmittel (also solche, die im Mittel gegen Arbeitszeit getauscht werden könnten) einen Teil ihres Wertes durch Abnutzung verlieren und dieser somit rechnerisch auf das Produkt übertragen werden kann.

In meinem Verständnis wird der Wert einer Ware immer auch durch Anstrengungen zur ihrer Verknappung hergestellt; bei Universalgütern wie Software ensteht ihr Wert doch einzig nur durch diese Anstrengungen. Stimmst Du damit überein ?

12 StefanMz (24.04.2008, 22:50 Uhr)

@Thomas: Ja, stimmt, ich meine nicht den subjektiven »Wert« (etwas für »wertvoll« erachten), sondern den objektiven, also den Wert, der im Kapitalismus den Warentausch vermittelt. Das ist ein ökonomischer Begriff (richtig: es ist ein Begriff) wie er (nicht nur) von Marx bisher am klarsten gefasst wurde.

Nein, durch Verknappung wird kein Wert hergestellt, sondern nur der Preis. Universalgüter sind wertlos, können aber einen Preis haben (z.B. durch künstliche Verknappung).

Wert entsteht nur durch Verausgabung unmittelbarer Arbeit (a) in privater Form (b) bei der Herstellung von Waren (c), die anschließend erfolgreich verkauft (d) werden. Wenn eines dieser vier Kriterien nicht zutrifft, entsteht auch kein Wert.

Wert ist keine Sache und lässt sich auch nicht durch eine Zahl ausdrücken, sondern Wert ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Das erschwert das Verständnis ungemein, aber es gibt hier keine Vereinfachung. Das »Verhältnis-sein« entsteht durch die bescheuerte Tatsache, das eben a) bis d) gelten muss, und »etwas« muss hier die Rolle einnehmen, alle gesellschaftlich vorhandenen a) bis d)’s zu vermitteln, und zwar möglichst automatisch. Und das leistet der Wert. Weil die Aufgabe kompliziert ist, ist auch der Inhalt der Begriffes kompliziert.

13 Wächst Freie Software exponentiell? — keimform.de (30.04.2008, 11:55 Uhr)

[…] berichten sie, dass Open Source Software dazu beiträgt, Millionen Dollar einzusparen, was auch andere feststellten. Der Umsatz sagt also kaum mehr als nichts. Wenn die »Bedeutung« von Freier Software wirklich so […]

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