Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Peer-Kooperation heute: Die workstation Berlin

Ausstellung zum 10-jährigen Jubiläum der workstationBei dem kürzlich in Potsdam stattgefundenen Forum „Krise als Chance“ hatten die Veranstalter/innen sich so viel vorgenommen, dass leider kaum Zeit für Diskussion blieb. Deshalb war die Diskussion über mein Peerconomy-Modell schon wieder vorbei, bevor sie richtig angefangen hatte (obwohl wir sie hinterher in kleinerer Runde fortgesetzt haben). Das war schade. Schön war aber, dass ich dort ein spannendes Projekt kennengelernt habe, nämlich die workstation Berlin:

Die workstation Ideenwerkstatt Berlin e.V. beschäftigt sich seit 1998 kritisch und unkonventionell mit den Themen Arbeit, Existenzsicherung und Lebensgestaltung. An der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Sozialem entwickeln Betroffene zusammen mit uns und Entscheidungsträgern individuell und gesellschaftlich tragfähige Lebensentwürfe. Dabei setzen wir uns nicht nur kritisch mit dem bestehenden Erwerbssystem und dem tradierten Arbeitsbegriff auseinander, sondern zeigen Alternativen auf und leben und realisieren diese in diversen Projekten. Nach unserem Motto „Mach doch, was du willst!“ steht dabei die Frage im Mittelpunkt, wie jedeR einzelne sich Arbeit für sich wünscht und wie sich dies umsetzen lässt. Die workstation arbeitet so auf einen langfristigen und nachhaltigen Bewusstseins- und Gesellschaftswandel hin, um der Stigmatisierung und Ausgrenzung Erwerbsloser, den Absurditäten (Überarbeitung, ungleiche Ressourcenverteilung) der Arbeitsgesellschaft, entgegenzuwirken. (Selbstdarstellung)

Auch wenn die workstation sich nicht explizit kapitalismuskritisch gibt, bemüht sie sich um ein Zurückdrängen der Geldlogik und der Abhängigkeit vom Markt:

In modernen Gesellschaften sind wir daran gewöhnt, unsere Bedürfnisse über den Markt zu stillen. Die Logik des Marktes – Waren und Dienste zu nutzen und diese mit Geld zu entlohnen – ist fest in uns eingeschrieben. Doch dieser ökonomische Kosmos und die sich darin befindenden Akteure sind das Produkt besonderer historischer Umstände. Der Tausch findet in Form einer rationalen Logik statt, die von Gesetzen anderer Art beherrscht wird. […]

Im Kontext der workstation haben Geld und Geldwesen einen veränderten Wert gegenüber dem tradierten Gebrauch und sind nur eine gleichwertige Ressource neben den vielen anderen dieser Welt. Der Umgang mit Ressourcen ist generell maßvoll und bewusst, gearbeitet wird mit einer Kombination der Ressourcen und entsprechend ihrer situativen Verfügbarkeit. Das Ziel wird jeweils über den Weg erreicht, welcher gerade gangbar ist. Zeit, Geld, Sachmittel, soziale Kompetenz, Wissen, Erfahrungen, Kontakte, Räume, eigenes Energiepotenzial und Anerkennung sind gleichwertige Mittel, mit denen Tätigkeiten ermöglicht werden. (Quelle)

Die workstation ist bei vielen Freien Projekten involviert, etwa bei der Berliner Freifunk-Community, die ein Freies Funknetz organisiert, und bei den Interkulturellen Gärten Friedrichshain-Kreuzberg sowie diversen anderen Interkulturellen Gärten (community gardens – „Das Konzept der Interkulturellen Gärten besteht darin, Brachflächen in Gemeinschaftsgärten zu verwandeln, in denen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft Nahrungsmittel anbauen und viele Aspekte ihres Alltags miteinander teilen können.“)

Zudem ist die workstation an sympathischen arbeitskritischen Projekten wie der Absageagentur beteiligt; und sie betreibt einen Medienraum mit dem sprechenden Namen “Linux works!”, in dem regelmäßige Treffen von Linux-Interessent/innen stattfinden, die das Freie Betriebssystem kennenlernen und sich aneignen wollen.

Auch die AG /unvermittelt, über die Stefan schon berichtet hat, geht auf eine Initiative der workstation zurück.

Ein weiteres Projekt sind die Kunst-Stoffe, eine „Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien“:

Kunst-Stoffe ist ein Sammel- und Umverteilungszentrum für Rest-, Abfall- und Ausschussprodukte, die sich für eine Weiternutzung als ‚Materialien für Kultur‘ eignen. Dazu zählen Farben, Stoffe, Folien, Metall, Holz, Fliesen, Knöpfe und vieles anderes. Materialien, die für ihren Besitzer den Wert verlieren – weil sie nicht mehr zu den wirtschaftlichen Zielen beitragen, für den einmaligen Gebrauch waren oder kein Platz mehr für sie ist – werden in unseren Lagern gesammelt. Dort sind sie für gemeinnützige Kultur- und Bildungsarbeit zugänglich.

Das passt doch gut zu dem kürzlich vorgestellten Ansatz der Berliner Künstlerin Folke Köbberling, die „die Stadt als Ressource“ zu nutzen – und tatsächlich haben die Kunst-Stoffe Folkes Ansatz aufgegriffen und wollen ein Portal für Umsonstmaterialien aufbauen.

Die workstation versteht sich explizit als „Open Source-Konzept“:

Idee und Philosophie der workstation können nicht unrechtmäßig angeeignet und kommerzialisiert werden, sondern nur von Menschen oder Institutionen, die dafür offen sind, praktiziert werden. Es ist wünschenswert, dass unser Konzept sich verbreitet: Wenn es erfolgreich praktiziert wird – jedeR entwickelt sich seine/ihre adäquate workstation –, führt es zu einem enormen Lernerfolg und Kompetenzgewinn bei denen, die sich den Prozessen von Selbstorganisation und Handlungskompetenzerwerb geöffnet haben. […] Die Idee und das Konzept der workstation sind also „open source“. Es geht uns um den freien Zugang zu gemeinschaftlichem Wissen und um Beteiligung verschiedener Personen und Organisationen an den unterschiedlichen Projekten von/mit/um workstation. Gerade dadurch wird es möglich, dass das Konzept von workstation jeweils entsprechend weiterentwickelt werden kann, dadurch Veränderungen offen steht und letztlich auch nur im Wandel seiner Gestalt fortbestehen kann.

In ihrem Vortrag auf dem Potsdamer Forum knüpfte Frauke Hehl, die Leiterin der workstation, auch immer wieder an meinen vorher gehalten Vortrag an und betonte, dass in ihren eigenen Aktivitäten allerhand Ansatzpunkte einer Peer-Ökonomie, in der die commonsbasierte Peer-Produktion verallgemeinert wird, vorweggenommen würden. In der Tat – ein äußerst vielseitiges und spannendes Projekt!

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Reichtum & Knappheit, Termine

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16. November 2008, 16:47 Uhr   7 Kommentare

1 Silverlight Travel Berlin (18.11.2008, 10:58 Uhr)

Die „Workstation Ideenwerkstatt Berlin“ klingt spannend. Irgendwie hatte ich bis jetzt das Gefühl, dass keiner mehr über die Zukunft der Gesellschaft nachdenkt.

2 Christine (27.11.2008, 15:34 Uhr)

Projekten, die von 1-Euro-Jobbern profitieren, stehe ich äußerst skeptisch gegenüber. Lassen sich Instrumentarien der Zwangsarbeit vereinen mit der Entwicklung neuer Lebensformen? Auch wenn es noch so „alternativ“ umgesetzt ist…..

3 Christian Siefkes (28.11.2008, 12:33 Uhr)

@Christine: Seh ich eigentlich auch so, aber im Fall der Workstation ist das Konzept wohl eher „Staatsknete abgreifen und die Leute damit machen lassen, was sie wollen“. Wenn die Workstation 1-Euro-Jobber beschäftigt, werden die nicht zu irgendwelchen Arbeiten verpflichtet, sondern überlegen sich selbst, was sie machen. Wenn es also Projekte mit 1-Euro-Jobbern gibt, dann nicht, weil diejenigen dem Projekt zugeteilt wurden und dann dort arbeiten müssen, sondern weil sie sich das entsprechende Projekt selbst ausgedacht und ins Leben gerufen haben – jedenfalls hab ich’s so verstanden.

Man kann also sagen, dass das „Instrument der Zwangsarbeit“ durch die Aufhebung des Arbeitszwangs subversiv außer Gefecht gesetzt wird; man kann auch sagen, dass es durch die Umsetzung durch ein alternatives Projekt wie die Workstation nichtsdestotrotz aufgewertet und seine gesellschaftliche Akzeptanz erhöht wird. IMHO sind beide Sichtweisen berechtigt – ich würde da persönlich auch eher zum „Finger-davon-lassen“ neigen, kann aber auch verstehen, dass die Workstation die andere Entscheidung trifft. Zumal man ja auch die Situation der persönlich Betroffenen einbeziehen muss, für die die Möglichkeit, bei der Workstation unterzukommen statt anderswo zwangsarbeiten zu müssen, zweifellos eine Verbesserung ist.

4 Free the World… or Open Everything — keimform.de (30.11.2008, 11:46 Uhr)

[…] einer der nachmittäglichen offenen Sessions will ich mit Frauke Hehl von der workstation Berlin etwas über unsere Erfahrungen und Überlegungen erzählen – „Peer-Ökonomie in […]

5 Christian Siefkes (09.12.2008, 12:51 Uhr)

Vom 12.12.2008 bis 1.2.2009 gibt es in der NGBK Berlin eine Ausstellung zum /unvermittelt-Projekt:

Ausstellungseröffnung
Die Ausstellung /unvermittelt wird eröffnet !
* Freitag den 12.12.2008 19:00 Uhr in der NGBK Berlin
* Oranienstrasse 25 in Berlin-Kreuzberg
* mehr Infos im Anhang oder auf http://www.unvermittelt.net und http://www.ngbk.de

waehrend der Ausstellung gibt es workshops, Veranstaltungen und Fuehrungen durch die Ausstellung, das Programm schreibt sich weiter fort, hier schon ein erster Ueberblick:

Weibliche Tätigkeiten und Männliche Arbeit
Tagesseminar zur Wertabspaltungskritik mit Malte Willms u.a.
* Samstag den 13.12.2008 10:00 bis 18:00 Uhr
* mehr Infos unter http://zope2.in-berlin.de/wsb/unvermittelt/events_listing

Fachforum Zukunft der Arbeit der Berliner Agenda 21 in Kooperation mit /unvermittelt: Haeuser der X-Arbeit, Kunst-Stoffe oder Werkshaus ?
Selbermachen # Subsistenz # Ressourcen !
* Dienstag den 16.12.2008 19:00 Uhr im Ausstellungsraum
* um 18 Uhr Fuehrung durch die Ausstellung /unvermittelt
* ab 20 Uhr Reader-Release und weiteres Nichtstun !

Film: Streik(t)raum
im Rahmen des Filmfestivals:
ueber macht – Kontrolle, Regeln, Selbstbestimmung
* Montag den 12.01.2009 20:00 Uhr im Zeughauskino

Queerfeministische Bezüge
mit woman to work/ Belgrad
* Sonntag den 18.01.2009 Tagesseminar
* more info coming soon

working on it conversations * performances * queer electronics
ein Film von Karin Michalski & Sabina Baumann
D/Schweiz 2008, 50 min.
Film und Diskussion mit Karin Michalski und Renate Lorenz
* Sonntag den 18.01.2009 20:00 Uhr

Projektwelten
Das Projekt als neue Form der Arbeit
* Freitag den 23.01.2009 19:00 Uhr

Finissage
Die Ausstellung in Berlin geht zu Ende …
* der Abbau beginnt im laufenden Betrieb
* am Sonntag den 01.02.2009 ab 13:25 Uhr
* …

6 Leben in zwei Welten — keimform.de (04.01.2009, 09:34 Uhr)

[…] 13.12.2008 bis 1.2.2009 in der NGBK, Oranienstr. 25, Berlin-Kreuzberg; vgl. auch die Artikel hier und […]

7 Karen (06.10.2010, 14:35 Uhr)

Aus meiner Arbeit von eineinhalb Jahren in der workstation, kann ich nur Christines Bedenken bestätigen, es geht nicht und ist wohl auch nicht wirklich gewollt. Es ist einfach ein himmelweiter Unterschied, was Frauke sagt und was dann in der workstation wirklich passiert. Inzwischen steh ich sehr sehr kritisch der ws gegenüber, da ich das Gefühl habe, das eine neue moderne Ausbeutungsform der Arbeit von anderen Menschen dort praktiziert wird.

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