Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Die doppelte Radikalität von Keimformen

Für mich liegt es auf der Hand: Der patriarchale Kapitalismus ist ein großer Scheiß und wir sollten ihn lieber heute als morgen loswerden. Um ihn loszuwerden braucht es Keimformen, die — obwohl systemtransformierend — selber auch im Kapitalismus funktional sind, also in der Lage sind ihn auszukooperieren. Wegen dieser simplen Einsicht bin ich hier — ganz unabhängig von Detailstreits.

Komischerweise ist das scheinbar alles andere als einleuchtend für fast alle anderen Menschen. Ich mach mir immer mal wieder Gedanken darum, wieso das so ist. Ein Grund liegt sicherlich darin, dass die Lebenssituation der meisten Menschen nicht danach ist, weil sie entweder zu sehr vom System profitieren oder zu sehr von ihm mißbraucht werden. Darüber schrieb ich schon mal.

Es gibt aber meiner Meinung nach noch ein weiteres Problem: Das ist die doppelte Radikalität des Keimform-Ansatzes. Radikal sein — im Sinne des Hinterfragens von allgemein üblichem zu seinen Wurzeln — ist an sich schon eine Zumutung. Man muß sich gedanklich aus seinem üblichen Trott lösen und vermeintliche Wahrheiten kritisch betrachten. Das ist anstrengend und kostet Zeit und Energie. Dennoch gibt es ja noch verhältnismäßig viele Linksradikale (Nein, Rechtsradikale gibt es nicht wirklich) aber aus den genannten Gründen sind die schon eine verschwindende Minderheit. Deren Radikalität ist aber fast immer beschränkt auf die Analyse des Bestehenden. Jegliches Handeln wird dann in eben dieser Radikalität auf Kapitalismuskonformität abgeklopft. Logischerweise wird man dabei immer fündig werden, denn es gibt im Kapitalismus kein Handeln, dass nicht auch konform wäre. So bleibt diese einfache Radikalität zwangsläufig folgenlos. Ja, Folgenlosigkeit ist geradezu ihre Bedingung, denn jegliche Folge wäre ja gerade nicht mehr radikal in diesem einfachen Sinne.

Bis hierhin würden mir sicherlich noch viele radikale Linke zustimmen. Klar, man soll nicht nur die kritische Kritik kritisieren, sondern sich auch die Finger schmutzig machen, intervenieren, mit den Leuten auf gleicher Augenhöhe reden, usw… Das ist ein viel gelesenes und gehörtes Therorie-Fragment. Doch komischerweise verlässt an dieser Stelle diese Radikalen meist ihre Radikalität. Dann soll es auf die eine oder andere Weise dann doch die Agitation richten. Man müsse nur genügend Leute überzeugen und dann den Laden übernehmen. Viel gestritten wird dann eigentlich nur noch darüber, wie genau man viele Leute überzeugt. Die einen plädieren für professionelle Organisation (am Besten noch als Partei), die nächsten für Graswurzelbewegung und die übernächsten für Steine schmeißen. Sicherlich muß man Leute überzeugen, aber wenn der Kapitalismus nur ein Problem der bewußten Organisation wäre, das man per Willensakt aus der Welt schaffen kann, dann wäre er wohl niemals entstanden.

Demgegenüber beruht die doppelte Radikalität der verschiedensten Keimformansätze darin, die Erkenntnis ernst zu nehmen, dass es im Kapitalismus kein Handeln gibt, dass frei wäre von Systemkonformität. Das ist ja gerade ein Teil dessen, wieso wir ihn loswerden wollen. Die Kunst besteht nun darin im Detail zu zeigen, wo diese beiden Radikalitäten zusammenlaufen, obwohl sie sich an der Oberfläche zu widersprechen scheinen und dann danach zu handeln. Das ist doppelt mühsam — weil doppelt radikal — aber wir haben keine andere Möglichkeit als es zu versuchen.

Kategorien: Praxis-Reflexionen, Theorie

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29. April 2008, 10:21 Uhr   7 Kommentare

1 Jochen Hoff (29.04.2008, 12:03 Uhr)

Niemand kann in einem System leben, ohne nicht zumindest in den Grundzügen systemkonform zu sein. Deshalb ist jede Diskussion über Systemkonformität auch sinnlos.

Das gleiche gilt meiner Meinung nach auch für jede Kapitalismusdiskussion in den den nächsten 200 Jahren, aber wahrscheinlich für immer. Solange Menschen Spaß daran haben ihre Position in ihrem eigenen Wertesystem dadurch zu bestimmen, wo andere stehen, bleibt es bei Wettbewerb.

Wenn Wettbewerb also auch Kapitalismus ein menschliches Bedürfnis ist, kann er nicht abgeschafft werden. Der Ansatz müsste also erst einmal lauten den Kapitalismus zu zähmen, ihm Regeln zu verpassen und bei der durchbrechen der Regeln schwer, vor allem aber kapitalistisch zu bestrafen. Nämlich mit Geldentzug, der gleichzeitig ja auch Bedeutungsverlust bedeutet.

Wir können versuchen den Wertehorizont unserer Kinder zu erweitern, wobei das schon einmal nicht geklappt hat. Die Kinder von uns bemühten 68ern sind häufig genau in die raubtierkapitalistische Fraktion gewechselt, weil sie sich stark genug für den Kampf fühlten.

2 benni (29.04.2008, 12:38 Uhr)

@Jochen: Also ich bin ein 68er Kind. Ich persönlich kenne kein Kind eines 68ers, das in die „raubtierkapitalistische Fraktion“ gewechselt hätte. Das machen die 68er doch meistens selber. Soviel dazu 😉

Ansonsten ist Wettbewerb natürlich nicht das selbe wie Kapitalismus. Freie Kooperation und Wettbewerb sind kein Widerspruch.

Ein gezähmter Kapitalismus ist natürlich absolut notwendig. Ein ungezähmter würde diesen Planeten wahrscheinlich so schnell verbrauchen wie man nicht gucken kann. Der Kapitalismus funktioniert also sowieso nur gezähmt. Nur hat die Zähmerei halt da ihre Grenzen, wo es ans Eingemachte geht, an die grundlegenden Funktionsprinzipien. Das Problem ist aber nun, dass genau diese grundlegenden Funktionsprinzipien sich immer wieder als extrem dysfunktional (im Sinne einer menschlichen Gesellschaft) herausstellen.

3 Christian Siefkes (29.04.2008, 14:36 Uhr)

@Jochen:

Wenn Wettbewerb also auch Kapitalismus ein menschliches Bedürfnis ist, kann er nicht abgeschafft werden.

*lach* – als ob Unternehmen nur zum Spaß miteinander konkurrieren würden!

Es geht hier nicht um Bewusstsein, es geht um gesellschaftliche Organisation.

4 StefanMz (29.04.2008, 15:59 Uhr)

@Christian: Jochens Argumentation ist anders: Wettbewerb sei ein menschliches Bedürfnis, und dem entspräche der Kapitalismus sehr gut. Die Konkurrenz der Unternehmen ist kein Spaß, sondern Zwang, aber diese passe nun mal auf die Bedürfnisse der Menschen. Eine Entgegnung müsste also entweder die Gleichsetzung von Wettbewerb mit Kapitalismus in Frage stellen (das macht Benni) oder die Zuschreibung von Wettbewerb zu den menschlichen Bedürfnissen bzw. eine Klärung, was genau „Wettbewerb als Bedürfnis“ bedeuten kann (das fehlt).

5 benni (26.05.2009, 13:20 Uhr)

@Stefan: nach dem Wochenende läge es nahe letzteres mal aus kritisch-psychologischer Sicht zu versuchen. Kommt da irgendwo Wettbewerb vor?

6 StefanMz (28.05.2009, 00:28 Uhr)

@benni: Weiss ich nicht, Wettbewerb kommt in der »Grundlegung der Psychologie« jedenfalls nicht explizit vor. Aber die verallgemeinerte Handlungsfähigkeit (oder kurz: Selbstentfaltung) kann man durchaus in diese Richtung denken, weil dort Wettbewerb nicht auf Kosten anderer geht, sondern allen nutzt. Wir haben dazu btw. schon mal hier diskutiert: http://opentheory.org/ko-kurrenz/text.phtml

7 benni (28.05.2009, 00:54 Uhr)

@Stefan: Ja, da musste ich auch schon dran denken. Immerhin verstehe ich jetzt nach dem Wochenende endlich worauf Du damals hinaus wolltest.

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